Wüstenschiff • Thema anzeigen - Lösegeldzahlung bei Entführung - ja oder nein?

Lösegeldzahlung bei Entführung - ja oder nein?

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Beitragvon Wolfgang K » 23.09.2008 13:22

Hier geht aber jetzt alles durcheinander.

Erst möchte ich mal eine These aus der Welt schaffen:

„Reisende begeben sich wissen oder billigend in die Gefahr, da sie mit einer Rettung auf Kosten der Allgemeinheit rechnen können.“

Ich gehe davon aus, dass gut 50% der Bevölkerung diesem Statement zustimmen würden. Dafür ist auch viel getan worden. Warum ist die Aussage aber unsinnig ? Weil niemand Davon ausgehen kann, dass eine solche Sache gut ausgeht, und selbst wenn man es überlebt die eigene (finanzielle) Existenz auf dem Spiel steht (Verlust des Arbeitsplatzes, des Unternehmens etc.) Eine solche Sache wird schnell zu einem Vernichtungsschlag. Von der psychischen Belastung ganz zu schweigen.

Daher postuliere ich mal:
Auf keinen Fall darf die Möglichkeit externer Hilfe das ausschlaggebende Argument sein, eine Reise entgegen eigener Bedenken dennoch zu machen.
Das gilt selbstverständlich nicht nur für das Risiko krimineller Übergriffe etc, sondern auch die „üblichen Umweltrisiken“.

Wenn das klar ist, und da muss sich jeder selbst prüfen, ist auch klar, dass man Reisen, wie auch alles andere im Leben in eigener Verantwortung und letztendlich „free solo“ macht.
Was Franz zu Recht meint, ist die Tatsache, dass jeder Schritt immer und stets eine eigene Entscheidung ist, die den Mitteln, Bedürfnissen und Ängsten entsprechen muss. Wer das nicht einsieht muss sich früher oder später vom Grundrecht der Reisefreiheit und der Freizügigkeit verabschieden. Dann werden eben andere entscheiden.

Für inländische Aktivitäten der Lebensplanung besteht ein sehr enges Raster, das von vielen aus Gewohnheit gar nicht mehr wahrgenommen wird. Dafür zahlen wir alle mehr oder weniger Steuern und Abgaben. Spätestens wenn wir die EU verlassen ist dieses Raster erst mal – bis auf ein par spezielle Werkzeuge z.B. Hermesbürgschafen und ggf. diplomatische Hilfe - weg. Wer im nicht EU-Ausland arbeitet oder als Unternehmer tätig ist weiß und spürt das stets.

Problem bei den derzeitigen Fällen ist, dass dieses Verständnis von Eigenverantwortung allen Betroffenen und Beteiligten vollkommen abgeht. Es wird niemand in Betracht ziehen, dass man tatsächlich für sich selbst die Verantwortung übernimmt. Wir reden hier nicht von diplomatischer Hilfe, sondern davon, dass Menschen entführt werden, und dann direkt der Heimatstaat der Ansprechpartner und der Verhandlungspartner und somit auch das Ziel ist. Der Entführte hat keinen Einfluss auf das, was dort „in seinem Namen“ verhandelt wird. Das ist eine fatale Entwicklung und in ihr besteht – und das sehe ich anders als Franz – eine zusätzliche und neue Gefahr. Der Staat ist hier nicht derjenige der zur Hilfe eilt, sondern der der erpresst wird, das ist ein erheblicher Unterschied.

Die Touristen gehen nicht da hin wo es gefährlich ist, sondern die Akteure gehen da hin, wo etwas zu holen ist. Wenn nicht Algerien, dann Tunesisches Sperrgebiet, wenn nicht Sperrgebiet dann Djerba, wenn nicht Tunesien, dann auch Südspanien usw.

Wenn die (u.a.) deutschen Politiker sich nicht wehren, sondern aus diplomatischen Gründen oder mangelnder Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen (Hut ab vor Helmut Schmitt) lieber zahlen und dann die betroffenen einfach an den Pranger zu stellen, wird es zum echten Problem werden.

