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Niger: mit der Salzkarawane durch die Ténéré und Air

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er viel erzählen: Reiseberichte zum Informieren und Träumen, fotografisch dokumentiert. In diesem Forum findet ihr Reiseberichte als "Fotostreckenführer" zu interessanten Reisewegen.

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Re: Niger: mit der Salzkarawane durch die Ténéré und Air

Beitragvon Alexander » 07.12.2016 20:29

Während ich meine ersten Karawanenerfahrungen und Eindrücke mache, rennen plötzlich einige junge Tuaregs, bewaffnet mit Äxten und Körben nach rechts weg und entfernen sich von der Karawane. Ich schaue Sidi verdutzt an. Er grinst und meint, ich soll den Jungs folgen.

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Wir passieren eine Gegend, in der Salzschollen verdeckt vom Sand aus dem Boden ragen. Teilweise hängen schöne Kristalle an den Schollen. Die Jungs hacken sie mit den Äxten aus dem Boden. Damit werden sie sich später auf den Märkten ein zusätzliches Taschengeld verdienen.

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Die Karawane ist mittlerweile schon weitergezogen und wir müssen sie wieder einholen. Noch ist es früh am Morgen und ich bin noch fit. ;-) Daher holen wir die Karawane schnell wieder ein.

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Die Kamele sind schwer beladen. Zuerst werden zwei Ledersäcke mit Datteln, die mit Stricken verbunden sind links und rechts vom Höcker abgelegt. Darauf oder seitlich werden mit Seilen Salzkegel oder -pfannen festgebunden. Zusätzlich tragen die Kamele ihre eigene Verpflegung: Bündel von Alemos Gras.

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Die Speerspitze der Karawane :-) Links, Sidi, der Madougou und seine beiden Begleiter Sabrilla und Kadir. Beide haben sich sehr rührend um mich gekümmert. Sabrilla hat mir beigebracht, wie ich während dem Laufen auf ein Kamel steige, ohne mir dabei die Knochen zu brechen und Kadir hat dafür gesorgt, dass ich nicht verhungere ;-)

Es ist wohl schon gegen 10:00 Uhr. Es gibt das zweite Frühstück. Heute gibt es Hirse, die bereits am Abend gestampf und am Morgen zubereitet wurde. Der Hirse werden Datteln beigemischt. Es schmeckt ziemlich farblos, aber es ist eine der Kalorienbomben, die uns die Energie für den Tag liefert. Eigentlich hatte ich mein eigenes Kraftfutter mitgebracht. Peronin, Proteinrigel und Proteingels. Aber ich habe gar keine Chance Nein zu sagen. :) Jeder bekommt einen Holzlöffel in die Hand gedrückt und dann macht der Hirsetopf die Runde.

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Ich hoffe nur, dass sich meine kulinarische Experiminetierfreudigkeit nicht auf den Magen schläft. Zum Abschluss einer jeder Malzeit wird Tee gekocht. Dazu wird Holzkohle mit etwas trockenem Alemos Gras in einem kleinen Drahtkorb angezündet und eine kleine Kanne mit Tee darauf gestellt.

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Re: Niger: mit der Salzkarawane durch die Ténéré und Air

Beitragvon Peter D » 07.12.2016 21:38

Hab ja schon einige brutal extreme Touren in den alten Knochen...
Aber für diese Reise hätte meine Courage nicht gelangt...
Nicht mal dran denken..

Das beige Sakko. Es ist herrlich. Bin begeistert.
Und voller Ehrfurcht vor dem ökologischen Fußabdruck dieser Menschen, welchem ich mich nur schwer annähern könnte.

Danke für diese Wahnsinnsbilder Alex !
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Re: Niger: mit der Salzkarawane durch die Ténéré und Air

Beitragvon Alexander » 08.12.2016 20:09

Danke Peter!

Peter D hat geschrieben:Das beige Sakko. Es ist herrlich. Bin begeistert.

Das Sakko war cool 8) Sabrilla trug es, weil es ihm am Morgen zu kalt war. Für mich als Europäer waren die Nacht- und Morgentemperaturen sehr angenehm.

Peter D hat geschrieben:Aber für diese Reise hätte meine Courage nicht gelangt...
Nicht mal dran denken..

