Also dann,
über die verschiedenen Standpunkte zum Zeitpunkt der ersten Haushaltung des Dromedares des Tibesti, Ennedi und Fezzan und seine Bedeutung für den antiken Fernhandel unter den Völkern Nordafrikas, Teil 1: Die Fundlage in Ägypten und Nubien.
Die chronologische Schautafel von Tilmann Lenssen-Erz weist mit 1.000 n. Chr. tatsächlich einen sehr späten Zeitpunkt für die Domestizierung des Einhöckers (Camelus dromedarius) aus und geht dabei inhaltlich vermutlich auf seinen 1998 veröffentlichten Beitrag zurück ? (1) Ebensowie der von Gérard Bailloud (2) publizierte Beitrag dürfte auch Lenssen-Erz seine Ergebnisse letztlich auf die von Reinhard Walz (3) (4) vorgelegten Untersuchungen abgestellt haben. Walz vertrat offenbar als erster den Standpunkt, dass die Domestikation des Einhöckers (camelus dromedarius) erst um 1.100 n. Chr. in Arabien stattgefunden habe, während das zweihöckerige Kamel (camelus bactrianus) bereits um 3.000 v. Chr. in Asien stattgefunden habe. Dem widersprach zunächst Burchard Brentjes (5) (6), welcher aufgrund archäologischer Funde zu dem Ergebnis kam, dass das zweihöckerige Kamel (camelus bactrianus) im 3. Jahrtausend v. Chr. und das einhöckerige Dromedar (camelus dromedarius) bereits im 4. Jahrtausend v. Chr. vom Menschen domestiziert und in die Haushaltung überführt worden sei. Bereits sehr früh war hierzu schon der Standpunkt vertreten worden, dass das Dromedar seit Alters her auch in Afrika heimisch war und in Ägypten seit dem 14. Jh. v. Chr. als Lasttier eingesetzt wurde. Im übrigen Nordafrika sei es jedoch erst im 3. oder 4. Jh. unserer Zeitrechnung als Nutztier in Erscheinung getreten. (7) (8) Wir haben hinsichtlich des Zeitpunktes der ersten Domestizierung und Nutzung des Dromedars durch die in Nordafrika lebenden Menschen also zwei chronologisch sehr weit auseinander liegende Standpunkte vorliegen, wie schon Konrad Schauenburg feststellte. (9)
Diesbezüglich werden hier in Bezug auf die Nutzung des Dromedars nun zunächst einmal einige archäologische Funde vorgestellt, welche in der jüngeren Vergangenheit in Ägypten gemacht wurden. Sie stützen den 1960 und 1965 von Brentjes vertretenen Standpunkt, wonach das auch in Nordafrika beheimatete Dromedar bereits sehr viel früher als 1.100 n. Chr. vom Menschen domestiziert worden sein wird.
Als in den 1960' er Jahren der Assuan Staudamm erbaut wurde, unternahmen verschiedene archäologische Teams eilig einige sehr bedeutende und teils sehr umfangreiche Ausgrabungen und Arbeiten zum Zwecke der Dokumentierung und mitunter auch Erhaltung alter ägyptischer und nubischer Denkmäler, nicht nur in Abu Simbel. Im Zuge dieser Arbeiten dokumentierte Anna Maria Roveri 1960 in Sabagura die in den Fels gesetzte Darstellung eines Dromedars, welche ohne genauere Datierung der altägyptischen Zeit zugerechnet wurde. (10) Nur 20 km nördlich von Sabagura befindet sich jedoch das Wadi Allaqi, durch welches ein Karawanenweg direkt zum Roten Meer hinüber führt, weshalb hier vermutlich nicht sicher von der Darstellung eines nordafrikanischen Dromedares gesprochen werden kann. Ungeachtet dessen liegt hier zweifellos die vorchristliche Darstellung eines domestizierten Dromedares vor. (11) Deutlich genauer fielen in Hinblick auf die frühe Nutzung der Dromedare die in Qasr Ibrim, dem in der Zeit des Pharao Taharqa befestigten Ort Pedeme, von Archäologen erzielten Ergebnisse aus. Hier in Unternubien hatte zunächst das Team von Walter Bryan Emery (12) die bronzene Statuette eines Dromedars gefunden. Nachdem man auf die besondere Vielfalt der dortigen Tiernutzung aufmerksam geworden war, achtete das Team um Peter Rowley-Conwy in späteren Untersuchungen auf botanische und zoologische Aspekte und fand neben Kameldung auch den Unterkiefer eines Dromedars, sowie anderes organisches Material, welches mittels der Radiokarbonanalyse dem späten 9. Jh. v. Chr. (22. Dyn.) zugeordnet werden konnte. (13) (14) (15) (16) Seit den 80'er Jahren ist also wissenschaftlich gesichert, dass das Königreich der Nubier spätestens im ausgehenden 9. Jh. v. Chr. zur Nutzung des Dromedars übergegangen war.