Man sollte sich darauf einstellen, dass hoffentlich in Zukunft keine Mühe und Kosten (in diesem Falle – sorry - peanuts) gescheut werden Landsleute frei zu bekommen, aber unabhängig was Angehörige hoffen, kein Lösegeld sondern eine Einheit geschickt wird.

Grüße
Wolfgang
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Beitragvon Kuno » 23.09.2008 14:30

Was du schreibst, Wolfgang, das trifft die Situation voll und ganz.

Selbst wenn ich mich persönlich von "meinem" Staat lossage - es geht nicht; der Staat ist in einem gewissen Sinne für mich verantwortlich und kann demzufolge mit mir als Mittel auch erpresst werden (das ist die Konsequenz daraus, dass der Staat für sich auch das sog. Gewaltmonopol beansprucht!).

Unsere Staaten (FR, DE, UK, CH und so...) habe sich in ein ziemlich umfassendes Regel- und Gesetzeswerk verstrickt, das zwar offensichtlich verhindert hat, dass man sich in Europa wie sonst immer wieder gegenseitig auf die Kappe haut. Das funktioniert INTERN alles ziemlich gut. Sobald man aber glaubt, dass die Einschränkungen der selbstauferlegten Regeln von EXTERN auch eingehalten werden muss kommt man regelmässig flach dabei heraus.

Ein schönes Beispiel dafür ist, dass die Bundeswehr vor SOMALIA stationiert war, aber in keiner Weise tätig werden durfte. Jetzt ist ja da nur noch ein altes Flugzeug - und das kann beim besten Willen keine Piratenschiffe kontrollieren / aufbringen.

Wir leben als Europäer in einem andauernden Dilemma und es wird wohl irgendwann damit enden, dass sich Europa hilfesuchend an die böse USA wendet, damit diese eingreifen :mrgreen:

Dumm für den, den's trifft. Aber daheim bleiben ist auch nicht die Lösung - die meisten Unfälle passieren im eigenen Haus.

Ob einer dazu steht, dass er von aussen keine Hilfe will. Ich darf's nicht anzweifeln - aber wenn dann auch noch seine Kinder bedroht sind, dann wird jeder nach jedem Strohhalm greifen, der sich eventuell anbietet. Ich finde auch nicht, dass man sich da unbedingt festlegen muss - nur VERLASSEN darf man sich nicht darauf, dass einem der Staat hilft!
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Beitragvon Franz (UNI)Murr » 23.09.2008 16:19

Lieber Jörg,

es werden hier zwei Dinge unzulässig verknüpft. Es geht hier einmal um meine grundsätzliche Einstellung über Selbstverantwortung und es geht andererseits um meine Haltung als Vater.

Wegen meines sozialen Hintergrundes und meines Charakters bin ich imer, egal was ich mache, ausschließlich für mich selbst verantwortlich. Mich auf fremde Hilfe zu verlassen, ist mir fremd.
Deshalb fahre ich von Anbeginn meiner Reisen weitgehend perfekt ausgerüstet mit einem technisch einwandfreien Auto, dass ich bis ins Detail selbst reparieren kann.
Genau so verhält es sich mit den Reisezielen. Ich überlege mir mit meiner Frau und den kindern sehr genau, wo wir hinfahren und welche Risiken wir ein gehen.
Diese eingegangen Risiken sind wirdann aber auch bereit zu ertragen, wenn es schief geht. Auf die Idee, meinen staat um hilfe zu bitten, würde ich garnicht kommen.

In den Siebzigern und Achzigern kömmerte sich kein Schwein und noch viel weniger die BRD um die paar schrägen vögel, die in der Welt unterwegs waren. Da war die Welt für mich auch in Ordnung. die Schwierigkeiten, in die ich mich in der Vergangenheit auf Reisen manövriert habe, musste ich und habe ich auch selbst gelöst.

