Fast ein Jahrzehnt nach dem weitgehenden Scheitern des Arabischen Frühlings baut sich im Nahen Osten und Nordafrika eine neue Protestwelle auf. Was wird diesmal anders sein? Werden sich die Hoffnungen der Demonstranten erfüllen?
Was die aktuelle Protestwelle ausmacht, ist ein grundsätzliches und tiefes Misstrauen gegenüber allen politischen Führungskräften. Die Menschen in der gesamten arabischen Welt erkennen, dass weder ihre Regierungen noch die oppositionellen Kräfte die Versprechen auf politische und wirtschaftliche Reformen eingelöst haben [...] die Demonstranten haben sich bisher jeglicher Gewalt enthalten. Dieser praktizierte Pazifismus verschafft den Demonstranten eine breite Unterstützung aus dem In- und Ausland [...] Demonstranten wehren sich gegen ein politisches Sektierertum, das letztlich die bestehende antidemokratische Herrschaft nur noch weiter stabilisiert [...] Der neue Arabische Frühling ist bisher in 12 von 22 Ländern angekommen. Aber ohne eine vertrauenswürdige Institution in der Region, die die berechtigten Forderungen der Menschen nach effektiveren Regierungen erfüllen könnte, bleibt der Ausgang unklar.
Auch 2019 wurden wieder, mehr oder weniger mit Gewalt behaftet, arabische Führer von ihrem Thron entfernt. Wie geht es 2020 weiter? Wird das neue Jahr zu einem Schlüsseljahr für den Arabischen Frühling?
Im Sudan, in Algerien, im Libanon und im Irak wurden 2019 Machthaber gestürzt. Für alle Staaten außer dem Sudan wird 2020 das Jahr der Entscheidung
The one who follows the crowd will usually go no further than the crowd. Those who walk alone are likely to find themselves in places no one has ever been before.
2020 startet mit Corona. Im Libanon brennt ganz gehörig die Luft, wie bereits an anderer Stelle berichtet. Auch in Nordafrika verschärft die Corona-Krise die soziale Notlage und befeuert bereits jetzt vereinzelt Proteste. Die einzelnen Länder gehen mit den Folgen der Pandemie jedoch sehr unterschiedlich um ...
Vor zehn Jahren begann der Arabische Frühling, ein turbulentes Jahrzehnt in Nahost folgte. Diktatoren stürzten, doch alte Machthaber schlugen zurück ...
Der Nahe Osten ist eine Ansammlung gescheiterter Staaten und ungelöster Krisen. Die politischen Systeme stehen mit der Coronakrise auf noch tönerneren Füßen als zuvor. Es ist eine Zeit, die viele Fragen aufwirft. Eines aber ist sicher: Waren die zehn Jahre nach der ersten Arabellion eine turbulente Zeit, werden die nächsten Jahre in der Region stürmisch werden. Vor allem die jüngere Generation wird den Status quo nicht widerstandslos hinnehmen. Der Wettlauf zwischen Repression und Rebellion wird weitergehen, brutal und leidenschaftlich, rücksichtslos und stur. Die einen haben ihre Macht, die anderen fast nichts mehr zu verlieren.
Die arabische Welt ist zu ihrer alten Ordnung zurückgekehrt. Die autokratischen Herrscher sind noch repressiver geworden. Das zeigt sich spätestens bei der Rehabilitierung des verbrecherischen Assad-Regimes. Ein Essay des marokkanischen Publizisten Ali Anouzla ...
Der "Arabische Frühling“ hatte Hoffnungen geweckt und wurde als bedeutender Wendepunkt in der Geschichte der Region beschrieben. Aus heutiger Sicht war er jedoch eine historische Katastrophe, die das Leben der Menschen auf den Kopf gestellt und zu Krieg, Konflikten, Umstürzen, Tod und Inhaftierungen geführt hat.
“Der "Arabische Frühling“ hatte Hoffnungen geweckt und wurde als bedeutender Wendepunkt in der Geschichte der Region beschrieben. Aus heutiger Sicht war er jedoch eine historische Katastrophe, die das Leben der Menschen auf den Kopf gestellt und zu Krieg, Konflikten, Umstürzen, Tod und Inhaftierungen geführt hat.”
Wie konnte das geschehen? Was wir heute in mehreren arabischen Staaten sehen, ist das Ergebnis einer Konterrevolution, die seit mehr als einem Jahrzehnt von den Golfstaaten geplant und finanziert und von ihren Komplizen aus den Überresten der gestürzten Regime mit diktatorischer und autokratischer Macht ausgeführt wird.”
Nichts gegen Ali Anouzia, seine Argumentation ist jedoch in erschreckendem Masse ahistorisch, inkonsequent und verwirrend. Eine Revolution ist immer der Versuch einer Änderung; hier als Revolte gegen Willkür, also Diktatur. Jede Revolution trägt dabei das Risiko des Scheiterns in sich. Soll man aber deshalb nicht gegen die Diktatur aufbegehren?
Die Folgen der Revolution (die er oben beklagt) gehen eben nicht auf das Konto der Aufständischen - wie er emotional insinuiert - sondern sind der (aktuelle !) Erfolg der Konterrevolution! Die Revolution "fraß also nicht ihre Kinder” (wie es anderswo durchaus schon passiert war), sie war unvollendet!
Der Erfolg der Konterrevolution war möglich, weil nicht das Regime - welches keineswegs nur aus “Überresten” besteht - dauerhaft beseitigt wurde, sondern nur der Diktator!
Ich muss Dir recht geben, Sysiphus, der Meinungsartikel ist leider ganz und gar schlecht. Er macht fast keinen Unterschied zwischen den einzelnen Ländern, obwohl die Bedingungen total unterschiedlich sind. Und auch die heutigen Verhältnisse haben nur noch wenig mit dem zu tun, was vor 2011 war.
