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Hart überm Limit! MTB-Tour Südtunesien

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Hart überm Limit! MTB-Tour Südtunesien

Beitragvon Alexander » 17.09.2010 16:21

Hallo Tunesien- und Bikerfreunde,

Peter Dworak hat uns seinen Reisebericht über seine Radtour in Tunesien zur Verfügung gestellt.

Vielen Dank Peter ;-)


Hart überm Limit! MTB-Tour Südtunesien
Von Peter Dworak

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Hallo meine lieben MTB- und Wüstenfreunde!


War in der Südtunesischen Sahara am Rande des Erg Oriental (grösstes zusammenhängendes Sanddünenmeer in Algerien/Tunesien). Von Douz (Eine Oase, als Tor zur Sahara bezeichnet; diese ist in der Nähe des bekannten Salzsees "Schott Djerid") aus starte ich meine Mountainbiketouren, mit einem 7,8Kg Carbonrad, das man mit einem Zeigefinger heben kann, das Gepäck von 45Kg allerdings weniger.


Die Reisevorbereitung

Mehrjährige Trainingsplanung ist empfehlenswert, wenn man eine dreimonatige Mountainbiketour querfeldein und auf einsamen Pisten von über 120Km Entsorgungsstrecke realisieren will.
Bei einer humanoiden „Motorleistung“ ist Gewicht das größte Hauptproblem, und die Gravitation ein „Luder“...So ist beim Reiseeinkauf die batteriebetriebene Grammwaage stets dabei, und die zwölfmal angebohrte Zahnbürste mit 0,5g Gewichtsersparnis ist spätestens dann keine Lachnummer mehr, wenn man am Schluss alles zusammenzählt.

Der ReiseGrund
Wer nicht auf den Pfaden wandern will, auf dem alle herumtrampeln, wer ab und zu von der übersättigten „Hochleistungs- und Überflussgesellschaft“ Abstand braucht um wieder zu wesentlichen Sinnen zu kommen, fährt am besten in eine Gegend wo alles überflüssige entfernt ist. Die „Maximal- und Überflussgesellschaft für die wir so einen hohen Preis zahlen müssen, wird in der Weiten der zentralen Sahara zur Lachnummer.
Na ja, zumindest für den Zeitraum den man schafft dort zu bleiben…
Die psychisch- und physiologischen Grenzerfahrungen mit all ihren Facetten in der Sahara sind unerschöpflich interessant und wertvoll, da diese in einer No-Way-Out-Dimension stattfinden.
Im Anfang verfügt jeder über eine riesige Fülle von Fähigkeiten die später durch die berufliche Zwangsspezialisierung verkümmert. In der Sahara wirst du dieser Fähigkeiten wieder gerecht. Niemand nimmt dir dort Entscheidungen ab. Man muß wieder alle Fähigkeiten abdecken. Man muß Navigator sein, Psychologe um die Gruppe zusammenzuhalten, extrem perfekte Logistik und Planung, Vielfachtechniker für aller Art Reparaturen und die wichtigste Fähigkeit: das Improvisationsvermögen aus Nichts etwas zu machen um zu überleben.

Die zentrale Sahara.
Dort muß man abseits der Pisten, querfeldein, allein auf seine Fülle von Fähigkeiten vertrauend, seinen Weg Meter für Meter selbst finden und erarbeiten. Sahara ist aber auch intellektuelles Vergnügen. Hier sind Gedanken zügelfrei und haben freien Auslauf.

Nach unzähligen Saharakilometern mit dem Geländewagen möchte ich die Sahara einmal so richtig unter dem Hintern spüren, und mir die Landschaft selbst "erarbeiten"...

Hier ein Auszug aus meinem Logbuch über die Strecke Douz-Ksar Ghilane. 125Km über Dünen und verwehte Fesch-Feschpisten. Über diese Distanz muß man sich allein versorgen.

START 2.2.2001

Alles fängt ganz toll an. Ich kann 6 Deutsche mit Unimog-Siebentonner, Iveco-Achttonner, Landcruiser- Dreitonner, überreden nicht die fade einfache Nordumfahrung zu nehmen, sondern die anspruchsvollere im Süden, wie ich sie fahre. Super. Was ein Mountainbiker mit einem 18 Tonnen-Konvoi am Hut hat? Nun ich hab mir ausgemacht, das sie mir im letzten Streckendrittel ein Gps-markiertes Wasserdepot (5l) vergraben, das für Extremfälle einen Notausstieg bedeuten kann. Verlassen darf ich mich darauf freilich nicht, zuviele Parameter des Nichtfindens sind möglich...

