Es wird Zeit zum Hafen zu kommen, um 14 Uhr sollen wir das Auto verschiffen.
Da ist es ...
... unser Schiff !
Was uns im Hafen erwartet, ist der helle Wahnsinn. Wir erkennen das ganze nicht wieder. Menschen überall. Wir kommen kaum durch bis zur Schranke. Ich steige aus, erkläre den Militärs an der Schranke, dass wir zu Papa Lutimba aufs Boot wollen. Die Schranke geht auf, und gleichzeitig mit unserem Fahrzeug drängen Menschenmassen zum Pier. Es geht nicht vor und nicht zurück. Ganz langsam bewegen wir uns nach vorne zum Schiff - und glauben nicht richtig zu sehen. Das Boot ist voller als vollgeladen, liegt über einen Meter tiefer im Wasser als gestern. Wir haben keine Ahnung wie wir das Auto aufs Boot bekommen sollen. Es gibt auch keine Möglichkeit zu rangieren, da der Pier genau so breit ist wie unser Auto lang. Immer mehr Menschen strömen zum Boot, auf das Boot ... Bewaffnetes Militär ist im Einsatz, um die Menschen dort in Schach zu halten und wenigstens ein Teil von ihnen zurück in den Hafen zu drängen. Alles wuselt, schreit und kreischt durcheinander.
Dann geht auf einmal alles sehr schnell. Ein Dutzend Männer rucken das Auto rum und schieben es blitzschnell über eine aus Fischsäcken gebaute Rampe runter aufs Boot. Jemand springt ans Auto und lässt blitzschnell an allen 4 Reifen die Luft raus "pour raisons de sécurité"

Gleichzeitig wird das Auto noch festgezurrt, wozu auch immer, es könnte eh nirgends hin

Ich bekomme auf dem Pier einen Schubs verpasst und lande neben dem Auto im Trockenfisch

Weitere Menschen stürmen das Boot. Immer mehr Kisten und Säcke werden ums Auto rum gepackt. Ich beeile mich ins Fahrzeug zu kommen, denn schon bald lassen sich die Türen nicht mehr öffnen. Wir sind gefangen. In unserem eigenen Auto. Und wir wissen in dem Moment, dass es keine gute Idee war, das Auto aufs Schiff zu verladen. Aber das konnten wir gestern nicht ahnen.
Um es kurz zu machen - wir sind auf einem etwa 35-40 m langen Boot zusammen mit Bergen von Trockenfisch, Säcken, Fässern, Getränkekisten und anderem Transportgut sowie etwa 500 Menschen. Alleine 9 Männer (!) haben es sich auf unserer Motorhaube bequem gemacht. Bis UK Fenster ist das Auto ringsum mit Kisten und Gepäck zugestellt, darauf sitzen Männer, Frauen, Kinder, Enten und Hühner. Niemand an Bord kann sich noch bewegen. Das Schiff legt ca. 18 Uhr mit ziemlicher Schräglage ab, denn wir können zwischen den Köpfen der Leute hindurch den vorderen Mast sehen - und damit die Schieflage. Die Stimmung an Bord uns gegenüber ist nicht die beste, denn in den Augen der Leute nehmen wir zu viel Platz weg. Womit sie recht haben. Wir sind aber wahrscheinlich auch mit die einzigen, die ein bezahltes Ticket vorweisen können. Die Nacht bricht heran und wir hören das ferne Grollen eines Gewitters. Irgendjemand stimmt ein Gotteslied an, es ist das Lied, das auch am heiligen Abend in der Kathedrale von Moba immer wieder ertönte. Immer mehr Menschen fallen ein in den Gesang. Die ersten Blitze zucken und werfen ab und zu ein gespenstisches Licht auf diese Szenerie. Einige Kilometer vor Kalemie sehe ich durch die Köpfe der Menschen hindurch auf dem Wasser Dutzende von Fischerbooten, die im Schein von flackernden Öllämpchen ihrer Arbeit nach gehen. Als Unbeteiligter betrachtet mutet es ziemlich romantisch an, ähnlich wie "Papa Wemba, on the Congo River" - wenn man sich aber mitten in diesem "falschen" Film befindet, ist es eher unlustig.
Irgendwann in der Frühe setzt auch der große Gewitterregen ein und eine riesige UNHCR-Plane wird über die Köpfe und unser Auto hinweg ausgebreitet. Wie in einem Kokon fühle ich mich nun endgültig eingesperrt und bemühe mich nicht daran zu denken, was passiert, wenn das Schiff kentert .... Nach einer langen Nacht, in der wir kein Auge zugemacht haben und mein eigenes Kopfkino fast Amok gelaufen ist, erreichen wir in der Morgendämmerung Kalemie. Wir können erst bei Sonnenaufgang in den Hafen einlaufen, wenn die Sicht es zulässt. Erleichterung macht sich bei uns breit, als wir die allgemeine Hektik wahrnehmen, mit der die Menschen von Bord strömen. Immer mehr Säcke werden entladen, immer mehr Kisten verlassen das Schiff.
Nach 15 langen Stunden kann ich nun wieder die Fenster öffnen und sehe Papa Lutimba auf der Brücke stehen, der sofort ruft "Brigitte, ça va bien?" Er strahlt, als er meinen hocherhobenen Daumen sieht
Gruß
Birgitt