Libanon als nächster Krisenherd?

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Sandlover
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Re: Libanon als nächster Krisenherd ?

Beitrag von Sandlover »

Ich fand auch die Art des Beitrags sehr glaubhaft. Der Bericht hat mich um Einiges gescheiter gemacht. Es ist schon unglaublich, was in dieser Welt so unternommen wird, nur, um Macht auszuüben. Und dann hab ich auch noch das Gefühl, dass das Ende noch lange nicht in Sicht ist - wenn es überhaupt eines gibt.

Das Zitat am Ende von landcruisers Kommentar trifft es wohl am ehesten...
Der Virus Africanus hat schon so manchen erwischt. Auch nach mehreren und immer wieder kehrenden Besuchen des Kontinents bin ich immer noch genauso infiziert wie am Anfang. So sehr ich es auch versuche: ich krieg ihn nicht los!!! :wink:

Viele Grüße Wolfgang
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Achim Vogt
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Re: Libanon als nächster Krisenherd ?

Beitrag von Achim Vogt »

Die Dokumentation hat durchaus einige Stärken: es gibt eine gewisse Selbstkritik der israelischen Politik, es gibt auch eine gewisse Kritik an der naiven amerikanischen Nahostpolitik (wobei im Wesentlichen leider nur Reagan genannt wird). Und es gibt einen echten Scoop: ein Interview mit Terry Anderson, der am längsten festgehaltenen Geisel im Libanon. Anderson ist sonst sehr, sehr selten im Interview zu sehen. Für mich gab es durchaus einige neue Aspekte - wie eigentlich immer, wenn eine Dokumentation handwerklich gut gemacht ist. Es gibt auch Bildmaterial, das ich bis dato noch nicht gesehen hatte.

ABER: Es ist und bleibt eine ISRAELISCHE DOKUMENTATION, auch wenn der Regisseur noch so gut und für israelische Verhältnisse durchaus kritisch ist. Und auch, wenn mein persönlich hoch geschätzter Bekannter Assaad Chaftari - der heute in der Organisation "Fighters for Peace" wirklich tolle Arbeit leistet - ausführlich zu Wort kommt. Es bleibt ein israelisches Narrativ, durch und durch! Die Konzentration auf die Christen (einschließlich der christlichen Miliz "Lebanese Forces"), die Dämonisierung der Hizbullah, des Iran, von Syriens Assad.

Es gibt durchaus viele korrekt erzählte Details des Bürgerkrieges. Aber zugleich gibt es auch die typische - weil aus einer Richtung erzählte - Geschichtsklitterung: Es ist völlig richtig, dass das Massaker an den Palästinensern in Tell el Zaatar aus Rache für das Massaker mehrheitlich palästinensischer Milizionäre an christlichen Einwohnern des Ortes Damour südlich von Beirut im Januar 1976 erfolgte - ABER: Das Massaker von Damour war auch nur die Rache für das erste Massaker christlicher Milizen in einem palästinensischen Lager wenige Tage zuvor, in Karantina im Osten von Beirut!

Und auch, wenn sich über den Hizbullah-Chef Hassan Nasrallah vieles sagen lässt - dass Israel gleich zwei wichtige Hizbullah-Granden, Imad Mughnieh (2008, der kommt im Film immerhin vor) und Abbas Musawi (1992) getötet hat, wird wohlweislich verschwiegen.

Vielleicht doch auch eine interessante, in der Dokumentation überhaupt nicht aufgelöste Anekdote: Warum war eigentlich Volker Schlöndorff im Film zu sehen?? Er drehte dort 1981 in einer relativen Pause des Bürgerkrieges den Spielfilm "Die Fälschung" mit Bruno Ganz und Hanna Schygulla in den Hauptrollen. Durchaus sehr künstlerisch, aber auch sehr sehenswert und seit wenigen Jahren auch auf DVD zu erhalten!

