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Alternative Libanon? Auf und abseits von Touristenpfaden

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Re: Alternative Libanon? Auf und abseits von Touristenpfaden

Beitragvon Alexander » 06.05.2016 15:54

Nach zwei spannenden Tagen beziehe ich mein Zimmer im The Grand Meshmosh Hotel
Das Meshmosh liegt in ruhiger Lage, obwohl die nördliche Straße stark frequentiert wird. Das Hotel liegt in der Mitte einer langen Treppe. Ist man mit einem Fahrzeug unterwegs, kann man es oben am Treppenanfang abstellen. Das Grand Meshmosh liegt für mich zentral. 10 Minuten zum legendären Martyrs Square und ebenso weit weg befindet sich der Busbahnhof. Also die optimale Location für meine Ausflüge. ;-)

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Ein weiterer Vorteil: In dem Hotel trifft man Traveller aus der ganzen Welt und man knüpft sehr leicht Bekanntschaften. Michele, der Betreiber des Hotel und auch die anderen Angestellten sind überaus freundlich und hilfsbereit.

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Es gibt einige dieser langen Treppen in dieser Gegend. Man verläuft sich aber nicht, wenn man sich dieses Grafitie einprägt. Dann hat man die richtige Treppe zum Hotel erreicht. ;-)

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Ein alter VW Kübel, den ein Angestellter des Hotels fährt.

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Folgt man der Treppe weiter Richtung Norden stößt man auf eine Straße, die zur Versorgung alles bietet. Einen kleinen Supermarkt, einen "Saftladen", der hervorragende Cocktails mixt, die Polizei befindet sich in der Nähe und Geldautomaten findet man auch ganz leicht. Die Straße führt Richtung Westen in Richtung Martyrs Square und in östliche Richtung führt sie tiefer nach Beirut.

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In dieser Straße tobt auch das Nachtleben. Das Hipnotic verdient seinen Namen. All you can drink für 15$ :mrgreen:

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Immer wieder finde ich diese kleinen "Tempel". Sie stehen eigentlich überall und vor allem dort, wo die Sünde ihr Epizentrum hat ;-)

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Es gibt aber auch Plätze, das sind weder Waffen noch Alkohol erwünscht, wie in dieser kleinen Kontaktstelle des Roten Kreuzes.

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Die "Modern Ruins of Tripoli"

Beitragvon Alexander » 16.05.2016 13:29

Die "Modern Ruins of Tripoli"

Die Modern Ruins of Tripoli ist eine Tour, die man bei Mira buchen kann. Informationen und Termine gibt es auf ihrer Facebook Seite

Wir treffen uns am Morgen um 9:00 Uhr vor dem Virgin Building am Martyr’s Square. Von dort fahren wir mit einem Kleinbus nach Tripoli.

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Da ich noch etwas Zeit habe, erkunde ich die Umgebung des Martyr’s Square.

Das beeindruckendste Gebäude am Square ist die Mohammed-al-Amin-Moschee die 2007 fertiggestellt wurde.

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Im Hintergrund sieht man das alte Theater, dass seit den Kämpfen während des Bürgerkriegs nicht weiteraufgebaut und in Betrieb genommen wurde. Ursprünglich sollte es von zwei hohen Gebäuden mit Büros, Kinos und Supermärkten eingerahmt werden. Nur eines dieser Gebäude wurde gebaut, verschwand dann aber im Laufe des Krieges. Das Theater diente während des Krieges als Bunker und Waffenlager. Heute dient es als Mahnmal für diese Zeit. Die Libanesen nennen das Theater "The Dome" oder "The Egg". Mehr Infos gibt es unter Failed Architekture: The Value of s War Scarred Ruin in Beirut

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Kunst am Martyr’s Square

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Die Martyrs Square Statue in Beirut.

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Bei näherem Hinsehen erkennt man, dass auch die Statue nicht vom Krieg verschont wurde.

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Ein weiteres Denkmal, das an den Krieg erinnert. In der Nähe dieses Hauses verlief die Demakartionslinie, die Beirut in den Ost und den Westteil trennte.

