" Auch finde ich ein Urteil schwierig, ob eine (begrenzte) Autonomie nun eine revisionistische Politik darstellt oder nicht. M.E. ist es den
Tuareg-Führern durchaus klar, dass es keine weitgehende (im Sinne von staatliche) Autonomie geben kann. Sie versuchen aber durchzusetzen, dass die zentralistische Ich-Bezogenheit Malis oder auch Nigers die jeweiligen Nordregionen nicht in fast allen Belangen benachteiligt. Eigentlich müssten die jeweiligen Regierungen zu der Einsicht kommen, dass sich eine solche Politik auch mit Gewalt nicht durchsetzen lässt. "
Der Begriff "Revisionismus" ist für mein Verständnis überwiegend mit ideologischen Auseinandersetzungen über die wichtigsten Aussagen des Marxismus verbunden und sollte hier nicht unbedingt verwendet werden. Ich würde eher von ganz realen politischen Forderungen - im Sinne einer Korrektur des kolonialen Erbes - sprechen.
Und auch wenn es weh tut: wir sollten das Problem nicht nur unter "Zentralismus" und regionalen Präferenzen betrachten. Hier wirken auch sehr stark ethnische Frustrationen mit. (Und ich bin überzeugt, daß dies auch Dir bei Deinen zahlreichen Reisen dort schon begegnet ist!)
Es ist also gewiß keine böswillige Interpretation, wenn man erkennt, daß die dortigen Regierungen mehr denn je am Erhalt des Status quo interessiert sind, als an der Zusicherung neuer Freiheiten, die ja auch durchaus den Deckel von Pandoras Büchse heben könnten - wer weiß das schon?!
"Die Familien-Strukturen (ich mag nicht so gerne von Clans reden, das hat immer so einen negativen Beiklang) in Nord-Mali sind offensichtlich ausgeprägter als in Nord-Niger. Dies hat in Mali immerhin dazu geführt, dass nun einige Familienchefs (die Pressemeldung spricht von "délégation de notables touareg") ihren Einfluss im Sinne einer Mäßigung geltend machen."
Dein Unwohlsein beim Begriff "Clan" kann ich teilen. Wir lesen ihn ja jeden Tag in schlimmsten Zusammenhängen. - Ich fürchte aber, daß der ohnehin nur sehr regionale Einfluß der Chefs kontinuierlich abnimmt. Da geht einfach der internationale Wind drüber. Beipiel eben gerade Nord-Mali, wo ja die Region Kidal seit vielen Jahren in Gärung ist.
" Wenn die Positionen unvereinbar sein sollten (und das sehe ich eigentlich nicht ganz so scharf, Kompromisse sind immer möglich), darf man sich nicht auf Verträge einlassen und diese unterschreiben, wenn man sie nicht erfüllen will."
Na ja, das ist eine sehr freundliche Betrachtung! :o Du weißt doch ebenso wie ich, daß Verträge aus Worten bestehen. Sehr bald nachdem die Tinte trocken ist, beginnt - und wirklich nicht nur in Afrika - die Suche nach dem "Geist des Vertrages" - und damit die (nicht selten schlitzohrige) Interpretation! Der politische "Kompromiss" erschöpft sich zuweilen in der simplen Bereitschaft, dem Kontrahenten am Verhandlungstisch ruhig ins Auge zu sehen. :(
Und leider sind damit weder Minen noch Kalaschnikow beseitigt. Es überlagern sich in diesen Gebieten einfach zu viele Partikular-Interessen. Und wenn die Elefanten tanzen, fallen auch die Heuschrecken vom Baobab!
Gruß
Roger T.