hier mein "offener brief" an den stellvertreter des ägyptischen tourimusministers:
Reisen in Ägypten als Individualtourist
Meine drei Reisen durch Ägypten mit eigenen Fahrzeug:
Ich war das erste Mal 1985 in Ägypten, Einreise über den neu eröffneten Grenzübergang Tabaa von Israel nach Ägypten. Ausreise 5 Wochen später von Alexandria aus mit der Fähre Espresso Egitto nach Griechenland.
Das zweite Mal besuchte ich Ägypten 1998, Einreise von Libyen (Solloum), Ausreise 8 Wochen später von Assuan über den Nassersee auf einem Ponton nach Wadi Halfa (Sudan), auf diesem Weg als erste Touristen seit über 5 Jahren!
Das letzte Mal war ich von Januar bis März 2005 in Ägypten, Einreise wieder von Libyen, Ausreise von Nuweiba per Fähre nach Aqaba (Jordanien).
Ausserdem war ich zwischendurch zweimal mit dem Flugzeug für jeweils 2 Wochen im Land.
Hier meine Erfahrungen dazu:
Ägypten ist ein wunderschönes und interessantes Reiseland und hat sowohl kulturell als auch landschaftlich viel zu bieten. Doch das Bereisen dieses Landes wird durch Reglementierungen und die Bürokratie mehr als in jedem anderen Land erschwert. Ich möchte im folgenden die Punkte aufzählen, die mir besonders aufgefallen sind:
Die Anreise mit eigenem Fahrzeug ist zur Zeit - da nur auf dem Landweg möglich - äußerst zeitaufwändig, sowohl über Tunesien-Libyen als auch über Syrien-Jordanien. Warum gibt es keine Fähren über das Mittelmeer von Italien oder Griechenland mehr (so wie noch bis 1993 die italienische Espresso Egitto), die Anreise könnte von etwa einer Woche auf 2-3 Tage verkürzt werden.
Zur Einreise nach Ägypten wird zwingend ein Carnet de Passage, das internationale Zollpassierscheinheft, benötigt. Es wird in Deutschland nur vom ADAC ausgestellt und kostet zwischen 150 und 250 Euro. Dazu wird eine Bankbürgschaft benötigt, die üblicherweise 1500-2500 Euro beträgt, für Ägypten als einziger Ausnahme werden, je nach Fahrzeugwert, zwischen 5000 und 15000 Euro verlangt. Warum verlangt Ägypten für Touristenfahrzeuge ein Carnet? Kein anderes afrikanisches Mittelmeer-Anliegerland (auch nicht Jordanien und Syrien) verlangen dieses. Und wenn schon mit Carnet eingereist werden muß, warum sind mögliche Zollforderungen so hoch, dass die Bankbürgschaft vom ADAC dermassen hoch angesetzt werden muss? Warum kann es keine Sonderregelung für Touristenfahrzeuge geben? (Algerien und Tunesien tragen z.B. das Fahrzeug in den Reisepass ein, Libyen stellt an der Grenze für etwa 80 Euro ein nationales Carnet aus).
Die Ein- und Ausreiseformalitäten sind extrem aufwändig und langwierig, warum muss die Einreise bei Solloum 3-5 Stunden dauern, das gesamte Fahrzeug samt allem Gepäck durchsucht und überprüft werden ? Das ist mir auf all meinen afrikanischen Reisen bis nach Südafrika sonst nirgendwo passiert.
Positiv sei erwähnt, dass bei der Zollabfertigung in Nuweiba/Sinai immer ein Helfer des Ministry of Tourism bei der Bewältigung der Formalitäten zur Seite steht. Besonders negativ ist dagegen die Abwicklung am High Dam Harbour bei Assuan, mehrmals wird der Tourist zwischen dem Grenzhafen und der etwa 10km entfernt liegenden Stadt hin und her geschickt, was letztlich einen vollen Tag an Arbeit (und Zeitverlust) an der Grenzstation bedeutet.
Warum müssen endlos viele Formulare (viel mehr als in allen von mir bereisten arabischen Ländern) ausgefüllt werden, der Tourist muss sie kopieren und beglaubigen lassen, und immer wieder steht er in Warteschlangen an überfüllten Schaltern...
Die Einreise nach Tunesien dauert normal etwa 10 Minuten, um nach Algerien oder Libyen einzureisen, habe ich eine gute halbe Stunde gebraucht, selbst touristisch weniger erfahrene Länder wie Syrien und Jordanien hatten die Formalitäten in einer Stunde erledigt!