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Demokratie im Libanon? Die Unzufriedenheit mit der politischen Situation drückt sich in zahlreichen Grafities aus.

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In den nächsten Tagen werde ich mir den Square nochmal genauer ansehen. Heute regnet es in Strömen und ich bin froh, dass ich jetzt im Bus sitze. Schließlich treffen alle Teilnehmer der Tour ein und die Fahrt nach Tripolis beginnt.
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Re: Alternative Libanon? Auf und abseits von Touristenpfaden

Beitragvon Alexander » 21.05.2016 21:23

Bevor wir Tripoli unsicher machen, gibt es erst einmal ein kurzes Frühstück in einem kleinen Kaffee. Die letzte Möglichkeit eine Toilette aufzusuchen. Denn wo wir hingehen werden gibt es keine. ;-)

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Vor dem Krieg legten viele ausländische Investoren ihr Geld in Beirut an. Da man auch die anderen Städte des Landes vom Kapitalfluß provitieren zu lassen, engagierte man den brasilianischen und etwas extravaganten Architekt Oscar Niemeyer, den Mira zu den größten Architekten dieses Jahrhunderts zählt.

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Oscar Niemeyer hatte den Auftrag ein Messeglände zu bauen, mit Restaurants, Theatern und Ausstellungen. Die Rachid Karami International Fair wurde allerdings nie vollendet, denn es kam etwas dazwischen: der Krieg

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Das Wetter passt leider nicht zu unserem Ausflug. Es regnet fast ohne Unterbrechung. Auch für morgen verspricht der Wetterbericht keine Besserung. Dank des Frühlings, der einige Wochen zu früh eingekehrt ist, bilden die bunten Blumen einen guten Kontrast zu den grauen Betonbauten.

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The Floating Theatre

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The Arch, der Bogen wurde dem Jefferson National Expansion Memorial in St. Luis/USA nachempfunden. Oscar, wie Mira ihn bewundernd nennt, hatte eine Abneigung gegen gerade Linien und daher konstruierte moderne Architekt vor allem Bögen und Kurven.

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Mira ist die einzige Fremdenführerin in Tripoli. Die Zeit berichtet sogar in dem Artikel Manchmal kommt der Krieg dazwischen über sie.

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Der Eingang zum Space Museum.

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Von außen sieht das Space Museum oder The Dome wie ein UFO aus.

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Das Open Air Theater. Die Stage wurde leider etwas zu tief konstruiert, sodass man auf den hinteren Rängen nichts mehr sehen kann. Daher wurde bei Auftritten ein zusätzlicher Aufbau installiert.

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Backstage. Der Eingang für die Künstler.

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Der Wasserturm, auf dessen Spitze ein Restaurant eingerichtet wurde. Das Tafelsilber und teures Porzellan war schon vorbereitet, die Tische gedeckt, als der Bürgerkrieg ausbrach. Die syrische Armee verwendete das Restaurant als Waffenlager und Silberbesteck und Porzellen "wechselten" den Besitzer.

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Auch diese Gebäude wurde während dem Bürgerkrieg zweckentfremdet. Hier wurden Waffen gelagert und die Gefangenen gefoltert. Anschliessend wurden sie...

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...vor diese Mauer gestellt und hingerichtet. Die Anzahl der Einschusslöcher mag einen Eindruck darüber geben, wieviele Menschen hier erschossen wurden.

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Die eingeschlagenen Geschosse sieht man noch heute.

