Das Netz hat sicher eine entscheidende Rolle gespielt, ist aber nicht die Ursache. Die Kommunikation war zwar ein Katalysator der die Schwelbrände zu einem Flächenbrand gemacht hat aber die Ursachen waren andere. Überraschend war das Ausmaß des Hasses auf das Ben Ali Regime und wie wenig man an der Oberfläche gesehen hat – aber er war da. Die tunesische Revolution war keine kollektive Kurzschlusshandlung aus einer spontanen Laune heraus.
Auf einem anderen Blatt steht wie viel man sich in welcher Zeit durch die veränderten Verhältnisse erwartet hat. Ich erinnere mich an ein Gespräch in Tunesien kurz nach dem Sturz des Regimes, in dem ein älterer Tunesier sich voll Verzückung darauf freute, dass man wenn die unterschlagenen Millionen erst mal unter der Bevölkerung verteilt würden man praktisch sprunghaft zum europäischen Lebensstandard aufschließen würde. Das war sicher naiv. Die Schussfolgerung zum jetzigen Zeitpunkt die Revolution habe „nichts gebracht“ ist folglich genauso unsinnig. Vor dem effizienten Wirtschaften und Verwalten steht der steinige weg erst mal demokratische Prozesse zu „lernen“ und mit der Einsicht dass Demokratie im Wesentlichen auch Kontroverse bedeutet klarzukommen. Tunesien ist mit der aktuellen Entwicklung wieder Vorreiter: Nach jahrzehntelangem Schweigen haben alle erst mal drauflos gerufen und dann gemerkt, dass sie sich gar nicht einig sind was sie wollen. Haben sich die meisten anfangs bemüht einfach lauter zu schreien als die Anderen und die Stimmung angeheizt so hat der Mord an Belaid gezeigt welche Gefahr in der Aufgeheizten Stimmung liegt. Dass es jetzt doch zur Regierungsbildung mit vielen „Neutralen“ gekommen ist zeigt dass viele ins Grübeln gekommen sind. Tunesien ist wieder den anderen Ländern voraus: Als erstes Land zeichnet sich ab, dass auch die Religiösen keine Patentrezepte haben und daher entzaubert sind.
Es sind ganz sicher nicht alle Klippen umschifft, aber zumindest sehe ich Licht am Horizont, da man sich dem eigentlichen gesellschaftlichen Problem zuwendet - zumindest hat man es erkannt: Die extreme Spanne zwischen konservativen und modernen Strömungen müssen irgendwie „verarbeitet“ werden ohne zur totalen Spaltung oder Unterdrückung einer Seite zu führen.
Wer wirtschaftliche Probleme lösen will muss erst hier Erfolge erzielen.
In allen Ländern des arabischen Frühlings sehnt man sich nach den Turbulenzen verständlicherweise nach Ruhe, Ordnung und verbesserter Wirtschaftslage, aber niemand sehnt sich nach den alten Herrschern als Personen zurück. Was die boten war in gewisser weise „Ruhe“, aber diese Ruhe war teuer erkauft. Offensichtlich zu teuer, sonst hätte es ja nicht gerummst. Unzufriedenheit und Sehnsucht nach Ruhe darf man nicht mit dem Wunsch gleichsetzen das Rad zurückzudrehen. Ich sehe zumindest keine Tendenzen dazu.
Daher meine Frage an Dich, Borgi:
Wie man ja jetzt sieht, möchten es viele Tunesier sogar ungeschehen machen.
Wie kommst du darauf?
Grüße
Wolfgang