Pfeilspitzen in Algerien / Dünendynamik

Kultur, Natur, Unterkunft, Reiserouten, Sehenswürdigkeiten, Tourismus Staaten: Marokko/Sahara, Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten.

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Alexander
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Pfeilspitzen in Algerien / Dünendynamik

Beitrag von Alexander »

Hallo Saharafreunde,

bei meiner letzten Algerienreise, habe ich oben auf dieser Düne in der Mitte, zwischen dem linken und rechten Hügel mehrere Pfeilspitzen entdeckt, was mich etwas verwundert hat, da ich sie dort nicht erwartet hatte. Ich kann mir nicht vorstellen, daß sie irgendjemand gefunden und dort oben deponiert hat. Auf der anderen Seite ist es doch auch unwahrscheinlich, daß die Pfeilspitzen seit einigen tausend Jahre dort oben liegen.
Es wäre interessant zu wissen, ob es zum Zeitpunkt der Dünenentstehung dort noch Menschen gegeben hat und diese die Pfeilspitzen hinterlassen haben könnten. Wer kennt sich denn mit der "Dünendynamik" aus? Wie lange würde es dauern, bis eine Düne dieser Größe entstanden ist? Und wann sind die Dünen entstanden?

Fragt sich

Alexander

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Gerhard Göttler
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Re: Pfeilspitzen in Algerien / Dünendynamik

Beitrag von Gerhard Göttler »

Hallo Alex!

Die Lösung ist darin zu suchen, dass in früheren Feucht-Perioden diese Dünen bewachsen waren. Vorzeitliche Jäger waren dort dann in einem Grasland unterwegs.

Ein ganz ähnliches Phänomen siehst Du heute noch z.B. im Niger, so zwischen Agadez und Tahoua. Dort tragen sogenannte "fossile Dünen" (d.h. Dünen, die in früheren, nicht näher definierten Erd-Perioden entstanden sind) noch immer ihren Grasbewuchs. Jäger sind dort kaum noch unterwegs, aber Hirten. Und diese Hirten mit ihren Weidetieren und die mögliche Erwärmung (und in dieser Region eventuell abnehmende Niederschläge) tragen dazu bei, dass diese Dünen immer wieder ihren Bewuchs verlieren, "offen" werden. Schön zu sehen ist dieser Vorgang auch etwas östlich von Hombori in Mali.

Wo entstand denn Dein Dünenbild? Erg Tifernine? Dann darfst Du Dir getrost zum Zeitpunkt des Pfeilspitzenverlierens dort noch einen ausgedehnten See vor allem im Nord-Westen des Erg vorstellen und Flüsse und Bachläufe, die aus dem Tassili heraus in Richtung des heutigen Erg flossen, beladen mit Sand, der dann hier deponiert und in späteren Trockenzeiten vom Wind zu Dünen aufgehäuft wurde. Dünengebiete sind stets die Endpfannen von Wasserläufen, mitunter auch nur deren Uferzonen. Anders: Das Wasser transportiert den Sand dort hin, wo der Wind später aus diesem Sand die Dünen formt. Wann dies nun effektiv geschehen ist, lässt sich nicht so einfach feststellen: Feucht- und Trockenperioden wechselten sich wiederholt ab. Je nach vorherrschenden Windrichtungen konnten aus flachen Dünen hohe entstehen, oder hohe wurden wieder zu flachen Dünen abgetragen. Prozesse, die sich über Jahrtausende hinziehen. Je nach Art Deiner Pfeilspitzen (am häufigsten sind neolithische) könnten diese vielleicht seit der jungsteinzeitlichen Feuchtzeit dort liegen, d.h. seit rund 3000 v.u.Z.

Schönes Wochenende!

Gerhard Göttler
Alexander
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Dünenwanderung Sand Dünenbewegung Dünen

Beitrag von Alexander »

Hallo Gerhard,

vielen Dank für deine ausführliche und interessante Schilderung. Manchmal wünschte ich mir, man könnte sich in eine Zeitmaschine
setzen und das ganze selbst erleben.

Das Foto entstand am westlichen Ausläufer des Erg Bourarhet, von Illize kommend in Richtung In Amenas.

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Viele Grüsse und ein schönes Wochenende

Alex
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TGerd
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Re: Pfeilspitzen in Algerien / Dünendynamik

Beitrag von TGerd »

Homo erectus erfand den Faustkeil vor 1,5 Millionen Jahren. Schaberklingen datieren etwa seit 200.000 Jahren, Messer, Stichel, Ahlen und Kratzer werden einem Alter ab 40.000 Jahren zugeordnet.