Seit die neue Generation von Afrikafahrern bei jedem größeren Problem nach der Mama rufen und die Regierungen auch promt reagieren. fangen für mich die Probleme an.
Ich werde jetzt nämlich zwangsbeglückt mit Hilfeleistung und weil es zu oft vorkommt, lässt man die Leute nicht mehr alleine fahren.
Fazit: Auch ich kann nicht mehr frei reisen, weil zuviele Mamakinder in den letzten Jahren sich nicht selbst helfen konnten.

Das ist die provokative Billanz aus meiner Sicht. Ob es der neuen Generation gefällt oder nicht.
Das hier im Forum vor Allem diese Generation unterwegs ist und meine Thesen nicht lesen will, ist mir klar. :wink:

Der Prozentsatz der abenteuerlustigen Leute, deren Fernweh und Neugierde auf die Welt etwas größer ist, als ihre Angst, ist meiner Meinung nach gleich geblieben.
Es waren nur in den letzten Jahren zuviele unterwegs, die das Risiko nicht einschätzen konnten und die mental gar nicht in der Lage waren, cool das Richtige zu tun, wenn es schief geht.
Eine Menge Leute wären ohne GPS, Tiptop Geländewagen und der Sicherheit, dass die Behörden sie schon rausholen, niemals gefahren.


Dass ich als Vater in großer Sorge um meine Brut bin, ist klar. Das ist selbst zu hause ein ewiges Dilemma. Auch dort muss man die Kinder in die Welt lassen, obwohl auch da genügend Gefahren lauern.
Deshalb wähle ich meine Reiseziele und den Zeitpunkt mit Bedacht, auch wenn es oberflächlich nicht immer so aussieht. Denn die Vermeidung von Risiko ist immer besser, als das ausbaden. Das Restrisiko bleibt groß genug, dass mein Glück auch manchmal her halten muss.

Das ist der Grund, weshalb ich gegen Lösegeldzahlungen bin. Der das Risiko scheut, fährt nicht mehr und die Banden haben keinen Anreiz mehr zu Entführungen.
die Gefahr, von einer Spezialeinheit eliminiert zu werden, verringert den Anreiz ebenfalls deutlich, wie man an Frankreich sieht.

Gruß

Franz
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Beitragvon Roger-Tecumseh » 23.09.2008 16:45

Hallo Franz,

erst mal Danke für die intensiven und ehrlichen Stimmungsbilder aus Kairo! :) Der Schritt, den Du damit unternommen hast, findet seine Erklärung in Deinen Überzeugungen, wie Du sie hier gerade äußerst!

Etliche Schlußfolgerungen zum Reisen in der Sahara teile ich uneingeschränkt - auch gerade die etwas rosige Illusion des oft genannten "unbeschwerten" Fahrens vor vielen Jahren betreffend. Was dort im Rückblick manchem so einfach schien, war letztlich nichts anderes als der Beweis mangelnden Gefahrenbewußtseins, Wohlstandsnaivität! (Wer damals in Grenzstationen die Fotos von Vermißten und zu spät Gefundenen sah - z.B. östlich der Piste nach In Guezzam (In Atai, In Ebeggi...In Azaoua) und im Bereich Assamaka (oder sie selbst fand) -, der wird den Schock nicht so schnell vergessen.

Das alles war noch kalkulierbar, wenngleich viele gerade dies aus Unbekümmertheit nicht taten und nach glücklicher Rückkehr nicht wirklich wußten, was mit ihnen zusammen auch immer unterwegs war.
Heute ist in der Tat dort aber - die persönliche Sicherheit betreffend - kaum noch etwas kalkulierbar. Das ist nun alles andere, als (wie Du es nennst: "Wehklagen"), sondern nur eine nüchterne Feststellung, die ich nicht gerne durch die üblichen Einwände ("auch bei uns gibts Unglücke und Attentate") banalisiert sähe!
Schleichend begann es vor Jahren, z.B. in Algerien mit den ersten falschen Kontrollposten und anderen unerfreulichen Begegnungen. Wenn man nun aber in diesem wesentlichen Bereich primärer Gewissheiten nichts mehr kalkulieren kann, dann wird auch die Überzeugung: "Ich weiß, was ich riskiere...ich trage allein die volle Verantwortung usw." obsolet - eine Illusion. Wer, wenn er losfährt, schreibt vorher ein Testament, verabschiedet sich endgültig von seinen Lieben, hinterläßt "geordnete Verhältnisse"? Nur der, der schon einmal gestorben ist, kann gänzlich losgelöst auf eine ungewisse Reise gehen!