Es kommt noch brutaler. Diese Reise ging so richtig an die Grenzen. Warte es ab

Grüsse
Alexander
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Re: Niger: mit der Salzkarawane durch die Ténéré und Air

Beitragvon weissewüste » 08.12.2016 21:43

Hallo Alexander, habe genau dasselbe gemacht, im November/Dezember 2004. Absolut faszinierende Dreitagereise mit 4x4 von Agadez nach Bilma, allerdings ohne Militärbegleitung, dann die Salzkarawane mit 120 Kamelen über Fachi nach Timia - unvergesslich.

Bild238.jpg
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Re: Niger: mit der Salzkarawane durch die Ténéré und Air

Beitragvon Olaf.L » 09.12.2016 10:14

Hallo Alexander,
gratuliere zu der tollen und beeindruckenden Unternehmung. Schöne Bilder und ein spannender Bericht!!
Hut ab, für Deinen Mut, dieses in den unruhigen und nicht ungefährlichen Zeiten im Sahararaum durch zu ziehen.

Gruß Olaf
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Re: Niger: mit der Salzkarawane durch die Ténéré und Air

Beitragvon Alexander » 09.12.2016 19:12

Danke Olaf. Die Sicherheitslage war bei den Vorbereitungen ein wichtiger Aspekt. Aber die Verlockung war zu groß...

Gleich geht es weiter ;-)

Grüsse
Alexander
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Re: Niger: mit der Salzkarawane durch die Ténéré und Air

Beitragvon Alexander » 09.12.2016 19:38

Die ersten Zeilen aus Werner Gartungs Buch: Durchgekommen

Scheitern der ersten Karawane
Sandsturm. Vorgestern letzte, steinharte Brotreste hinuntergewürgt. Die Augen entzündet, Hals und Gaumen wie ein Reibeisen, der Magen ein großes Loch. Leer auch der Kopf, aufgegeben die Hoffnung. Nur noch stummes Erleiden.
Das Wasser geht zur Neige. Jetzt am vierten Tag wird unsere Situation bedrohlich, aber wir merken es nicht - und dadurch steigt die Gefahr noch mehr...


Schon die ersten Sätze des Buches fesselten mich und ich war noch mehr davon überzeugt, dass meine Entscheidung, an der Karawane teilzunehmen die richtige ist. Ich hatte allerdings nicht vor so zu enden, wie dieses Kabinenteil eines Lkws. Ich wußte allerdings, dass es hart werden wird, sehr hart...

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Ich bewundere die Kamele. Ich bekomme Hochachtung vor diesen genügsamen Tieren. Sie laufen 16, 18 Stunden ohne Pause, ohne zu trinken mit ihrem Gewicht auf dem Rücken. Manchmal müssen sie noch das Gewicht ihres "Herrn" tragen. Sie gehen immer den gleichen Schritt, immer die gleiche Bewegung, wie in Trance. Bei jeder Karawane erreichen ein oder zwei Kamele nicht ihr Ziel...

Wie verlockend es für die Kamele sein muss, wenn vor ihnen ein anderes Tier mit Alemos Gras läuft. Auch wenn das Gras hart und trocken ist. Kamele sind sehr genügsam und essen fast alles, was sich wiederkauen läßt.

Natürlich naschen sie gerne beim Vordertier. Aber das würde die Nahrungsversorgung der Tuareg allerdings durcheinander bringe.

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Um das Kamel am Naschen zu hindern, stecken sie einfach ein paar Grashalme zwischen die Oberlippen der Naschkatze. Die Tiere können die Grashalme nicht entfernen. Und wenn sie versuchen, sich am Grasbündel des vor ihm laufenden Tieres zu bedienen, stechen die Grashalme zwischen den Oberlippen.

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In vieleicht 1,5 - 2 Kilometern Entfernen spiegelt sich etwas. Es sieht aus, als würden sich die Sonnenstrahlen in den Scheiben oder dem Chrom eines Fahrzeugs spiegeln. Ich wende mich an Sidi: Voiture? Der Madougou schaut skeptisch. Als wir dem Licht näher kommen erkennen wir, dass es sich nur um ein Stück Alufolie handelt, das der Wind durch die Ténéré jagt. So kann die Wüste täuschen.