Wir fahren gleichzeitig los. Der Deutsche mit dem Landcruiser ist noch nie Dünen gefahren...
Noch weiß er nicht, das es 3Km vor Ksar Ghilane ziemlich viel solcher "Hüpfer" gibt, und es für ihn ein Grenzgang mit seinem Wagen wird…
Ich starte von Douz querfeldein in südöstliche Richtung und stoße bald auf eine Piste die zu einer kleinen Hütte führt. Meine Fahrtzeit zu dem 40km entfernten Cafe aus Stroh und Palmwedeln schätzte ich auf 6-7 Std. Heute jedoch machte ich mächtig Druck aufs Pedal, war gut drauf, und erreichte meine erste von fünf Etappen in 3Std 15'.
Die Zeit des Truck-Convois: 3Std 12'. Na ja, ich gebs zu, sie machten eine kleine Mittagspause...

Dieser erste Pistenteil war geräumt, fest und schnell befahrbar. Just als das Wellblech auf der Piste etwas höher wurde, machte ich eine einstündige Trainingseinheit auf dem 30cm wellblechfreien Pistenrand mit 35 Km/h. Die Gelaendefahrzeuge konnten ob der Rüttelei nur 30Km/h fahren, und so wurde der ganze 19 Tonnen schwere Konvoi unter 6 staunenden Augenpaaren von mir überholt.
Na ja, ein bißchen darf ich angeben, oder?

Mit dem Mountainbike ohne 45KG Gepäck würden die Offroader ziemlich alt aussehen, dachte ich, aber klopfte mir sogleich auf die Finger, denn schließlich war ich ja früher auch genauso unterwegs wie sie und völlig untrainiert…

Blieb ich noch anfangs in den kurzen Weichsandfeldern stecken, so verbesserte ich Nachmittags meinen Fahrstil deutlich. Mit 35Km/h hineinrasen, das ausbrechende Hinterrad mit Körpereinsatz korrigieren, schafft man gut 50m Weichsandpasage. Da auf dieser Etappe die meisten Passagen nicht länger als 50m sind, lässt sich jetzt ein flüssiges Fahren realisieren. Nach einem Weichsandfeld bin ich allerdings auf 175 Herzschläge pro Minute oben.
Die letzten 7 Km fahre ich easy, um mich bis zum Cafe rechtzeitig "abzuwärmen".

Das Saharacafe ist recht hübsch, aus Palmwedeln geflochten, von einem netten jungen Berber geführt. Hier zweigt die Piste nach Sueden ab. Die Deutschen blieben hier nicht stehen. Die haben ja Zimmer, Küche, Kabinett an Bord, und sind auf Windschutz nicht angewiesen.
Übernachtung in der Palmwedelhuette.Es ist schweinekalt. 1°.

3.3.2001
Lege einen Regerationstag beim Cafe ein.


4.2.2001
Verabschiedung von Bou Ali, dem Berber. Für die Übernachtung, die acht Cafes, CousCous und vier Liter Mineralwasser will er nichts nehmen. Er sagt, das er wisse, ich sei ein "Reisender", kein Tourist.

Plötzlich taucht ein einheimischer Landrover auf und stoppt vor mir. Der nette Berber ist von meinem Vorhaben begeistert, und meinte das er couragierten Individualreisenden viel abgewinnen kann, und ich sei einer von dieser Spezies... Dieser Bonus bescherte mir 3Baguette, fünf Eckerlkaese, 2 Thunfischdosen, 1 Schweppesdose und 1.5 Liter Mineralwasser, das der Berber mir mit auf den Weg gab. Überschwänglich war mein Dank, war völlig begeistert, startete ich doch nur mit einer Notration um Gewicht zu sparen, und möglichst viel Wasser an Bord zu nehmen.

Flog ich am Vortag förmlich die 40Km in 3h zum Cafe sollten für die heutigen 33Km fast 7Std vonnöten sein. Es waren die schlimmsten sieben Stunden meiner Bikeraera.

