ursula hat geschrieben:für mich zählen die Geschichten, die hinter jedem
Schmuck-Kauf stecken
'Nabend allerseits,
das ist aber eine Überraschung. Du scheinst gut organisiert zu sein, Ursula. Kompliment!
Zu Deinen Perlen:
Natürlich ist die grüne Perlen in der Mitte von Foto-1 aus Glas. Jedoch venezianischem Glas. Es handelt sich hier um eine s.g. "King Bead", die in Venedig, Murano, um genau zu sein (denn dort waren und sind die Werkstätten - hauptsächlich der Brandgefahr wegen, im Mittelalter jedoch auch, um die Geheimnisse des Perlenmachens - mit dem Tode bestraft - nicht so leicht entkommen zu lassen) seit ca. 1850 hergestellt wurden und zu fast 100% nach West-Afrika verhandelt wurden. Es gibt sie in verschiedenen Farbkombinationen, die häufigste ist GELD als Grundfarbe, während sich Form und Design gleichen oder ähneln, das Design betreffend. Eine Perle dieser Art kostet heute zwischen 20 und 40 Dollar/Stück in guter Qualität, was nicht heisst, dass sie keine Patina haben darf. Im Gegenteil - Patina muss sein, auch als "Beweis" das diese Perle tatsächlich Afrika gesehen hat. Wäre sie 1850 hergestellt und hätte die letzten 150 Jahre in einem deutschen Schmuckkästchen gelegen - ungetragen - hätte sie den genannten Sammlerwert nicht!
ERGO: Es handelt sich hier NICHT um eine "Kiffa-Perle", sondern, wie gesagt, eine venezianische "King Bead". Diese und tausende andere Perlentypen (zehntausende, hätte ich sagen sollen) aus Venice nennt man dann auch "Tradebeads" wenn sie, wie gesagt, nach Afrika verkauft und gegen dortige Waren getauscht (oder verkauft) wurde.
Man kann das Alter solcher Perlen recht gut bestimmen. Erstens weis ein Sammler das natürlich aufgrund seiner Erfahrung, zweitens gab (und gibt) es s.g. "Musterkarten" (ich werde demnächst mal eine posten), die von den italienischen Händlern and ihre afrikanischen Großhändler weitergegeben wurden, um das Bestellen zu erleichtern. Solche Musterkarten - ein Stück Karton mit 20-40 aufgenähten Perlen und Bestellnummer, manchmal auch mit Firmenaufdruck - sind heute natürlich selten und erreichen unter Sammler Höchstpreise. Hunderte solcher Karten sind erhalten geblieben und werden in der Literatur gezeigt.
Auch die anderen Perlen sind überwiegend venezianischen Ursprungs, jedoch ist auch GABLONZ (heute Jablonec und immer noch Glas- und Perlenfabrikant) vertreten (die kleine ganz oben links auf Foto-1 z.B.). Die große gelbe Perle wird in Afrika immer wieder gerne als "Amber", also Bernstein angeboten. Das ist in diesem Falle unrichtig. Es handelt sich hier um schlichtes Plastik neueren Datums (auch wenn's nicht so aussieht), wobei es auch andere, amber-ähnlichere Kunststoffe (Phenolharze aus überwiegend deutscher Prioduktion um ca. 1920-30) gibt, die als s.g. "african Amber" in Afrika kursieren. Teilweise wissen die Händler, dass das Quatsch ist, manche wissen es aber auch nicht. Wäre es echter (baltischer) Bernstein, würde eine Perle dieser Größe, Farbe und dem entsprechenden Gewicht (der bei uns geschätzte, transparente Bernstein, ist in Afrika ohne Bedeutung) etwa 75-100 $ kosten. Ich rechne in Dollar, weil der antike Perlenmarkt zu ca. 90% in USA stattfindet, zu ca. 7% in Japan und nur ein ganz kleiner Teil in Deutschland und anderswo gesammelt und angeboten wird.
