Sinai... Beduinen...

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er viel erzählen: Reiseberichte zum Informieren und Träumen, fotografisch dokumentiert. In diesem Forum findet ihr Reiseberichte als "Fotostreckenführer" zu interessanten Reisewegen.

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Evelyne
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Registriert: Mo 15. Sep 2008, 19:12
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Sinai... Beduinen...

Beitrag von Evelyne »

... Wie der Stein ins Rollen kam ...

April/Mai 2002. Drei Wochen Urlaub in Hurghada. Liege ausnahmsweise mal den ganzen Nachmittag am Strand meines Lieblingshotels in El Dahar. Schwimmen, lesen, faulenzen... Zeit fürs Abendessen. Laufe Richtung Zimmer, um mich umzuziehen, als mich unterwegs eine Frau im Liegestuhl fragt, ob ich ihr den Rücken eincremen könne. Wir kommen ins Gespräch - die üblichen Fragen/Antworten, wenn man sich das erste Mal begegnet. Ich erzähle Tina, der Liegestuhlfrau aus NL, die schon seit vielen Jahren immer wieder in dieses Hotel kommt und sehr viel von Ägypten gesehen hat, von meiner Liebe zu den Beduinen; von den Bedu-Villages in der Eastern Desert, zu denen man damals leider nur per gebuchter Tagestour kam, wo ich doch am liebsten einen ganzen Urlaub lang bei ihnen gewesen wäre...

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Ganz nebenbei fragt Tina mich, ob ich das Buch von Olin, dem Delfin, und den Bedu in Nuweiba/Sinai kenne. Nein, kenne ich nicht. "Du musst unbedingt nach Nuweiba-Mzaina, wenn du mit und bei den Beduinen leben möchtest" rät sie mir und beschreibt mir alles ganz genau, weil sie und ihr Mann schon dort waren.

Zurück in Deutschland google ich nach "Olin", weil ich weder den Buchtitel noch den Namen der Autorin kenne, bestelle das Buch („Das Lächeln des Delfins" von Pascale Noa Berkovitch), lese es in einem Zug durch und weiß: Hier MUSS ich hin. Ich will die Bedu, um die es in diesem Buch geht, persönlich kennen lernen, will ihnen von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen.

Da ich drei Monate bleiben will, muss ich mit meiner Chefin klären, ob und wie das gehen könnte. Sie kann mein ständiges Fernweh sehr gut nachvollziehen und findet eine Lösung, die „Teilsabbatical“ heißt. Ich reduziere meinen 100%-job für ein Jahr auf einen 75%-job. Erarbeite mir in neun Monaten Vollzeitarbeit meine drei freien Monate, bekomme zwölf Monate lang ein 75%-Gehalt, womit auch die Sozialversicherungsfrage geklärt wäre und wie ich meine laufenden Kosten zu Hause decken kann.

Weil ich noch nie auf der Sinai-Halbinsel war, buche ich für Dezember 2002 eine Woche Pauschalurlaub in Sharm-Hadaba, um mich von dort aus zu orientieren, die Fühler auszustrecken: Wie ist es als Frau alleine, wie komme ich von A nach B, wo gefällt es mir, wo möchte ich die drei Monate wohnen (in Dahab oder in Nuweiba?), gefällt mir die Wohnung in Dahab-Assalah, die ich übers Internet gefunden habe?

Fliege in den Sonnenaufgang, verliebe mich schon beim Flug über Sinai unendlich in die Berge, Wadis, Wüste, die von oben zu sehen sind und verknipse bis zur Landung den ersten Film.

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Sharm finde ich grässlich, wird mir nach kilometerlangen Spaziergängen klar. Es erinnert mich zu sehr an die Quadratestadt Mannheim. Ich mag es lieber kleiner, einsamer, stiller. Buche Tagestour um Tagestour, um etwas zu sehen. Es sind wenig Gäste da, einige Touren fallen deshalb aus. Lerne im Hotel ein libysches Paar kennen, das sich seit 13 Jahren kennt und liebt und - weil die Familien nicht einverstanden waren - erst vor wenigen Tagen heiraten konnte und nun auf Hochzeitsreise ist.