Zunächst 4Km/h Fussgängertempo. Schieben. Nach einem halben Kilometer fing die Piste an immer mehr mit Flugsand zuzuwachsen. Das Schieben des 53Kg schweren Bikes wurde zu einem Kraftakt. Im Sand war Reifen und Felge nicht mehr sichtbar, und das Bike war nur mehr vorwärts zu bewegen, wenn man es gleichzeitig etwas anhob. Die Reifen sanken in den Fesch-Fesch wie das heiße Messer in die Butter.

Nach 5 Km kam dann prompt die erste "Sinnkrise", und mein Kopf begann ständig zu rechnen. Nur mehr 1.5Km in der Stunde, macht bei 6 Std neun Km. Das wären acht Tage nach Ksar Ghilane, und in dieser Zeit würde nicht nur das Wasser nicht ausreichen, Knie, Schulter und Arm auf der rechten Seite würden bereits am zweiten Tag verkrampfen und unbrauchbar werden.

Die Gegend bestand aus lauter kleinen mit grünen "Buscherln" bewachsenen Minidünen, dazwischen die Fesch-Fesch-Piste. (FeschFesch ist kein "Mehlsand" es ist feiner als Mehl...)
Aber ich konnte so einfach nicht aufgeben, war doch diese Durchquerung der Kulminationspunkt dieser Reise.

Zunächst war die Hoffnung, das die Piste besser würde, wenn sie mehr nach Süden und Osten dreht, dann bläst der Wind seitlich und nicht vorn. Das fegt den FeschFesch wieder heraus, und die Strecke müsste eigentlich besser sein. Diese Streckenwende kommt aber erst in 10Km. Heiliger Strohsack, wie soll ich das mental und körperlich durchstehen? Zu allem Unglück bläst jetzt der Gegenwind mit gut 50 Km/h ins Gesicht, und die aufprasselnden Sandkörner stechen spürbar.
In den Bikeschuhen haben kleine "Dünen" Einlass gefunden und drücken jetzt heftig zwischen Fuß und Fußbett.

Es ist bereits der halbe Tag überschritten und am Tacho stehen 8Km. Nach 9Km halte ich mein Vorhaben für aussichtslos und kehre entnervt 800m um, aber irgendetwas trieb mich zurueck...

Noch 1Km bis zur Richtungswende. Die Pausen zwischen der Schieberei werden jetzt häufiger. Der rechte "Zugarm" wird schwächer. Falls nach der Richtungsänderung die Piste nicht deutlich besser wird, kehre ich um, das hab ich mir versprochen.

Km 10, schweißgebadet, viel Wasser verbraucht.

Die Wende. Die Piste ist nur mehr mit 30% versandet, das ist okay.
Ein Aufatmen geht durch meinen Körper. Was für ein tolles Geschenk, ab und zu festen Boden unter den Füssen zu spüren dürfen.

Eine verlassene Palmwedelhütte am Pistenrand lädt zu einem Kaffee und Jause ein. Benzinkocher raus, aus dem Camelback-Trinkrucksack wird ein Viertelliter Wasser abgezapft das in 2 Minuten kocht. Kaffee, der ja entwässert ist hier eigentlich verboten, aber der psychologische Vorteil überwiegt deutlich. Für acht Tassen habe ich noch Kaffee. Meinl-Jubiläumsmischung, jeder Schluck wird bewusst und intensiv aufgenommen. Hier in meiner Palmwedel-Villa ist es verführerisch gemütlich. Wind und Schattenschutz sind etwas elementares, rares kostbares Gut.

Eine Stunde Erholung

Stets schweift der Blick den Horizont nach etwaigen Auffälligkeiten wie etwa die Staubfahne eines Geländewagens, oder relevanten Reliefs ab. Das Wahrnehmungspotential sämtlicher Sinne ist dabei enorm sensibilisiert.

Bis in die Nacht hinein wird noch gefahren, und mein selbst auferlegtes Plansoll von 30Km wurde sogar um 3Km übertroffen.

Die deutsche Konvoigruppe hat ihr Ankunftslimit überschritten. Sie sind abgängig und werden bereits von der Polizei gesucht. Diese kam bei der alten Palmwedelhütte vorbei, und fragte ob ich die Deutschen gesehen hätte.

Sie kamen auch um zu sehen, wie weit ich bis jetzt gekommen war.(meldete mich bei der Polizei ab, nach sechs Tagen würde eine Suchaktion eingeleitet) Sie boten einen Rücktransport an, den ich ablehnte, und fuhren wieder nach Douz zurück. Auch ein Motorradfahrer war abgängig. War irgendwie seltsam dieser kurze Kontakt in der einsamen Gegend, dachte ich und sah der immer kleiner werdenden Staubwolke des Geländewagens nach.
Es war eine Staubwolke Richtung Douz, Richtung Leben.

