Jasmin-Revolution - Domino-Effekt in Nahost?

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Wolfgang K
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Re: Jasmin-Revolution - Domino-Effekt in Nahost?

Beitrag von Wolfgang K »

Für mich gibt es einen wichtigen Unterschied zwischen diesen Konflikten, auch wenn sie sicher einen Teil der gleichen Wurzlen – nämlich wirtschaftliche und soziale haben. In Ländern wie Griechenland, Spanien etc. mag es unterschiedlich gut funktionierende Staatsgebilde - im Sinne der Verwaltung sämtlicher Bereiche – geben, aber sie haben zumindest einen Vorteil: Die Regierungen sind am Ende der Legislaturperiode gewaltfrei auszutauschen. Das ist der Knackpunkt. Es muss keiner sein Leben lassen um die Regierung auszutauschen.

Noch was ist anderes: Wenn ich hier ein Schild male mit „Merkel ist doof“ und mich auf den Dorfplatz stelle wird es sicher unterschiedliche Reaktionen geben, aber es wird nicht am Abend ein Auto vor mein Haus fahren, drei Gestallten steigen aus und nehmen mich „zur Feststellung eine Sachverhalts“ mit in einen Keller. Auch werde ich nicht meinen Job oder meine Wohnung verlieren. Nach der Wahl in BW müssen auch nicht alle CDU Mitglieder das Land verlassen.

Wenn es also ganz dicke kommt, dann wird sich das alles – auch Anpassungen im Sozialsystem – innerhalb der bestehenden politischen Systeme abspielen. Es gibt sicher derzeit auch Kräfte an den politischen Rändern, welche die demokratischen Systeme bei dieser Gelegenheit gerade mit erledigen wollen, aber dann wäre das im Gegensatz zu den Revolutionen in Afrika kein Weg zu Demokratie hin, sondern davon weg. Damit wäre der Vergleich noch unpassender, denn (bis jetzt und bei aller Vorsicht) finde ich die Nordafrikanischen Revolutionen recht konstruktiv.


Grüße
Kuno
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Re: Jasmin-Revolution - Domino-Effekt in Nahost?

Beitrag von Kuno »

Alexander hat geschrieben:Interessant zu wissen wäre wieviel der von Deutschland, EU und IWF gesponserten Milliarden aus dem "Rettungsschirm" nicht zur Verbesserung der griechischen Wirtschaft, sondern für den Waffenkauf verwendet werden. Das wäre für Griechenland ein Teufelskreis. Während die Geberländer (ich nenne hier mal explizit Deutschland) ihre Exportstatistik verbessern und einen weiteren Schritt in Richtung eigener Wirtschaftsstabilität getan haben, gerät Griechenland immer mehr in die Abhängigkeit der Geberländer.
Solche Gedanken machen mir Angst. Ich koennte zwar im ersten Anlauf denken, dass das ja "nur" ein EU Problem ist und ich als Schweizer da nicht mit hineingezogen werde. Das ist es aber durchaus nicht, denn ueber den IWF und die Banken hat die CH in dieser Geschichte auch viel Geld stecken (und wohl auch noch einige ander Laener und Institutionen, die nicht in der EU sind).

Die Umschuldung wird kommen (und ich schau mir jetzt gleich mal an, was denn mit 'Umschuldung' gemeint ist :oops: ).
Kuno
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Re: Jasmin-Revolution - Domino-Effekt in Nahost?

Beitrag von Kuno »

...bevor wir hier den Bogen in richtung Nordafrika / Nahost wieder schlagen sollen, auch noch eine Begruendung dafuer: Die die jetzt in Spanien demonstrieren muessen nicht damit rechnen, dass danach ihre Familien harten Repressionen ausgesetzt werden. In den Europaeischen Laendern ist es heute moeglich, eine Regierung abzuwaehlen (oder mindestens nicht mehr wiederzuwaehlen). Bei allen Maengeln und Fehlern, die "unser System" haben mag - mir mindestens fiele so grad kein anderes ein, dass seinen Buergern mehr und bessere Moeglichkeiten bieten wuerde.
Alexander
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Re: Jasmin-Revolution - Domino-Effekt in Nahost?