Der erste Trip heißt „Coloured Canyon – Nuweiba – Dahab“. Alle müssen auf Raffaelo, unseren muffligen guide warten, der die Nacht über zu lange in einer Disco war und nach nur 2 Std. Bettruhe verschlafen hat. „Yallah, yallah“ und „wait“ sind die Worte, die wir während der Tour am häufigsten von ihm zu hören bekommen. Wir sind eine bunt gemischte Gruppe: Zwei Schweizerinnen, Mutter und Tochter, die in der Schweiz eine Galerie haben und überwiegend in Südafrika leben; eine Schweizerin, die öfters nach Sharm zu ihrem Herzallerliebsten fliegt; eine Engländerin, die wie ich an Höhenangst leidet und im Coloured Canyon genauso bibbernd wie ich vor dem Loch-Stein und der Fels-Spalte steht, durch den/die man durch muss. Der Coloured Canyon ist grandios: Diese Farben, Formen, Schattenspiele!!! Yallah-yallah wird nervös, weil ich zu oft zu lange stehen bleibe, um zu fotografieren. Nach etwa 2 Stunden sind wir am meeting-point, dürfen kurz relaxen und fahren weiter nach Nuweiba-Tarabin zum lunch im Habiba-Village. Die Frau mit der Galerie erzählt uns während der Fahrt Geschichten und Weisheiten aus Afrika: Sieht man das weiße Hinterteil einer Gazelle, so bleibt man hier... Sieht man gleich zwei Gazellen, so findet man hier einen Partner und bleibt für immer mit ihm hier...* träum * ... leider keine einzige Gazelle in Sicht... Das Habiba-Village ist mehr als nur ein Camp, super organisiert und wunderschön. Unsere Zeit reicht leider nur fürs lunch, um sich ein klein wenig umzusehen und um mit den zwei Tarabin-Bedu, die mit Kamelen am Strand sind, zu reden.

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Weiter geht’s nach Dahab, wo ich mich in Assalah mit Barbara treffen und mir die Ferienwohnung für meine drei Monate ansehen will statt mit den anderen in Papyrus-Läden verfrachtet zu werden. Ich erkläre es Yallah-yallah und kippe fast um, als er im Jeep vor der Gruppe loslegt: „Was willst du denn in Assalah? Drogen kaufen – da wohnen doch nur „solche“?... Es ist gefährlich dort... Wenn du nicht pünktlich nach einer Stunde am Jeep stehst, fahren wir ohne dich nach SSH zurück!“ Schluck. Mein Herz klopft. Die Gedanken kreiseln „Was mache ich, wenn da was dran ist?“ Barbara ist ein Schatz; die EDEN-Wohnung super, ich bekomme einen Langzeitmieter-Preis und buche sie für April bis Juni 2003 und dass in Assalah nur „solche“ wohnen und es gefährlich ist, ist Oberquatsch, beruhigt mich Barbara, die hier schon viele Jahre verheiratet ist und lebt. Bin pünktlich am Jeep bei der Moschee in Masbat. Alle beglückwünschen mich, als ich ihnen erzähle, dass ich mich traue, nur Yallah-yallah schaut säuerlich, als ich Tourie-Frau ihn frage, was er für Mist über die Bewohner Assalahs verbreitet.

Der nächste Trip heißt „Sterne und Stille der Wüste“. Ahne Fürchterliches, als wir am späten Nachmittag zuerst in einen Jeep und anschließend in einen großen Bus verfrachtet werden, weil ich viel lieber in kleinen Gruppen unterwegs bin. Und als ich sehe, dass „Prophet“, einer der Miturlauber vom Hotel, im dünnen Anzug angetrabt kommt. Wir halten an der Straße, die zum Wadi Mandar führt, um den Sonnenuntergang anzusehen und fahren weiter zur dortigen Bedu-Schule, wo wir links abbiegen, einen Berg hochfahren, von den Bedu ein leckeres Dinner mit Ziegenfleisch-Spießen, Salat, frisch gebackenem Bedubrot und Tee bekommen und den Astronomen Nader Kobaissy treffen, der dort eine seiner Sternwarten hat und uns Allerlei ganz lustig und fesselnd in bestem deutsch über den Sternenhimmel erzählt. „Sternschnuppen sind keine Sternschnuppen, sondern Sternsteine – Schnuppen gibt es nur, wenn zwei Sterne aneinander reiben“ lernen wir. Es wird bitter kalt, ich bin wie eine Zwiebel in Top, Hemd, dicken Pulli, Windjacke und ein Wolltuch gehüllt und leihe Prophet, der ohne Ende bibbert in seinem dünnen Anzug, meine Windjacke.