Terry Anderson wurde im November 1991, sechseinhalb Jahre nach seiner Entführung, freigelassen. Er war aber nicht wie im Film erzählt, die letzte Geisel: Auch wenn der Bürgerkrieg schon am 13. Oktober 1990 zu Ende gegangen war, blieben eine Reihe der ursprünglich (wie im Film korrekt benannt) rund 100 ausländischen Geiseln noch weiter in Gefangenschaft. Die letzten beiden waren dann am Ende tatsächlich deutsche Geiseln: Thomas Kemptner und Heinrich Strübig saßen rund drei Jahre fest, bevor sie am 17. Juni 1992 freigelassen wurden. Damit war dann auch dieses traurige Kapitel beendet.

Viele Grüße
Achim
landcruiser.
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Re: Libanon als nächster Krisenherd ?

Beitrag von landcruiser. »

Achim Vogt hat geschrieben:
Di 26. Okt 2021, 22:14
... die Dämonisierung der Hizbullah, ..., von Syriens Assad.
Was müsste man an denen dämonisieren?

Ich möchte nicht für jemand Partei ergreifen, aber speziell zu denen ...

Ansonsten danke für deine Hintergrundinfos, die sind zur Einschätzung des Films sehr hilfreich.
Sandlover
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Re: Libanon als nächster Krisenherd ?

Beitrag von Sandlover »

Danke Achim,

da sieht man mal wieder wie schwer es ist neutrale Informationen zu bekommen.

Viele Grüße
Wolfgang
Der Virus Africanus hat schon so manchen erwischt. Auch nach mehreren und immer wieder kehrenden Besuchen des Kontinents bin ich immer noch genauso infiziert wie am Anfang. So sehr ich es auch versuche: ich krieg ihn nicht los!!! :wink:

Viele Grüße Wolfgang
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Achim Vogt
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Re: Libanon als nächster Krisenherd ?

Beitrag von Achim Vogt »

Danke, landcruiser und Wolfgang, für Euer positives Feedback!

@ landcruiser: da sprichst Du in der Tat ein Dilemma an: ich möchte auf keinen Fall die Hizbullah reinwaschen und schon gar nicht den syrischen Diktator Assad!

Aber die israelische Politik hat sich halt ohne jeden Grauton zumindest in der politischen und medialen Rhetorik in das Schwarz-Weiß-Schema von Freund und Feind hineingesteigert. Dabei war das ja gar nicht immer der Fall! In den 1980er Jahren ging man in der israelischen Führung davon aus, dass Saddam Hussein der gefährlichere Feind sei und unterstützte klammheimlich die Iraner bei der Wartung ihrer Luftwaffe (die hatte amerikanische Flugzeuge, die aber dank US-Sanktionen nicht mehr mit Ersatzteilen versorgt werden konnten - da half dann Israel).

Meine Kritik bezieht sich auf das Bild der Hizbullah (die ich politisch genauso wenig mag hier in "meinem" Libanon wie die meisten anderen traditionellen Parteien, die alle gemeinsam für die desolate politische und wirtschaftliche Lage des Landes verantwortlich sind). Die Hizbullah ist in allererster Linie eine politische Kraft in diesem Land und wichtigste Vertreterin der libanesischen Schiiten - ob wir das jetzt gut finden oder nicht.

Und genau da müssen wir eben auch genau hinschauen: Die Hizbullah hat je nach Zählung zwischen 12 und 16 Sitze im libanesischen Parlament - bei 128 Abgeordneten sind das erstmal nicht viel mehr als 10 Prozent! Es ist also mitnichten so, dass die Hizbullah die per se stärkste Kraft im Libanon ist. Ohne ihre schiitischen Bündnispartner der "moderaten" Amal-Bewegung des Parlamentspräsidenten Nabih Berri (der gemeinsam mit seiner Frau als einer der korruptesten Politiker des Libanon gilt - schön, dass er immerhin moderat ist :roll: ) und vor allem ihre christlichen (ja!) Bündnispartner des "Free Patriotic Movement" (FPM) wären sie eben auch nicht wirklich stark im gesamtlibanesischen Kontext. Und hier sollte noch hinzugefügt werden, dass das FPM nicht nur die Partei des christlichen Präsidenten des Libanon, Michel Aoun (eines sehr zwiespältigen Politikers), sondern vor allem auch dessen extrem unbeliebten und vermutlich ebenso extrem korrupten Schwiegersohns Gibran Bassil - ein ehemaliger Außenminister - ist (Bassil ist offiziell Vorsitzender der Partei).