Wenn man Faustkeile und versteinerte (!) Knochenfragmente zusammen auf einer Düne findet, evtl. daneben noch den einen oder anderen Koprolithen, aus dem Arrangement in situ ist auch zu erkennen, daß die Faustkeile zum Aufbrechen der Knochen verwendet wurden, so legt das den Schluß nahe, daß dort die Dünen weitaus länger als 8 oder 10.000 Jahre an diesem Platze liegen.

Der Bandbreite nach oben dürften da kaum Grenzen gesetzt sein.

In diesem Zusammenhang ein Literaturtip:
GEO kompakt Nr. 13, Die Steinzeit (derzeit aktuelle Ausgabe)
GEO kompakt Nr. 12, DIE WÜSTE, Wo das Leben an seine Grenzen stößt
www.GEOkompakt.de

Wüstengruß

Knochenfragmentlänge 18,5 cm
Vielleicht haben wir ja einen Paläontologen unter uns, der das Knöxchen zuordnen kann.

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Alexander
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Re: Pfeilspitzen in Algerien / Dünendynamik

Beitrag von Alexander »

Hallo TGerd,

Dünen: Die Gesetze des Sandes
Wo es in Wüsten staubtrocken ist und immer wieder Winde wehen, da türmen sich Dünen auf. Und diese Sandhügel haben es in sich: Manche rühren sich seit Jahrtausenden nicht vom Fleck, andere wandern unablässig - und einige beginnen sogar zu singen.

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Danke für den Hinweis auf diesen Artikel. Sehr interessant.

Viele Grüsse
Alexander
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TGerd
Beiträge: 1118
Registriert: Do 20. Sep 2007, 07:52

Re: Pfeilspitzen in Algerien / Dünendynamik

Beitrag von TGerd »

Sandmechanik funktioniert nicht nur in Afrika:
Zum Thema Dünen noch ein interessanter Link:
http://de.wikipedia.org/wiki/D%C3%BCne

Helmholtz'sches Gesetz: „Strömen zwei Medien unterschiedlicher Dichte aneinander vorbei, so ergibt sich eine wellenförmige Begrenzungsfläche.“

Solche Sandrippel-"Begrenzungsflächen" findet man es auch schon mal in versteinerter Form. Die Platte, AUF einem Berg der Sahara entdeckt, hatte eine Breite von 45 cm. Da wird's dann richtig paläotisch.

Wüstengruß

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Gerhard Göttler
Beiträge: 1148
Registriert: Mi 14. Sep 2005, 12:36

Re: Pfeilspitzen in Algerien / Dünendynamik

Beitrag von Gerhard Göttler »

... der Bakhnoug als Unterlage ist auch nicht schlecht!

Grüße G.G.
TGerd
Beiträge: 1118
Registriert: Do 20. Sep 2007, 07:52

Re: Pfeilspitzen in Algerien / Dünendynamik

Beitrag von TGerd »

Der Teppich ist (noch) NICHT paläontologisch.
Der ist aus der tunesischen Jetztzeit.

Wüstengruß
Roger-Tecumseh
Beiträge: 2066
Registriert: Mi 6. Jun 2007, 16:37

Re: Pfeilspitzen in Algerien

Beitrag von Roger-Tecumseh »

Alexander hat geschrieben: Ich kann mir nicht vorstellen, daß sie irgendjemand gefunden und dort oben deponiert hat. Auf der anderen Seite ist es doch auch unwahrscheinlich, daß die Pfeilspitzen seit einigen tausend Jahre dort oben liegen.