Der letzte Trip – zum krönenden Abschluss vor dem Rückflug - heißt „Kamelsafari“: Wir werden mit einem Riesenbus abgeholt, unterwegs in einen anderen großen Bus mit dem Schild „deutsch“ verfrachtet und mit drei Riesenbussen im Konvoi ins Wadi Mandar gefahren, wo an der Straße die Bedu mit den Kamelen schon auf uns warten. Ich bekomme ein riesengroßes weißes Zauberkamel bzw. -dromedar, das ganz schön blubbert, sabbert, pfeift. Weiß zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass brünftige männliche Dromedare beim Anblick eines andern Kamels, besonders eines weiblichen, eine Hautblase, den sogenannten Brüllsack, der als zweites vorderes Gaumensegel angesehen wird, aus dem Hals heraustreiben und schaumigen Speichel erzeugen. Der Bedu, den ich arglos frage, was das camel denn habe, meinte: „It’s nervous“. Das kleine Stück vom Wadi Mandar, das ich bei dem 45-minütigen Kamelritt zu sehen bekomme, gefällt mir sehr. Als viele Menschen zum sunset auf die Berge kraxeln bleibe ich alleine unten, laufe herum, fotografiere und unterhalte mich mit den Beduinen und ihren Kindern.

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Bin so in Gespräche mit ihnen vertieft, dass ich alles um mich herum vergesse. Alle anderen sitzen brav um ihre guides geschart im Zelt. Wieder einmal finde ich es seltsam, dass ägyptische guides, die meist noch nie etwas mit Bedu und der Wüste zu tun hatten, den Touristen etwas vom Beduinenleben erzählen und nicht die Bedu selbst. Als unser deutsch sprechender guide etwas von Skorpionen und Babys erzählt, horche ich auf: Den Bedu sind viele Kinder unter zwei Jahren durch Skorpionstiche weggestorben. Um dem vorzubeugen, fangen die Bedu Skorpione, trocknen sie und zermahlen sie zu feinem Puder, das sich die stillende Bedu-Mama in geringer Dosis um die Brustwarzen reibt. Das Kind bekommt beim trinken eine noch kleinere Dosis davon ab und wird immun gegen Skorpiongift. Studien hätten ergeben, dass viel mehr Kinder das zweite Lebensjahr überleben, berichtet der guide und die Bedu bestätigen diese Art von Prävention. Kann mir gut vorstellen, dass andere Mamas in anderen skorpionreichen Gegenden dies auch tun. Als die Bedu merken, dass mir der Abschied von ihnen und dem Wadi schwer fällt und ich überhaupt keine Lust auf’s Hotel und auf Sharm habe, schlagen sie mir vor, doch einfach bei ihnen zu bleiben oder ein anderes Mal statt ins Hotel zu gehen zu ihnen ins Wadi Mandar zu kommen.

Leider waren meine 7 Tage Urlaub viel zu schnell um – der Aufenthalt im Wadi Mandar steht bis heute noch aus – und zu den Mzaina-Bedu bin ich erst in meiner Auszeit gekommen.


... Die ersten Tage in Dahab ...

Endlich 3 Monate Sinai (April-Juni 2003). Als Babs mir versichert hat, dass man vor Ort vom Irak-Krieg, der kurz zuvor begann und eine Stornowelle auslöste, nichts mitbekommt, bin ich beruhigt. Das Gefühl, hier zu sein, ist unbeschreiblich, so fühlt sich Glück an! Könnte jeden einzelnen Berg, an dem wir auf dem Weg nach Dahab vorbeikommen, umarmen. Die FeWo ist schön, überall nette Kleinigkeiten. Richte mich ein, bin hungrig, gehe einen Supermarkt suchen. Der Wind bringt angenehme Erfrischung, das Herz quillt jedes Mal vor Freude über, wenn ich Bedu sehe. Würde gerne noch ans Meer, aber es ist dunkel und ich weiß den Weg noch nicht. Sitze daheim mit einer Tasse Tee vor der Tür und werde von Schnaken gepiesackt. Ich glaube, die haben mich bis ins Schlafzimmer verfolgt! Hänge das Moskitonetz auf und grinse mir eins, als ich sie mich umkreisen höre. Zu früh gefreut, im Moskitonetz ist eine Laufmasche, es steht 1:0 für sie.