Bei den Kommunalwahlen 2016 enthielten sich in den schiitischen Hochburgen des Libanon zwischen 30 und 40 Prozent der Wählenden oder votierten offen gegen die Partei Gottes. Die Gegner warfen der Hizbullah nicht zuletzt deren Engagement auf Seiten Assads in Syrien vor. Um nicht zu viel Aufsehen zu erregen und damit zu viele Anhänger zu verprellen, wurden die in Syrien gestorbenen Hizbullah-Kämpfer heimlich nach Hause gebracht und einzeln beerdigt.

Lange Rede kurzer Sinn: für die Hizbullah ist selbst ihre Position unter den Schiiten kein Heimspiel. Sie muss sich die Zustimmung hart erkämpfen.

Gerade deshalb hat sich die Hizbullah auch immer ein eigenständiges Profil gegenüber dem Iran bewahrt - obwohl sie von den Mullahs in Teheran finanziell massiv unterstützt wird. Aber beide, Iran und die Hizbullah, haben sich im Konflikt mit Israel - ganz im Gegensatz zu ihrem Image - immer und ohne Ausnahme als extrem pragmatisch erwiesen. Selbst die von mir oben erwähnte Tötung von Imad Mughnieh 2008 blieb gänzlich ohne Reaktion. Hizbullah will unter allen Umständen eine Eskalation vermeiden - und letztlich will Israel das auch. Deshalb sehe ich momentan keine wirkliche Gefahr einer militärischen Eskalation zwischen den beiden Parteien. Allerdings ist der Nahe Osten - leider - immer auch für unliebsame Überraschungen gut.

Wenn ich mit schiitischen Expertinnen und Experten spreche, ergibt sich ein sehr vielschichtiges Bild - es gibt entschiedene Gegner auch unter den Schiiten, es gibt pro-Hizbullah-Experten (und die haben auch wirklich was zu sagen) und es gibt alles dazwischen. Für Israel ist die Hizbullah ein willkommener Gegner, radikal, anti-israelisch, das perfekte Feindbild. Aber das ist eben nur ein Teil der Wahrheit ...

Ich bin jetzt seit fast 38 Jahren im Libanon unterwegs. Vermutlich dachte ich, als ich 1991 meine Diplomarbeit über das Land geschrieben habe, mal, ich würde das Land jetzt endlich verstehen (das war also nach nur sieben Jahren). Nach fast vier Jahrzehnten bin ich davon weiter entfernt denn je - und gerade deshalb so vorsichtig, wenn in Deutschland oder irgendwo anders einer der politischen Akteure dieses Landes, und sei es die Hizbullah, ganz in schwarz gezeichnet wird.

Viele Grüße
Achim
landcruiser.
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Re: Libanon als nächster Krisenherd ?

Beitrag von landcruiser. »

Achim Vogt hat geschrieben:
Do 28. Okt 2021, 22:07
... in der politischen und medialen Rhetorik in das Schwarz-Weiß-Schema von Freund und Feind hineingesteigert....
Das scheint mir heute das Hauptproblem, nicht nur bei diesem Thema, zu sein.

Nur noch schwarz-weiß, keine Grautöne mehr, bunt schon gar nicht; differenzierte Betrachtungen scheint es kaum noch zu geben.

Das ist nicht das mit dem ich mal groß geworden bin und für das wir auf die Straße gegangen sind.

Um so interessanter deine Infos. So bekommt man ein anderes Bild.

Informationen zum "arabischsprachigen" Raum sind in den Medien in D eher dünn gesät und wenn man der Sprache und des Französischen nicht mächtig ist, wird es schwer an Informationen zu kommen.
Birgitt
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Weihnachten im Libanon | Kein Fest der Hoffnung

Beitrag von Birgitt »

Corona-Pandemie, Inflation und Massenproteste: Nicht nur der Alltag, auch das Nachtleben Beiruts ist unter Druck. Was ist von der einstigen Partymetropole noch übrig?