Du sagst, Du sprächest nur für Dich, es seien Deine Überzeugungen. Möglich, daß Du dies denkst und deshalb darauf nicht unbedingt angesprochen werden willst. Ich glaube aber, daß Du Dich irrst, denn Du gibst eine Meinung wieder, die von nicht wenigen geteilt wird. Deshalb ist es nur natürlich, wenn Du nun dazu auch "intim" (sozusagen als Stellvertreter :lol: ) befragt wirst.
Ich möchte @schnorr's richtige Bemerkung, Deine Kinder betreffend, ausweiten: "Gluecklich ist die ganze Familie, das Anni wieder Spass an der Schule hat, nachdem sie wegen einer wirklich schlimmen Lehrerin in der Grundschule in Muenchen eine voellige Lernverweigerin geworden ist. Hamdulillah ! Das war auch einer der Gruende für die Entscheidung Kairo." Dies schreibst Du und unterstreichst damit besonders überzeugend, daß es natürliche Grenzen für Deine Unabhängigkeit gibt. Du hast es gehalten, wie in Deiner Signatur: "man muß schon Herz ...daran rücken" - Dein "Blut" aber, gehört Dir eben nicht mehr allein! :)

Zum weniger persönlichen Teil: Jeder zivilisierte Staat hat eine Sorgfaltspflicht für seine Bürger. Kein Bürger kann darauf vorbeugend verzichten, denn man ist zugleich politisches "sujet" des eigenen Staates. Als Geisel hat man deshalb keinerlei Einfluß auf die Entscheidung der Politiker. (Eine vorher abgegebene "Entlastung" wird genauso unwirksam sein, wie die Erwartung, einen angekündigten Selbstmord ohne staatliche Intervention - wenn sie denn möglich ist - durchzuführen.) Dies gilt immer, ist aber im heutigen politischen Spannungsfeld unabwendbare Realität.

Die Ja/Nein-Frage der Bezahlung mit eventueller Sogwirkung erinnert mich ein bißchen an die seinerzeit so beharrlich vertretene, sinnlose, amerikanische Domino-Theorie in Vietnam. Diese Erörterungen führen in die falsche Richtung - heute wie damals!
Wenn kein Geld fließt und auch keine Aussicht darauf besteht, wird eben gleich getötet (siehe Touristen in Mauretanien, Journalisten in Afghanistan/Irak usw.). Die Frage der Motive ist dabei für die Opfer nicht mehr ganz so aktuell. In einem Fall mag es Habgier sein, innenpolitischer Machtkampf, im anderen Haß oder pseudo-religiöse Verblendung, angeheizt von endzeitlichen Heilserwartungen, die von geschickten Demagogen gesteuert werden.

Jeder Mensch hängt am Leben - nur eben nicht im gleichen Maße! Wir werden als Vertreter einer materialistischen, weitgehend säkularisierten, Weltsicht betrachtet, mit einem hohen individuellen Lebenserhaltungswert. Ein anderer, sehr wesentlicher, Teil der Welt ist zwar nicht weniger materialistisch, neigt aber offensichtlich zu einer weit spekulativeren Jenseitserwartung.
Zuletzt geändert von Roger-Tecumseh am 23.09.2008 19:39, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon Gerhard Göttler » 23.09.2008 17:18

Hallo Roger!

Sehe es mittlerweile als Fehler an, mich bei dieser Diskussion geäußert zu haben. Deshalb Löschen in Form von Editieren.