Die nächsten Tage vergehen mit Entdeckungsreisen durch Dahab. Bin überwältigt von den freundlichen, humorvollen Menschen. Mit dem Teppichverkäufer in der Bazarstreet joke ich, dass ich vor dem Heimflug mein ticket für einen fliegenden Teppich verkaufe und sehe erst auf dem Rückweg, dass der Laden „Flying Carpet“ heißt. Assalah mit den vielen Sandgassen, in denen Ziegen und Schafe auf der Suche nach Futter herumlaufen, gefällt mir am besten. Man trennt seinen Hausmüll in für Tiere Verwertbares, stellt diese Tüten vor die Tür, der Restmüll kommt in Straßencontainer. Wie programmiert laufen die Ziegen täglich die selbe Strecke ab und fallen über die Mülltüten her. Sie machen lustige Sachen: Stecken sie ihre Schnauzen zu tief in leere Joghurtbecher, kann es sein, dass sie sie eine Weile nicht mehr herausbekommen. Oder ein Bein bleibt in einem Karton stecken, was ihren Gang beim Weiterlaufen auf lustige Art verändert. Als ich zwei Ziegen sehe, die eine Zeitung futtern, muss ich lachen, weil mir dazu einfällt: „So ist’s recht, recycling: Erst lesen, dann fressen“. Manche haben so lange Krallen an ihren Füßen, dass es beim Laufen laut klackt.

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Viele Kamele werden morgens zum Blue Hole gebracht, wo sie für die trips nach Ras Abu Gallum bereitstehen. Abends werden sie vor den Häusern der Bedu und in den Gassen Assalahs angepflockt und mit dürren Palmzweigen, Grünzeug, Mais gefüttert. Zu lustig sehen sie mit umgebundenem Futtersack aus. Sie schauen hochmütig auf einem herab und mir fällt ein, was ich bei der Wüsten-Ausstellung in Darmstadt gelesen habe:

Allah hat 100 verschiedene Namen.
Der Mensch kennt davon 99, den letzten kennt nur das Kamel.
Deshalb blickt das Kamel so stolz auf den unwissenden Menschen herab.


Bin oft früh morgens am Eelgarden-Strand, um den Sonnenaufgang anzuschauen und Muscheln zu sammeln.

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Als ich auf einem Palmstamm am Meer sitze, fragt mich jemand, ob ich einen Kaffee möchte. Es ist Abu Taha, der dort sein Restaurant hat. Sein Platz wird in den kommenden Wochen meine 2. Heimat, weil man bei ihm im am Meer oder im Beduzelt schlafen darf und weil er sich rührend um die Bedukinder kümmert, die kommen, um ihre bracelets an Touristen zu verkaufen. Abu Taha liebt die Beduinen – und sie ihn. Wenn die kids Hunger oder Durst haben, verköstigt er sie unentgeltlich. Fast jeden Nachmittag halten sie eine Märchen- und Erzählstunde ab. Die Bedu, die als Tauchjeep-Fahrer arbeiten, sitzen bei ihm im Schatten und warten, bis die Taucher von ihren Tauchgängen zurückkommen. Als ich einen der Fahrer frage, ob er mir erzählen kann, welche Geschichten die Bedu ihren Kindern erzählen und so mündlich weitergeben, meint er: „I am a man – you must ask the women!“

