Afrikanische Erfahrungen

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er viel erzählen: Reiseberichte zum Informieren und Träumen, fotografisch dokumentiert. In diesem Forum findet ihr Reiseberichte als "Fotostreckenführer" zu interessanten Reisewegen.

Moderator: Moderatoren

Antworten
dietmar.peter
Beiträge: 99
Registriert: Do 26. Mär 2009, 11:21
Wohnort: 10777 Berlin

Afrikanische Erfahrungen

Beitrag von dietmar.peter »

Afrikanische Erfahrungen….
von Dietmar Peter

Bild

Manchmal glaubt man, alles machen zu können, obwohl die Erfahrung
Grenzen setzen müßte. Dreiundvierzig Fahrten mit eigenem Fahrzeug nach und in Afrika hinterlassen nicht nur Eindrücke, auch Verhaltensweisen, die sicherlich nicht nur in den unendlichen Weiten des Kontinents als auch bei der Fremdartigkeit der Menschen von Nutzen sein könnten.
Menschen, die in ihren Abgeschiedenheiten Lebensweisen und Verhalten bewahrten, die den unsrigen so fremd geworden sind- immer wieder von neuem Anreiz geben, auch Gefahren vergessen zu lassen.

Dennoch gibt es viele Ängste, die man durchlebt, die immer wieder da sind, nicht nur während der Planung oder Fahrt, auch bei Erinnerungen, die sich dazwischendrängen mit Einzelheiten von Geschehnissen.

Wer nicht nur den Hauptstrecken und ausgefahrenen Pisten folgt, sich in Hotels oder Campsites bequem macht, findet in Afrika außerhalb touristischer Infrastruktur Situationen vor, die uns vielfach auf das Ursprünglichste reduzieren:
Angst und deren Überwindung.