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Re: Alternative Libanon? Auf und abseits von Touristenpfaden

Beitragvon Achim Vogt » 22.05.2016 09:41

Ganz herzlichen Dank für Deinen Bericht und Deine Bilder, lieber Alexander! Waren schöne Tage! Ich brauche noch ein wenig Zeit, bis ich mich mal wieder beteiligen kann - aber bevor Du Dich auf Deinem Trip von Tripoli wieder weg bewegst, will ich wenigstens schon mal schnell (neben der ZEIT-Reportage, die Du erwähnt hast) auf diese Reportage des WELTSPIEGEL hinweisen, die am 16. Januar 2016 ausgestrahlt wurde und in der sowohl Mira Minkara - die zwar gelegentlich etwas von einer Diva hat, aber eine enorme Bereicherung für den Tourismus im Libanon ist - als auch die oben von Dir abgebildete zerschossene Fassade mit den roten Graffiti vorkommt:

Party auf dem Pulverfass – Leben im Libanon
(neues Format des WELTSPIEGEL mit 30-Minuten-Reportagen, 16.01.2016)

IMG_4561.JPG

Mira Minkara in Aktion, mit Megaphon (die Gruppen können auch mal größer sein) im Seifenbasar von Tripoli

Viele Grüße aus Beirut
Achim
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Re: Alternative Libanon? Auf und abseits von Touristenpfaden

Beitragvon Alexander » 23.05.2016 19:55

Durch die Gassen von Tripoli

Nachdem wir uns mit der architektonischen Geschichte befaßt hatten, durchstreifen wir nach einer kurzen Busfahrt die Gassen Tripolis auf dem Weg zu einem besonderen Highlight. Dem alten Bahnhof von Tripoli. Was ist so besonders an einem alten Bahnhof? Wir werden es in Kürze erleben.

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Zunächst geht es aber durch die schmalen Strassen der Stadt. Wir besuchen u.a. eine Schreinerei, in der junge Libanesen ihr Handwerk erlernen.

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Endlich Mittagszeit. Der Magen knurrt schon und es wird Zeit, dass wir etwas essbares finden. In unsere Gruppe befindet sich ein libanesisches Pärchen, dass uns Nichtlibanesen in der Auswahl der kulinarischen Köstlichkeiten berät. Und wir werden nicht enttäuscht.

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Blick in eine Kirche. Der Anlaß des Gottesdienstes ist eine Beerdigung.

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Ich frage mich, wie sich ein Elektriker in diesem Kabelwirrwarr zurechtfinden soll. :shock:

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Eigentlich sind Türklopfer nichts Besonders. Hier gibt es allerdings gleich zwei. Der rechte ist etwas größer. Den verwenden die Männer. Den linken benützen Frauen, wenn sie um Einlaß begehren. Der große Klopfer klopft lauter als der kleine und so weiß der Bewohner, ob er einer Frau oder einem Mann öffnen muss.

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Wenn mal das Licht ausgeht oder auf dem Fernseher kein Bild mehr erscheint, dann einfach etwas an den Kabeln wackeln. 8)

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Ein Strassenschuhputzer bei der Arbeit.

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Aber was ist das für ein altes Gebäude? :roll:

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Re: Alternative Libanon? Auf und abseits von Touristenpfaden

Beitragvon Alexander » 24.05.2016 18:58

Der alte Bahnhof von Tripoli

Noch ein altes, fast verfallenes Gebäude. Ich werde neugierig und werde mir das näher ansehen.

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Ganz hinten steht eine alte Lokomotive.

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Und weiter hinten gleich zwei. Ich stehe in der Mitte eines alten Bahnhofs, der vor langer Zeit aufgegeben wurde.

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Früher gab es eine Eisenbahnlinie, die von Tripoli in die Türkei, Syrien und Kairo führte. Die meisten Lokomotiven stammen aus Deutschland und wurden 1911 in Betrieb genommen. Während des zweiten Weltkriegs wurde die Bahnlinie nach Palästina ausgeweitet und ausschließlich für militärische Zwecke verwendet. Im Bürgerkrieg wurde die Bahnlinie zerstört und seitdem nie mehr in Betrieb genommen.

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Neben dieser "Normalbahn" gab es noch eine Schmalspurbahn, die u.a. nach Damaskus führte. Von der Strecke existiert in Beirut allerdings nur noch eine alte Brücke.

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Irgendwann wird die Natur sich den Bahnhof zurück holen. Pläne eine neue Eisenbahnlinie im Libanon zu errichten gibt es derzeit nicht.