Beitrag von Alexander »

Anscheinend teilt auch die Presse meine Bedenken:

Aus der belgischen Zeitung De Tijd:

Übersetzung: Bundeszentrale für politische Bildung

Protestwahl gegen soziale Ungerechtigkeit
Die Schlappe der Sozialisten bei den Kommunalwahlen ist nach Ansicht der Wirtschaftszeitung De Tijd eine Folge der Sparpolitik, gegen die die Menschen in Spanien auf die Straße gehen: "Der Protest gegen die Sparpolitik hat in Spanien enorm zugenommen, aber es gibt ihn auch in Griechenland und Irland. In Portugal wird er ebenfalls nicht ausbleiben zu den vorgezogenen Parlamentswahlen am 5. Juni. Es sind genau dieselben Klagen wie die der gut Ausgebildeten in Tunesien und Ägypten, die zu den dortigen Protesten führten: Mangel an einer Zukunftsperspektive und eine würdige Existenz. Es stimmt nachdenklich, dass dieses Phänomen nun auch Europa erreicht hat. ... Denn in der reichen nördlichen Hälfte Europas hat sich bereits eine egoistische Bewegung erhoben, um den Zusammenhalt und die Solidarität in Europa auszuhöhlen und für sich selbst zu retten, was zu retten ist. ... Der sogenannte reiche Norden darf sich keine Illusionen machen. Auch dort und anderswo werden die Menschen auf die Plätze strömen, wenn die Ungleichheit zunimmt und der Zusammenhalt der Gesellschaft verschwindet."

Orginaltext in Niederländisch:
http://www.tijd.be/opinie/commentaar/De ... .art?ckc=1

Grüsse
Alexander
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Wolfgang K
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Re: Jasmin-Revolution - Domino-Effekt in Nahost?

Beitrag von Wolfgang K »

Der Satz stört mich:

Denn in der reichen nördlichen Hälfte Europas hat sich bereits eine egoistische Bewegung erhoben, um den Zusammenhalt und die Solidarität in Europa auszuhöhlen und für sich selbst zu retten, was zu retten ist.

Um mal ganz, ganz böse zu sein, könnte man den Satz auch umdrehen.

In der armen südlichen Hälfte Europas hat sich bereits eine egoistische Bewegung erhoben, um den Zusammenhalt und die Solidarität in Europa auszuhöhlen und für sich selbst noch raus zu holen was raus zu holen ist.

Beide Aussagen sind gleich falsch bzw. gleich tautologisch, weil letztendlich immer egoistisch gehandelt wird. Mit Begriffen wie Solidarität und Gerechtigkeit wird hier viel Schindluder getrieben. Es kommt immer nur auf die Richtung der Betrachtung an.
Bei den vollmundigen Versprechen an die Bevölkerung der Euroländer wurde kein reiner Wein eingeschränkt. Vieles was im Süden als Konjunktur wahrgenommen wurde war schlicht Transfer, mit dem Nebeneffekt im Norden den Export anzukurbeln.

Jetzt wo allen klar wird, was tatsächlich dahinter steckt wird es den Menschen in den ärmeren Ländern klar, dass sie auf einer Blase gesessen haben und jetzt ins Nichts fallen, den Leuten im Norden wird klar, dass die Zeche die nächsten 50 Jahre mitzahlen werden. Der allgemeine EU-Unmut ist somit durchaus legitim und in keiner Weise populistisch.

Die Wut der Leute (im Norden und im Süden) hat nichts mit mangelnder Solidarität auf der einen Seite oder blindem Anspruchsdenken auf der Anderen Seite zu tun, sondern mit dem Gefühl für blöd verkauft worden zu sein. Wenn Europa in der jetzigen Form weiter existieren will ist es mit dem Ruf nach „Solidarität und Gerechtigkeit“, hinter dem sich weiter versteckter Transfer verbirgt, nicht getan. Es muss ein tragfähiger, begründeter Interessenausgleich geschaffen werden, dem alle ehrlich zustimmen, wissend auf was sie sich einlassen. Da aber inzwischen überall die Kassen im Keller und die Emotionen auf der Palme sind wird das nicht passieren.

