Dann stell ich doch gleich mal einen Bericht über meine erste Mandara-Reise hier rein!
Die anderen Berichte sind mehr technischer Art!Abenteuer Wüste
Der Bus rast im zweiten Gang auf die Dünenwand zu, die Vorderräder bohren sich in die Böschung, Sand spritzt hoch, der Wagen wird in den Himmel katapultiert. Rapide fällt die Drehzahl. Auf dem Dünenkamm heben die Vorderräder ab, der Bus kippt vornüber, rutscht den weichen Lee-Sand hinunter...
Wieder eine Düne geschafft. Aber das Aufatmen währt nur Sekunden. Höchste Konzentration: Wo ist der Sand zu weich? Wie verläuft die beste Spur? Dort über die Düne?
Der Sand scheint hart. Nein, links raus, durch das Dünental. Vollgas. Der Sand wird schnell weicher, die fast platten Reifen lassen den Bus über die Vorderräder geradeaus schieben. Das Gelände hilft mit, drückt den Wagen ins Tal hinein. Es gilt, die Drehzahl zu halten! Da, eine weiche Kuhle. Plötzlich macht der Wagen einen Satz nach vorn, wir sind auf hartem Presssand aufgesessen.
Halt, Aussteigen, Atempause. Die Hände zittern im Gleichklang mit den flatternden Nerven.
Wir sind unterwegs im Dünengebiet der Edeien von Ubari. Unser Ziel: die Salzseen von
Mandara und Gabroon, Wohnort der Douadas, der „Wurmesser“, einer Restgruppe von Ureinwohnern der libyschen Sahara.
Das Fahren in Sand- und besonders im Dünengebieten erfordert neben sorgfaltiger technischer Vorbereitung vor allem ein Höchstmaß an Konzentration. Fahrfehler rächen sich nicht nur durch strapaziöse Sandschaufelei, sie bergen auch die Gefahr schwerer Unfälle in sich. Eine flache Sanddüne kann auf der Lee-Seite so steil abfallen, daß schräges Überfahren dieser Abbruchkante unweigerlich zum Umkippen des Wagens führt. Es galt, im richtigen Winkel mit Überschußgeschwindigkeit die Düne hochzujagen, fast mit Nullfahrt über den Kamm zu kippen, ohne dort oben mit allen vier Rädern in der Luft hängen zu bleiben, oder – noch schlimmer – nach Skispringer-Manier im freien Flug darüberzuspringen. Beim Abrutschen dann auf der anderen Seite mit Gas sachte nachhelfen, damit sich der Wagen stabilisiert und für den nächsten Dünenkamm wieder ausreichend Tempo aufnimmt. Sehr schwere Passagen sollte man zunächst zu Fuß abgehen und Zeichen stecken, nach denen sich fahren läßt.
Um el Ma: Rätsel eines Wüstensees
Unsere Ankunft in Mandara spricht sich schnell herum. Von den drei Lehrern des Ortes )Palästinenser, wie so oft in Libyen) werden wir zum Essen eingeladen, bei sandigem Reis – wie könnte er in einer solchen Gegend frei von Sand sein – erfahren wir Näheres über Land und Leute. Besonders einer der fünfzehn Seen in diesem fast menschenleeren Gebiet weckt bei der Unterhaltung unser Interesse. Die Lehrer berichten von ihm, er sei bodenlos und auf ihm gäbe es Enten, die zwar schwimmen, aber nicht fliegen könnten. Der See heißt Um el Ma, das heißt „Mutter des Wassers“. Er soll das Ziel unseres ersten Erkundungsausfluges in die Umgebung von Mandara sein.
Solange unser VW Bus vor dem Gästezelt der Schule in Mandara steht, kriechen immer wieder technisch interessierte Oasenbewohner unter den Wagen und begutachten die Vorderachse, der ja offensichtlich das Differential fehlt. Es erscheint doch zu unwahrscheinlich, daß ein zweiradgetriebenes Fahrzeug die hohen Dünen und die weichen Sandtäler bewältigen könnte. Einer der Lehrer begleitet uns als Dolmetscher, und so kommen wir mit einigen der knapp 200 Bewohner von Mandara rasch in Kontakt, erfahren Näheres über ihre Lebensweise. Rings um den brackigen See wird Oasenwirtschaft betrieben. Kleine dieselgetriebene Motorenpumpen, vom Staat kostenlos zur Verfügung gestellt, holen das Wasser aus geringer Tiefe an die Oberfläche. Im Schatten riesiger Dattelpalmen gedeihen spärliche Getreide- und Gemüsekulturen. Am trockenen Rand der Oase sehen wir Hühner, Schafe und Ziegen, für die in den flachen Teilen des Sees Grünfutter geschnitten wird.
Nur für Abenteurer und Fahrkünstler: Der Wüstenritt See und Oase Mandara mitten in der endlosen Weite der Dünen.