Beiruts Nachtleben kurz vor dem Stillstand
21.12.2021 - Qantara

Weihnachten im Libanon: Viele Christen müssen auf Geschenke, Gebäck und andere Traditionen verzichten. Eine Wirtschaftskrise hat das Land seit zwei Jahren fest im Griff. Zuversicht gibt es kaum noch ...

Weihnachten im Libanon: Kein Fest der Hoffnung
24.12.2021 - tagesschau

Sehr nachdenklich stimmende Nachrichten.

Viele Grüße nach Beirut zu Achim
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Libanon als nächster Krisenherd ?

Beitrag von Mauritius »

Wenn ich diese beiden Artikel lese, bin ich fassungslos, aber auch sehr froh, noch vor 2 Jah. dem Libanon besucht zu haben - ob ich das jetzt noch mal machen würde?

Ja, sicher, es hat mir dort gefallen, aber erst einmal warte ich jetzt auf dortige bessere Zeiten.

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Achim Vogt
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Re: Libanon als nächster Krisenherd ?

Beitrag von Achim Vogt »

Liebe Birgitt,

herzlichen Dank für die lieben Grüße! Das tut gut in diesen Zeiten.

Vielleicht haben wir in diesen Tagen das Elend, unter dem die meisten Libanes*innen leiden, ein Stück weit ausgeblendet. Als ich vergangene Tage mit einer Kollegin von einer Dienstreise nach Hause kam, meinte sie beim berühmten Landeanflug entlang der Skyline von Beirut: "Das sieht ja richtig hell erleuchtet aus". Vielleicht hat die staatliche Stromgesellschaft auch nur zu Weihnachten ein wenig von dem kostbaren Diesel spendiert, um die Fassade Beiruts zu erhalten und zu erleuchten - im wahrsten Sinne des Wortes. Das Problem ist wie bei allem im Libanon: wir wissen es einfach nicht. Informationen aus dem inneren Zirkel der Macht sind wie ein schwarzes Loch - es gibt sie nicht.

Informationen in den westlichen Medien sind aber auch einseitig, frei nach dem alten journalistischen Motto "no news is good news". Der britische Guardian titelte vor ein paar Tagen Lebanon faces ‘depressing’ Christmas as internet crisis stops festive calls. Ganz so ist es aber eben doch nicht, selbst der Guardian schreibt im Artikel ja auch nur, dass das eine neuerliche Drohung eines Ministers war. Diese Drohungen sind aber inzwischen Normalität und werden kaum noch ernstgenommen. Denn dass die Libanes*innen einmal nicht mehr kommunizieren könnten, ist sicher das letzte, was sich vorstellen lässt. Und also gibt es Strom und Diesel irgendwie dann doch wieder.

Die beiden von Birgitt verlinkten Artikel bilden einen wichtigen Teil der Wirklichkeit ab. Den meisten Libanes*innen geht es einfach bescheiden, um es vorsichtig zu formulieren. Vorgestern war ich noch bei der Bank, da gab es eine mehr als angespannte Stimmung, weil die Soldaten ihren Sold abholen wollten. Nach einer komplizierten Formel der Zentralbank entspricht der noch 50 Euro, definitiv zu wenig zum Überleben, schon gar für eine ganze Familie!

Und genau da liegt der Hase im berühmten Pfeffer: im Tagesschau-Artikel, der eine Hörfunk-Reportage des Deutschlandfunk wiedergibt, heißt es, die 3 Millionen Libanesische Pfund für Nahrungsmittel entsprächen 1.758 Euro. Das ist für genau die Libanes*innen richtig, die keinen Zugang zu Dollar haben. In Wirklichkeit sind die 3 Millionen Pfund (oder Lira) noch gerade einmal 100 Euro wert. Für diejenigen, die zum Beispiel Verwandte in Frankreich, den USA oder Neukölln haben und Dollar oder Euro bekommen, also kein Problem.