Es ist in der Tat sehr unwahrscheinlich, daß dort auf dem Dünenkamm ein paläolithischer/neolithischer Lagerplatz war. Unabhängig vom Alter der Düne, wäre dieser Platz - schon der Windverhältnisse dort oben und des Untergrundes wegen - keine gute Wahl unserer Vorfahren gewesen. Siedlungsplätze - und damit Artefakte - findet man in Draa-Dünengebieten gewöhnlich an den Unterhängen der Draa. Mobile Flankendünen, die den unbeweglichen Dünen-Hauptkörper (und eventuelle Siedlungsgebiete) überlagern und dann wieder freigeben, reichen oft bis an die Flußterrassenflächen der Dünentäler (sehr schön im westlichen Edeyen von Murzuk und Ubari und auch im Erg Occidental zu sehen).
Als im Paläo - und Neolithikum manche Ergs während der Pluviale vielgenutzte Lebensräume waren, war damit auch eine Wanderbewegung verbunden. Es ist durchaus häufig, daß vereinzelte Artefakte (deren Material ja ohnehin fast immer von außerhalb eingeführt wurde) dabei zurückgelassen wurden oder auch verloren gingen - weshalb wir sie dann heute an überraschenden Stellen finden können. Wobei diese keineswegs immer Jahrtausende lang sichtbar gewesen sein müssen - der (Oberflächen-) Sand kommt und geht.
Zum Alter: Die Breitrückendünen des Ergs von Bilma z.B. können einige zehntausend Jahre alt sein - oder als Längsrückendünen - auch "nur"
rund 3000 Jahre. Und diese Bewegung geht unaufhaltsam weiter, wie Beobachtungen zwischen 1980 - 1990 zeigten. In diesem Zeitraum entstanden im Erg von Bilma und auch im Ténéré (Region Dirkou) neue Längsdünen von mehreren Kilometern Länge. -
Der (Wand-) Teppich scheint mir ein traditioneller tunesischer Hochzeitsteppich zu sein. Das Muster sollte in diesem Fall einen bewußt eingewebten "Fehler" enthalten (bei meinem ist es jedenfalls so). :)
Gerhard Göttler
Beiträge: 1148
Registriert: Mi 14. Sep 2005, 12:36

Re: Pfeilspitzen in Algerien / Dünendynamik

Beitrag von Gerhard Göttler »

Hallo, Ihr Stein- und Wand-Teppich-Interpretierer!

Also im Fall des Bakhnougs ist dies eindeutig: Weder ein Boden- noch ein Wandteppich sondern gar kein Teppich! Nämlich ein Frauenumhangtuch nach Art einer Stola. Ursprungsorte im tunesischen, berberischen Dahar. Nur dort. Grundgewebe Wolle, gestickter Eintrag Baumwolle. Jedenfalls dann, wenn es sich um ein tatsächlich traditionell hergestelltes Textil handelt. In seiner Ornamentik ein klassisch-berberisches Stück. Bakhnougs anderer Machart gibt es natürlich viele, diesen jedoch nur s.o.

Holla, Roger, alter Indianer, Dünenspitzen keine Siedlungs- aber tolle Aussichtspunkte! Wenns darum geht, wildes Getier zu erspähen. Wenn Du da nun hockst, nach Beute Ausschau haltend, derweil an Deinen Pfeilen schnitzend - da kann Dir schon mal das ein oder andere in den Sand fallen, oder?

Jetzt noch ein Gschichtle aus der Metallithikum. Regenzeit in Mali. Es hat noch nicht geregnet, dennoch feuchte Schwüle. Wir suchen als Übernachtungsplatz die Spitze einer (im unteren Bereich bewachsenen) Düne, weil wir dort auf etwas Luftbewegung hoffen (hm, vielleicht war es auch den steinzeitlichen Jägern manchmal zu schwül!). Auf der Motorhaube steht der Wasserkanister und der ist nicht ganz dicht. Tropf, tropf, tropf. Nasser Fleck im Sand. Plötzlich ruckelt was in diesem - ein leibhaftiger Frosch taucht auf! Ein Frosch im Sand der Dünenspitze! Neugierig guckt er in die Gegend, ich drehe den Hahn auf - er genießt die Dusche sichtlich. Guckt dann wieder in die Gegend (ich sags ja, Aussichtspunkt!), ob nicht in der Ferne ein Wetterleuchten oder Donnergrollen ein Gewitter und damit Niederschläge ankündigt, sieht nix, hört nix - und ruckelt sich ratz-fatz wieder in die Sanddüne rein. Weg ist er.
Roger-Tecumseh
Beiträge: 2066
Registriert: Mi 6. Jun 2007, 16:37

Re: Pfeilspitzen in Algerien / Dünendynamik

Beitrag von Roger-Tecumseh »

Gerhard Göttler hat geschrieben: Holla, Roger, alter Indianer, Dünenspitzen keine Siedlungs- aber tolle Aussichtspunkte! Wenns darum geht, wildes Getier zu erspähen. Wenn Du da nun hockst, nach Beute Ausschau haltend, derweil an Deinen Pfeilen schnitzend - da kann Dir schon mal das ein oder andere in den Sand fallen, oder? .
Re-Hola G.G.,

Tja, meine Pfeile schnitze ich mir tatsächlich gelegentlich auf erhöhten Punkten - z.B. Zweite Mesa, während die Familie Maisbrei mampft!