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Re: Alternative Libanon? Auf und abseits von Touristenpfaden

Beitragvon Bäärti » 24.05.2016 19:02

Hoi zäme

Wie ich euch um eure Libanonreise beneide. :h:
Und jetzt auch noch müde Eisenbahnen. Grandios. Vielen Dank.

Gruss Bäärti
.
der Muger - ein Bergler auf Abwegen.
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Re: Alternative Libanon? Auf und abseits von Touristenpfaden

Beitragvon Ralf Kiefer » 24.05.2016 21:11

Alexander hat geschrieben:Früher gab es eine Eisenbahnlinie, die von Tripoli in die Türkei, Syrien und Kairo führte. Die meisten Lokomotiven stammen aus Deutschland und wurden 1911 in Betrieb genommen. Während des zweiten Weltkriegs wurde die Bahnlinie nach Palästina ausgeweitet und ausschließlich für militärische Zwecke verwendet. Im Bürgerkrieg wurde die Bahnlinie zerstört und seitdem nie mehr in Betrieb genommen.

AFAIR hatte der Abzweig nach Kairo nie maßgebliche Bedeutung.

Vom geschichtlichen Ablauf her waren zuerst die Pläne der Bagdadbahn, also von Istanbul (Bahnhof Haydarpaşa) zum Persischen Golf. Da diese Strecke zu Zeiten des Großosmanischen Reichs Ende des 19. Jahrhunderts geplant und der Bau begonnen wurde, war die Streckenführung über Aleppo vorgesehen. Nach dem 1. Weltkrieg und dem Ende des Osmanischen Reichs lag Aleppo in Syrien, und die Bagdadbahn wurde auf eine neue Trasse innerhalb der "neuen" Türkei gelegt. So bekam Gaziantep einen Bahnanschluß.

Der Südabzweig, d.h. die Hedjazbahn nach Medina und Mekka, wurde ab Aleppo gebaut. Daß die nie fertig wurde, ist die Geschichte von Lawrence von Arabien. Das ist eine andere Geschichte. An diese beiden Hauptlinien wurden an etlichen Stellen Stichstrecken zu bedeutenden Städten wie z.B. Urfa in der Türkei gebaut. So auch diverse Strecken an die Mittelmeerküste. Diese Strecken dienten u.a. dem Transport von rollendem und Baumaterial, das zu großen Teilen aus dem Deutschen Reich dorthin transportiert wurde.

Das ist übrigens ein sehr interessantes Kapitel deutscher Industriegeschichte :-) Viele Eisenbahnbauer kamen damals aus dem Badischen und besonders von den Hochschulen in Karlsruhe, d.h. der Großherzoglichen Badischen Baugewerkeschule, später Ingenieurschule, dann Fachhochschule, heute "Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft" sowie der Technischen Hochschule. Die Eisenbahnbauer hatten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Südwesten Deutschlands mit Schienen versehen, so z.B. den Kraichgau und Schwarzwald. Danach heuerten viele im Osmanischen Reich an. Somit ist auch geklärt, weswegen viele Betriebsgebäude identisch zu selbigen hier im Südwesten sind. Da wurde teilweise sogar das Baumaterial von hier aus dort angeliefert, wozu die Stichstrecken zu den Häfen notwendig waren. Die Technik kam sowieso von hier, d.h. Weichen, Stellwerke, Signalanlagen, u.ä. Diese tragen häufig eingegossen die Herkunftsbezeichnung Bruchsal. Dieses Werk war bis vor ein paar Jahren das Betriebsgelände von Siemens-Nokia. Soviel für die, die da mal vorbeikommen :-)

Ein interessantes Buch zum Thema hat die ISBN-Nummer 3-921590-05-1, "Bagdad- und Hedjazbahn". Ich hatte es mir aus dem Antiquariat besorgt. Anläßlich meiner Syrienreise im Jahr 2010 hatte ich neben den Gleisen in Nusaybin beim Grenzübergang nach Syrien u.a. den Bahnhof in Aleppo angeschaut. Der hatte interessanterweise gar nicht so viele Anklänge an die Bahnhöfe des Kraichgau, war trotzdem deutlich anders als die typischen Gebäude in Syrien. Wenn ich dem Datum der Google-Earth-Fotos glauben darf, dann sah der am 15.12.2014 noch ziemlich intakt aus. Hoffentlich bleibt das so.