Die Gesellschaft, das zeigt sich immer mehr, ist tief gespalten in die, die haben und die, die nichts mehr haben. Und weil die Mittelschicht in Scharen auswandert - viele unserer Freunde und selbst meiner Kolleginnen sind längst nicht mehr hier, insgesamt sind es allein in den ersten elf Monaten dieses Jahres offiziell 77.000, bei nur 4,5 Millionen Einwohnern -, polarisiert sich das Land immer mehr. Zu Weihnachten habe ich Wein für die Familie gekauft. Davon hätten mehrere Soldaten einen ganzen Monat auskommen müssen! Und dennoch kamen die Porsche-Fahrer in einem ständigen Strom vorgefahren - was so gar nicht der Tagesschau-Reportage entspricht. Und die Restaurants - das heißt eben diejenigen, die überlebt haben - sind nicht nur an Weihnachten ausgebucht.

So ähnlich ist es eben auch mit den Clubs. Ich kenne einen Club-Besitzer, sehr nett und sehr bodenständig, der bezahlt in einer Nacht den Monatssold von 15 Soldaten nur für den Generator, damit er für die Live-Musik am Abend Strom sicher hat. Der Flughafen von Beirut ist über die Feiertage proppenvoll - verständlich, weil alle die können, kofferweise Dollars aus dem Ausland bringen, damit ihre im Libanon gebliebenen Verwandten für die nächsten Monate wieder überleben können. Mein Nachbar, ein Architekt, ist längst nach Dubai abgewandert. Der oben drüber, ein Arzt, wohnt seit einem halben Jahr mit der ganzen Familie in den USA, zwei andere Mediziner, die ich kenne, halten ihre Praxen nur noch wegen des guten Rufes geöffnet, arbeiten aber längst in Saudi-Arabien und Katar. Mein Schwager, ebenfalls Arzt, fliegt alle drei Monate nach Frankreich, wo er über eine Agentur vermittelt wird und Euros verdient. Von seinem Salär in einem der großen Krankenhäuser Beiruts, das bei der Explosion am 4. August 2020 zerstört worden war, kann er bei dem Wechselkurs längst nicht mehr leben.

Aber anders als in der Deutschlandfunk-Reportage, auf die sich der Tagesschau-Artikel bezieht und die die Überschrift "Tannenbäume ohne Licht" hat, leuchten sie eben doch!

In diesem Sinne und trotz alledem Frohe Weihnachten aus Beirut!
Achim (und Maria)

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Libanon | Unerfüllbare Hoffnungen

Beitrag von Birgitt »

Der Libanon steckt in einer tiefen Krise. Die Wahlen am Sonntag bieten kaum einen Ausweg, sondern drohen den Status quo zu zementieren ...
Das libanesische Pfund hat seit Oktober 2019 fast 95 Prozent seines Wertes verloren. Die Preise sind um mehr als 200 Prozent gestiegen. Etwa 80 Prozent der libanesischen Bevölkerung leben in Armut. Neun von zehn Menschen haben aufgrund niedriger Einkommen Mühe, über die Runden zu kommen. Laut einem aktuellen UN-Bericht von Olivier De Schutter, dem Sonderberichterstatter für Menschenrechte und extreme Armut, würden sechs von zehn Libanesen, wenn sie könnten, das Land verlassen.
Unerfüllbare Hoffnungen
13.05.2022 - IPG-Journal der FES

Gruß
Birgitt
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Achim Vogt
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Re: Libanon als nächster Krisenherd ?

Beitrag von Achim Vogt »

Wir sind momentan weit weg, bereisen das südliche Afrika.

Aber wenigstens ein kleines Update ist mir wichtig. Die Parlamentswahlen am vergangenen Sonntag haben meine kühnsten Erwartungen weit übertroffen! Ich war sicher, glücklich sein zu dürfen, wenn statt bisher einer Abgeordneten (Paula Yacoubian) vielleicht vier oder fünf neue Gesichter der Revolutionsbewegung von 2019 ins Parlament einziehen würden. Aus der Ferne kann ich noch nicht alles überblicken, aber eine Freundin der neuen Bewegung "Taqqadoum" (sozialdemokratische Partei) sprach gestern Abend am Telefon von bis zu 13 neuen Abgeordneten aus der Bürgerbewegung. HInzu kommen noch einmal etwa ein Dutzend, die sich der Opposition zurechnen lassen. In einem Parlament von nur 128 Abgeordneten sind rund 25 oppositionelle Abgeordnete nun doch eine Kraft, mit der zu rechnen sein wird.

