von Ines Kohl

„Wir sind alle Libyer“ lautet Mu´ammar al-Qaddafis revolutionäres Motto. Demgegenüber steht die Prämisse vieler Tuareg in den benachbarten Staaten Algerien, Mali und Niger: „Wir sind frei. Wir haben kein Land und keinen Präsidenten.“ Doch wie verhält es sich in Libyen?
Dieses Buch ist eine sozialanthropologische Studie, die Strategien von Zughörigkeit aufzeigt, den Umgang mit staatlicher Macht verdeutlicht und die Rolle territorialer und soziokultureller Grenzen expliziert.
Die Studie konzentriert sich auf Normen und Werte der libyschen Identität, untersucht die Schule als Vermittler staatlicher Ideologie, thematisiert Heiratspraktiken als Indikator informeller Sozialisation und beschreibt den transregionalen Handels-, Schmuggels- und Migrationsraum als Folge von Überschreitungen der staatlichen Loyalität.



Auszug aus dem Buch:
Die Alltäglichkeiten der Feldforschung
„In der interdisziplinären wissenschaftlichen Praxis (…) hat die thnologische Feldforschung (…) einen Siegeszug ohnegleichen angetreten. Früher häufig von den VertreterInnen der ‘großen’ und angeblich ‘exakteren’ Disziplinen entweder mißtrauisch beargwöhnt oder ironisch belächelt, bedienen sich diese ‘Tanker’ (…) heute eifrig, und ihrem Selbstverständnis nach sogar innovativ, dieser Methode“ (GINGRICH 1999a:17). Der kleine methodische „Katamaran“ der Sozial- und Kulturanthropologie hat sich unter den großen „Tankern“ am globalen wissenschaftlichen Ozean bewährt. „Die Bedienung des Katamarans erfordert kein diszipliniertes Befolgen von Befehlen und Vorschriften, welche von obersten Kommandobehörden ausgegeben werden, sondern subtile Handfertigkeiten, Einzelverantwortung, präzise Kenntnisse und spezialisierte Fähigkeiten“
Ethnologische Feldforschung ist demnach ein individuelles und stets reziprokes Handwerk, in dem sich Geben und Nehmen die Waage halten. Nachdem Motto „wie man in den Wald hinein ruft, so hallt es heraus“ ist die eigene Person der Schlüssel zur erfolgreichen Annäherung an eine anfänglich fremde Situation.
Ethnologische Feldforschung ist auch ein emotionales, intuitives und im höchsten Maße persönliches Tool, in deren Folge Freundschaften und tiefe soziale Bindungen entstehen können, die auch nach dem eigentlichen Forschungsaufenthalt anhalten, sich vertiefen und über Jahre hinweg gepflegt werden.
Ethnologische Feldforschung ist also nicht nur eine empirische Methode um an bis dato unbekanntes und unpubliziertes Datenmaterial zu gelangen, sondern zugleich eine tiefe subjektive Erfahrung.
Ethnologische Feldforschung erfordert zudem einen situationsbezogenen,
kreativen und spontanen Umgang mit dem methodischen sozialwissenschaftlichen Werkzeug. Anleitungen zur empirischen Informationsgewinnung, der Strukturierung von teilstandardisierten, fokussierten, diskursiven oder narrativen Interviews, das optimale Führen
des Feldtagebuches, der richtige Umgang mit audiovisuellen Medien etc. sind anfänglich hilfreiche Stützen. Im Endeffekt aber entscheidet das Forschungsumfeld, welches Werkzeug angewandt werden kann. Sinnlos ist es, von einem universal einsetzbaren Tool auszugehen.
Tonbandaufzeichnungen mit anschließender akribischer Transkription mögen in gewissen Fällen nutzvoll und erkenntnisreich sein, in Regionen mit ausgeprägtem Geheimdienst und Spitzelwesen jedoch würde man damit lediglich seine InformantInnen und auch sich selbst in Gefahr bringen.
Schließlich ist ethnologische Feldforschung ein Akt des Vertrauens. Die
ForscherIn erhält keine adäquaten Informationen, wenn im Vorfeld keine Vertrauensbasis geschaffen wurde und wenn den GesprächspartnerInnen nicht klar ist, wofür ihre geopferten Stunden, ihre geduldigen Erklärungen und ihre mühseligen Wiederholungen letztendlich dienen.
Offenheit, Transparenz und Ehrlichkeit sind die „gate keeper“ der ethnologischen Feldforschung. Nachdem der Forschungsprozess eine sehr individuelle Erhebung darstellt, indem der subjektive Zugang das erfahrene Datenmaterial widerspiegelt, ist es mir an dieser Stelle wichtig, meinen Feldforschungsablauf transparent zu machen.

updated: 6. July 2010
Reimer Verlag, Berlin 2007
246 Seiten
51 Fotografien und 19 Abbildungen
Format 17 x 24 cm
Broschiert
E 35,-
ISBN 978-3-496-02799-7
Bestellung beim Autor Engelbert Kohl: kohl-expedition@aon.at
http://www.kohl-expedition.com/pages/publikationen.php
Grüsse
Alexander