Alexander hat geschrieben:Neben dieser "Normalbahn" gab es noch eine Schmalspurbahn, die u.a. nach Damaskus führte. Von der Strecke existiert in Beirut allerdings nur noch eine alte Brücke.

Im Fernsehprogramm vom Spätzlefunk gibt's seit Jahrzehnten die Sendereihe "Eisenbahnromantik". Vermutlich alle paar Jahre wird ein Bericht von genau dieser Libanonbahn gesendet, der in den 1980er Jahren gedreht wurde. Die Bahn fuhr damals von Damaskus aus hoch in die Berge. Innerhalb von Damaskus und anderen Orten nutzte die Bahn dasselbe Gelände wie der Straßenverkehr, was interessante Filmszenen bot. Das Streckenende war seinerzeit in Serghaya, d.h. kurz vor der Grenze.

Gruß, Ralf

P.S.: Warum mich das Thema interessierte? Überraschende Zusammenhänge :-) Kurz nach meiner Geburt (die ist in diesem Zusammenhang unwichtig ;-) ) war mein Vater bei der Beerdigung eines Gründungsburschen einer Karlsruher Landsmannschaft und Maschinenbauer aus der Anfangszeit der Baugewerkeschule. Die Inschrift auf dem Grabstein lautete u.a. "Direktor der Anatolischen Eisenbahngesellschaft". Das Grab war auf dem Heidelberger Bergfriedhof, existiert heute allerdings nicht mehr. Ich fand leider nur sehr wenige und nur sehr vage Hinweise auf ihn und seine Funktion als einer der vielen Direktoren dort. Ziemlich sicher ist, daß er an einer dieser Stichstrecken zwischen der Hedjazbahn und einem Mittelmeerhafen aktiv war.
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Re: Alternative Libanon? Auf und abseits von Touristenpfaden

Beitragvon fordfahrer » 25.05.2016 08:02

Hey Alex,
danke noch mal für den sehr interessanten Bericht.
Schade, dass Ihr auf den Loks keine Nummern gefunden habt. Da hätte man mal genauer schauen können. Es müssten da auch einige Teile aus der Heimat dabei sein... . Lokomotiven der Sächsischen Maschinenfabrik habe ich bis jetzt von Namibia bis Kanada gefunden und über 50 müssten auch in den nahen Osten gelangt sein. Viele zur Hedschasbahn.
Gruss
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Re: Alternative Libanon? Auf und abseits von Touristenpfaden

Beitragvon Alexander » 29.05.2016 16:11

50 Kilometer durch Beirut - Teil 1

Zum Anfang meiner Reise hatte ich mir überlegt, einen Leihwagen zu mieten. Allerdings kann ein Leihwagen zum Klotz am Bein werden, wenn man irgendwo bleiben oder etwas bestimmtes sehen möchte. Auch der Verkehr in Beirut ist nicht zu unterschätzen. Also mache ich mich zu Fuß auf den Weg.

Ausgangspunkt ist der Martyr's Square.

Vor einem offiziellen Gebäude hatten sich einige Menschen zu einer Kundgebung versammelt. Mit der Versammlung wollten die Teilnehmer sich nach dem Terroranschlag in Belgien mit den Menschen und den Opfern von Brüssel solidarisch erklären. Dazu wurden Kerzen angezündet. Ein Libanese hielt dazu eine belgische Fahne. Die Presse berichtete von der Kundgebung. Teilweise fuhren auch Autos mit der belgischen Flagge durch Beirut.