Wer die Einsamkeiten sucht, fernab von Touristenströmen, wird sich immer wieder fragen nach den Gefahren, die die Fahrt begleiten, und ob die farbenfrohe Andersartigkeit der Altvölker Afrikas nicht allzu romantisch gesehen wird- wissend, daß es Menschen gibt, die in einer Erfahrenswelt leben, die wir nicht begreifen noch betreten können.
Fehleinschätzungen können durch Erfahrung begrenzt, aber nicht ausgeschlossen werden.
“In the night, they change their face”- die Moran, die Krieger der Rendille und Samburu in Kenia, die in den Bergen ihren Kriegsdienst absolvieren und während dieser Zeit nicht nach hause kommen dürfen- Überfälle sind daher vorprogrammiert.
*
Wer auf dem Wege von Kenia hinauf westlich des Turkana-Sees nach Äthiopien fährt und weiter nach Kibish/Äthiopien in Richtung Maji, und dem dann nach Durchquerung des Omo-Parks vollkommen nackte Männer vom Stamm der Surma mit Kalashnikov entgegenkommen, wird zunächst derart fasziniert sein, dass das Erstaunen der Entdeckung die Angst verdrängt, die aus der Ohnmacht des Moments hervorbricht, ausgeliefert zu sein, nicht fliehen zu können und dennoch mit dem Leben davon zu kommen.
Hinterlassen wird die Erfahrung von Menschlichkeit in seiner ursprünglichsten Form. Noch lange prägt das Bild dieser Menschen das Bewußtsein und bringt hervor das Gefühl der Zusammengehörigkeit.
Immer sind es diese Augenblicke, die scheinbar noch nicht erlebt, sicherlich nicht während pauschalierter Reisen in der globalisierten Welt.
*
Vielleicht ist es der durchlebte Überfall am 08.05.1991, fünfzig Kilometer hinter Tessalit/Mali (siehe Sahara-Info Nr.3/91, S.33 : “Eine Erfahrung der anderen Art”, -während der fünfundzwanzigsten Saharadurchfahrt mit der vermittelten und gefühlten Todeserfahrung, die das Bewußtsein mit seinem Mechanismus der Verdrängung bereits in die Tiefen des Vergessens verschoben hat. (“Flucht ist aussichtslos, wohin denn auch…! Gefahr bedeutet dort immer auch Tod: beides kann voneinander nicht getrennt werden. Tod gehört da zum Leben. Unverhofft tritt er auf -und ich war mir ganz sicher, als der PKW in Sichtweite vor mir erschien…Er war einfach da, hervorgestiegen aus der Landschaft, deren rötliche Kiesebenen nördlich von Tessalit am Nachmittag leicht einzusehen sind. Leicht welliges Gelände, das kaum ein Versteck bietet. Nicht, dass Körper und Geist sich plötzlich aufbäumten -keine Änderung im Denken, im Verhalten, was auffällig wäre: es war die Starre, die den Wissenden befällt. Nur der Blick haftet sich fest an das Erwartete. Zu schnell verbindet sich das Leben mit dem Tod.”)
*
Es war beim Wintertreffen des Clubs, als Michael 1992 die Idee hatte, nach Äthiopien zu fahren. Letztes Jahr war Heile Mariam Mengistu entmachtet worden – Sicherheit war da nicht zu erwarten.
Wir fuhren von Berlin los mit Unikat und BJ75 und bogen 10 Km vor den Kufra-Oasen/Libyen direkt nach Osten von der Teerstraße hinein in die sandige Ebene und nach gut einhundert Kilometern durch eine Gebirgspforte nach Südosten biegend auf Selima/Sudan haltend.
Irgendwann waren wir auf dem Plateau des Gilf al Kebir und hatten dermaßen viel Sprit verbraucht, daß wir nach Kufra zurück mußten,
um aufzutanken, um dann noch einmal zu starten hinunter dem Jebel Uweinat im Auge behaltend und mit der Angst vom dortigen Militär entdeckt zu werden.
Panische Angst ergriff uns bei der Durchquerung des großen Sandsee, in einer Sandmulde übernachtend, als plötzlich frühmorgens Motorgeräusche zu vernehmen waren.
In alle Richtungen ausschwärmend und vorsichtig über den Rand blickend gewahrten wir in ziemlicher Entfernung einen Hilux mit affenartiger Geschwindigkeit gen Norden fahrend -Schmuggler, meist schwerbewaffnet, war unser erster Gedanke.
Am nächsten Tag war Michael mit dem Unikat weit vorausgefahren, der vollbeladene BJ75 hatte es schwer, durch die sandigen Strecken mitzuhalten. Nur Sand -und die tiefe Fahrspur des Unimogs zeigte die Richtung in der unendlichen Weite.
Im zweiten Gang fahrend, nur nicht stecken bleiben, leichte Dünen hoch und runter -als plötzlich im Rückspiegel auf der kleinen Anhöhe spurfahrend ein weiterer Toyota erschien. Der Atem stockte und in den Momenten der Irretationen, in denen die Hoffnung auf Flucht schlagartig schwand, war er auch wieder verschwunden. Das Pedal war durchgetreten, nur weg, der nächste Anstieg sollte Klarheit bieten: doch - wie vom Erdboden verschluckt, verschwunden im endlosen Sand.
Noch lange lagen wir in der nächtlichen Dunkelheit des Großen Sandsees und reflektierten über das Erlebte.