Der Gerhard
Zuletzt geändert von Gerhard Göttler am 24.09.2008 07:47, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon Franz (UNI)Murr » 23.09.2008 17:28

Hallo Gerhard,

das behauptet keiner. Keiner kann sagen, wie er sich im Fall des Falles verhält.

Gruß

Franz
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Beitragvon Franz (UNI)Murr » 23.09.2008 17:36

Roger-Tecumseh hat geschrieben:(Wer damals in Grenzstationen die Fotos von Vermißten und zu spät Gefundenen sah - z.B. östlich der Piste nach In Guezzam (In Atai, In Ebeggi...In Azaoua) und im Bereich Assamaka (oder sie selbst fand) -, der wird den Schock nicht so schnell vergessen.


Hallo Roger,

ich fand 1981 einen VW- Bus in Richtung in Azaoua mit einer mumifizierten Familie mit einem Kind ca. 10 Jahre.
Das hat mein Reisen nachhaltig geprägt und ich träume heute noch manchmal davon.

Gruß

Franz
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Beitragvon Wolfgang K » 23.09.2008 17:41

Hallo !
Die Frage, wie man im Falle eines Falles entscheiden würde und Hilfe jeglicher Art anfordert ist so doch GRUNDSÄTZLICH nicht zu klären, da sie rein hypothetisch ist und die Umstände und der entsprechende Druck eben nicht durch reine Vorstellung „simuliert“ werden kann. Das geht ja aus allen Beiträgen hervor. Mir geht es aber um etwas anderes. Die Frage (und der auch immer erhobene Vorwurf) lautet doch: Kalkuliere ich VOR meiner Reise fremde Hilfe mit ein? Denn diese Situation ist nicht hypothetisch, sondern reell. Dazu kann man schon recht ehrlich in sich hineinhorchen. Für die normalen „Umweltgefahren“ birgt das Mitnehmen des SAT-Phones etc. sicher diesen Gedanken. Das kann ja mal jeder an sich ausprobieren.

@Roger:
Deinen Vergleich mit der Domino Theorie kann ich auch nach einigem Grübeln nicht nachvollziehen. Da musst Du mir auf die Sprünge helfen.
:D
Grüße
Wolfgang
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Beitragvon schnorr » 23.09.2008 18:14

Wolfgang K hat geschrieben: Die Frage (und der auch immer erhobene Vorwurf) lautet doch: Kalkuliere ich VOR meiner Reise fremde Hilfe mit ein?


aber sicher kläre ich vor meiner reise die möglichkeiten.
dies fängt bei der ersatzteilbeschaffung an und hört bei krankheiten nicht auf. natürlich versuche ich erst einmal, mir selber zu helfen, ohne dass ich andere bemühen muss und informiere und schule mich für alle möglichen und unmöglichen situationen.

aber wenn ich ernsthaft krank bin, versuche ich die beste hilfe zu bekommen, die gerade verfügbar ist. wenn mein getriebe einen schaden hat, bemühe ich den automobilclub oder einen freund, mir ersatz zu schicken. alles andere wäre in meinen augen machomäßiger blödsinn.

ACHTUNG IRONIE und ÜBERSPITZUNG: ich könnte mich natürlich auch 300km durch den dschungel mit der machete kämpfen um dann einen buschpiloten bitten (aber achtung: dies ist schon hilfe von außen, besser wäre es, selber zu fliegen) mich in die nächste größere stadt zu bringen. ich fliege nach hause, besorge mir die defekten getriebeteile, fliege zurück, kämpfe mich wieder durch den dschungel, repariere mein getriebe unter widrigsten umständen selber, und kann dann meinen weg wieder aufnehmen. ÜBERSPITZUNG UND IRONIE ENDE

natürlich sind ein defektes getriebe und eine entführung andere baustellen, aber gedanken muss ich mir vor der reise mittlerweile über beide machen.

