Es ist absolut grauslich und es beschleichen einen beim Lesen Gefühle von Ohnmacht und gleichzeitig unbändiger Wut.
Ich sage das bewusst vorab, weil mir trotzdem wichtig ist, genauer hinzuschauen. Es hilft ja nichts, sich mit Grausen abzuwenden oder womöglich selbst zum Islamophoben zu werden.
Die ursprüngliche Meldung von "Al Arabiya", die Stefanie gepostet hatte, sprach von 90 - 100 gesteinigten Jugendlichen. Im Bericht der Nachrichtenagentur Reuters ist von 14 die Rede. Das sind - damit hier kein Missverständnis auftaucht - 14 zu viel. Aber gekoppelt mit dem Vorwurf von "Al Arabiya", die Täter seien die Religions- bzw. Moralpolizei gewesen, beginnen Fragezeichen aufzutauchen - denn in Wirklichkeit waren es offenbar radikale Milizen. Was also sollte der "Al Arabiya"-Bericht? Seriöser Journalismus sieht anders aus.
Zum Zweiten haben sich religiöse Würdenträger sofort entschieden gegen die Verbrechen gestellt. Richtig: Sie wollen die Jugendlichen umerziehen - aber solche Formulierungen gab es bei Pilzköpfen in der gesunden Volksseele früher auch und gibt es - zum Beispiel mit Blick auf Homosexuelle etc. - an vielen Stammtischen immer noch.
Schlimm ist natürlich, dass die Emotionen - den Meldungen nach zu urteilen - hochkochten, weil das Gerücht aufkam, die "Emo"-Jugendlichen würden Menschenblut trinken:
"If they are close friends who have something in common, that's all right. If other things we hear about them are true, like sucking each other's blood or worshipping the devil, that is not accepted in our society. But I think this is just a trend to imitate the West."
So weitsichtig wie der oder die Interviewte, der oder die das Gesehene als einen Trend der Imitation des Westens sieht, sind in einer Gesellschaft wie der irakischen aber die Wenigsten. Dennoch zeigt der Bericht, dass es vermutlich weniger um den Haarschnitt geht (so ähnlich sehen im Iran viele städtische männliche Jugendliche aus), sondern in der Tat um Gerüchte von Satanismus.
Gegen die Emo-Kultur richten sich viele Vorwürfe, unter anderem, dass die Musik Suizide fördere.
Aber für die Frage, was von den Vorkommnissen im Irak zu halten ist, ist vermutlich interessanter, dass Übergriffe - wenn auch bisher bei weitem nicht so grausam - auch in anderen Kulturen vorkamen:
The movement grew with intensity over time. Time reported in 2008 that "anti-emo" groups attacked teenagers in Mexico City, Querétaro, and Tijuana.
In Russia, a law was presented at the Duma to regulate emo websites and forbid emo style at schools and government buildings, for fears of emo being a "dangerous teen trend" promoting anti-social behaviour, depression, social withdrawal and even suicide.
(aus der englischen Ausgabe der "Wikipedia")
Es geht auch in islamischen Kulturen darum, dass die Wirrköpfe (Zitat Stefanie) nicht die Oberhand gewinnen. Und das wird nur gehen, wenn die "normale" Bevölkerung, die schweigende, passive, leidensfähige Bevölkerung sich nichts mehr einreden lässt (wieder Zitat Stefanie). Bis dahin ist es ein langer Weg, die Ereignisse von 2011 waren nur ein erster Schritt - und beileibe nicht immer in die richtige Richtung. Aber nicht alle, die in Ägypten wählten, waren eben vorher auf dem Tahrir...
Viele Grüße
Achim