Zur äthiopischen Grenze wurde ein Konvoi zusammengestellt, zwei LKWs, vier Pkws und zwei Traktoren, in jedem Fahrzeug zwei Soldaten mit Granaten und Panzerfäusten. Nachfragen ergaben, dass die äthiopische Banditen auch mit schweren Waffen ausgerüstet seien.
Im Dunklen und bei schwüler Hitze quälte sich die kleine Fahrzeugschlange mit aufgeblendeten Scheinwerfern auf der schmalen ausgewaschenen Piste durch die buschbewachsenen Hügel. Der Schweiß, den nicht nur die Hitze aus den Poren drückte, rann in Strömen. Die beiden Männer und die im neunten Monat schwangere Frau aus Gondar mit ihrem kleinen Mädchen, die mit im Fahrzeug waren, zeigten sich überglücklich, als wir bei strömenden Regen in stockdunkler Nacht von den schwerbewaffneten Grenzern in Metemba/Äthiopien eine Lehmhütte zugewiesen erhielten, deren Inneres durch das Licht der Karbitlampe und den Ausdünstungen der Kuh mit ihrem Kalb warm gehalten wurde.
*
Es gab zwar viele Überfälle, die sich aber wie ein Lauffeuer verbreiteten und die Fragen nach dem Zustand der Piste und ob “shifta” vorhanden seien, waren obligatorisch und man konnte sich behutsam von Ort zu Ort vorantasten, ohne einer Gefahr zu nahe zu kommen.
Es war damals Yeswas in Gondar/Äthiopien, das wir am nächsten Tag erreichten ,der erklärte: “wenn Du die Sprache nicht kennst, kann es Dein Tod sein”, der fünfzehn Jahre an der Eritrea-Font gewesen ist und mit dem wir in den folgenden Jahren fünf Fahrten zusammen durchlebt haben.
Oft sind die Banditen bekannt im Umfeld und nach Überfällen sperrte man nicht selten den ganzen Ort ein. Die Freigekommenen benannte oft den Richtigen.
*
Vorallem Berg-und Waldgebiete waren Orte für Räuber. Auch Polizisten konnte man nicht trauen. Yeswas erklärte, dass es meistens fünf seien: zwei kämen ans Fahrzeug, die anderen drei warteten versteckt. Bloß keine Fehler machen! Von Hossaina/Äthiopien kommend hinunter nach Wolaita, oben dicht mit Wald bestanden: plötzlich sprangen zwei Männer mit Gewehren aus dem Wald vor das Auto, sagten, sie seien Polizisten: “Woher, wohin…!”
Yeswas bleibt ruhig und schweigt, läßt sie näher kommen, antwortet nicht. “Seht Ihr die Augen,” sagt er auf englisch, “tasten alles ab im Wageninnern, ob sie etwas nehmen können….und die anderen da drüben -keine Polizisten!” Dann herrscht er sie an, fast im Befehlston-
wortlos gingen sie in den Wald zurück -Aufatmen!
“Sag nie wohin Du fährst, nächsten Morgen kann Dich sein Bruder überfallen“!-
*

Am Rande des Chalbi-Dessert/Kenia, die weit einsehbar ist, begegnet man hin und wieder hunderten von Kamelen, die von bewaffneten Rendille begleitet werden. Ein versteckter Schlafplatz ist nicht zu finden.
Wenn die Sonne untergegangen ist, wird es schnell dunkel. Wenn in dieser Phase der Dämmerung sich von weitem zwei Männer nähern mit Gewehren, Speeren und Schwertern, ist derer bunter Schmuck an Kopf und Hals nicht mehr von Interesse. Fast steht der Atem still. Fliehen ist Unsinn. Entgegengehen zeigt Wohlwollen und die ausgestreckte Hand Freundschaft. Erst als sie ergriffen wird, fällt die Angst. Wasser und Zigaretten lassen sie friedlich von dannen ziehen zu dem endlosen Band, das die davonziehenden Kamele zeichnen.
Vollkommen beruhigt sitzen wir in der Dunkelheit an dem gleichen Platz, an dem das Nahen der Fremden noch vor kurzem das Herz höher schlagen ließ und legten uns vollkommen beruhigt zum Schlafen in der Gewißheit, dass die Nacht ruhig werden wird.
*