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Ich fotografiere, was das Zeug hält :-) Da ich nicht weiß, wie die Tuareg reagieren, wenn man sie fotografiert, zeige ich ihnen immer das Bild, das ich gerade geschossen habe. Jedes mal, wenn ich ein Bild zeige bricht Begeisterung aus. Wenn ich einem das Foto zeige, wollen es auch die anderen sehen. Sie verwenden dabei immer ein Wort, dass wie "kel" oder "gel" klingt. Wenn ich es richtig verstanden habe, soll es etwa "gut" heißen.

Ich wusste nicht, auf was ich mich einlasse, als ich damit anfing, die Fotos zu zeigen. Nun mußte ich fotografieren, ob ich wollte oder nicht. 8) War ein Tuareg der Meinung, dass er jetzt fotografiert werden möchte oder fand einer ein gutes Motiv, dann wurde ich aufgefordert: Akelex, Foto... :lol: Mir war es nur recht, denn dadurch kam ich an einige schöne Aufnahmen.

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Eigentlich sind wir nicht mit Kamelen unterwegs, sondern mit Dromedaren (einhöckrig). Das Wort Kamel oder Chameau hat sich aber schon lange eingebürgert. Von dem her bleiben wir bei dem Kamel. ;-)

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Re: Niger: mit der Salzkarawane durch die Ténéré und Air

Beitragvon Alexander » 10.12.2016 09:42

Hallo Wüstenschiffer,

in Zusammenhang mit diesem Reisebericht bitte ich euch folgende zwei Beiträge zu beachten:

:arrow: Niger: Wüstenschiff kauft Mobiliar für Schule in Timia
:arrow: Hilfe: Suche Englisch Lehrbücher für Lehrer/Schule in Agadez

Danke!

Grüsse
Alexander
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Re: Niger: mit der Salzkarawane durch die Ténéré und Air

Beitragvon Alexander » 10.12.2016 17:10

Über den Erfahrungsaustausch mit Sidi verflog die Zeit. Mittlerweile hat die Sonne fast den Zenit erreicht. Die Temperaturen steigen weit über 50 Grad. Ich habe in den letzten sieben Stunden etwas 25 Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Meine Beine sind noch fit. Aber ich fühle eine tiefe Müdigkeit, wozu die Hitze noch beiträgt.

Karim, der vor allem für die Verpflegung zuständig ist, bereitet unsere tägliche - ich nenne sie Nußsuppe - zu. In einer Schüssel gibt er gemalene Nüsse. Dazu kommt etwas, was wie Kakao schmeckt. Das ganze wird mit herrlich kühlem Wasser aus der Gerba aufgerührt. Eine weitere Kalorienbombe. Die Suppe schmeckt eigentlich kaum nach etwas. Aber ich esse sie schon alleine wegen dem kühlen Wasser.

Nach dem Nußgericht verteilt Sidi an uns immer noch einen Keks. Er besteht ebenfalls aus ganzen und gemahlenen Nüssen, zerhackten Datteln und Sand ;-) Und der Keks ist steinhart. :roll: Man muss Wasser dazu trinken, um ihn aufzuweichen. Gelegentlich gibt es auch ein Stück Käse dazu, dessen Geruch ich nicht zu meinen bevorzugten Gerüchen zähle. Auch der Käse ist hart. Nicht ganz so hart wie der Nußkeks. Ich esse ihn schon alleine aus Respekt für meine Gastgeber.

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Um den etwas ungewöhnlichen Geschmack des Käses herunterzuspühlen gibt es die übliche Runde Chai, also den traditionellen Tee.

Jetzt bemerke ich, dass Sidi und ich die letzten sind, die ihren Weg noch zu Fuß fortsetzen. Die anderen sitzen schon alle auf ihrem Kamel und schaukeln synchron mit dem Schritt ihrer Reittiere.

Sidi fragt zum wiederholten Male, ob ich mich nicht auch auf mein Kamel setzen möchte. Er kann meine Kondition noch nicht einschätzen und fragt immer wieder nach, ob es mir gut gehe. Da mir jetzt aber die Müdigkeit auch in den Knochen steckt, werde ich mich jetzt auch ein Stück durch die Wüste tragen lassen.