Ganz wichtig auch, dass selbst die bislang unantastbar erscheinende Hizbullah in ihrem Stammland im Süden des Libanon nun Konkurrenz durch zwei Parlamentarier aus der Bürgerbewegung bekommen hat. In diesen Zeiten, in denen in kaum einem Land der Welt (einschließlich der USA) die Ergebnisse von Wahlen noch unangefochten sind, ist es bemerkenswert, dass viele Nachrichten über Verluste der Hizbullah und Gewinne der Opposition anstandslos von der Hizbullah veröffentlicht wurden.

Im Christenkanton hat die bisher dominante Partei "Free Patriotic Movement" (FPM) des greisen Staatspräsidenten Michel Aoun ebenfalls empfindliche Einbußen hinnehmen müssen. Auch hier wichtig: FPM ist mit Hizbullah verbündet. Stärkste Kraft sind nun die "Lebanese Forces" von Aouns ewigem Widersacher Samir Geagea. Der ist wahrlich kein Heiliger, saß für Mord jahrelang im Gefängnis - und könnte dennoch der Nachfolger Aouns als Staatspräsident werden (der Präsident des Libanon ist traditionell ein maronitischer Christ).

Insgesamt ist die Stimmung unter den Oppostionellen und denen, die 2019 und 2020 auf die Straßen gegangen sind, geradezu euphorisch. Mit diesem Ergebnis hat fast niemand gerechnet. Die sozialen Medien quellen über und ich kenne Libanesen, die entweder im Ausland gewählt haben - die Diaspora hat eine große Rolle gespielt - oder gar eigens für die Wahlen nach Beirut geflogen sind.

Nun bleibt zu hoffen, dass dieses Ergebnis für den geschundenen Libanon ein kleines Licht am Ende des Tunnels der endlosen Krisen sein wird.

Viele Grüße
Achim
Birgitt
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Libanon | Hafenexplosion in Beirut - Mahnmal in Flammen

Beitrag von Birgitt »

Im Beiruter Hafen brennt seit zwei Wochen ein Weizenlager, nun droht der Einsturz. Der Regierung wird vorgeworfen, ihr komme das Feuer gerade recht ...
Jeden Tag bröckeln mehr Stücke aus der zerfetzten Betonwand des Weizenlagers am Hafen von Beirut. Ab und an steigt schwarzer Rauch auf. Immer wieder brennt es – bei Hitze und schwüler Luft entzündet sich der nach der Explosion am 4. August 2020 darin verbliebene Weizen. Das Mahnmal der Beiruter Hafenexplosion brennt – und weckt bei den Ein­woh­ne­r*in­nen der Stadt traumatische Erinnerungen. Vor knapp zwei Jahren explodierte nach einem Feuer am Hafen falsch gelagertes Ammoniumnitrat in einer der dortigen Lagerhallen [...] Die Familien der Opfer der Hafenexplosion kritisieren die gewollte – und für den Staat kostengünstige – Zerstörung. Sie betrachten die Silos als Teil eines Tatorts [...] Kulturminister Mohammad Mortada erklärte zunächst, den zerstörten Speicher auf die Denkmalschutzliste setzen zu wollen. Damit wäre es verboten, ohne Genehmigung des Kulturministeriums etwas an den Silos zu verändern. Den Vorschlag zog der Minister aber wieder zurück. Er nannte es eine „ökonomische Entscheidung“, die Struktur nun doch abzureißen, was die Regierung am 14. April genehmigte.
Mahnmal in Flammen
25.07.2022 - taz

Gruß
BIrgitt
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Libanon | Brotpreis und Ernährungskrise

Beitrag von Birgitt »