Aber auch die Gefahrensituation im Januar 2000 -ca. 68 km hinter Dima/S-W Äthiopien -im Gebiet der Surma (Tellerlippen-Stamm), das während sieben Fahrten nach Äthiopien nun zum zweiten Mal aufgesucht worden war, hat im Bewußtsein kaum Spuren hinterlassen.
Tief lag der schwer beladene Landcruiser in den Federn, als wir hinter Dima auf der in der Regenzeit tief durchfurchten schmale Piste versuchten, der stehenden Hitze davonzufahren. Bei 45 Grad wird jeder Luftzug zur Wohltat.
Nackt kamen Männer entgegen, tragen Gewehre, erwidern den Gruß nicht, auch die barbusigen Mädchen in ihren Lederfellen zeigten sich verschlossen und folgten ihren Beschützern. Übernachten hier im Busch wäre zu gefährlich, Anlehnung an Hütten -das einzig sichere.
Als die Dunkelheit nahte entschieden wir uns neben der kleinen schmalen Piste hinter ein paar Bäumen zu übernachten. Vereinzelte Strohhütten standen entfernt und nach kurzer Zeit zeigten sich Tellerlippen-Frauen und Männer mit AK 47. Friedlich waren die Momente der ersten Kontakte und Annäherungen.
Wir vereinbarten eine Nachtwache. Ein ungutes Gefühl stieg hoch- zu viele Gewehre, sagte ich zu Gelltiy, unserem äthiopischen Freund vom Stamm der Hamer und Begleiter. Mühsam versuchte er, die Zahl der Wächter von sechs auf drei zu reduzieren.
Die Nacht war ruhig und am Morgen brachen wir bald auf in Richtung Turgit und Kibish. Etwa 10 km hinter unserem Nachlager sprang plötzlich von rechts eine Gestalt aus dem Busch vor den Wagen und legte das Gewehr auf mich an. Ich stoppte sofort, Waltraud und Gelltiy sprangen hinaus. Aber er ließ sich von deren Reden nicht beeindrucken und legte weitere zweimal an, unterbrochen vom Aufheben eines großen Steines, den er in die Windschutzscheibe werfen wollte- entschied sich dann aber doch noch einmal für einen weiteren Anschlag mit wutverzerrtem Gesicht.
Beunruhigt hat mich danach, dass es nicht Angst gewesen ist, die mich in diesen Minuten begleitete- bis ich im Seitenspiegel einen Mann die Piste entlangkommen sah, der ihn weggetrieben hat…..
*
Angst bedeutet Sicherheit, schärft die Nerven und die Abwehrbereitschaft- die Aussichtslosigkeit nimmt sie schnell.
Wir entschieden uns spontan, im nächsten Jahr eine kurze Kalashnikov mitzunehmen, um diesen tödlichen Gefahren begegnen zu können, verwarfen am nächsten Tag aber das Vorhaben wiederum in Anbetracht vieler Diskussionen über den Wert von Waffen auf Reisen und deren Nutzlosigkeit, bedenkt man, daß die fünf anderen, die im Busch lagen, das Fahrzeug durchsiebt hätten.
*
Da ist die Angst vor der Autopanne weitab von menschlicher Behausung.
Selbst in Kenia kann ein Stehenbleiben des Fahrzeugs das Ende bedeuten.
Der Norden Kenias ist von eine solchen Qualität, wo jährlich Dutzende, oft Hunderte getötet und hunderte , oft tausende Stück Vieh gestohlen werden.
Rendille, Samburu, Pokot und Turkana sind jährliche Informanten der Vorkommnisse, die für uns unglaublich erscheinen.
Dabei ist die Panne nur das kleinere Übel: jahrelang sind wir von Nairobi nach Äthiopien gefahren, hoch zum Turkana-See und dann hinüber nach Kargi und Marsabit und zur Grenzstation Moyale oder direkt über Loyangalani entlang der Ostseite des Turkana-Sees nach Illeret und Omorate/Äthiopien..
Vierzig Kilometer vor Baragoi/Kenia, nach den hohen Bergen, gerade da unten, wo die weite Ebene der traumhaften Landschaft beginnt, zerreißt ein Krachen die leicht entspannte Fahrt abwärts -hinteres Differential!
Busch und glühende Hitze -vierzig Kilometer vor Baragoi.
Angst ließ die Zeit nicht zu, in der ich die Kardanwelle und die beiden Steckachsen ausgebaut und gesichert habe und mit dem vorderen Antrieb weitergefahren bin. Auch Gedanken wurden blockiert und je näher sich Baragoi zeigte, umso mehr erlangte Sicherheit die Oberhand.
*
Bars sind regelmäßige Informationszentren- man sucht sie auf, um mit ein paar Flaschen Bier der latenten Angst zu begegnen und den neuen
berichteten Tatsachen nicht all zu viel Glauben zu schenken.
Seit Jahren warnte uns der Barmann in dem kleinen Samburo-Dorf vor Maralal nicht alleine über die Berge nach Baragoi und Souhth Horr zu fahren, da es zu gefährlich sei.
Verstanden haben wir ihn nie –bis uns James aus der Bar in South Horr erzählte,
daß nun nach der Wahl des neuen Präsidenten Kibaki Ende 2002, alles anders werde:
Jeder, der einen anderen umbringe, solle nun in Nairobi öffentlich gehängt werden- das werde endlich Zeit: denn Samburu hätten in den vergangenen Jahren auf der Strecke nach Maralal viele Menschen erschossen- Frauen und Kinder!
*
“Vielleicht war es Gott“, sagte Deborah, die indonesische Krankenschwester des kleinen Hospitals in Kibish/Äthiopien in der Nähe des Omo-Rivers, nachdem wir dort von Kenia kommend hinauf an der Westseite des Turkana-Sees nach Äthiopien einreisten und vor dem Omo-Park den Stamm der Bume besuchten und dann in Richtung Maji fahrend anfangs des Omo-Parks wegen Regens und stehendem Wasser auf dem schlüpfrigen Lehmboden wieder umkehrten. “Täglich gibt es Schießereien zwischen den Mursi, die über den Omo-River kommen und in den Bergen der Umgebung sich versteckten- und den von ihnen verhaßten Bume.“ Lange hängt noch die Angst in den Gedanken daran, dass wir in dem Buschwerk an den Bergen unser Nachlager aufgeschlagen hatten.