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Das Gebäude, Symbol des Bürgerkriegs, wurde von einem Graffitikünstler verziert. Das Gebäude markiert die Demarkationslinie, also die Trennung von Ost- und Westbeirut während des Bürgerkriegs. Das Gebäude wird auch in der ARD Reportage Party auf dem Pulverfass – Leben im Libanon erwähnt.

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Die Einschusslöcher sind noch heute zu sehen und ...

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...aus einigen Löchern sprießen symbolträchtig grüne Pflanzen.

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Über das Müllproblem wurde in der deutschen Presse schon berichtet. Korruption legt die Müllentsorgung lahm.

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Gelegentlich funktioniert die Müllentsorgung allerdings, was aber den Libanesen und nicht deren Politiker zu verdanken ist.

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Es funktioniert allerdings nicht überall.

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Genauso chaotisch wie die Müllsituation gestaltet sich die elektrische Versorgung. Jeden Tag fällt die Stromversorgung aus. Allerdings gibt es Gerüchte, dass dies so gewollte ist, da einige Geschäfte mit Stromgeneratoren machen, die im Falle eines Stromausfalls einspringen.

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Eine Form von Kunst findet man aber in ganz Libanon. Ob bunte Treppen...

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...oder Graffities, die von Künstlern zu den unterschiedlichsten Themen gesprüht oder gemalt wurden. Die meisten Bilder haben politischen Hintergrund.

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Ein Plakat für eine Veranstaltung, welche die Spaltung von Beirut zum Thema hat. Ähnlich wie seinerzeit Ost- und Westberlin, worauf in dem Plakat angespielt wird.

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There is nothing more dangerous than someone, who wants to make the world a better place.

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Wenn man eine Lüge nur oft genug wiederholt, wird sie zur Wahrheit.

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Re: Alternative Libanon? Auf und abseits von Touristenpfaden

Beitragvon Alexander » 31.05.2016 03:05

50 Kilometer durch Beirut - Teil 2

Die Villa Linda Sursock in der...

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...Rue Arch. Orthodoxe.

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Da ich ohne Frühstück zu meiner Tour aufgebrochen bin, hole ich das in einem kleinen Stand nach. Zwangsläufig wird man in ein Gespräch vermittelt. Wo kommt man her, wo will man hin? Zum ersten Mal in Beirut?

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Damit ich mich in der neuen Umgebung nicht zu sehr verirre, folge ich einer Hauptstrasse Richtung Hafen.

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Unvollendete Immobilien sieht man hier häufig. Während man in Deutschland ein Projekt über eine Bank finanziert, baut man im Libanon solange das Geld reicht. Ist man knapp bei Kasse, wird der Bau vorübergehend eingestellt bis wieder Bares in der Kasse liegt.

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Ich gehe mal davon aus, dass es im Libanon keinen TÜV gibt. ;-)

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Es scheint auch keine restriktiven Baugesetze zu geben. Moderne Bauten werden inmitten alter Ruinen hochgezogen.

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Panzerfahrzeuge...

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...und Militärposten gehören zum Straßenbild.

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Re: Alternative Libanon? Auf und abseits von Touristenpfaden

Beitragvon Alexander » 31.05.2016 20:58

50 Kilometer durch Beirut - Teil 3

Warum bietet der Vermieter nur Appartments für die Frauenwelt an? :roll:

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Teilweise ist man gezwungen, Strassen in leicht devoter Haltung zu begehen. Die Bäume hängen tief auf den Gewehweg und die Vögel lassen schon mal ihre Hinterlassenschaften auf den Spaziergänger fallen. 8)

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Es ist Ostersonntag und was unternimmt die Männerwelt? Sie spielt Fußball. 8)

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Auch wenn die Fußballtechnik noch etwas zu wünschen übrig lässt. Die Begeisterung ist ungebrochen.

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Allerdings ist nur der Torwart einer Mannschaft gefordert.

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Ein Pass und der Ball landet im gegnerischen Tor.

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Der Torwart trägt es mit Fassung.

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Ich habe genug von der libanesischen Fußballkunst gesehen und laufe weiter in Richtug Hafen. Auf dem Weg entdecke ich einen Taxifahrer, der in Ermangelung von Fahrgästen eine Ruhepause einlegt.

