23.09.2008 - D - Bonn, Harmonie
Ein einmaliges Gastspiel: Kiosk ist derzeit die einflussreichste und beliebteste iranische Rockband. In Bonn spielt sie das einzige NRW-Konzert, und Funkhaus Europa ist dabei! Pink Floyd und Dire Straits sind maßgebliche Einflüsse für die Band um Arash Sobhani, und berüchtigt sind auch die scharfzüngig-kritischen Texte.
Arash Sobhani ist eigentlich Architekt. Dass der Siebenunddreißigjährige überhaupt Rockmusiker werden konnte, verdankt er seiner Auswanderung nach Kalifornien: Das noch in Teheran aufgenommene Debüt seiner Band Kiosk war 2005 das erste Album aus dem iranischen Untergrund, das bei iTunes zu haben war; das zweite Album führt nun seit Monaten die persischen Verkaufscharts im Internet an. Zwei Jahrzehnte war Sobhani im Teheraner Untergrund aktiv. Zwischen 1980 und 1988, den Jahren des Krieges gegen den Irak, stand das öffentliche Musikleben still. Doch indem der Klerus Musik zu Teufelswerk erklärte, trieb er die junge Generation in die verbotenen Klangparadiese des Westens.
Unter dem pragmatischen Präsidenten Rafsandschani wurde Musikern wenigstens ein Minimum an Freiheit zugestanden. So begann die kontrollierte Reintegration der Musik ins Leben einer jungen Bevölkerung.
Arash Sobhani hingegen kämpfte mit der Zensur. Mitte der neunziger Jahre fing er an, Texte auf Farsi zu schreiben. Mit der Band Raaz-e Shab (Rätsel der Nacht) versuchte er zuerst, so konservativ wie möglich zu klingen, um überhaupt ein Rock-Album aufnehmen zu dürfen. Später stellte er die Selbstzensur ein und begann, an jenen politischen Liedern zu feilen, für die Kiosk heute berühmt ist. "Ich hatte das Gefühl, endlich die Formel gefunden zu haben, um Farsi mit Rockmusik zu kombinieren. Ich wollte über gesellschaftliche Themen singen und unabhängig von der Musikindustrie sein."
Die Existenz solcher Gruppen wäre vor zehn Jahren noch unvorstellbar gewesen. Aber die Einsicht, nicht wirksam eindämmen zu können, was per Satellit oder Internet auf die Bildschirme gelangt, hat das Regime veranlasst, Gegenspieler aufzubauen: Schmalz-und Billig-Pop. Andere wie die lyrischen Altmeister O-Hum, Sobhanis Kiosk oder die hochbegabten Reggae-Gören von Abjeez operieren inzwischen von Europa und den Vereinigten Staaten aus. In Iran kennt und hört sie dennoch jeder, der etwas auf seinen Musikgeschmack hält. Der Untergrund ist aktiv geworden. Die Einsicht, dass die iranische Alltagsrealität am besten durch die persische Sprache reflektiert werde, greift um sich. Kiosk sind da Pioniere. Arash Sobhani: "Musik und das Bloggen sind die einzigen Ausdrucksformen, die unsere Jugend hat. Insbesondere Rap ist inzwischen wahnsinnig populär, und Musiker sind Sprachrohr. Ich bin zuversichtlich, dass man schon bald bedeutsamere und weitaus rebellischere Musik aus Iran hören wird." Wie man die macht - das hat Kiosk schon mal gezeigt.
Dazu noch ein Artikel aus der FAZ vom 14.02.2008
Gruß
Birgitt