*

Büsche mit ihren langen spitzen Dornen geben oft Schutz für ein Nachtlager, jedoch sollte man sicherstellen, dass auch eine Flucht bei Nacht möglich bleibt.
Von Kenia kommend haben wir in Südäthiopien die einsame Piste nach Negele, Borana-Gebiet, genommen.
Nach ausgiebigem Alkoholgenuß versuchten wir noch einen guten Schlafplatz zu finden, doch die aufgeschüttete Piste ließ ein Abfahren nicht zu. Als es bereits dämmerte blieb uns nichts anderes übrig, als seitlich hinunter zu rutschen und dann etwa 1000 m durch die Dornenbüsche zu fahren und blieben stehen, als sie uns an der Weiterfahrt hinderten und die Dunkelheit jede Sicht nahm.
Oft sind das die schönsten Plätze:- Motor aus, Stühle und Tisch hervorgeholt, Essen gekocht und dann nur noch relaxen. Abenezer mußte suchen, um umringt von Dornen einen Platz für sein Zelt zu finden. Heiß war die Nacht und der Schlaf kam schnell, nachdem wir uns hingelegt hatten.
Waltraud stieß mich an und aus dem Schlaf geschreckt hörte ich Abenezer: ”Father come out- I cannot move-they will kill me- come out!”
Ich zitterte am ganzen Körper als ich benommen mich aus dem Landcruiser quälte. “Was ist los- wer ist da, Abe!”- Stockdunkel alles herum. Erst langsam gewöhnten sich die Augen an die Nacht. “Father come!” Ich sah Umrisse von Abenezer, einer weiteren Person und links und rechts von ihnen das Metallglitzern von drei Gewehren in den Büschen ringsum
Abenezer sprach mit einem Mann, der ebenfalls bewaffnet war. Als ich herantrat, wurde ich kaum wahrgenommen und durchlitt die ganze Erbärmlichkeit des Ausgeliefertseins, bis Abenezer zu mir sagte, sie dachten, wir wären Banditen, ihre Hütten stünden nicht weit weg von hier…
Erst als er übersetzte, dass wir hier stehen bleiben können und ihre Frauen am nächsten Morgen uns schöne mit Silberdraht verzierte Kalebassen verkaufen wollten, fiel die bleierne Angst schlagartig ab und nach nur wenigen Minuten fielen wir in Tiefschlaf.