Und was war vor mir?

Nun, immerhin hatte ich einen schönen Nachtplatz abseits in den Dünen mit einem kleinen Feuer. Absolute Stille und ein klarer Sternenhimmel breitete sich über mich. Acht Kamele hielten mich für einen Nomaden (das Zelt sieht im Miniformat einem Nomadenzelt ähnlich) und gruppierten sich in Zweimeterabständen rund ums Zelt um Schlangen und sonstiges unerwünschtes Getier von mir fernzuhalten.
Ich war zu hause...

In den Dünen von Douz die Steinschleuder am Lenker
ist gegen aggressive Schakale und vor allem wilde Hunde…

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Salzsee Schott el Djerid

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Am Start der Tour leider gleich ein Sandsturm… In den blauen Bergen hatte ich kurzweilige Begleitung


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Eines der großen 100m hohen Dünenbänder …

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5.2.2001

Die gestrige Bemerkung von den schlimmsten Stunden meiner Bikeaera stimmten. Aber eben nur für gestern. Was heute kam, lässt sich nur annähernd vermitteln.
Um Wasser zu sparen ging ich erst Mittags los, um für einen etwaigen notwendigen Nachtmarsch mental und physisch gerüstet zu sein. Zunächst machte ich ordentlich Kilometer Richtung der großen Dünenbänder, die es galt zu überqueren. Dann die unangenehme Überraschung. Die Piste fing wieder so sandig zu werden, wie gestern.

Schieben, teilweise tragen, Meter für Meter kämpfte ich mich nach vorn. Es gab kein Zurück mehr, war Geschichte, denn der "Point of no Return" war bereits deutlich überschritten. Was denn, wenn diese Verwehungen von den letzten Sandstürmen bis Ksar Ghilane gingen? Selbst bei genügend Wasser wäre ein Zusammenbruch die unausweichliche Folge.

Noch 11 Liter Wasser. Wenn jetzt ein Sandsturm kommt, (bis zu dreifacher Wasserverlust) ist mein kleines Ökosystem "zwei Beine, 11 Liter Wasser und ein Bike" Geschichte.
Natürlich ist es völlig klar, das ausgerechnet am „Point of no Return“ der erste heiße Tag da ist, und natürlich ist auch der Rückenwind-Bonus eingestellt. Windstille bei 39°. Und natürlich kommt hier niemand mehr vorbei.

Das Wasser rinnt aus meinem Körper, es ist jetzt das "Leben" das salzig die Stirn herabtropft, und die Augen brennen lässt. Man darf es nicht wegwischen, sonst wird die Verdunstungskälte etwas minimiert.

Schlagartig wird mir klar, das dies keine gesicherte Bike Expedition mehr ist. Die Tour ist zur Überlebensfrage geworden. Wichtig ist jetzt, Panik zu vermeiden, und total abzuschalten.
Abzuschalten, das ist meine große Stärke, und setzte sie jetzt gezielt ein. Ein mentales Programm wird gebastelt. Ich stelle mir für heute eine Mindeststrecke vor, 18Km. Das ist die "Hasard-Minimalanforderung. 25Km wäre das Mindestplansoll. 30Km die Komfortvariante. In Gedanken spiele ich den Streckenabschnitt den ich von früheren Geländewagentouren kenne zigmal im Kopf durch…. Also los.

Die Piste verliert sich in den kleinen Dünen. Sie sind chaotisch angeordnet (verschiedene Windrichtungen) und so muss ständig das GPS im Auge behalten werden.
Ich bemerke eine "Rechtsdrift", der linke Fuß ist also stärker. Macht nichts, der GPS korrigiert. Dann das erste von drei großen Dünenbändern, ca.50 Meter hoch. Die Dünen bis dort hinauf sind extrem steil und weich. Kein Wunder das heuer so mancher Geländewagenfahrer entnervt aufgeben musste.

Nicht ein Funken von Restfeuchtigkeit ist in diesem verdammten Sand, die unausbleibliche Folge von zwei regenlosen Jahren in dieser Gegend. In den Steilpassagen kann man das Bike nicht tragen, man versinkt sonst mit den Beinen.
Man geht einen Schritt vor, dreht sich um, und „reißt“ dann das Bike an sich. Wieder umdrehen, Schritt nach vor...

