Ich fand eigentlich einen Spruch ziemlich gut, der wohl aus den Reihen der FDP Hamburg kommt:
„Nur weil die Täter ‚Allahu Akbar’ rufen, stehen sie noch lange nicht für den Islam. Pegida ruft ja auch: ‚Wir sind das Volk.’“
Das Problem ist aus meiner Sicht, dass wir wieder schnell ans Verallgemeinern gehen, statt uns an die mühsame Sisyphus-Arbeit zu machen. Das geht nun sogar im Positiven so - auch wenn die Absicht dahinter ja ehrenwert ist: Ahmed Merabet war ein muslimischer Polizist, der da auf der Straße kaltblütig erschossen wurde, ein Kopierer bei "Charlie Hebdo" ebenfalls und der Held im jüdischen Supermarkt war ein muslimischer Malier. Das ist genau die Falle: Gerade in Frankreich, dieser säkularen Republik (mit allen Problemen, die das mit sich bringt), sind die Menschen in allererster Linie französische Republikaner, oder wie es der Bruder des erschossenen Polizisten so kurz und präzise sagte: "Die Irren haben keine Farbe und keine Religion!" Stattdessen vereinnahmen wir sie als "gute Muslime" und geben ihnen jeder Realität zum Trotz in erster Linie eine religiöse Identität.
Ayaan Hirsi Ali ist genauso, wie wir eine gute Muslimin haben wollen: voller Kritik an einem mittelalterlichen Menschenbild des Islam. Da ähnelt sie dem höchst umstrittenen Hamed Abdel-Samad. Beide sind aber genauso wenig repräsentativ für den Islam wie die Attentäter von Paris und sonstwo.
Und jedesmal, wenn wir uns auf ihre Sicht einer berechtigten religiösen Gewalt einlassen, geben wir ihnen genau, was sie wollen.
Dagegen wehre ich mich! Nur, weil ich differenziere und politische, ökonomische, soziale, psychische und andere Probleme nicht sofort auf die Religion an sich schiebe, lasse ich mich ganz definitiv nicht auf "ihre Sicht einer berechtigten religiösen Gewalt" ein. Gewalt ist in aller Regel nie berechtigtes Mittel der Auseinandersetzung - von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen (was leider auch von westlichen Staaten beileibe nicht immer akzeptiert wird).
Im Islam ist es eine schwere Sünde, den Propheten Mohammed bildlich darzustellen oder in irgendeiner Weise zu beleidigen.
Auch das stimmt nicht: Es gibt vielerlei Bilder des Propheten in Galerien und Museen. Es ist eher Usus geworden, aus Respekt den Propheten nicht abzubilden. Also eher ein soziales denn ein religiöses Tabu. Und der Streit geht weniger um die Abbildung als solche als um die angebliche Verunglimpfung. Und darüber sollte - vor allem innerhalb der islamischen Welt - ein "Glaubensstreit" geführt werden.
Und umgekehrt werden wir auch darüber streiten müssen, warum die Mohammed-Karikaturen zur Meinungs- und Pressefreiheit gehören müssen (was ich deutlich unterschreibe!) und gleichzeitig - z.B. in den USA, dem Hort des freien Wortes, aber durchaus auch bei uns - Satire und Essays gegen Juden, Schwarze, Homosexuelle etc. als Hate Speech gebrandmarkt und und zu Recht (?) geahndet werden. Wo endet die Freiheit (vergangenen Freitag in "Aspekte", ZDF: "Satire darf alles") und wo beginnt die "Political Correctness"?
Wir müssen erkennen, dass die heutigen Islamisten von einer politischen Ideologie angetrieben werden, einer Ideologie, die in den grundlegenden Texten des Islam eingebettet ist. Wir können nicht länger so tun, als sei es möglich, die Taten zu trennen von den Idealen, die sie inspiriert haben.
Das muss der Ausgangspunkt sein für den Westen, der auf die dschihadistische Gewalt zu oft mit Appeasement geantwortet hat.
Eben: Es ist eine politische Ideologie und so muss sie auch behandelt werden. Und: Nein, der Westen hat - siehe Afghanistan, Irak und zuletzt ISIS - wahrlich nicht mit Appeasement auf dschihadistische Gewalt geantwortet! Wir haben im Gegenteil zu oft nur mit "Krieg gegen den Terror" versucht, mit Waffengewalt eine politisch verquaste Ideologie auszumerzen. Die Folgen kennen wir.
Was mir vielmehr Mut macht, ist die Tatsache, dass in der arabischen und weiteren muslimischen Welt das Echo auf die Taten von Paris wesentlich aufgeklärter ist, als es noch vor wenigen Jahren auf die Mohammed-Karikaturen in Dänemark war. Angesichts des politischen Scheiterns des "Arabischen Frühlings" (mit der Ausnahme Tunesien und vielleicht Marokko) haben wir übersehen, dass ein tiefgreifender gesellschaftlicher Wandel schon längst begonnen hat. Und der schließt auch einen offenen und sehr (selbst-)kritischen Umgang mit der Mehrheitsreligion in der Region ein! Diese Entwicklung, das zeigen die Reaktionen der letzten Tage bei Muslimen in Europa wie in der arabischen Welt eindrucksvoll, beschleunigt sich durch die Taten von Paris nur!
Viele Grüße aus Beirut
Achim