*
Warnungen kommen selten. Insbesondere auf bekanntem Terrain fühlt man sich sicher und die Arglosigkeit läßt keine negativen Gedanken zu.
Auf der kleinen Piste von Marsabit/Kenia hinüber zum Turkanasee stoppte uns im Dezember 2005 hinter Kargi ein für diese Gegend selten heftiger Regen, der die tieferliegende sandige Fahrspur augenblicklich hoch mit Wasser füllte und die lehmige Buschlandschaft daneben in eine Rutschbahn verwandelte: die Einschätzung kommt zur Unmöglichkeit der Weiterfahrt, der Versuch endete nach fünfzig Metern auf glitschigem Boden, der die Sandbleche forderte. Dennoch kamen von South Horr zwei Hilux mit hoher Geschwindigkeit, die eine hohe Bugwelle vor sich herschoben und deren Fahrer im Vorbeifahren Zeichen gaben, nicht weiter zu fahren.
Die schöne Buschlandschaft im Anblick des Mount Kulal hatte uns in den vergangenen Jahren bereits drei Mal schöne Schlafplätze bereitet
und zweimal konnten wir langsam hinter einem Gepardenpaar herfahren, das die Landschaft durchstreifte, einmal mit seinen Jungen…
Die Angst kam aus der Erinnerung: Vor drei Wochen erfuhren wir, nach Äthiopien fahrend in Kargi/Kenia, daß Rendille vierzig Kilometer nördlich an einer Wasserstelle am Rande der Chalbi-Wüste fünf Gabra-Nomaden getötet hätten, im Streit um Weide- und Wasserplätze.
Aus Angst vor Vergeltung liefen Rendille seitdem Patroullie um Kargi herum und schreckten uns unter einem großen Schattenbaum liegend aus unserem Mittagsschlaf: ein bunter wilder Haufen von ca. zwanzig Männern, schwerbewaffnet und mit kurzen Röcken bekleidet mit Ledergürteln zusammengehalten, teilweise mit Straußenfedern am Kopf geschmückt…
Jetzt, in der menschenleeren Buschlandschaft, stieg ein unsicheres Gefühl hoch. Bei Regen in der Nacht ist dem Lehmboden nicht zu entkommen, angelehnt an den kleinen Ort Gatab am Mount Kulal gäbe es ein wenig Sicherheit; Kargi liegt fünfzig Kilometer zurück.
Wir fahren zurück, 10, 20 km, dann ein Flußbett, Wasser, aufgeweichter Sand und große Steine- nicht möglich! Es ist fünf Uhr, zurück nach Kargi, bis zur Dunkelheit könnten wir es ohne Regen schaffen.
Es wunderte mich die Eile, die mich antrieb, das klare Nein der Gedanken hier in der Traumlandschaft zu übernachten.
Nach einer Stunde Fahrt kam ein Hilux entgegen, hielt und aus der Ladefläche mit Bewaffneten löste sich ein bekannter Rendille ,Baraka, der nach dem Zustand der Piste fragte: „wir fahren nach Gatab es ist was passiert, kommen morgen früh zurück!“ Wir erreichten Kargi im Dunklen und bei Regen und fanden einen Übernachtungsplatz. Bereits vor sechs Uhr morgens klopfte jemand ans Auto -Baraka: “Ihr könnt hier nicht weiterfahren, sie haben einen Polizisten erschossen, die Frau des Polizeichefs umgebracht und deren Brüste abgeschnitten und ihrem Baby die Beine abgehakt“. Stumm saßen wir später noch lange bei einigen Flaschen Bier, die eine uns bekannte Rendille-Frau verkaufte.
*
Man muß nicht nach Afrika fahren, um Gefahren zu begegnen, jedoch sind sie oft von anderer Qualität:
Wie das Massaker im Juli 2005 in Turbi/Kenia, auf der Strecke Marsabit-Moyale/äthiopische Grenze - zwanzig mal gefahren!
78 Gabra erschossen von Borana, -Frauen, Kinder, einen neunzigjährigen Mann. Ein kleines Kaff mit einigen Hütten .
Im Dezember waren wir auf der Strecke und übernachtete angelehnt an die Bar im Ort, in den man Militär herbeigeholt hatte. Gepanzerte Fahrzeuge und Mannschaftstransporter sowie patrouillierende Soldaten brachten Unruhe in den Ort, in dem man vergeblich nach der
Ruhe der Betroffenheit und Trauer suchte. Wir saßen noch lange draußen in der dunklen Stille, in der das helle Mondlicht ein paar Patronenhülsen sichtbar werden ließ, die im sandigen Hof herumlagen.
“Vielleicht haben wir zu wenig gebetet!”, antworte der in der Dunkelheit vorbeikommende Officer auf meine Fragen hin , befangen in der Ratlosigkeit über des Geschehene.
Am nächsten Morgen berichtete ein vorbeikommender Kaufmann über das ganze Ausmaß, das man dann im Internet verfolgen konnte: ca. achthundert bewaffnete Borana, teils aus Äthiopien, hatten das Dorf überfallen und das Massaker verursacht.
Man zeigte sich völlig hilflos diesen Gefahren zu begegnen, die von Grenzstreitigkeiten, Kampf um Weidegründe, Wasserstellen und Viehdiebstählen geprägt werden.
Bereits im Jahr des großen Regens (EL Nino) im Jahre 1998 lagen wir in Sichtweite von Turbi mit zwei LKWs im Regen auf halbtrockenem Boden neben der Piste mit gebrochenem hinterem Differential, gequält von einem Heer von Käfern und Mosquitos und mit der Angst vor Überfällen, die dort seinerzeit noch zahlreich waren.
Danach wusste man nicht, an was für einer Krankheit so viele Menschen gestorben seien. Sogar von Milzbrand war die Rede und man warnte, im Ort anzuhalten. Danach einigte man sich auf Malaria und Riff Valley-Fieber.
*
Nach fünfzehn Fahrten/Jahren in Kenia, Äthiopien, Eritrea, Nordsudan und Djibouti scheinen sich die Gefahren vermindert zu haben, die Ängste sind jedoch geblieben.