wenn ein freund von mir in not gerät, bemühe ich mich auch ihm nach besten kräften zu helfen. keine frage. und wenn ich ihm nach afrika nachfliege.

und wenn ich selber nicht helfen kann, weil irgendwelche entführer nicht mit mir reden wollen, hole ich mir professionelle hilfe. auch vom staat! soweit sollte unsere solidaritätsgemeinschaft schon gehen, das solche kosten (egal ob lösegeld oder militärischer einsatz)gedeckt sind. zumal die bisherigen entführungen nicht mutwillig herbeigeführt wurden.


wie man einer entführungsindustrie einhalt gebietet, kann ich nicht sagen, dafür fehlt es mir an fachwissen. da sind die entsprechenden regierungen gefragt.
Viele Grüße
Jörg

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Beitragvon Roger-Tecumseh » 23.09.2008 18:20

Wolfgang K hat geschrieben:@Roger:
Deinen Vergleich mit der Domino Theorie kann ich auch nach einigem Grübeln nicht nachvollziehen. Da musst Du mir auf die Sprünge helfen.



Damals ging man davon aus, daß ein kommunistisches Südvietnam einem Dominostein gleichen würde, der die anderen Staaten (Dominos) - gleichsam sogartig - kommunistisch umwerfen/umformen würde.

Heute wird argumentiert, daß Lösegeldzahlungen die Zahl der Entführungen unkontrolliert steigen ließe, so daß letztlich keinerlei Sicherheit mehr möglich würde. Man stellt also eine Kausalität her, die einzig auf einer spekulativen Annahme beruht und weitgehend die wirklichen Konfliktgründe und die tatsächliche Zahl der Entführer in den betreffenden Gebieten (und anderswo) ignoriert. Gedanklich kriminalisiert eine solche Annahme nebenbei weite Landstriche und Bevölkerungsteile, so als wäre jeder Nomade/Bauer dann bereit, Touristen als willkommene Einnahmequelle zu entführen.

Diesem Manichäismus begegnete man z.B. auch, als Zapatero einige hunderttausend Illegale (die konkrete Bedingungen erfüllen mußten, von denen man außerhalb Spaniens aber nur wenig wußte) legalisierte und man nun DESWEGEN eine ungeheure Immigranten-Flutwelle für das Land voraussagte. Dem simplen Denken begegnet man immer häufiger, weil eben die Konflikte/Probleme alles andere als einfach sind!
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Beitragvon schu achbar ? » 23.09.2008 22:49

Roger hat geschrieben:Heute wird argumentiert, daß Lösegeldzahlungen die Zahl der Entführungen unkontrolliert steigen ließe, so daß letztlich keinerlei Sicherheit mehr möglich würde. Man stellt also eine Kausalität her, die einzig auf einer spekulativen Annahme beruht und weitgehend die wirklichen Konfliktgründe und die tatsächliche Zahl der Entführer in den betreffenden Gebieten (und anderswo) ignoriert. Gedanklich kriminalisiert eine solche Annahme nebenbei weite Landstriche und Bevölkerungsteile, so als wäre jeder Nomade/Bauer dann bereit, Touristen als willkommene Einnahmequelle zu entführen.

So eine Annahme finde ich in etwa so spekulativ, wie die Anahme, dass man mit Herumwerfen von Körnern auf dem Markusplatz innerhalb von 5 Minuten hunderte von Tauben anlocken wird.

Warum sollte es eine tatsächliche, also feste Zahl von Entführern geben ?
Es gibt sicherlich eine bedeutende Zahl von Schmugglern und anderen Desperados, die flexibel genug sind , neue Marktnischen zu erkennen und zu füllen
Seit der Erfindung des Landcruiser
(der drittwichtigsten nach Penicillin und Buchdruck) :mrgreen:
ist es für
hochmobile GlücksritterBild ein Klacks vom Darfur oder aus dem Tschad zum Gilf zu gelangen.
Auch ein zweiter Versuch der gleichen Gruppe ist nicht ausgeschlossen.
Die Summen , die zu erreichen wären sind nicht nur für afrikanische Verhältnisse einfach zu verlockend.
Natürlich macht das Ganze nicht den Bauern oder Nomaden zum Entführer,
aber das glaubt ja auch keiner ernsthaft.