Und warum sind die Ein- und Ausreisegebühren auch an gleicher Grenzstation bei verschiedenen Touristen manchmal so extrem unterschiedlich, trotz scheinbar gleichen Voraussetzungen? Touristen sind leider nicht in der Lage, die nur auf arabisch geschriebenen Formulare zu lesen und zu überprüfen. Wäre es nicht möglich , Formulare zumindest zweisprachig (arabisch/englisch) zu drucken, um die Formalitäten verständlicher zu machen und Missverständnisse zu reduzieren?
Viele Touristen sind nicht nur an den Überresten der ägyptischen Geschichte und der Kultur in den Städten und Oasen interessiert, sondern wollen auch die einmalige Landschaft der Sahara erleben und geniessen.
Warum ist es so schwierig, eine Fahrt in die Westliche Wüste zu unternehmen? Touristen reisen heutzutage meist mit gut ausgerüsteten und neuen Fahrzeugen, sie haben Satellitentelefon und Satelliten-Navigation an Bord (was an der Grenze nicht zu Schwierigkeiten führen sollte!), und sind erfahren mit der Wüste und gut informiert. Warum muss ein Führer und zusätzlich ein Offizier im Fahrzeug mitgenommen werden, was die Kosten unverhältnismässig in die Höhe treibt (zeitweise 100 USD pro Tag für den Offizier, für ägyptische Verhältnisse scheint mir das arg überteuert)? Das Fahrzeug muss zusätzlich beladen werden (zur Person auch noch Ausrüstung, Verpflegung und Wasser für diese), was der Fahrsicherheit bestimmt nicht zugute kommt.
Würde zur Erhöhung der touristischen Sicherheit nicht eine Abmeldung in der letzten besuchten Siedlung (mit Angabe von Reisezeit und Ankunftsort, ) und Wiederanmeldung dort ausreichen?
Warum sind touristisch interessante und wichtige Verbindungsstrecken militärisch gesperrt, z.B. die Strasse zwischen Siwa und Bahariya oder zwischen Dakhla und Abu Simbel?
In Ägypten ist es in den letzten Jahren einige Male zu terroristischen Attentaten gekommen, allerdings nicht speziell nur auf touristische Ziele. Ich verstehe die Notwendigkeit von Strassenkontrollen überall im Land und die Präsenz von Polizei und Militär auch an touristisch viel besuchten Orten.
Doch wozu dient der Konvoi entlang des Niltals und auf den Strassen zum Roten Meer?
Als Individualtourist schreckt mich dieser Konvoi ab und lässt mich nicht sicherer fühlen. Ich bin dabei zu einer festen Uhrzeit auf vorgegebener Strecke mit vielen Touristenbussen unterwegs, die zusammen mit den begleitenden Polizeifahrzeugen oft viel zu schnell oder gar riskant durch alle Ortschaften brausen, dabei bleibt mir überhaupt keine Zeit, die durchfahrene Region zu geniessen oder auch nur anzuhalten, um z.B. eine Pause zu machen.
Ich halte die Mitfahrt in Konvois für gefährlicher als mein Alleine-durch-das-Land-fahren, da jeder Konvoi als potenzielles Ziel für Attentäter gelten kann. Deshalb werde ich auch in Zukunft versuchen, Strecken, die im Konvoi befahren werden, zu vermeiden und notfalls nicht zu bereisen.
Ich bin überzeugt (und weiss auch von zahlreichen Reisefreunden), dass bei vielen Reisenden der Wunsch besteht, Ägypten zu besuchen und individuell zu bereisen. Allerdings sind die Möglichkeiten durch den 4-5-wöchigen Jahresurlaub begrenzt, und die derzeitigen zeitaufwändigen Formalitäten und Anreisewege behindern die Durchführung solch einer Reise erheblich.
Individualreisende wollen ihren Urlaub frei gestalten und das besuchte Land hautnah erleben. In Ägypten wird das freie Reisen zur Zeit durch zu viele Restriktionen behindert, interessante Reisegebiete und -strecken sind gesperrt und der "kritische" Konvoi lockt mit Sicherheit keinen Touristen mehr ins Land.
Individualtouristen sind meist deutlich besser über das bereiste Land und die aktuelle Situation dort informiert als Pauschalreisende, sie können das Risiko einer Reise wesentlich besser einschätzen und haben ein intensiveres Interesse an dem besuchten Land und seiner Bevölkerung. Wenn der Individualtourist ganz Ägypten in seiner Vielfalt und Schönheit ohne Probleme erleben durfte, ist er bestimmt ein guter Botschafter für weitere zukünftige Ägyptenbesucher.
Ich hoffe sehr, dass einige dieser Behinderungen behoben werden können, dass individuelles Reisen in Ägypten in Zukunft zumindest ein wenig einfacher werden wird, so dass ich mich noch mehr darauf freuen kann, dieses Land weiterhin zu besuchen und zu empfehlen.
Mit freundlichen Reisegrüssen und Ma'a Salama
Uwe Schmitz