Wie besteige ich nun mein Kamel? Sabrilla hilft mir dabei. Er löst das Seil des Kamels vom Vordertier und zieht den Strick leicht nach unten links, damit das Kamel die Geschwindigkeit reduziert und seinen Hals senkt. Ich muss nun mit einem Schwung meinen linken Fuß so über den Hals des Kamels werfen, sodass der Fuß sich auf der rechten Seite einhakt und das Knie sich aber noch auf der linken Seite befindet. Ich versuche mit den Händen am Gepäck Halt zu bekommen und ziehe mein zweites Bein nach. Mit diesem steige ich dann auch auf den Hals und ziehe mich auf das Kamel. Dabei muss ich mich umdrehen, damit ich dann auch in Sitzposition einnehmen kann. Die Kletterei auf dem Kamel ist nicht ganz einfach, wenn man weite Tuaregkleidung trägt. Schnell tritt man auf den Stoff und man muss aufpassen, dass man nicht wieder herunterfällt.

Etwas umständlich lande ich auf dem Kamel. Eigentlich nicht schlecht für das erste Mal. Die Tuaregs haben das Geschehen gespannt verfolgt und jubeln mir zu, als ich endlich oben sitze. ;-) Durch meine Gestig gebe ich zum Ausdruck, dass der Aufstieg ganz schön schwierig war, worauf die Tuareg in ein schallendes Gelächter ausbrechen. Den Humor der Tuareg lernte ich sehr schnell kennen. Sie lachen gerne über andere, aber sie sehen es auch gerne, wenn man in der Lage ist, über sich selbst zu lachen. Damit schlägt man sehr schnell eine solide Brücke zur Kultur der Gastgeber.

Wenn ich schon meine Begleiter fotografiere, dann muss auch ich mich fotografieren lassen ;-) Die Kamera wird natürlich herumgereicht, denn jeder will das Bild sehen, was wieder in lautem Lachen und Diskussionen resultiert. :lol:

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Wer nun meint, dass es bequem ist, auf einem Kamel zu reiten, der täuscht sich gewaltig. Dieses Kamel hat keinen Sattel. Ich sitze unbequem auf dem Gepäck. Man kann sich nicht anlehnen und man hat kaum Halt. Den einzigen Halt bieten die Stricke, mit denen die Ladung befestigt ist.

Nach zwei Stunden Schaukeln auf dem Kamel steige ich wieder ab. Ok, runter komme ich schon irgendwie. Dafür sorgt schon die Schwerkraft. :mrgreen: Aber wie schaffe ich es von meinem 2,20 Meter hohem Sitzplatz so auf dem Boden aufzukommen, dass ich mir nicht die Knochen breche? Sabrilla macht es mir vor. Er wendet sich nach rechts und stützt sich mit dem linken Arm am Hals ab und mit dem rechten Arm, hmmmm... Ich weiß nicht, ob ich das schaffe. Ich versuche es einfach. Also mit dem linken Arm auf dem Hals des Kamels und mit der rechten Hand stütze ich mich irgendwie ab und lasse mich langsam herab. Allerdings rutsche ich plötzlich ab und ich falle, ich falle und falle und man möchte nicht meinen, wie hoch 2,20 Meter sind. :roll: Ich komme hart auf dem Sand mit meinem Hintern auf. Als die Tuareg merken, dass mir nichts passiert ist, liegen sie fast im Sand vor lachen. Auch ich stimme in das Gelächter ein. ;-)

Meine Beine, nein mein ganzer Körper ist noch total verspannt von der Reiterei und ich muss erst ein paar Schritte machen, bis sich mein Bewegungsapparat wieder synchronisiert hat.

It is Tea Time. Ich freue mich auf etwas Flüssiges mit Geschmack. Das Wasser in meiner Flasche ist mittlerweile so warm, dass man fast den Tee damit aufbrühen könnte.

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Ich laufe wieder einige Stunden. Als die Sonne sich dem Horizont nähert, steige ich wieder auf das Kamel auf. Ich bin total erschöpft. Es ist 17:30 Uhr und wir haben noch etwa dreieinhalb Stunden vor uns. Die letzten Stunden bis zum Lager sind eine Qual. Es ist ein Kampf zwischen der Hoffnung, bald das Lager zu erreichen und nicht auf dem Kamel einzuschlafen.