Es gibt auf Foto-1 auch alte Perlen aus Holland und sogar welche aus Afrika selbst - jedoch keine aus Mauretanien (was ja auch eine "Kiffa" sein müsste, weil Andere aus Glas nie hergestellt wurden). Aus Angst meinen Text zu verlieren, will ich es jedoch nicht riskieren die "Zurück-Taste" zu nutzen, weshalb ich nun nicht genau sagen kann, wo sich die Holländer befinden. Es sind die uni-blauen, runden Perlen (eine links, die andere rechts). Diese wurdem in Amsterdam gefertigt und nennen sich "Russian Blue", weil sie hauptsächlich in Russland gegen Felle getauscht wurden (ähnliches trifft auch für die Perlen der Indianer in Nordamerika und Canada zu. Auch das sind entweder Perlen aus Venedig und/oder Gablonz, was zu seiner Blüte Deutsch war, respektive Böhmisch-Österreichisch und auch die wurden u.a., sogar hauptsächlich gegen Felle gehandelt und getauscht. "Lewis und Clarke" spielten u.a. auch hier eine Rolle, sowie die dortige "Hudson's Bay Company" als Groß- und Zwischenhändler).
Ganz rechts auf dem Bild, aber nur zu einem Drittel oder Viertel sichtbar, erkenne ich eine "Chevron", ebenfalls eine Glasperle aus Venedig. Vielleicht die bekannteste und bedeutenste. Die gibt es in allen möglichen Formen und Größen, wobei die meisten "eiförmig" (long bicone) sind. Die Größen reichen von wenigen Millimeters (6-7) bis zum 50-70 mm. Diese Riesen-Chevrons (überwiegend blau, jedoch mit sternförmigem Innenmuster, woher sie ihre Bezeichnung erhalten haben) waren z.B. in Kamerun bei den lokalen Königen sehr geschätzt und galten als Herrschersymbol. Preise für diese großen Stücke (seit 1450 in Venedig in einem ganz besonderen und differierenden Verfahren hergestellt) liegen bei 500 Dollar/blau, bei 1000-1500 im seltenen Grün und bei 2000+ Dollar für die mit schwarzer Aussenfarbe (wobei es schwarzes Glas nicht gibt. Das ist entweder extrem dunkles Blau, Grün oder Violett, welches nur schwarz zu sein scheint. Das gilt für jedes schwarze Glas - auch heute noch!)
Foto-2
Das ist ebenfalls ein Strang mit Glasperlen. Sogar afrikanischen. Neue Perlen aus Ghana - hergestellt von den Pulverglasmachern der Krobo in Zentral-Ghana. Diese Perlen dürftest Du erst jüngst erworben haben - keinesfalls vor 2005. Der Wert kann nicht angegeben werden. Perlen dieser Art kosten nicht viel - Pfennige!
Sie sind jedoch nicht bemalt (wie Du schreibst) - was übrigens auch auf die Perlen auf Foto-1 zutrifft, eigentlich auf 99% aller Perlen zutrifft. Aller GLAS-Perlen, wohlgemerkt! In diesem Falle wird Gebrauchsglas in Mörsern zu einem feinen Pulver zerrieben (die einzige Gemeinsamkeit mit der "Kiffa-Bead" Herstellung) und dann in Keramikformen gegeben und darin geschmolzen. "Sintern" nennt man diesen Vorgang, der zu der hier ersichtlichen rauen Oberfläche führt. Die mit organischem Brennmaterial erreichten Temperaturen sind für ein völliges, homogenes Verschmelzen nicht ausreichend! Die so in Ghana erzeugte Oberflächentextur hat jedoch ihre eigenen Reize und ist typisch für die Krobo-Industrie. Obwohl die so hergestellten Perlen (in vielerlei Formen, Farben und Grössen) wirklih extrem preisgünstig sind, sind die Krobo recht gut im Geschäft und verkaufen ihre Produkte weltweit. Nicht nur als Schmuck werden diese Perlen benutzt, auch zur Herstellung von Vorhängen, Lampenschirmen und hin und wieder in der Modeindustrie - auch als Knöpfe.
