ickler hat geschrieben:Glaubt doch bitte nicht alles was die medien sagen.....
Moin,
ich bin auch noch skeptisch. Die Informationslage ist mehr als spärlich. Algerien stand aufgrund der in Mali anlaufenden internat. Operationen massiv unter Erfolgsdruck und musste jetzt rasch Ergebnisse liefern.
Mir stellen sich einige Fragen, auf die ich in den zugänglichen Informationsquellen keine Antworten finde:
- Warum überlässt man die Gas- und Öl-Förderanlagen sicherheitstechnisch sich selbst?
Das ist doch alles freies weit überschaubares Gelände - warum zieht man um die Anlagen nicht Zäune resp. V-Gräben, oder beides und postiert hinreichend viel Militär dort. Zumindest in den zentralen Einrichtungen/Camps wäre das realisierbar. Die Berichte von Reisenden über minimale und reichlich verschlafene Checkpoints zeigen doch, dass Algerien dort nicht mit "Angriffen" gerechnet hat oder sie billigend in Kauf nimmt.
- Wie nah steht das alg. Militär den Terroristen?
Für mich zählt das algerische Militär nach wie vor nicht zu den "Guten" - eher zu den Opportunisten. Die Bilder von mit Schutzplanen verpackten T-irgendwas Panzern, die vorgeblich das Lager mit den Geiseln und Terroristen "umstellt" hätten, überzeugen mich nicht wirklich. Ebensowenig wie die nun sehr plötzliche Vollzugsmeldung "alle tot, alles gut" Zu schön, um wahr zu sein. Die können da unten doch machen, was sie wollen, es kann keiner nachprüfen und es gibt keine glaubwürdigen Beobachter. Wer siegt, bestimmt die Regeln. Die beim Sturm noch vorhandenen Geiseln sind tot - auch praktisch, dann gibt es keine gegenteiligen Aussagen über den Ablauf der "Operation". So innig mit lokalen Größen (auch vom Militär) verbandelt, wie man Belmoktar und seine Bande in den letzten 10 Jahren erleben durfte, hab ich so meine stillen Zweifel, an der sortenreinen Trennung in gute und böse Jungs da unten.
- Wer sind (waren?) die Geiselnehmer?
Auch hier wieder überraschend klare Vorstellungen seitens der Algerier: Libyer, Tunesier und Nigerier. Fehlte nur noch der Link zu ihren jeweiligen Facebook-Profilen. Ich will das nicht zu einer inneralgerischen Angelegenheit stilisieren, aber die Erklärungen über die Identitäten waren mir etwas zu reflexhaft, zu schnell und zu eindeutig.
- Selektive Wahrnehmung bei Saharareisenden?
Dann der letzte Punkt, der mich umtreibt. In den letzten Wochen liest man wieder nette Reiseberichte von Rückkehrern aus Tunesien: alles prima wie immer, Festival in Douz toll, viel Verkehr auf der Strecke "zum See", an Ksar Ghilane angenehme Abwesenheit von Weissware. Uniformierte allesamt relaxt. Schön. Nur die Polizeistation wurde vor dem Douzer Mob in Sicherheit gebracht und an eine Fluchtroute (nach Kebili) an den Ortsrand umquartiert. Mir kommts aber dennoch vor, wie ein Tanz auf dem Vulkan. Keine zwei Jahre ist es her, dass Ghaddafis Waffenarsenale aufgebrochen und ihre Inhalte ans darbende Wüstenvolk verteilt wurden. Aus dem Sahel liest man zeitgleich, dass das Entführungsbusiness mittlerweile zu einem bestimmenden Wirtschaftsfaktor geworden sei mit Umsätzen in zweistelligem Millionenbereich pro Jahr.
Dann mein déja vu, das ich kürzlich hatte: Tunesienrückkehrer berichten, dass sich tunesische "Guides" darüber beklagten, die Europäer würden ihre Dienste nicht nutzen, nur herkommen, ihre Verpflegung von zuhause mitbringen, lediglich Diesel konsumieren und ihren Müll zurücklassen. Unmut in der lokalen Guide-Szene lese ich daraus. Wie hiess es 2002 im Sahara-Info: "...algerische Guides beklagen sich zunehmend über autonom reisende Europäer, die mit ihren PS-starken Reisemobilen die Dünen der Sahara platt fahren würden.." der Rest der algerischen Geschichte in den folgenden Jahren ist bekannt. Ich hab momentan ein ganz ganz komisches Gefühl, was das unbekümmerte Reisen in das tunesische Dreiländereck angeht. Man befindet sich dort IMO in einer komplett rechtsfreien Zone und weiss nie, mit wem wer dort unten gerade kungelt.
Spätestens seit dem schrägen Grenzzwischenfall einer dt.-ital. Reisegruppe 2008 zwischen El Borma und "dem See" glaub ich da unten keinem mehr was. Die Reisegruppe wurde damals von einer algerischnr Grenzpatrouille auf eindeutig tunesischem Terrain aufgebracht (hab den GPS-Track vorliegen) und ins algerische Borma verfrachtet, nur PKW durften mit, LKW musssten zurück gelassen werden. Dann nach einer knapp einwöchigen Odyssee wurde die Gruppe in einer Art imszeniertem Schnellgerichtsverfahren in einer Kaserne zu irgendwas verurteilt und musste dann nach einer hektischen Konvoifahrt in den Norden über Hassi Khelifa/Hazoua blitzschnell das Land verlassen. Zur Bergung der im Zwischenfallgebiet zurückgelassenen LKW haben die Betroffenen dann zwei Tunesier mit einem Pickup gechartert, die dann für viel Geld und Rotwein einen Trip bis auf wenige Kilometer vor den Ort des Zwischenfalls machten, dann aber, wie vom Donner gerührt stehen blieben und nicht mehr weiterfuhren. Die letzten Kilometer mussten zu Fuss zurückgelegt werden, der LKW wurde dann gottseidank intakt (mit noch lebendem Hund an Bord - der musste auch zurückbleiben) vorgefunden und wurde auch ohne Zwischenfälle letzlich heil zurückgebracht. Pikantes Detail am Rande: der Anführer der algerischen "Grenzpatrouille" gab dem (mir persönlich gut bekannten) LKW-Eigentümer seine Handynummer und den dringenden Rat, ihn vor der Rückholung anzurufen und ihm Bescheid zu sagen, damit er seine Patrouille in dieser Zeit "zufällig" woanders macht, um ihn nicht nochmal Hops nehmen zu müssen...Die Handynummer des Algeriers hab ich ebenfalls.
Will damit sagen, "da unten" ist es schlimmer als auf hoher See und vor Gericht, man ist nicht mal nur in Gottes Hand, man ist vor allem Spielball irgendwelcher lokaler Clans und Warlords.
Bin sehr skeptisch, über das was da gerade wieder abgeht.
Grüsse
Tom