Das Knie und die Rückenwirbel brennen vom Druck und der ständig gebeugten "Schiebe-Ziehhaltung" Sofort habe ich die aufkommende Angst, das Knie könnte Schaden nehmen, im Griff, setzte mich hin, eher ein fallen, ziehe mir einen Energieriegel rein, und nehme einen kühnen Schluck aus der Flasche.

Nicht hart am, sondern überm Limit.
Das erste große Dünenband kosten enorme Wassermengen. Der Hals ist ständig trocken, das Durstgefühl will nicht enden. Aber ich weiss das der trockene Hals harmlos ist, denn selbst bei einem Liter Wasser "ex" wäre das so. Bei 165 Herzschlägen pro Minute, ist es nicht mehr möglich durch die Nase zu atmen, der Sauerstoffbedarf ist auf diesem Weg nicht mehr transportierbar, nur mehr durch den Mund. Bei einer Luftfeuchte von 3% sind daher die Schleimhäute etwas trockener…

Das erste Dünenband kostet erwartungsgemäß ordentlich "Körner". Beim zweiten werden aus den Körnern "Brocken". Halbe Stunde Pause. Energieriegel. Großer Schluck Wasser. Mental sammeln für das dritte und letzte Dünenband.

Ich stehe vor einer Wand schier unglaublicher Sandmassen, chaotisch, weich und steil.
Der "Zugarm" krampft schon etwas, und bekommt eine Massage.
Attacke!
Es ist nicht so, das man wie am Berg Meter für Meter gewinnt. Du gehst, schiebst dich und das Bike 5 Meter hinauf, dann kommt der unweigerliche "Trichter" von drei Meter Tiefe, den musst du wieder runter, um zur nächsten Düne zu gelangen. Macht 2 gutgemachte Höhenmeter...

Nun, Kleinvieh macht auch Mist. Auf der anderen Seite nur bequem runtersurfen? Mitnichten. 3 Meter runter, 1,5 Meter hinauf, um zur nächsten "Bergabsurfstrecke" zu kommen.

Es folgen 3Km flache kleine Dünen, bis ich entkräftet vor der letzten Barriere stehe. Der Puls "fliegt" davon. Der Ruhepuls fällt nicht mehr unter 125 Schläge. (normal 65 Schläge Untertags) Ein Zeichen, das bereits auf "Kredit" geschoben wird.

Nur das Wissen das hinter dieser Sandbarriere eine feste breite Piste verläuft, ist es, das mich hinauftreibt. Vor den letzten 5 Metern falle ich in einen Trichter. Bloss jetzt kein Trichter mit einem Hohlraum darunter, der dann unter meinem Gewicht einbricht, denke ich. Aber die Chance ist ja nur 6 aus 45, und so passiert auch diesmal nichts. Beim "rauswuseln" aus dem Trichter bilde ich mir das Gefühl ein an den Überlebensreserven zu knabbern…

Nur noch der Kopf macht die "Pace" und der höchste Punkt ist erreicht. Vor mir liegt die grosse weite Ebene, mit einer wunderschönen großen breiten Piste.

Ich bin durch. Tränen der Erleichterung fließen hinab, und werden sogleich wieder unterdrückt,
kostet ja Wasser, denke ich, aber dann lass ich's einfach laufen, die paar Tropfen sind doch scheißegal, oder?

Ich surfe beachtliche Dünenabbrüche hinab bis zur sandfreien Hauptpiste, die einfach wie eine Quelle aus dem Dünenmeer herausspringt. Im Sanddünenmeer gibt’s niemals eine Piste. Sie wird stets vom Wind vernichtet.

Der Tag neigt sich zu Ende, und ich wusste, das mich die Wüste heute nicht besiegen würde...

Die Spuren von den zwei Motorradfahrern die mich vor zwei Tagen überholt hatten, sind jetzt wieder auf der traumhaft festen breiten Piste zu erkennen. Es waren deutschsprachige Schweizer. Sie versuchten mir ihr Gefühl zu vermitteln, das es Ihnen, neben mir mit 50 PS stehend, gar nicht gut ginge und setzten nach kurzem Talk die Fahrt schnell wieder fort. Das angebotene Wasser lehnte ich ab.