Nur weil die gleichen Schlagworte benutzt werden, hat der Nord-Süd Konflikt innerhalb der EU aber noch immer nichts mit den Ereignissen in Nordafrika zu tun. Die Südeuropäischen Länder hätten ihre Problem auch ohne die EU, nur wären sie früher aufgefallen und der Absturz so schroff. Die Regierungen, die ihren Ländern das eingebrockt haben braucht man nicht weg zu putschen, man kann sie – wie oben schon geschrieben – abwählen.

Grüße
Wolfgang
Birgitt
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Re: Jasmin-Revolution - Domino-Effekt in Nahost?

Beitrag von Birgitt »

Domino?

Obwohl - in GR hatten wir das ja letzten Somer schon ...


Proteste in mehreren Städten
Tausende Griechen demonstrieren gegen Sparkurs

25.05.2011 - tagesschau

Angefacht durch Proteste in Spanien sind in der griechischen Hauptstadt Athen rund 15.000 Menschen gegen den Sparkurs der Regierung auf die Straße gegangen ... mehr

Gruß
Birgitt
Kuno
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Re: Jasmin-Revolution - Domino-Effekt in Nahost?

Beitrag von Kuno »

Wenn sich vielleicht auch die Bilder gleichen und eventuell die Leute in Nordafrika von den Moeglichkeiten in Europa inspiriert waren - ich glaube nicht, dass es zu einem Domino-Effekt von Nordfrika nach Suedeuropa gekommen ist...

...und ich habe immer noch nicht nachgeschaut, was denn die "Umschuldung" bedeutet, die ja wohl ueber kurz oder lang kommen wird.
Wolfgang K
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Re: Jasmin-Revolution - Domino-Effekt in Nahost?

Beitrag von Wolfgang K »

Hallo!

*hüstl*

Zwischen dem „Arabischen Frühling“ und den Protesten in Süd Europa gibt es keinen kausalen Zusammenhang, daher hat das nichts mit einem Domino-Effekt zu tun, der eben genau durch diesen kausalen Zusammenhang definiert ist:

Auszug Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Domino-Effekt
Der Begriff Domino-Effekt wird seiner Anschaulichkeit wegen auch beispielsweise für soziale oder politische Prozesse verwendet, die aus einer Folge sich bedingender Ereignisse bestehen.

Es gibt lediglich einige wenige Analogien: Straßenschlachten zwischen Demonstranten und Polizei, finanzielle Forderungen. Das war’s.
Der Arabische Frühling hat seinen Anfang in Protesten auf der Straße, aber dann haben noch ganz andere Dinge eine Rolle gespielt: Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, jahrzehntelange Diktaturen, Verfolgung politisch Andersdenkender etc.

Das besondere am „Arabischen Frühling“ war, dass ohne die maßgebliche Beteiligung von organisierten Bewegungen die Diktaturen von normalen Bürgern beseitigt wurden. Das macht es aus, nicht dass Steine geflogen sind oder jemand etwas gefordert hat.

Der Arabische Frühling ist mit „Domino-Effekt“ perfekt beschrieben: Ein Diktator kippt und reißt den nächsten mit. (hoffentlich noch ein par)
Aber wen soll es denn in Griechenland oder Spanien mitreißen? Das sind doch schon gewählte Regierungen! Wer oder was soll den da umkippen?

Mich stört aber noch was anderes. So inspirierend für viele auch die Ereignisse in Tunesien und Ägypten gewesen sein mögen, es kann sich nicht jeder, der in Europa für oder gegen etwas demonstriert mit dem unglaublichen Mut der Demonstranten in Tunesien und Ägypten gleichsetzen. Das wäre regelrecht anmaßend finde ich.

Grüße
Wolfgang
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Re: Jasmin-Revolution - Domino-Effekt in Nahost?