Die Ernährungskrise im Libanon spitzt sich zu: Durch Inflation und Angebotsknappheit werden selbst Grundnahrungsmittel unerschwinglich ...
Der derzeitige Zusammenbruch des Libanon ist weltweit einer der dramatischsten seiner Art seit dem 19. Jahrhundert. Er ist eine direkte Folge der staatlichen Wirtschaftspolitik nach dem libanesischen Bürgerkrieg. Konkret heißt das: übermäßige Verschuldung, Privatisierungen, Abbau von Industrie und Landwirtschaft, Priorisierung sowohl des Tourismus mit seinen unbeständigen Umsätzen als auch des Bankensektors, der horrende Zinssätze verlangt, um Kapital anzuziehen sowie eine illusorische Kopplung des Wechselkurses des libanesischen Pfunds an den US-Dollar. Das Land hat so gut wie keine eigene Produktion. Die libanesische Wirtschaft ist umso anfälliger für Krisen, als sie Geisel einer besonders turbulenten regionalen Konjunktur und einer inkompetenten und korrupten Elite ist, die sich durch Klientelismus an der Macht hält [...] Wenn der Staat nicht in der Lage ist, eine dauerhafte Lösung zu finden, wird sich die Situation weiter verschlechtern und so zu chronischen Problemen bei der Verfügbarkeit, dem Zugang zu und der Nutzung von Nahrungsmitteln führen.
Wo der Brotpreis sich verdreizehnfacht
25.10.2022 - IPG-Journal der FES

Gruß
Birgitt
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Libanon | Ist der IWF die letzte Hoffnung?

Beitrag von Birgitt »

Der Libanon steht am Rande des sozioökonomischen Kollapses, Reformen werden aber ausgebremst. Ist der IWF die letzte Hoffnung?
In einer Region, in der die Räume für kritisches gesellschaftliches Engagement stetig kleiner werden, ist der Libanon bislang noch ein demokratisches Land mit großer Offenheit für zivilgesellschaftliche Initiativen, mit kritischen Medien und dem Engagement junger, motivierter Menschen. Auf dem aktuellen Weg besteht die Gefahr, dass das System immer weiter erodiert und diese Offenheit zunehmend eingeschränkt wird. Können IWF-Kredite also tatsächlich entgegen bisheriger Erfahrungen in der Region eine Demokratie stärken? Soll der Libanon sich nachhaltig und sozial gerecht aus dieser Krise befreien, so scheinen tiefgreifende, die Privilegien der aktuellen politischen Führungsschicht betreffende Reformen unumgänglich. Ein progressiver IWF-Deal könnte im Falle des Libanons weniger eine Gefahr für die Demokratie darstellen als eine für deren langsame Genesung unerlässliche Pille, deren Geschmack insbesondere den das System bislang dominierenden Kreisen bitter aufstoßen muss.
Bittere Pille
28.09.2023 - IPG-Journal der FES

Zu allem Übel ist auch der Konflikt zwischen Israel und Palästina neu und äußerst heftig entflammt. Bleibt zu hoffen, dass der Libanon nicht zusätzlich auch in diese Wirren hineingerät.

Gruß
Birgitt
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Re: Libanon als nächster Krisenherd ?

Beitrag von Achim Vogt »

Danke, liebe Birgitt!

Heute gibt es in der Tat Meldungen über Beschuss seitens israelischer Hubschrauber, als Reaktion auf eine Infiltration vom Libanon aus. Schon zuvor gab es Artilleriebeschuss vom Libanon aus. Dazu ist folgendes anzumerken: zum ersten Beschuss hat sich die Hizbullah bekannt, offiziell aus Solidarität mit den Palästinensern in Gaza. Faktisch hat die Hizbullah allerdings nicht - wie in Medien meist fälschlich berichtet - den Norden Israels, sondern sehr bewusst die zwischen beiden Staaten umstrittenen Shebaa-Farms beschossen. Das ist ein rein symbolischer Akt gewesen, die israelische Reaktion fiel entsprechend gemäßigt aus. Auch die heutige Infiltration scheint - so ist zu hoffen - nicht der Auftakt zu einer größeren Konfrontation mit dem Libanon zu sein: Hizbullah hat diesmal die Beteiligung bestritten, Beobachter gehen eher davon aus, dass es sich um eine Einzelaktion militanter Palästinenser gehandelt hat. Es wäre der Region zu wünschen, denn das Risikopotential für eine weitere Eskalation ist extrem hoch, so wie seit vielen Jahren nicht mehr.

Viele Grüße
Achim
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