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Marokkoabenteuer auf altem Gerät

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Marokkoabenteuer auf altem Gerät

Beitragvon thstbr » 23.04.2017 12:46

Nachdem ich hier schon den ein- oder anderen guten Tipp beim Planen meiner Marokkotour bekommen habe, möchte ich hier dann auch einen kurzen Reisebericht über dieses tolle Land und die Erlebnisse dort mir anderen teilen, die vielleicht ebenfalls solch eine Tour planen.

Mehrfach hatte ich die letzten Jahre eine Tour nach Marokko geplant. Und verworfen. Da ich mit meinem Sohn fahren wollte, war mir die Sicherheit sehr wichtig und durch die IS Unruhen verunsichert habe ich das ganze Vorhaben mehrfach verworfen.
Jetzt im Frühjahr hatte ich mich dann durchgerungen und bin meinem Sohn und einem alten Serie Land Rover den ich die letzten Jahre wieder auf die Strasse gebracht hatte, losgefahren. Mit dabei Freunde in einem Toyota HZJ und Wohnkabine.

Wir sind mit der Fähre von Savona nach Tanger Med gefahren. Beim Spritverbrauch des Landy's ist jede Seemeile die man länger unterwegs ist eine echte Ersparnis.

In Tanger angekommen ging es Richtung Azrou durch das Atlasgebirge. Am einem See wollten wir dann übernachten. Eigentlich bei einer Auberge, die sich dann aber als verlassen herausgestellt hatte. Was gibt es also schöneres als anstelle vor der Auberge, direkt am Seeufer zu campen?
Also hingefahren und ich merke bereits wie der Landy irgendwie einsinkt.
Freilaufnaben waren noch draußen, also Gas und durch. Hier, wie später auch im Sand, war der alte Sechszylinder richtig gut. Auch bei Sandfahrten hat sich die Serie trotz der schmalen Reifen super geschlagen. Schalten im Sand ist tödlich, man steht fast genauso schnell als würde man voll in die Eisen gehen. Im richtigen Gang und zur Not Vollgas kamen wir aber überall durch.

Der Toyo hinter mir hatte es mit seiner Wohnkabine da schon etwas schwerer ... und sank bis zu den Blattfedern und Reserverad ein. Wie immer in Marokko ist ein Helfer nicht weit. Majed hieß der Berber, der dann zusammen mit uns den Toyo ausgegraben hat. Mit Sandblechen und Bergehilfe des 109ers gings dann rückwärts wieder raus.

Kein gutes Omen für kommende Sandfahrten ?

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Wir hatten alte Kleider und Schulhefte dabei die wir am nächsten Tag bei Thomas Friedrich auf seiner Olivenfarm bei Beni Tajite vorbeibringen wollten. Ich hatte ihm vorher Bescheid gegeben dass wir vorbeikommen wollen, aber es war noch nicht sicher ob er auch vor Ort sein würde. Als wir ankamen trafen wir Ali, seinen Vorarbeiter. Er lebt mit seiner Frau und seinen acht Kindern auf der Farm. Thomas kam kurzer Zeit später und lud uns zum Tee ein. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden und uns lange bis in die Dämmerung unterhalten...
Am nächsten Morgen haben wir mit Thomas noch einen Rundgang über die Farm unternommen und sind dann auf Piste nach Boudnib aufgebrochen.
Hier kam nun endlich das Afrika Feeling auf. Endlos weite Wüste, anfangs nur Piste, dann aber steil bergauf über grobe Felsen so dass wir nur meterweise vorankamen.

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Echt tolle Landschaft und nach langer Pistenfahrt dann auf dem Campingplatz Rekkam angekommen. Hier sind offenbar regelmässig Rallye Fahrer. Als wir ankamen waren dort ca. 20 Fahrzeuge, davon 3 2CV Enten.
Für die Teilnehmer und uns gab es Abend Kuskus und super ausgelassene Stimmung. Der Campingplatz Betreiber war vom 109er absolut begeistert, hat abends und am nächsten Tag mehrere Bilder gemacht und permanent irgendwas von magnifique gefaselt...
Überhaupt habe ich hier nur eine andere Serie gesehen, sogar verhältnismäßig wenige Defender - dafür aber wahnsinnig viele Toyotas.

Am nächsten Morgen ging's dann auf Piste auf einer 2 Tages Tour zum Südende des Erg Chebbi. Ich habe dazu alle Reservekanister auffüllen wollen. Schon den Tag vorher waren wir nur Piste gefahren, so dass wir an keiner Tankstelle vorbeikamen. Auch hier in der Gegend gab es keine Tankstelle, jedoch sagte mir der Campingplatz Betreiber das ich mit etwas Glück Benzin in Fässern in einer "Boutique" bekommen könne.

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Glück gehabt. Er hatte noch genug Benzin für mich und ich konnte meine 80 Liter auf dem Dach vollmachen.
Dann ging's zur Piste, die uns bis auf ca. 5km an die algerische Grenze heranführen sollte.
Die Piste war gut zu fahren, allerdings mussten wir ziemlich früh schon Druck aus den Reifen ablassen, da es gleich mit relativ tiefen Sandpassagen begann. Einen Kompressor hatte ich dabei - also kein Problem.
Die Landschaft war absolut genial und so fanden wir dort auch den schönsten Übernachtungsplatz der gesamten Tour.