Gegen 21:00 Uhr kommen wir am Lager an. Ich lasse mich einfach vom Kamel herunterfallen. Im Dunkeln erkennt man eh nicht, wie weit und wohin man fällt. Hauptsache, man kommt unten unbeschädigt an.

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Die Kamele werden abgeladen. Mein Gepäck liegt irgendwo verteilt zwischen den Kamelen. Sidi führt mich zu einem Teil und deutet mir an, dass ich hier warten soll. Ich setzt mich auf den Boden und habe damit zu tun, gegen das Zufallen meiner Augen anzukämpfen. Sidi, Sabrilla, Kamir und ich richten uns einen gemeinsamen Übernachtungsplatz ein. Während ich meine Matratze ausrichte und meinen Schlafsackausbreite, bereitet Kamir das Abendessen zu. Es gibt Nudeln mit angerösteten Zwiebeln. Omar hatte mir auch noch Nudeln, Zwiebeln und Kartoffeln zurück gelassen, die ich unserer Küche beisteuere.

Eigentlich war ich schon damit beschäftigt einzuschlafen, als ich einen Teller mit Penne gereicht bekam. Danach gab es wieder Tee. Ich sehnte den Moment herbei und ich mich endlich in meinen Schlafsack kuscheln konnte. Als ich versuchte, mich am Sternenhimmel zurechtzufinden war ich schon eingeschlafen.
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Re: Niger: mit der Salzkarawane durch die Ténéré und Air

Beitragvon Alexander » 11.12.2016 13:38

Atachi, Atachi, Atachi!!! schallt es durch unser im Tiefschlaf befindliche Nachtlager. Atachi, Atachi, Atachi wiederholt Sidi seinen Weckruf. Ich weiß nicht, was los ist, was mit mir geschieht. Ich versuche mich am Himmel zu orientieren. Wenn ich normalerweise zu dieser Jahreszeit in der Wüste aufwache, steht das Sternbild des Orion über mir. Die Sternenkonstellation steht aber noch weit im Osten. Ich schaue auf meine Uhr. Es ist 2:00 Uhr :shock: Ich hatte gerade mal 3,5 Stunden geschlafen. 3,5 Stunden nach diesem anstrengenden Tag. Das war eindeutig zu wenig.

Aber kaum hatte Sidi seinen Weckruf ausgestoßen wurde es lebendig im Lager. Schnell wurden die Feuer entfacht, auf dem das Essen für den Tag, die Hirse für das Frühstück und anschließend der Tee gekocht werden. Aus allen Ecken dröhnt das dumpfe Stampfen der Holzmörser, in denen die Hirse gestampft wird. Die Feuer sind klein, denn man sieht das Licht weit und Holz ist kostbar in der Wüste.

Mit lauten Juhuuuu und Jahuuuuu Rufen vertreiben die Tuareg den Schlaf aus ihren Knochen. Ich packe meinen Schlafsack und mein Gepäck zusammen und staple alles auf einen Haufen. Ich fülle meine Wasserflasche und setzte mich zu den anderen ans wärmende Feuer. Die Nacht war nicht kühl, aber mich fröstelt es trotzdem. Kadir reicht mir einen Holzlöffel und schon macht der Topf mit der warmen Hirse seine Runde. Danach gibt es Tee. Ich lerne diesen Tee auf dieser Reise schätzen. Er wärmt am Morgen und vertreibt den üblen Geschmack im Mund.

Nach dem Frühstück werden die Kamele zusammengetrieben. Jeder Kamelführer ist für seine kleine Herde verantwortlich. Sidi deutet mir an, mich bei meinem Gepäckhaufen hinzusetzen. Vieleicht will er vermeiden, dass ich verloren gehe. ;-) Mir ist es recht, so kann ich noch etwas vor mich hindösen. Bevor es weiter durch die Ténéré geht.