Die "goldenen" Ohrringe in der Mitte sind entweder nur ein goldfarbenes Metal (was ich vermute) und s.g. "gold-washed", eine hauchdünne und nicht teure "Vergoldung" (weiterführende Erklärungen würden hier zu weit führen). Sie sind, wenn ich das sagen darf, ohne Dich zu kränken, nur für den Besitzer von Wert, weil, wie Du richtig sagst, Ursula, damit meistens Erinnerungen verbunden sind. Für Sammler alten, authentischen und ethnologischen Schmucks sind sie nicht relevant, es sei denn als Spezimen zur Dokumentation lokalen Schmucks im 3. Jahrtausend.
Die kleinen blau-weissen Perlchen zwischen den "Krobo-Beads" werden von verschiedenen modernen Perlenindustrien hergestellt. Ich tippe hier auf China - wobei auch Jablonec und Indien in Frage kommen. Für Sammler sind die ebenfalls nicht relevant.
Lala Aicha hat mittlerweile das Zeitliche gesegnet, war also nicht beteiligt an der Herstellung einer dieser Perlen. Leider!
Übrigens: auch "Kiffas" haben kein aufgemaltes Design, auch wenn es so aussieht. Die meisten Menschen, denen diese extrem seltenen mauretanischen Perlen das erste mal gezeigt werden, vermuten es sei Keramik und, wie gesagt, die Muster seien aufgemalt worden.
Das ist nicht der Fall, so wenig wie bei den venezianischen oder allen anderen Glasperlen. Es sind verschiedene und teilweise sehr unterschiedliche Techniken, die die Designs entstehen lassen. Aber auch das würde hier viel zu weit führen. Allein über die verschiedenen Herstellungstechniken liessen sich diverse Bücher füllen. Was Handel und Bedeutung der Perlen im täglichen Leben angeht noch viel mehr.
Das Buch in meiner Planung wird alles umfassen: Geschichtlicher Hintergrund, Herstellung, Design, Handel und die Bedeutung im magischen, religösen und mythologischen Zusammenhang. Mein Buch unterscheidet sich von allen anderen vor allem dadurch, dass es nur um eine einzige Perle geht. Die unglaubliche "KIFFA BEAD" aus Mauretanien. Auch die kosten übrigens zwischen 30 und 200 Dollar/Stück. Jene in dreieckiger Form ("polychrome triangulars") die ich zu Beginn des Threads gezeigt habe, sind die aus der 200$/Stück-Liga. Perlen dieser Qualität sind seit Jahren nicht mehr zu bekommen. Jedenfalls nicht mehr in Mauretanien.
Zur Zeit läuft (noch) die weltgrößte Perlenmesse in Tucson, Arizona (mit über 400.000 Besuchern und über 3000 Ausstellern). In diesem Jahr wurden genau 1100 Kiffas angeboten (von Händlern aus Gambia, die in diesem Geschäft, die afrikanische Seite betreffend, die Hauptrolle spielen und die hauptsächlichen Importeure in die USA sind). Elf "strands" (Ketten) mit je 100 Stück. Die Preise lagen zwischen 3000 und 4000 Dollar, wobei - und das ist das Entscheidende - weniger als 10% dieser 1100 Perlen intakt waren. Bedingt durch die Herstellungstechnik (die hier aus Zeit- und Platzgründen unerwähnt bleiben musste) zerbrechen die Perlen relativ schnell. Während 2000 Jahre alte römische Stücke oder gar 3000 Jahre alte phönizische Perlen immer noch in Topqualität erhältlich sind (auch solche sammele ich übrigens) sind, brechen bei "Kiffas" gerne mal die Ecken ab oder es brechen kleinste Stücke aus dem Design etc. Das wird dann oft unfachmännisch ausgebessert. Solche Perlen sind für Sammler weniger interessant und fallen erheblich!! im Wert!
SANGURU