Sie begannen verstärkt aufzutreten bei der Vorbereitung der Fahrt im Dezember 2006 nach Südsudan -zwei Jahre nach dem Friedensschluß,
der den jahrzehnte langen Bürgerkrieg beendete.
Die Situation im Lande schien sich zu normalisieren. Die Kaufleute aus Uganda machten bereits gute Geschäfte in Juba und in den größeren Orten. Der Grenzübertritt von Kenia aus war zwar möglich, es wurden aber kaum Fahrzeuge gezählt und Sicherheit war nicht gegeben.
Die Britische Botschaft in Khartoum warnte dringend vor der Einreise nach West-und Central Equatoria und meldete Dutzende von Überfällen und Tote.
Verzweifelung tat sich bei mir auf, schlaflose Nächte folgten, als all die Horrormeldungen im Internet dem nahen Abflug nach Nairobi entgegenstanden.. Seit fünfzehn Jahren warten wir in Nairobi, um nach Südsudan zu fahren, es gab Gelegenheiten, jedoch waren die Gefahren zu hoch. Bei Bürgerkrieg hört der Spaß auf!-
Ca. 60 Tote um Juba und auf der Strecke von Torit nach Juba in diesem Jahr, die auf das Konto der Rebellenbewegung Lord´s Resistance Army (LRA) gehen sollten - keine Sicherheit - bis eine Nachricht des südsudanesichen Bildungsministers von einer Konferenz in Nairobi meinen Entschluß verfestigte: Südsudan sei um ein Vielfaches sicherer als manche Gegend in Nairobi (wo wir uns immer so sicher gefühlt hatten).
Wir starten Mitte Dezember 2006 von Nairobi gen Norden und gehen oberhalb des Bogoria-Sees auf die bereits bekannte kleine Piste nach Lokichar, die keinen Fahrzeugverkehr aufweist und mit seinem teils rauhem Untergrund und der enormen Hitze ein echtes Offroad-Gefühl aufkommen läßt. Pokot-Land- Pokot im ständigen Konflikt mit den angrenzenden Turkana., Viehdiebstahl, Tote. Schöne Fahrt durch traumhafte Landschaft, Sand, Berge, Turkana-Frauen mit ihren kahlgeschorenen Köpfen mit den paar herabhängenden Zöpfchen und den Hals mit hochstehend perlenbestickter Krause bedeckt, begleiten uns bis nach Lodwar und dann weiter hoch die gute Teerstraße nach Lokichokio/Grenzort. Die Fahrt zum südsudanesichen Grenzort Nadapal war nur mit Konvoi möglich, der durch die UN zusammengestellt wurde. ½ 10 Uhr morgens am Polizeiposten draußen vor dem Ort warten zwei mit Soldaten vollbesetzte Hilux, und nachdem fünf Fahrzeuge zusammen waren, ging die Fahrt in vollstem Tempo die staubige Piste entlang. Beklemmung machte sich breit. Bald waren sie außer Sichtweite und als wir an der Grenze ankamen, waren sie nicht mehr zu sehen. Verhältnismäßig schnell ging die Abfertigung, 50$ für die Kfz-Versicherung/Monat und weiter ging es auf der guten, durch die GTZ ausgebauten breiten Piste über Narus nach Kapoeta. Die ersten Tusker-Biere aus Kenia gaben in der Bar dem Körper die notwendige Kühle und nahmen dem Geist die latent vorhandene Angst.
Informationen kamen spärlich, wurden aufgesaugt, waren nicht immer richtig: Piste von Kapoeta nach Äthiopien soll in vierzehn Tagen eröffnet werden, Toposa, Dinka in ihren cattle-camps, Bor-town, Rumbeck und Wau -ist possible to drive, no Problem! Die Aussagen beflügelten mich enorm.
Zerschossene Häuser, Reste von Panzern und gepanzerten Fahrzeugen lagen herum. Bei der SPLA (südsudanesische Befreiungsarmee) fragten wir nach einem Übernachtungsplatz und wurden freundlich zu einem Gelände geführt. Am nächsten Morgen winkten auf der Strecke nach Torit mit bunten Perlenketten geschmückten Toposa-Mädchen und ihre Freundlichkeit nahm viel von der Furcht und gab der Hoffnung Auftrieb, einige der vielen Altvölker zu sehen, die ihre traditionellen Lebensweisen noch nicht aufgegeben haben. Und vor allen dies ohne jeglichen touristischen Störfaktor.
Trassen aus weiß/rot bemalten Steinen, markierten Mienenfelder an den Pistenrändern, Tafeln warnten, nur nicht die Piste zu verlassen!
In Torit kamen wir an bei brütender Hitze, auch hier zerschossene Häuser aber rege Betriebsamkeit auf dem Markt. Wir schliefen in einem “Hotel” mit Strohhütten, und sehr teuerem Tusker-Bier aus Kenia und erfuhren am nächsten Morgen von einem kenianischen LKW-Fahrer, daß der Konvoi nach Juba um 10.00 Uhr losfahre - auf der Piste sei am Freitag ein Matatu mit einer Panzerfaust beschossen worden -zwei Tote, vermutlich LRA!
Die Angst war es, die mich aufgeben ließ, nach all den Vorbereitungen, Hoffnungen und gefahrenen Kilometern. Ich hatte keine Lust nur von Ort zu Ort im Konvoi zu fahren. Zu früh, dachte ich, nächstes Jahr noch einmal und die Fahrt ging zurück zum Bogoria-See/Kenia und dann hoch nach Moyale und ein weiteres Mal nach Äthiopien zu den Surma und Mursi. Am 11.01.2007 meldete WFP (World Food Program) dass gestern einer ihrer Fahrer auf der Piste von Juba nach Torit in einem Pickup fahrend, eskortiert von Soldaten der SPLA bei einem Überfall von einer Anzahl Unbekannter, die auf das Fahrzeug mit automatischen Waffen schossen, getötet und ein GTZ-Mitarbeiter und zwei Soldaten verwundet worden seien….