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Not everything that glitters is chrome - nicht alles was glänzt ist Gold

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Freedom will never come for free...

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Animal liberation front - Animal abuse zone. Als ich das lese vermute ich zunächst, dass an dieser vielbefahrenen Strasse vermutlich viele Tiere überfahren werden.

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Erst als ich mich 90 Grad nach rechts drehe sehe ich den Grund: Free the animals - This circus tortures animals. Anscheinend hat der lokale Zirkus ein Problem mit artgerechter Tierhaltung und die "animal liberation front" will durch diese Aktion auf die Missstände in dem Zirkus hinweisen.

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Friedenssymbol: Das Tor in die Freiheit. In der Mitte das Einschussloch einer Granate.

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Mittlerweise wurden alte Müllkippen wieder eröffnet, bis die Politiker sich einige darüber sind, was mit den Abfällen geschehen soll. Das hier ist allerdings keine Müllkippe. Evtl. eine temporäre Zwischenlagerstation. :roll:

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Re: Alternative Libanon? Auf und abseits von Touristenpfaden

Beitragvon Alexander » 02.06.2016 03:38

50 Kilometer durch Beirut - Teil 4

Wer sich dazu entschließt in Beirut ein Fahrzeug zu fahren, sollte europäische Gewohnheiten ablegen und sich den hiesigen Fahrgewohnheiten anpassen. Es wird gedrängt, Ampeln haben so gut wie keine Bedeutung und sind bestenfalls eine Empfehlung, der man nur selten folgt. :mrgreen:

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Eine Treppe, dich auf eine Brücke führt. Ihr Anblick erinnert mich an einen Vorfall in Ägypten. Ich bin dieses mal lieber etwas vorsichtiger.

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Verkaufsstände gibt es überall. Ob Obst, Fisch, Kleidung oder Getränke.

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Hin und wieder wird extrem platzsparend geparkt. 8)

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Die Feuerwehr wird zu einem Einsatz gerufen. Mit Blaulicht und Signalhorn versucht sie sich den Weg durch den Verkehr zu bahnen. Erfolglos muss ich dazu sagen. Der Rettungswagen kommt im Stau kaum vorwärts.

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Ein Strassenhändler verkauft aus seinem Auto Nüsse und getrocknete Früchte aus Syrien.

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Frischer Fisch wird an der Strasse angeboten. Ich glaube ja, dass der Fisch frisch ist. Aber der Geruch steigt mir unangenehm in die Nase und ziehe schnell weiter.

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Sünde und Seelenheil liegen oft eng beieinander. Im Erdgeschoss die Pokerspielhölle und im ersten Geschoss das St. Josephs Center, dass den Spieler wieder auf den richtigen Weg bringt. :)

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Im Libanon kommt der Unterschied zwischen arm und reich oft krass zur Geltung. Hier hat sich jemand ein Nachtlager eingerichtet.

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Subjektiv gewinne ich den Eindruck, dass ich diese Gegend nachts meiden sollte. Unter tags sehe ich aber kein Problem.

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Stromkabelchaos auf libanesisch. Ich überlege mir, was passieren würde, wenn ich an einem oder zwei Kabel ziehe. :mrgreen: Aber ich verwerfe den Gedanken sehr schnell wieder.

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Das Coin Rouge. Eine weitere Spielhölle.

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Ob das Fahrzeug einen Käufer findet? Vieleicht sollte der Verkäufer eher sein Glück im Coin Rouge versuchen. :wink:

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Während ich zum Hafen die Richtung nach Osten einschlagen musste, geht es vom Hafen aus nach Süden in Richtung Tripoli.

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Libanesische Benzinpreis werden in 10 Liter Menge angegeben. Auch wenn hier Diesel erhältlich ist, steht diese Treibstoffart und Regierungsfahrzeugen und öffentlichen Verkehrsmittel zur Verfügung.