Die Kamele werden im Dunkeln beladen. Jeder Handgriff sitzt. Es gibt kein Suchen. Jeder weiß, wo was liegt und auf welches Kamel es geladen werden muss. Ich bewundere diese Karawanies. Nun ist mein Haufen dran, um auf den Rücken einiger Kamele verteilt zu werden. Sidi nicht mich an der Hand und führt mich zu seinem Leitkamel. Es ist das erste Kamel der Karawane. Alle anderen Tiere werden mit einem Strick an das Vordertier gebunden. Sidi drückt mir lächelnd das Seil seines Kamels in die Hand.

Ich weiß nicht, ob ich jetzt stolz darauf sein soll, die ganze Karawane in der Hand zu halten 8) Ich vermute, dass Sidi vermeiden wollte, dass ich im Weg stehe oder in der Dunkelheit verloren gehe. Also warte ich ab, bis die restlichen Kamel beladen werden.

So in der Dunkelheit zu warten ist natürlich langweilig. Ich warte darauf, dass es losgeht. Ich tripple so vor mich hin und mache einige Schritte vorwärts. Das Leitkamel interpretiert das wohl als den Startschuß und fängt auch zu laufen an. Die folgenden Kamele tun es ihm nach. Die Karawane setzt sich in Bewegung. :shock: :shock: :shock:
Etwas unsicher bleibe ich wieder stehen und auch die Karawane zieht die Bremse. Das ging noch mal gut. :oops:

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Immer wieder ertönen die Juhuuuu und Jahuuuuu Rufe. Die Tuaregs sind heute besonders gut drauf. ;-) Langsam bricht der Tag an und es wird heller. Sidi sieht mit seinem typischen Lächeln, dass ich immer noch dort stehe, wo er mich abgestellt hatte. Gut, einige Schritte weiter :-) Ich übergebe ihm erleichtert den Strick seines Kamels und wir setzen unseren Marsch durch Stille und Einsamkeit fort.

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Sidi beginnt den Tag wieder mit seinem Morgengebet und sein "Allahu akbar" schallt durch die Wüste. Er singt wieder eine Sure aus dem Koran. Danach läßt er seine Gebetskette durch die Finger gleiten und murmelt dazu Gebete. Als er fertig ist, wendet er sich mir wieder lächelnd zu.

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Es ist angenehm am Morgen zu laufen. Die Luft ist noch frisch und kühl und die Sonne hat ihr Licht noch heruntergedimmt. Das wichtigeste Sternbild für die Tuareg sind die Plejaden. Sie haben eine mystische Bedeutung und sie dienen dem Madougou zur Navigation. Also versuche ich das Gespräch auf diese Konstellation zu legen, zeige auf den Himmel und zeichne die Plejaden in den Sand. Sidi versteht sofort und er erklärt mir mit seiner Zeichensprache die Bedeutung der Sterne.

Zu tief möchte ich Sidi nicht in Gespräche verwickeln, sofern das mit unseren beschränkten Mitteln überhaupt möglich ist. Der Karawanenführer ist ein ruhiger und in sich gekehrter Mann und genießt es immer noch durch die Wüste zu wandern.

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Heute gibt es keine Hirse sondern die gleichen Nudeln, die wir schon gestern Abend gegessen hatten. Jeder bekommt wieder seinen Holzlöffel und die Schüssel wird herumgereicht.

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Ich nutze jede Gelgenheit auf den Dünen zu laufen, an denen wir vorbeikommen. Bevor ich losmarschiere frage ich aber immer Sidi. Er ist der Chef der Karawane und ist für Mensch, Tier und Ware verantwortlich. Aber jedes mal nickt er mir lächelnd zu und ich kann mich von der Karawane entfernen.

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Nach dem gestrigen, anstrengenden Tag steige ich heute schon früher auf mein Kamel. Je länger der Tag wird, um so mehr hoffe ich an diesem Tag, dass wir das Lager bald erreichen werden.

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Re: Niger: mit der Salzkarawane durch die Ténéré und Air

Beitragvon majasch » 12.12.2016 18:57

hallo Alexander
ich staune wie das bei einer solchen karawane pausenlos vorwärts geht. hast du das nie als "stress" empfunden? mal innehalten, mal die landschaft geniessen?
muss eine atemlos körperliche grenzerfahrung für dich gewesen sein! insbesondere mit dem wissen, bei eigenem versagen die karawane aufzuhalten. puh.
eine frage stellt sich mir: wie oft in einem jahr läuft "dein" sidi diese strecke mit seinen kamelen? mehrmals? ev. sommerpause?
gruss maja
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Re: Niger: mit der Salzkarawane durch die Ténéré und Air

Beitragvon Achim Vogt » 12.12.2016 19:28

Hallo Alex,

toll, dass Du die Reise durchgezogen hast! Und sehr beeindruckende Bilder - wie eigentlich immer!