Die Faszination hatte mich ergriffen und ich war mir sicher, im nächsten Jahr wieder hier zu sein, in einem Land, in dem Touristen noch nicht jegliche Ursprünglichkeit totgetrampelt haben.

PS: die Fahrten im Januar und Februar 2008 und 2009 von Kenia aus nach Südsudan, hoch nach Boma oder von Juba hoch nach Bor. Panyangor und Ayot entlang des Jonglei-Kanals und auch von Juba hoch nach Rumbeck und Wau und zurück über Yirol, Tali, Rukon, Juba waren teilweise von Todesangst begleitet!


***

dietmar.peter
Zuletzt geändert von dietmar.peter am Di 5. Jul 2011, 20:53, insgesamt 14-mal geändert.
Dietmar Peter
Kuno
Beiträge: 9586
Registriert: Mi 3. Mai 2006, 10:21
Wohnort: Dort wo andere Ferien machen.
Kontaktdaten:

Re: Afrikanische Erfahrungen

Beitrag von Kuno »

Einiges erlebt!
Chrigu
Beiträge: 989
Registriert: Di 5. Mai 2009, 11:07
Wohnort: Bern

Re: Afrikanische Erfahrungen

Beitrag von Chrigu »

Ich würd mal sagen, da liesse sich glatt ein Buch füllen...
>>>Geduld ist die Kunst, nur langsam wütend zu werden!<<<
Antworten