Beitrag von Birgitt »

G-8-Gipfel in Deauville
"Arabischer Frühling" bekommt Kredit

28.05.2011 - tagesschau

Die G 8 will die Reformländer Nordafrikas mit umfassenden Finanzhilfen bei einer demokratischen und marktwirtschaftlichen Entwicklung unterstützen. Die demokratischen Reformen in Tunesien und Ägypten werden mit bis zu 40 Milliarden US-Dollar - umgerechnet gut 28 Milliarden Euro - belohnt. Mit diesen großzügigen Kreditzusagen bis 2013 richteten die Staats- und Regierungschefs der führenden Industriestaaten und Russland (G 8) zugleich eine klare Botschaft an totalitäre Regime wie in Syrien und Libyen: Lasst den arabischen Frühling zu, der Wandel lohnt sich ... mehr

Gruß
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Re: Jasmin-Revolution - Domino-Effekt in Nahost?

Beitrag von Birgitt »

Aufstände in Arabien
Die unvollendete Revolution

29.06.2011 - Spiegel

Die Jubelfeiern auf dem Kairoer Tahrir-Platz sind unvergessen - doch sie werden überlagert von der brutalen Gewalt des syrischen Regimes, den Toten im Jemen, den Kämpfen in Libyen. Die arabische Revolte stockt im Angesicht der Gewehrläufe. Aber noch ist sie nicht tot ... mehr

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Re: Jasmin-Revolution - Domino-Effekt in Nahost?

Beitrag von Birgitt »

Tunesien, Libyen, Syrien
Sechs Monate später – was vom Arabischen Frühling übrig ist

13.07.2011 - Zeit

Vor einem halben Jahr ist Tunesiens Diktator geflohen, seither stockt die Revolte hier und in Ägypten, in Libyen ist Krieg, in Syrien Staatsterror. Wo steht Nahost heute? ... mehr

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Re: Jasmin-Revolution - Domino-Effekt in Nahost?

Beitrag von Birgitt »

Nahost und Iran - Jugend sucht Wandel
13.07.2011 - Deutsche Welle

Die Umwälzungen in den arabischen Ländern sind eine Folge der iranischen Proteste nach den Präsidentschaftswahlen 2009, glauben manche Anhänger der "Grünen Bewegung" im Iran. Kann man die Protest-Bewegungen vergleichen? ... mehr

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Arabischer Frühling kommt wieder

Beitrag von Birgitt »

Syrien, Tunesien, Ägypten, Jemen, Jordanien
Arabischer Frühling kommt wieder

15.07.2011 - n-tv

Die arabische Welt kommt nicht zur Ruhe. Bei erneuten Protesten werden in mehreren syrischen Städten mindestens 27 Menschen getötet. Es sind die größten Demonstrationen seit Beginn der Aufstände. Derweil gehen in Jordanien, Tunesien, Ägypten und im Jemen Tausende Menschen auf die Straßen. Sie fordern Reformen oder ihre versprochene Umsetzung ... mehr

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Russischer Spagat in der arabischen Welt

Beitrag von Birgitt »

Der Kreml begegnet den Volksaufständen in Libyen und Syrien mit dosierter Zurückhaltung
04.08.2011 - NZZ

Moskau setzt bei der Lösung der gewaltsamen Konflikte in Libyen und Syrien auf Verhandlungen. Sanktionen gegen Damaskus lehnt der Kreml ab. Doch die russische Aussenpolitik ist wandelbar. Zu welchem Vorteil dies gereicht, ist noch unklar ... mehr

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Re: Jasmin-Revolution - Domino-Effekt in Nahost?

Beitrag von Kuno »

Hier noch ein interessanter kleiner Artikel, der ein paar Ueberlegungen wert ist:

"CAIRO: Facing tenacious uprisings, the leaders of Syria, Libya and Yemen must have thought of their own possible fates when they saw their one-time peer Hosni Mubarak in a defendants cage, on trial for charges that could carry a death sentence.
For the three authoritarian Arab leaders, the choices are limited: Cling to power at any cost, negotiate immunity or find a foreign haven.
All those options make it harder to resolve their countries' turmoil peacefully."


Die Quelle ist hier: http://www.dailystar.com.lb/News/Analys ... z1U9vgmyT6

Es wäre ja auch viel zu schön gewesen, wenn sich die anderen Diktatoren freiwillig nach einer angemessenen Altersresidenz umgesehen hätten.
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