Das charakteristische Produkt der Douadas, der Wurmesser, ist der „Dud“. Milliarden dieser winzigkleinen roten Würmer, einer Garnelen-Art (artemia salina) wimmeln in den flachen Seeteilen. Es ist die Arbeit der Frauen, in gemeinschaftlichen, rituell stark geprägten und fremdem Beisein verschlossenen „Fischzügen“ mit schmetterlingsartigen Geräten den den „Dud“ zu fangen. Ausschließlich den Männern ist es dann vorbehalten, mit viel Öl und verschiedenen Gewürzen daraus ein Mus zu kochen, das als tägliche Nahrung zu einer Art Suppe verdünnt oder in Pastenform an die Bewohner der entfernt liegenden Siedlungen und an nomadisierernde Tuareg-Stämme verkauft wird. Die Dud-Paste steht im Rufe, ein ausgezeichnetes Aphrodisiakum zu sein, entsprechend hoch sind die Preise...
Der Um el Ma ist eine Überraschung: Langgezogene und schmale, von hohen und steilen Sanddünen flankiert, von denen immer wieder kleine Sand-„Lawinen“ fast lautlos in den See rieseln. Warum war der schmale See nicht längst verschüttet? Sollte er tatsächlich bodenlos sein?
Mit viel Mühe bringen wir unser kleines Schlauchboot zu Wasser, um den See auszuloten. Es zeigt sich, daß die langgestreckte, völlig trübe Pfütze Tiefen von über 10 Metern aufweist.
Und die flugunfähigen Enten? Nun, hier fanden wir schnell die Löung des Rätsels: Die „Enten“ entpuppten sich als Bless-Hühner, die bei Störung blitzartig in den außerordentlich dichten Palmhecken am See-Rand verschwanden, ohne sich zum Auffliegen animieren zu lassen.
Begegnungen am See von Gabroon
Ziel einer Erkundungsfahrt an einem anderen Tag war der See von Gabroon, der Bahr el Dud („Wurm-See“). Für eine Strecke von 60 Kilometer begann das Dünen-Springen-Zitterspiel von neuem, diesmal allerdings hatten wir einen der Lehrer von Mandara als wegkundigen Führer an Bord. Und obwohl eine solche Sandlandschaft fortwährenden Veränderungen durch anhaltenden Wind unterworfen ist, waren wir von seinen Kenntnissen beeindruckt. Während er meistens einfach meinte: „Go as you please“ (fahr zu), konnte er beim Sturmlauf auf eine Düne plötzlich brüllen: „Langsam, langsam, vorsichtig, rechts raus, gefährlich dort oben“, obwohl für uns die Düne aussah wie jede andere. Und tatsächlich – solche Stellen erwiesen sich dann stets als ungewöhnlich schwierig, oft gefährlich.
Um die Mittagszeit erreichen wir schließlich Gabroon, mit 500 Einwohnern größter Ort des Gebietes. Ahmed, unser Führer, bringt uns natürlich gleich zu den Lehrern von Gabroon, sieben Palästinensern und einem Ägypter.
... und wieder eine Sanddüne. Nur mit fasl platten Reifen kommt der Bus im weichen Wüstensad voran.
Vor dem Besuch der Moschee wäscht der dunkelhäutige Oasenbewohner den Staub von den Füßen.
Eine Stunde wird verplauscht, dann machen wir uns auf den kurzen Fußmarsch zum Bahr el Dud, dem Wurmsee. Drei- oder vierhundert Meter sind wir noch vom See entfernt und überqueren gerade eine flache Düne, als wir unversehens in eine brisante Situation geraten: Während wir uns gerade gegenseitig darauf aufmerksam machen, daß vom See weg eine Schar Frauen laut schreiend in die Sandwüste rennt, kommen vier oder fünf Männer mit drohend geschwungenen Prügeln auf uns zugerannt.
Wir sind verwirrt. Der Lehrer geht auf die wild gestikulierenden Männer zu, redet auf sie ein, beruhigt sie. Dann kommt er zu uns und erklärt, daß wir sofort umkehren müssen. Es ist die Stunde, zu der die Frauen sich am See aufhalten, um sich und die Wäsche zu waschen. Dabei darf kein Fremder Zeuge sein. Ohne unseren sprachkundigen Führer hätte die Sache böse ausgehen können, denn die Gabroon-Männer haben sich, wie wir jetzt erst erkennen, sogar mit Sicheln bewaffnet. Nach zwei Stunden erscheit eine offiziellle dreiköpfige Delegation des Dorfes, um uns feierlich zu eröffnen, daß wir nunmehr den Bahr el Dud besuchen können, die Frauen hätten sich zurückgezogen. Die Sonne sticht fast senkrecht und mit solcher Schärfe vom Himmel, daß wir uns vor ihren harten Strahlen schützen müssen. Der Sand unter unseren Füßen wird heiß. So fällt rasch und leicht der Entschluß, bald wieder nach Mandara zurückzufahren.