Insofern steckt natürlich auch in Deinem Kommentar ein Stückchen Wahrheit, Klaus, vor allem mit Blick auf den Islamischen Staat (IS oder ISIS).
Mir fehlt jetzt die Zeit, um in die Details einzusteigen, aber ein, zwei übergreifende Elemente will ich doch kurz in die Debatte werfen:
Der Arabische Frühling, davon bin ich immer noch überzeugt, war kein Fehlschlag, selbst wenn autoritäre Herrscher wieder vorherrschend sind - und die größte Enttäuschung ist für mich Tunesien, wo ausgerechnet ein demokratisch gewählter Präsident sich als Diktator entpuppt und gebärdet.
Aber in der Arabischen Welt von heute (und in ihrem Gefolge auch in benachbarten nicht-arabischen Staaten wie der Türkei oder Iran) ist gesellschaftlich nur noch wenig, wie es vor dem Arabischen Frühling war. Die Zivilgesellschaft ist wesentlich aktiver, kämpferischer und technologisch, inhaltlich etc. weit besser ausgestattet als früher! Im Sudan war es kein Volksaufstand, sondern die Zivilgesellschaft, die 2019 Omar al Bashir aus dem Präsidentenpalast jagte. Und gerade jetzt, im Krieg, ist es wieder diese Zivilgesellschaft, die in Nachbarschaftsinitiativen die Menschlichkeit aufrechterhält.
Die öffentliche Debatte ist heute um 180 Grad anders als vor 2011. Über den Islam wird allerorten heftig debattiert, vor allem über seine öffentliche und politische Rolle. Das wäre früher undenkbar gewesen. Genauso hat sich die Rolle der Frauen massiv verändert, ebenfalls ein wichtiger Fortschritt. In Katar und Saudi-Arabien, die gar keinen Frühling gesehen haben, gibt es Veränderungen, die gesellschaftliche Traditionen umkrempeln.
Die Absolutheit, mit der einst Assad senior herrschte, ist vorbei, sein Sohn regiert letztlich nur noch von Russlands und Irans Gnaden. In Tunesien ist es nicht das alte Regime, das neu erstanden ist, sondern etwas völlig anderes. Und es wird Aufgabe der Zivilgesellschaft sein, sich das Erreichte wieder zurückzuholen. Aber wer einmal die bleiernen Jahre in Tunesien vor 2011 erlebt hat, weiß, dass das Land heute ein ganz anderes ist. Selbst im Jemen, wo immer noch Krieg herrscht, sind unzählige zivilgesellschaftliche Gruppen aktiv und versuchen, die Lebens- und politischen Bedingungen im Kleinen zu verändern.
Aus meiner Sicht ist vor allem Ägypten ein Misserfolg. Das Militär hat 2011 Mubarak zum Bauernopfer gemacht und ansonsten die Zügel nie wirklich aus der Hand gegeben. Und in Marokko, wo es nur einen moderaten Frühling gab und der damals noch jüngere König manches möglich machte, hat es leider eine ganze Reihe von Rückschritten gegeben - auch weil der König sich von der Politikgestaltung letztlich verabschiedet hat.
Leider hat der Autor all dies in seiner Frustration überhaupt nicht berücksichtigt und auch die äußeren Einflüsse ausschließlich auf die Golfstaaten beschränkt - dabei gibt es viel mehr. Ich verstehe seinen Frust und den so vieler Anderer, auch im Westen. Aber um politisch weiter zu arbeiten oder aktiv(istisch) zu sein, braucht es diesen zweiten, tieferen Blick, um Handlungsoptionen für die Zukunft zu entwickeln. Denn einfacher wird die Situation - und da hat der Autor einmal Recht - in Zukunft weltweit nicht werden.
Achim, im Gegensatz zu mir, hast Du Dir die Zeit genommen, die Dinge eingehender beim Namen zu nennen. Deshalb: volles Einverständnis zu Deinen Bemerkungen!!
(Ergänzend zu Tunesien: Dort spielte sehr schnell die ultrakonservative Ennahdha eine sehr wichtige - und keineswegs immer durchsichtige - Rolle unter ihrem, aus dem langen Exil zurückgekehrten, Führer Rached Ghannouchi. Obwohl nicht direkt organisatorisch mit den islamistischen Muslimbrüdern (Ägypten) verbunden, besteht dennoch eine starke ideologische Bindung. Diese Fakten lenkten langsam, aber stetig, die Politik in restriktive - der Demokratie sehr abträgliche - Richtungen! Für die aktuelle wirtschaftliche Misere ist allein schon deshalb nicht die Revolution verantwortlich zu machen.)
Nochmal kurz zur Rolle der Frau: also unter Assad gab es weder verhüllungszwang noch burkazwang ebenso nicht unter Gaddafi, beide Länder waren von Seiten der sozialen Strukturen recht stabil zb hatten beide Länder ein sehr gutes zum größten Teil kostenloses gesundheitssystem( ich weiss leben war vor arabischen Frühling doch auch hier kam es zum machtvakuum -und der Blick in die Geschichte hat noch viele diesbezügliche Beispiele diese Somalia usw )Wer weiss wieviel Menschen sich in den beiden Ländern die alte Ordnung retrospektive wieder zurückwünschen würden.
Sorry in der Politik ist es genauso wie im Berufsleben, eine Firma mit einem schwachen Chef geht unter, eine Firma in der der Chef den Ton angiebt und sagt was getan wird ( auch wenn es manchen in der Firma nicht passt) kommt weiter- die 68 Kommunen haben sich auch nicht durchgesetzt und zu Info ich bin kein Chef