Meine Faustkeile, Schaber und Spitzen, schlage ich mir allerdings lieber am unteren Dünenrand vom Nukleus. Wie übrigens viele der werten Vorfahren, wenn Du an manche "Ateliers" denkst, die man vor Jahren dort durchaus noch in reicher Fülle finden konnte. Da, wo man nicht selten auf dem Flußboden auch den einen und anderen attraktiven Windkanter ins Fellbeutelchen schummeln kann. :)
Und mein jagdlicher Eifer hielte sich in engen Grenzen, bei der Vorstellung, die Dünen vom oberen 200-m-Aussichtspunkt aus mit all meinem Steingeraffel hinabstürzen zu müssen, um dem schnellfüßigen Wild schagartig die Vitalität zu rauben. (Mir würde eben ein Frosch nicht ganz reichen, mal abgesehen davon, daß es nicht sehr fein ist, ihn erst zu Wasserspielen einzuladen und ihn dann auf den Spieß zu schieben - gell!)


Gruß

Roger-T.
Gerhard Göttler
Beiträge: 1148
Registriert: Mi 14. Sep 2005, 12:36

Re: Pfeilspitzen in Algerien / Dünendynamik

Beitrag von Gerhard Göttler »

Hi Rogero,

die Rede war bei mir schon von Holla und nicht von Hola! Dass Du so ein versteinzeiteter bist ... wer hätt das gedacht! Weiß ja nicht, ob sich die echten Steinzeitler tatsächlich von ihren Dünen herabgestürzt haben, das Wild war doch gar zu schnellfüßig. Aber - jetzt ernstlich - ich könnte mir denken, die haben auch schon mit Fallen gearbeitet, so wie dies heut die Tuareg in den Sahelländern noch immer tun. Vögeln werden sie sicher nach Anschleichen nachgestellt haben. Ihr Bemühen durfte ja nicht nur jagdlicher Erfolg sein, sie mussten solche Beutezüge auch möglichst unversehrt überstehen. Drum denke ich, dass die Jagd eher einen defensiven Charakter hatte, auch wenn auf uns nur noch die steinernen und so martialisch wirkenden Waffen überkommen sind. Und gell - Knobi gabs damals noch keinen, sonst hätten die sich ja auch den Bauch mit ganz defensiv erbeuteten Froschschenkel vollschlagen können! Aus der Tonpfanne, hmm, köstlich.

Grad schad, dass ich schon verköstigt bin. Oder auch ein Glück, wo ich doch Mais nicht mag.

Gruß an die Mesa-Familie!

Der Gerhard

p.s.: Seltsam, diese Wort-Nähe, Mesa und Msak, gleiche Bedeutung.
Roger-Tecumseh
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Re: Pfeilspitzen in Algerien / Dünendynamik

Beitrag von Roger-Tecumseh »

Mit den Fallen hast Du durchaus Recht - wie man ja auch auf einigen Darstellungen der l'Art rupestres sehen kann.
Ein hungriger Steinzeitjäger war aber sicher mindestens ebenso offensiv jagdlich tätig, wie ich, wenn ich morgen mittag wieder auf Nahrungssuche gehe! :lol: (Einen "defensiven" Jäger kann ich mir nicht so recht vorstellen - oder meinst Du einen Vegetarier?)
Und weil Du gerade von Tonpfannen träumst: Schnecken auf Burgunder Art, wären selbst heute abend noch gut verdaulich. Surtout mit einem gefälligen Tropfen de terroir!
Gerhard Göttler
Beiträge: 1148
Registriert: Mi 14. Sep 2005, 12:36

Re: Pfeilspitzen in Algerien / Dünendynamik

Beitrag von Gerhard Göttler »

... dann aber demain alle Kollegen auf Distanz!

G.G.
Roger-Tecumseh
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Registriert: Mi 6. Jun 2007, 16:37

Re: Pfeilspitzen in Algerien / Dünendynamik

Beitrag von Roger-Tecumseh »

Aber nein - man muß sich nur das Umfeld so gestalten, daß die eigenen Laster sich in den Lastern der anderen auflösen. Eine ganz besondere - kulinarische - Freiheit!
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