Das von dem inzwischen abgängigen LKW-Konvoi für mich vergrabene Wasserdepot ist verloren, konnte die Stelle nicht finden, vermutlich haben die im GPS ein anderes "Kartenformat" einprogrammiert. Eine aufwendige Suche wäre kontraproduktiv gewesen... zu viele Parameter des Nichtfindens…..

Es dämmert schon langsam, und lege die unabdingbare Pause so lange ein, bis der Puls wenigstens unter 100 Schläge sinkt. Danach kommt Kohlehydratgel zum Einsatz. Habe mir fünf Stück eisern aufgespart. Nach einer Stunde fühle ich mich erstaunlich fit und beschließe eine Nachtfahrt, solange bis mich die Müdigkeit übermannt.

Das spart Wasser, und komme morgen früher (5 Tage sind erlaubt) in Ksar Ghilane an.

Leider tauchen nach einiger Zeit; meine zwei Stirnlampen sind schon längst auf dem "Hirn" mit Klettband befestigt; noch 3 Km Schiebepassagen auf. Allerdings flach, nur weicher Sand und kein FeschFesch, das ist gegen die Dünenbarrieren fast Luxus. Danach folgt eine Traumpiste. 10 Km/h Schnitt. Normal würde ich hier 25Km/h Schnitt fahren aber der Körper war schon an den „Reserven“ dran gewesen, und da geht’s natürlich nur mehr auf absoluter Sparflamme. Aber das dafür kontinuierlich.

In einem regelrechten Trott verfallen, kurbele ich Km um Km. Es ist so eine unglaubliche Freude auf einem festen Boden fahren zu dürfen, das ich gar nicht weiß wie viele Km ich schon gefahren bin.

Der Schnitt ist auf 6Km/h gesunken, und bin jetzt in der Ebene nicht viel schneller als zu Fuß.

Die "Landschaftsechtzeit" vermischt sich immer häufiger mit bunten Traumbildern die vor mir "herumtanzen" Es ist bereits 3h in der Nacht und merke nicht gleich das ich in einem leichten Sandfeld das quer über die Piste züngelt, einfach stecke und meine vorbeiziehenden Traumbilder anstiere.

Sekundenschlaf bei 130 Herzschlägen ist auch eine neue Erfahrung, denke ich, als ich "aufwache".

Ich muss Schluss machen, sonst fahre ich mich gefährlich leer.

Am GPS-Satellitenempfänger taucht plötzlich der Waypoint "Ksar" auf. Es ist das römische Fort aus dem 5.Jahrhundert vor Christus, letzter Vorposten der Römer in der Sahara.
Das Ksar ist 3 Km vor Ksar Ghilane!! Heissa!

Ich klatsche mir selber in die Haende; ist ja sonst keiner da; schreie laut meine Freude in die Nacht hinaus, und trinke einen 1/2 Liter Wasser ex.

Das Bike wird in die Nähe des römischen Ksars auf eine Düne gezerrt und dort übernachtet.

Obwohl ich neben einem Mehlsack kaum mehr auszumachen wäre, falle ich samt den dem ganzen "Lurch" wie die Wüste mich eben schuf in den Sack hinein.
Trotz ein Grad Minus macht sich wohlige Wärme breit, fühle mich zufrieden und wesentlich, schnell nebeln die Traumbilder in den Schlaf, es ist 4h früh, als das Licht ausgeht, und ich wusste dass mich auch morgen die Wüste nicht besiegen würde….

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römisches Fort

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Das römische Fort ist erreicht, ich habs geschafft, das Bike liegt im Sand nach der letzten Dünenbarriere…

6.2.2001

Das Zelt steht auf einer Duene, die eine weite Sicht in die Duenenlandschaft, auf die römischeRuine (letzter röm.Vorposten 500 n. Chr.) und die 3Km entfernte Oase gewährt.

Ob des schönen Platzes wird der Tag ordentlich vertrödelt. Hab ich mir auch verdient. Matte raus, in die Sonne auf den Sand. 32°.

Meine Fangemeinde besteht aus 3 Haubenlerchen,
1 Weissbürzelsteinschmaetzer, 2 Pillendreher und einem altersschwachen Gekko, der bar jeglicher Berührungsaengste war - ich durfte ihn streicheln...