Ein weiteres wichtiges Zeugnis dafür, dass auch die alten Ägypter das Dromedar als Nutztier schon in der vorchristlicher Zeit domestiziert haben werden, legte etwa zur selben Zeit, im Jahre 1987, der Archäologe David Aston in Qantir vor. (17) Dort im Delta des Nil, in den Ruinen von Pi-Ramesse, der Ramsesstadt, fanden sich in der Umgebung der Bronzegießerei die Scherben einer flachen Schale aus lokal anstehendem Nilton. Die nahezu vollständige Schale, welche David Aston an Edgar Pusch übergab, zeigte zweifellos die zweidimensionale Darstellung eines Dromedars. (18) Da die Scherben in der Umgebung der Bronzegießerei des Fundortes Qantir (Pi-Ramesse) in das Ende der 18. bzw. den Anfang der 19. Dynastie datieren, dürfte das auf der dortigen Schale gezeigte Dromedar um 1.300 v. Chr. als Nutztier im Dienst gestanden haben. (19)
Reinhard Walz und Gérard Bailloud argumentierten vor dem Hintergrund derdamals gegebenen Fundlage, doch der von Tilmann Lenssen-Erz vertretene Standpunkt, wonach dasDromedar im Wadi Howar und Ennedi erst um 1.000 n. Chr. vom Menschen domestiziert worden sei, ist zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung offenbar bereits wissenschaftlich widerlegt und daher veraltet gewesen.
Gruß Arni
(1) Lenssen-Erz, Tilmann : Gemeinschaft - Gleichheit - Mobilität : Felsbilder in Brandenburg, Namibia und ihre Bedeutung. Grundlagen einer textuellen Felsbildarchäologie. In : Archäologisches Nachrichtenblatt, Bd. 3, Berlin 1998, S. 331 - 335.
(2) Bailloud, Gérard : Préhistoire de l' Ennedi (Tchad), Paris 1959.
(3) Walz, Reinhard : Zum Problem des Zeitpunktes der Domestikation der altweltlichen Cameliden. In : Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, Vol. 101, Wiesbaden 1951, S, 29 - 51.
(4) Walz, Reinhard : Neue Untersuchungen zum Domestikationsproblem der altweltlichen Cameliden. Beiträge zur ältesten Geschichte des zweihöckerigen Kamels. In : Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, Vol. 104, No. 1, Wiesbaden 1954, S. 45 - 87.
(5) Brentjes, Burchard : Das Kamel im Alten Orient. In : Klio 38, Berlin 1960, S. 23 - 52.
(6) Brentjes, Burchard : Die Haustierwerdung im Orient : Ein archäologischer Beitrag zur Zoologie, 2. Aufl. Hohenwarsleben 2011.
(7) Lehmann, Otto : Das Kamel, seine geographische Verbreitung und die Bedingungen seines Vorkommens, Weimar 1891.
(8) Leonhard, Arthur Glyn : The camel, its uses and management, London 1894.
(9) Schauenburg, Konrad : Neue antike Cameliden. In : Jahrbücher des Rheinischen Landesmuseums in Bonn, Bd. 162, Bonn 1962, S. 98 - 106.
(10) Roveri, Anna Maria : Sabagura 1960 : I graffiti rupestri. In : Oriens Antiquus, Vol. 1, Fasc. 1, Rom 1962, S. 99 - 128.
(11) Schauenburg, Konrad : Ebenda, S. 98.
(12) Mills, Anthony : The cemeteries of Qasr Ibrim : a report of the excavations conducted by W. B. Emery in 1961, London 1982.
(13) Helck, Wolfgang ; Otto, Eberhard : Kleines Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1999.
(14) Ägyptologie Forum, Lexikon, Artikel Kamel :
https://www.ägyptologie.com/forum/cgi-b ... 1116121845
(15) Rowley-Conwy, Peter : The Camel in the NileValley : New Radiocarbon accelerator (AMS) Dates from Qasr Ibrim. In : The Journal of Egyptian Archaeology, Vol. 74, London 1988, S. 245 - 248.
(16) Torres, Jorge de : Sailors on sandy seas : Camelsin Saharan rock art. In : ARKEOS, No. 37, Mérida 2015, S. 1461 - 1468.
(17) Pusch, Edgar Bruno : Ein Dromedar aus der Ramsesstadt. In : Ägypten und Levante, Vol. 6, Wien 1996, S. 107 - 118.
(18) Pusch, Edgar Bruno : Ebenda, S. 107.
(19) Pusch, Edgar Bruno : Ebenda, S. 107 ff. Siehe dazu auch :
https://www.jstor.org/stable/23788868