Ein Grab in der Wüste
Das Licht ist schlecht bei dieser Rückfahr, die Sonne steht noch zu hoch und ein leichter Sandwind verwischt die Konturen. An einer Palmzweighütte machen wir Halt, um den Motor und mehr noch das stark beanspruchte Getriebe auskühlen zu lassen.
Die einsame Hütte im Sandmeer erweist sich als Grab. Hier ist ein heiliger Mann, ein Marabout, aufgebahrt, eingewickelt in Schilfmatten. Rings um ihn stehen Opferteller und Räucherschälchen. Ein gespenstisches Erlebnis in der einsamen Wüste. Mit sinkender Sonne werden die Lichtverhältnisse wieder besser, auch unsere psychische Anspannung läßt nach. Wie befreit springen wir von Düne zu Düne, die schweren Passagen kennen wir ja schon von der Hinfahrt. Aber Pech: Die letzte Großdüne vor Mandara schlägt doch noch zu. Aus Angst vor einem Luftsprung fahre ich die Böschung mit zu wenig Schwung hinauf und bleibe oben auf dem Kamm mit allen vier Rädern in der Luft hängen. Das Problem wird jedoch schnell gelöst: Wir schaufeln hinter den Vorderrädern etwas Sand weg, alle Mitfahrer heben hinten den Wagen an, der kippt nach vorn und rutscht mit wenig Gas den Abhang hinunter. Mandara hat uns wieder.
Mühevolle Rückkehr durchs Tal des Todes
Die Rückfahrt von Mandara in den hitzeflimmernden Wadi Adjal, das Tal des Todes, ist schwieriger, als wir nach unseren bisherigen Sanderfahrungen angenommen hatten. Schwache, aber tagelang anhaltende Sandwinde haben den großen Dünen Kapuzen in Form kleiner Dünen aufgesetzt, die wie Schneewächten auf ihrer Lee-Seite fast senkrecht abfallen. Da wir diese Dünen in genau in Querrichtung überfahren müssen, sind wir gezwungen, uns oft mühsam unseren eigenen Paß zu schaufeln. Bei zu hohen Wächten wird dagegen das Ramm-Pflug-Verfahren angewandt: Mit Überschußgeschwindigkeit stürmt der Bus gegen den Sand, bahnt sich selbst den Weg. Beide Verfahren aber sind nicht gerade schonend. Die Schaufelei ist mehr als strapaziös, und die Rammerei wird der Wagen auf die Dauer auch nicht schadlos überstehen.
In anstrengenden Fußmärschen, die oft Besteigungen gleichkommen, suchen wir Düne für Düne nach der besten Möglichkeit des Durchkommens ab, die Kundschafter bleiben an günstigen Passagen stehen, um dem Fahrer den Weg auf den Meter genau zu zeigen.
Die Fahrt zieht sich hin. Ungünstiger Sonnenstand hemmt das Tempo. Wieder verschwimmen alle Konturen. Unsere Spuren von der Hinfahrt sind auf weiten Strecken und gerade in den schwierigsten Passagen verweht. Einmal knallt der Bus mit solcher Vehemenz in eine nicht erkannte Sandwand, daß sich die Camping-Einrichtung losreißt. Der Schock ist nicht unbeträchtlich und die Reparatur zeitraubend.
Die Sonne steht im Zenit. Pausen werden nicht nur zur Abkühlung von Motor und Getriebe notwendig, auch die fast platten Reifen erhitzen sich im heißen Sand ungewöhnlich stark. Sie lassen sich nicht mehr mit der Hand anfassen. Ein gelb-grauer Schleier zieht sich vor die Sonne, die Zeichen stehen auf Sandsturm. Wir steigern das Tempo, um noch rechtzeitig vor seinem Ausbruch das Wadi Adjal zu erreichen. Auf weiten Sandhochflächen können wir in dieser Fahrtrichtung ab und zu den vierten Gang einlegen.
Und dann kommt ein letztes, ungewöhnlich schweres Stück sich gegenseitig überlagernder Großdünen. Auch hier hat sich die Landschaft unter dem Einfluß der anhaltenden Winde seit unserer Herfahrt stark verändert. Noch einmal Erkundungsmärsche, noch einmal das Zitterspiel. Durch dieses weiche Sandtal bergauf? Und dann die Böschung hoch? Die Mitfahrer postieren sich an den günstigsten Stellen. Die letzten zweihundert Meter – es muß gut gehen! Noch einmal rackert der Bus, orgelt mit Höchstdrehzahl auf die Düne hinauf, kippt hinab, zieht durch enge Sandtäler umgeht weiche Mulden – und ist draußen, vor sich nur noch das Wadi Adjal.
Bedauernd folgt bald schon der Erleichterung: Mandara liegt hinter uns. Eine der schönsten Sahara-Landschaften und gewiß eines der aufregendsten Fahrerlebnisse sind für uns Vergangenheit.
Gerhard Göttler
Der Gerhard Göttler