-
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schu achbar ?
 

Beitragvon schnorr » 24.09.2008 07:36

Der Terrorismus- und Islam-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik, Guido Steinberg, hat eine härtere Haltung gegenüber den Forderungen terroristisch motivierter Entführer gefordert.

http://www.ksta.de/html/artikel/1218660601312.shtml
Viele Grüße
Jörg

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Beitragvon Roger-Tecumseh » 24.09.2008 08:27

Die Crux bei diesem Statement ist: Was ist in der gegenwärtigen Situation ein "terroristisch motivierter Entführer"?
Da ist diese - hilflos spekulative - Bemerkung im Text schon näher an der komplexen Realität: " Dabei hätte Härte Konsequenzen. Zunächst müsste die Regierung bereit sein, kurzfristig Menschenleben zu opfern, um langfristig das Leben potenzieller Opfer zu retten. Und niemand weiß, ob die Rechnung tatsächlich aufginge." Eben!

Es gab mal eine kurz aufflammende Diskussion auf beiden Seiten des Atlantik: Soll man entführte Flugzeuge, also einschließlich der Reisenden an Bord, in bestimmten Situationen abschießen?
Ich erwähne dies hier, weil die Problematik (trotz unterschiedlicher Größenverhältnisse) unser, an einer gewissen Ethik orientiertes, Rechtssystem betrifft!


P.S. Im Text wird erwähnt, daß es sich um die 14. Entführung deutscher Staatsbürger seit dem Jahr 2000 handelt. 14 in acht Jahren!! Schlimm für jeden Betroffenen, aber: Im gleichen Zeitraum sind in etlichen Teilen der Welt hunderte - ja, schaut man nach Südamerika, tausende - Menschen entführt worden. Allerdings Einheimische von ihresgleichen - siehe nur z.B. Irak!
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Beitragvon Wolfgang K » 24.09.2008 08:58

schnorr hat geschrieben:[...]
natürlich sind ein defektes getriebe und eine entführung andere baustellen, aber gedanken muss ich mir vor der reise mittlerweile über beide machen.
[...]
und wenn ich selber nicht helfen kann, weil irgendwelche entführer nicht mit mir reden wollen, hole ich mir professionelle hilfe. auch vom staat! soweit sollte unsere solidaritätsgemeinschaft schon gehen, das solche kosten (egal ob lösegeld oder militärischer einsatz)gedeckt sind. zumal die bisherigen entführungen nicht mutwillig herbeigeführt wurden.
[...]


Genau darauf wollte ich raus.
Wie gesagt, der Gemeinschaft tut das Geld nicht wirklich weh, aber wer es so denkt und es quasi mit einrechnet und als Selbstverständlichkeit betrachtet, der sägt daran.
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Beitragvon Manfred Franz » 24.09.2008 09:36

Entführungen seit 2000:


April 2000, Malaysia/Philippinen: Mitglieder der schiitischen Extremistengruppe Abu-Sayyaf entführen in Malaysia 21 Menschen, darunter auch die dreiköpfige Familie Wallert aus Göttingen. Die Rebellen halten ihre Geiseln auf der philippinischen Insel Jolo fest. Renate Wallert kommt im Juli frei; im September als letzte deutsche Geisel ihr Sohn Marc.

Februar 2003, Algerien: In der Wüste werden insgesamt 32 westliche Touristen auf Motorradtour entführt, darunter 16 Deutsche. Sie werden teils durch die Armee befreit, teils nach Verhandlungen freigelassen. Die Deutsche Michaela Spitzer stirbt während der Geiselnahme an einem Hitzschlag.