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Der zweite Tag dieser Strecke führte dann an mehreren Militärposten vorbei, bis wir irgendwann den Erg Chebbi erreichten.

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Nach Übernachtung in den Dünen ging es dann anschließend runter bis Taouz wo man sich Felsgravuren anschauen kann.

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Die nächste Pistenfahrt war dann eher was für Schraubenfedern. Durch tolle Landschaft ging es durch den Anti-Atlas. Allerdings über grobe Felsbrocken, die auf Blattfedern und voll beladenem Auto einfach keinen Spaß machen. Dazu kommt, dass hier einfach überall Kinder gerannt kamen die Geschenke haben wollten und wir dadurch keinen geeigneten Übernachtungsplatz gefunden haben. So haben wir also versucht die Piste an einem Tag zu durchfahren und es kam wie es kommen musste.
Während ich denke den geilen 6pot Sound noch intensiver als gewohnt zu hören, registriere ich wie mein Sohn irgendwas von Schleifgeräuschen sagt.
Und ja, es war nicht zu leugnen ... der Auspuff war ab. Die Britpart Befestigungsgummis (denen fehlt das Gewebe) waren alle gerissen. Nur der einzig verbliebene Orginalgummi war unbeeindruckt an Ort und Stelle. Mit Draht hochgebunden ging's dann erstmal schnell weiter Richtung Tinghir.

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Auf Asphalt angekommen fiel mir dann auf, dass Bremsmavöver unweigerlich mit einer Linkskurve einhergingen. Die Fuhre sackte vorne rechts tief ein. Die Diagnose war schnell gestellt. Die Blattfeder war gebrochen. Wir sind auf der Piste ein paar mal heftig durch tiefe Schlaglöcher gefahren. Dabei dachte ich einmal das ich seitlich einen Stein erwischt habe, der dann an den Rahmen geschleudert wurde - zumindest hatte sich das so angehört. Vermutlich war das aber die Stelle an der die Blattfeder ihren Geist aufgegeben hat.

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Wir hatten schon manchmal darüber gelacht das Land Rover Fahrer dazu tendieren soviele Ersatzteile mitzunehmen, dass anschließend die Blattfedern brechen ... die sie allerdings nicht dabei haben.
Was mich betrifft, ja, ich hätte einen Verteiler anzubieten gehabt. Auch einen Überholsatz für die Wasserpumpe. Sogar eine Zylinderkopfdichtung. Aber Blattfedern? Vergiss es :-)
So weiterzufahren war zwar prinzipiell möglich, aber doch einigermaßen gefährlich. Wir brauchten also eine neue Blattfeder, aber wo in Marokko treibt man die am schnellsten auf?
Wie immer in Notfällen erstmal im blacklandy Forum gefragt ob jemand hier eine Werkstatt kennt die weiterhelfen könnte.
Da auch in absehbarer Zeit die Fähre in dem ca. 900km entfernten Tanger erreicht werden musste, plante ich mich zügig auf den Weg zurück nach Tanger zu machen, während mein Sohn im Internet nach einer passenden Werkstatt sucht.
Beim Tanken in Tinghir steht dann plötzlich ein Mechaniker neben mir der sich meinen Landy anschaut und mich fragt ob ich irgendwelche Probleme hätte.
Ich stutze erst etwas da man in Marokko alle paar Minuten gefragt wird ob denn "alles gut" sei. Hier aber lag der Fall anders. Er hatte wohl gesehen. das der Mitnehmer vorne rechts undicht war und etwas Öl darunter heraussifft. In Wirklichkeit gar nicht viel, aber durch den Sahara Staub halt eben deutlich sichtbar. Ich gab ihm zu verstehen das ich ein ganz anderes Problem habe und habe ihm die gebrochene Blattfeder gezeigt.
Wie immer in Marokko höre ich dann das sei gar kein Problem und in einer Stunde behoben. Ich kann es nicht leugnen - exakt das wollte ich in dieser Situation auch hören.
Er ist dann mit mir zu seiner Hinterhof Werkstatt mitgefahren. Hätte man die folgenden drei Stunden in diesem Urlaubsarrangement buchen können, ich hätte das sofort gemacht!
Auf ölgetränktem Lehmboden standen mehrere R4, bei einem wurde das Getriebe gewechselt. Der 109er machte sich optisch perfekt in dieser Oase einer Schrauberbude. In einer Ecke saß Hussein, ein sehr gut deutsch sprechender Marrokaner, den ich gleich bat zu übersetzen, dass sich der Schrauber nicht wundern solle wenn ich gleich in der Unterhose hier stünde da ich mir meine Arbeitsklamotten anziehen wollte.
Hussein ist bekannt aus dem Reiseführer von Edith Kohlbach und hat meine Freunde und meinen Sohn während der Reparatur durch die Stadt geführt, so das wir letztlich alle eine tolle Zeit hatten - und nicht nur ich in der Buschwerkstatt :-)