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Re: Alternative Libanon? Auf und abseits von Touristenpfaden

Beitragvon Alexander » 06.06.2016 19:58

50 Kilometer durch Beirut - Teil 5

Wer versucht, in Beirut die Hauptstrasse zu überqueren, hat ein Problem. Ich habe es wirklich versucht. Keine Chance ;-)

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Also laufe ich einen Kilometer weiter und versuche es mit einer Brücke. Dort sind einige Schilder angebracht, die von der Mitnahme eines Fotoapparates und Fotografieren abraten. Also geht es wieder auf der anderen Strassenseite weiter.

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Es ist noch etwas früh für ein Hühnchen. Obwohl mich dieses braungebrannte Geflügel ganz schön anmacht

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Ich entscheide mich für etwas erfrischendes. An einer Eisdiele führt bei mir eh kein Weg vorbei. ;-)

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Es ist Ostersonntag und an jeder Strassenecke werden bunte Kücken verkauft. Ob die Farbe durch Zucht oder Spraydose entstand, kann ich leider nicht feststellen.

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Die Serpentinen von Beirut. Ich bin jetzt schon ziemlich weit in den nördlichen Teil der Stadt vorgedrungen. Von jetzt an geht es bergauf.

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Da Beirut zum großen Teil vom Mittelmeer umgeben wird, gibt es für Expansion nicht viele Optionen. Also baut man Häuser auf den Bergen. Wenn man aber sieht, wie nahe die Häuser an den Abhängen gebaut werden, würde ich lieber ein Appartment weiter im Norden bevorzugen.

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Man gräbt einfach so lange, bis ein neues Haus Platz hat. Ich bin kein Statiker. Aber ich kann mir vorstellen, dass das der Stabilität für das Fundament des Nachbarhauses nicht sehr zuträglich ist.

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Die Skyline von Beirut

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Panoramabilder. Zum Vergrößern auf die Bilder klicken

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Diese Werbung kenne wir doch irgendwoher. Erinnern ihr euch an diese all you can drink Hypnotickneipe? Allerdings sind die Preise zwischenzeitlich etwas gestiegen.

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Neben Obst und Gemüse werden auch...
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...Waschmaschinen verhökert.

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Was würde passieren, wenn ich diesen roten Schalter umlege. :roll:

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Re: Alternative Libanon? Auf und abseits von Touristenpfaden

Beitragvon Achim Vogt » 12.06.2016 09:02

Ich brauche sicher noch den Sommer, um meine eigenen Bilder mal zu sortieren und ein paar Eindrücke zum Libanon hier zu platzieren. Und dann werde ich ebenso sicher etwas weniger Bilder von Auto- und Kabelgewirr verwenden, sonst kommt hier ja überhaupt niemand hin :|

Aber zu diesem Bild wenigstens eine schnelle Antwort:

Dormitory Beirut.jpg


So liberal wie es im Libanon auch in der Regel zugeht - wenn es ums Wohnen geht, sind die Libanesen konservativ. Alleine können insbesondere junge Frauen im Allgemeinen nicht in Beirut leben, dafür sind die sozialen Tabus in den Familien noch immer zu stark. Bei über 50 Universitäten und Colleges ist das aber ein Problem: Wo sollen all die Studentinnen eine Unterkunft bekommen? Deshalb gibt es überall in der Stadt, aber natürlich vor allem in der Nähe der Hochschulen (in diesem Fall die AUST) diese Dormitories, auf gut deutsch Student(inn)enwohnheime. Und deshalb ist der Hinweis, "For Girls Only" auch durchaus ernst gemeint. Lustig ist aber natürlich, dass unten drunter ausgerechnet der sicher nur als Werbung gemeinte Hinweis steht: "Your Satisfaction Is Our Goal" :lach:

Und zu diesem Bild (unten) könnte man nicht nur das St. Joseph Center anführen, sondern auch die Tatsache, dass die Süchte wenigstens gerecht verteilt sind: Videos am Vormittag (AM), Poker am Nachmittag (PM)

Video AM.jpg


Viele Grüße aus Beirut
Achim
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