September 2003, Kolumbien: Die Rucksacktouristin Reinhilt Weigel wird mit sieben weiteren Urlaubern im Norden Kolumbiens von den linksgerichteten Revolutionären Streitkräften (FARC) verschleppt. Die Bremerin wird Ende November freigelassen, die letzten der Geiseln einen Monat später.

November 2005, Irak: Die Archäologin Susanne Osthoff und ihr irakischer Fahrer werden in der Provinz Ninive im Norden des Landes entführt. Nach mehr als dreiwöchiger Geiselhaft kommt sie frei.

Dezember 2005, Jemen: Der ehemalige Außenstaatssekretär Jürgen Chrobog, seine Frau und seine drei Söhne werden während ihres Weihnachtsurlaubs in der Region Marib im Osten des Landes entführt und nach drei Tagen wieder freigelassen.

Januar 2006, Irak: Die Leipziger Ingenieure René Bräunlich und Thomas Nitzschke werden in Baidschi nordwestlich von Bagdad verschleppt. Sie kommen dreieinhalb Monate später frei.

August 2006, Nigeria: Guido Schiffarth, Mitarbeiter der Baufirma Bilfinger Berger, wird in Port Harcourt aus seinem Auto heraus gekidnappt. Die Entführer tarnen sich mit Soldatenuniformen. Sie fordern, dass die Bevölkerung mehr von den Öleinnahmen des Landes profitieren soll - das übliche Motiv für Entführungen in Nigeria. Zwei Wochen später wird der Deutsche wieder freigelassen. Wenige Tage später kommen auch ein weiterer Deutscher und fünf andere westliche Ausländer in der Region aus der Geiselhaft frei.

Februar 2007, Irak: Die im Irak lebende Hannelore Krause und ihr Sohn Sinan werden aus ihrem Haus in Bagdad entführt. Krause wird am 10. Juli freigelassen, ihr Sohn befindet sich nach wie vor in Gefangenschaft.

August 2007, Afghanistan: Eine Mitarbeiterin der Hilfsorganisation ora international wird in Kabul aus einem Restaurant verschleppt. Die schwangere Christina M. wird bereits am Folgetag von der Polizei befreit.

Oktober 2007, Afghanistan: Die beiden deutschen Ingenieure Rudolf Blechschmidt und Rüdiger D. werden in der Provinz Wardak entführt. D. wird in der Geiselhaft nach einem Kreislaufzusammenbruch erschossen. Blechschmidt sowie vier mit ihm entführte Afghanen kommen im Oktober frei.

Dezember 2007, Afghanistan: Der seit Jahren in Afghanistan lebende Schreiner Harald K. wird in der Provinz Herat verschleppt. Von dem zum Islam übergetretenen K. gibt es seit Monaten kein Lebenszeichen.

März 2008, Nigeria: Ein deutscher Bauarbeiter wird im erdölreichen Nigerdelta gekidnappt und schon einen Tag später freigelassen.

Juni 2008, Somalia: Vor der Küste Somalias wird das Segelboot von Jürgen Kantner und Sabine Merz von Piraten gekapert. Nach Verhandlungen mit den Geiselnehmern kommt das Paar im August wieder frei.

Juli 2008, Türkei: Im Osten der Türkei am Berg Ararat werden drei Mitglieder einer bayerischen Bergsteigergruppe von PKK-Rebellen entführt. Sie werden nach knapp zwei Wochen freigelassen.

Juli 2008, Nigeria: Zwei Mitarbeiter des Baukonzerns Bilfinge Berger werden vom Firmenglände ihres Arbeitsgebers entführt. Fünf Wochen später werden sie freigelassen.

September 2008, Somalia: Ein Deutscher und seine somalische Ehefrau werden am vergangenen Wochenende nach einem Besuch bei Verwandten der Frau in der Hafenstadt Bosaso verschleppt. Sie kommen nach Verhandlungen wieder frei.

September 2008, Ägypten: Eine Reisegruppe mit elf Touristen, unter ihnen auch fünf Deutsche, werden auf einer Wüstentour nahe der Stadt Assuan im Süden des Landes gekidnappt.
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