Die Haubenlerchen singen wunderschoen, der Weissbürzelsteinschmaetzer ist an Neugierde nicht zu überbieten, der Gekko bekommt als Gnadenbrot eine Wasserration, und die Pillendreher wollen immer unter die Luftmatratze und verursachen Kratzgeräusche. Die Buschfinken piepen um die Wette bei der Balz, und ich lasse den lieben Gott einen guten Mann sein...

Noch eine kleine Barriere und ich bin in der Oase Ksar Ghilane…

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Um 3h Start in die Oase. Eine 4Km Duenenbarriere ist zwischen dem Ksar und der Oase. Die letzte Bergwertung beginnt. Diese Dünenstrecke bin ich schon 1992 mit meiner Freundin Elfi mit dem Geländewagen gefahren. Die Dünen sind ähnlich wie damals. Sogar die Stelle wo Elfi eingesandet war, erkannte ich sofort, sie ist nur um 4m in der Breite gewachsen.

Zuerst ein heftiger Anstieg, dann aber geht es immer bergab in die Oase. Dutzende von Kamelen mit Touristen strömen mir ploetzlich entgegen (4Km Ritt fuer Schweinegeld) aber das kannte ich ja schon von früher. Alle sitzen sie falsch, nämlich hinterm statt vor dem Höcker...
Ich sehe in grimmige tunesische Kamelführer-Gesichter, und werde bei annähern der Touristenkarawane von der "guten" Strecke vertrieben. Der Grund ist freilich klar. Ein Fahrradfahrer ist für den Kamel-Guide der den Touris alles Mögliche "reindrueckt" ein echter Adventure-Killer.

Bekomme Beifall von den Touris oben, aber sie wissen nichts...

Die letzten Meter werden die Beine schwer, die Tour steckt ordentlich in den Knochen, alles lässt nach. Da die Garde National an Unterbeschäftigung leidet, suchen sie mich einen Tag früher als vereinbart und kommen mir gerade, nebst einem Teil der Dorfbevölkerung entgegen. Alle applaudieren, und die Frauen klappern laut mit der Zunge.

Der Brite Williams mit dem ich mich am Campingplatz angefreundet habe, ist heimlich noch einmal (ist die Extremstrecke schon eine Woche vorher gefahren) über die einfache Pipelinepiste nach Ksar Ghlilane gefahren, um von dort bei Problemen sofort hineinzufahren um mir zu helfen. Er drückt mich warm an sich, und seine Freude ist gross das alles glatt ging.
Zwei Franzosen tauchen auf. Es sind Hochleistungssportler die zu Fuss von Douz hierher gingen. An der Hüfte hängt ein "Geschirr" mit Latexseil, an dem ein Slippwagen hängt auf dem man sonst normal Surfbretter transportiert. Darauf liegen 50Kg Gepaeck, das sie ziehen mussten. Reger Erfahrungsaustausch ist die Folge. Hier sind wirklich lauter Verrückte unterwegs...

Gelegentlich trifft man sie in der Wüste, die "Besessenen" die "Verfallenen" die "Brennenden" mit einem Blick der durch und durch geht. Zerzaust und verstaubt, aber allem Anschein nach recht glücklich sind. Es ist eine seltsame "Seelenverwandschaft" in der ich mich heimisch fühle.

Nur weil in der Wüste alles „Überfluessige“ entfernt ist, ist ihr Potential unerschöpflich.
Der Reiz des "unerforschten Wanderns“, des „wild-fremdartigen“ und grenzenlosen Raumgefühls ist nur eine von vielen Facetten. Hier könnt ihr zu den Kindheitsträumen zurueckkehren,und seid den kosmischen Dimensionen am nächsten...

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Wieso kann das Bike alleine stehen ???
Die Dünenleeseite hat in der Regel 46° Gefälle, das hab ich in einer 9-monatigen Expedition mit dem Deodolithen vermessen. Die hinter dem Bike nicht sichtbare flacher ansteigende Luvseite besteht aus festerem befahrbarem Sand, doch Vorsicht: bereits 2m vorm Abbruch ist das „Medium“ plötzlich butterweich… eine klassische Falle für Geländewagenfahrer-Novizen…. Man sieht das das Hinterrad problemlos im weichem Sand bereits vor der Kante so tief sinkt, das das Bike locker stehen bleibt…

Der Berber von der Palmwedelhütte…

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In Douz…der afrikanische Klassiker – Not macht erfinderisch…

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Nochmal vielen Dank Peter

Grüsse
Alexander
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