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Die Blattfeder war schnell draußen, wurde ausgemessen und dann ging dann irgendwo über die Souks woanders hin, während ich mit Minztee versorgt den beiden Lehrlingen mit Händen und Füßen zu erklären versucht habe das beim 6pot das Auslaßventil seitlich im Block sitzt. Geendet hat das mit lautem Gelächter der beiden ... Ich habe keine Ahnung was die verstanden haben.
Irgendwann kam der Chef dann mit der reparierten Feder zurück. Die Feder wurde aufgesprengt und die oberste Lage ersetzt. Keine Ahnung wo er so schnell eine passende Feder hergezaubert hatte. Es stand sogar "LAND ROVER" drauf, worauf er selber sehr stolz war ... vielleicht haben die das aber auch noch mit ner Schablone aufgesprüht um dem Europäer ein gutes Gefühl zu geben :-)
Den Auspuff hat er mir gleich auch noch richtig aufgehängt indem er neue Gummis angefertigt hat. Irgendwo in seinem Fundus hatte er ein Stück Gummi (diesmal mit Gewebe) gefunden, die Löcher mit heißen Schrauben reingebrannt und dann eingebaut.
Ich muss sagen dass ich sehr beeindruckt von der Hilfsbereitschaft der Marrokaner war. Was die Werkstatt anbelangt, haben die richtig gute Arbeit gemacht! Ohne große Probleme war die Fuhre in knapp 3 Stunden wieder beisammen und wir alle um ein großes Erlebnis bereichert.

Leider haben wir die geplante Querverbindung (Piste) der Todra zur Dadesschlucht ausfallen lassen müssen und uns dann nur die Dadesschlucht angesehen.
Nach Übernachtung direkt in der Schlucht ging es dann Richtung Marakkech. Vor Marakkech sind wir dann nochmal zur Kasbah abgebogen. Hier wurden unter anderem die Filme "Gladiator" und "Sodom und Gomorra" gedreht. Danach ging's wieder rauf auf 1700m wo wir unseren Übernachtungsplatz nur mit einer Million Sterne teilen mussten.

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Generell haben wir. wo immer möglich, frei gestanden. Campingplätze haben wir nur dann angefahren wenn mal wieder Duschen anstand.
Mit der Serie quer durch Marakkech ist jedoch eine Erfahrung auf die man getrost verzichten kann - die Hupe ist einfach nicht ergonomisch genug angebracht. Wir haben uns für eine Nacht bei Familie Schatz auf deren wunderschönen Komplex untergestellt. Wir hatten uns auf Willys Fernreisetreffen kennengelernt und erfahren das sie dort ein Hotel betreiben und zusätzlich 10 Stellplätze anbieten. Aisha kümmerte sich herzlich um uns und so bekamen wir morgens seit langem mal wieder Gebäck (2 Wochen Fladenbrot stresst auf die Dauer) und auch eine Runde im Pool war drin, bevor es abends auf den Jemaa el fna ging.
Der Rest ist dann eher langweilig. Auf der Autobahn mit Mautstationen (ja, Marokko ist ein modernes Land) ging es dann wieder hoch nach Tanger, von dort mit der Fähre nach Sete und dann ab nach Hause.

Es war ein echt geiles Abenteuer, erst recht dann wenn man mit einer Serie fährt die selbst schon bei den Engländern nicht mehr in "good working order" gehandelt wurde und zum Ausschlachten dastand. Nach 1,5 Jahren schrauben, Motor komplett überholen und Rahmen schweißen macht das umso mehr Spaß. Da ist es fast schon Ironie wenn man beim Kontrollieren der Schweißnähte der Rahmenköpfe feststellt dass die zwar in Ordnung, die Blattfeder aber gebrochen ist :-)

Was die Sicherheit anbelangt hatte ich zu jeder Zeit ein sehr gutes Gefühl. Natürlich ist das rein subjektiv. Durch die Präsenz
der Polizei und Militärs, die Touristen gegenüber sehr freundlich eingestellt sind hat man das Gefühl hier keine Bedenken haben zu müssen - zumindest nicht mehr als in jedem anderen Land auch.
thstbr
 
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Re: Marokkoabentuer auf altem Gerät

Beitragvon vanguard » 23.04.2017 14:12

Top !

Ich finde es sehr schön das solche alten klassischen Autos mal Artgerecht bewegt werden. :h:
vanguard
 
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Re: Marokkoabenteuer auf altem Gerät

Beitragvon dschirr » 24.04.2017 12:43

Danke für den sehr netten Reisebericht
dschirr
 
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Re: Marokkoabenteuer auf altem Gerät

Beitragvon Alexander » 24.04.2017 19:10

Klasse Erlebnisse. 8) Ich staune immer wieder, wie relaxt man auf so einer Reise ist. Man findet sogar noch die Muse Pannen zu fotografieren :-)

Grüsse
Alexander
Alexander
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