Grüße aus dem einzigen arabischen Land ohne Wüste :lol:
Achim
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Re: Niger: mit der Salzkarawane durch die Ténéré und Air

Beitragvon Alexander » 12.12.2016 19:40

Hallo Maja,

majasch hat geschrieben: hast du das nie als "stress" empfunden? mal innehalten, mal die landschaft geniessen?

Diese Reise war tatsächlich eine Grenzerfahrung. Besonders für einen Europäer, der diese Art der körperlichen Belastung nicht gewöhnt ist. Es gehört auch eine gehörige Portion mentale Stärke dazu, die einen immer vorwärts treibt und einen nicht aufgeben lässt.

Die Reise wurde insofern zum Stress, als körperliche Probleme einsetzten. Ich werde darüber in einer der Fortsetzungen berichten. Das Wort "aufgeben" muss man beim Antritt so einer Reise aus seinem Vokabular streichen. Ich habe innegehalten, um die Landschaft zu genießen. Ich bin dazu weiter gelaufen, als die Karawane selbst. Wenn man aber innehält, dann kommt eine zusätzliche Belastung. Man muss die Karawane wieder einholen und seinen Platz einnehmen. Das ist nicht ganz einfach, wenn man schon erschöpft ist und man gegen Schmerzen ankämpfen muss.

majasch hat geschrieben: dem wissen, bei eigenem versagen die karawane aufzuhalten.

Versagen ist ausgeschlossen. Die Karawane kann nicht anhalten. Nahrung, besonders für die Tiere und Wasser reichen nur für eine gewisse Zeit. Einfach die Karawane anhalten, besonders an einer Stelle, wo es kein Wasser gibt funktioniert nicht. Selbst wenn ich mir bei einem Sturz etwas gebrochen hätte (ich werde später davon erzählen) hätte die Karawane nicht angehalten. Und es gibt keine Rettungshubschrauber oder ein Fahrzeug, das auf einen für den Notfall wartet.

majasch hat geschrieben:eine frage stellt sich mir: wie oft in einem jahr läuft "dein" sidi diese strecke mit seinen kamelen? mehrmals? ev. sommerpause?

Diese Strecke läuft Sidi zweimal im Jahr. Einmal hin und dann, nach eine kurzen Pause wieder zurück. Sidi führt allerdings noch eine weitere Karawane. Mit dieser ist er vier Monate unterwegs und sie führt Tief in den Süden hinein. Allerdings läuft diese Karawane keine 16 Stunden am Tag und ist weniger anstrengend. Zumindest was die Tagesetappen betrifft.

Viele Grüsse
Alexander
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Re: Niger: mit der Salzkarawane durch die Ténéré und Air

Beitragvon majasch » 12.12.2016 20:35

Alexander hat geschrieben:Ich bin dazu weiter gelaufen, als die Karawane selbst. Wenn man aber innehält, dann kommt eine zusätzliche Belastung. Man muss die Karawane wieder einholen und seinen Platz einnehmen. Das ist nicht ganz einfach
ja, habs auf deinen fotos gesehen ... noch dünen besteigen! ... und auf dessen krete im weichen sand vorwärts laufen.
und irgendwann musst du ja sicherlich auch mal
piss.jpg
und mehr?

aber dank deiner exorbitanten energiereseven/willensträrke haben wir nun spannende fotos zu geniessen :)
danke und gruess maja
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Re: Niger: mit der Salzkarawane durch die Ténéré und Air

Beitragvon Alexander » 12.12.2016 20:38

majasch hat geschrieben:und mehr?

Ja, und mehr. :oops: Und das war das nächste Problem. Die Ténéré ist über weiter Strecken flach wie eine Pizza. Da gibt es auch bei dem "mehr" keine Privatsphäre ;-)

Grüsse
Alexander
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