Bedu kommen abends vorbei, um mit Abu Taha Neuigkeiten auszutauschen, so lerne ich viele von ihnen kennen und erfahre einiges über ihren Alltag: Sie sind Halbnomaden oder sesshaft, seit die Regierung die Schulpflicht für Bedukinder anordnete. Hier (und später in Nuweiba) berichten sie mir, dass die ägypt. Lehrer nicht sehr nett mit den Bedukindern umgehen. Es gäbe oft Ohrfeigen und wenn sich die Kinder bei den Eltern beklagen und der Vater beim Lehrer vorspricht, gäbe es anschließend wieder Ohrfeigen, weil die Kinder daheim etwas gesagt haben. Viele Bedukinder gehen deshalb nicht gerne in die Schule und schwänzen sie öfters. Die Kinder der in Dahab ansässigen binationalen Paare gehen in Sharm zur Privatschule und wachsen 3-sprachig auf: Mit ihrer Muttersprache, englisch und arabisch. Den täglichen Transfer der 11 Kinder haben die Eltern privat organisiert. Die Bedu, die ich frage, ob es ihnen in der Wüste oder in Dahab besser gefällt, sagen mir, dass es ihnen eigentlich in ihren Wadis besser gefällt und dass sie so oft wie möglich hinfahren. Sie würden aber auch die Vorteile Dahabs schätzen: Wasser, Elektrizität, Arbeit, Supermärkte usw. In Dahab gibt es weitaus mehr wohlhabende Beduinen als z. B. in Nuweiba, weil viele von ihnen Grundstücke haben, die sich verpachten/verkaufen lassen oder ihnen gehören Supermärkte, Restaurants, Läden, die sie an Ägypter verpachten. Nicht wenige betreiben eigene Hotels/Camps, die ihnen, wenn der Tourismus boomt, ein gesichertes Einkommen bringen.

Bin glücklich, als ich mit Awad, einem Bedu, und Robert, einem Urlauber, für zwei Tage nach Nabq fahren kann. Wir starten um 6 h früh mit Awads Pick-up. Er fährt mit uns durch's Wadi Connection. Dort, so erklärt er uns, treffen sich im Sommer alle Bedu der Gegend zu einem Fest. Bevor wir auf die Landstraße abbiegen müssen, halten wir bei Awads Verwandten, sie bewirten uns mit Tee, Bedubrot, Feta, Fattah und Awad gibt ihnen eine große Tüte mitgebrachter Lebensmittel, Obst, Gemüse. An der Landstraße ist eine „Wassertankstelle“, an der Awad für 5 LE die beiden 20-l-Kanister mit Süßwasser füllt. Nach Überqueren der Landstraße geht es über ein längeres Stück Schotterpiste nach Nabq. Plötzlich hauchfeiner Sand, blühende Pflanzen, Sträucher und die größten weißen Muscheln, die ich je gesehen habe – mitten im Sand. Awad lacht, als ich frage, ob ich eine mitnehmen kann: „Du wirst am Meer viele finden!“ Wir halten an, um Brennholz zu sammeln. Zu dem gedrehten Holz, das gut und lange brennt und kaum qualmt, sagen die Bedu in der Eastern Desert „arraq“, die Sinai-Bedu nennen es „adschus“, alte Frau, weil es so gedreht und runzlig sei.

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Wir sollen beim Holzsammeln wegen Schlangen nicht in Sträucher greifen, ermahnt uns Awad. Das Meer in allen Farben und schneeweißer Strand sind zu sehen. Wir fahren zu zwei alten Fischern, die sich an einer einsamen Stelle niedergelassen haben, um bei ihnen Fische für’s lunch zu kaufen. Die beiden Alten strahlen eine solche Ruhe, Freude und Würde aus, sie scheinen wie hineingewachsen in diese Landschaft. Auch ihnen gibt Awad eine Tüte Lebensmittel. Bald sind wir beim Platz, an dem wir bleiben wollen und können uns aussuchen, in welcher der einfachen Hütten bzw. unter welcher der arishas wir übernachten möchten. Touristen gibt es in dieser Ecke von Nabq keine. Als wir herumlaufen, um Meer, Muscheln, Mangroven anzuschauen, kocht Awad Tee, Reis, Fisch, macht den üblichen Tomaten-Gurkensalat dazu: Unser leckeres lunch, das wir mit Faraq teilen, der mit seinem Kamel zu uns gekommen ist. Faraq ist ein Bedu aus Dahab, lebt aber meist in Nabq, wo er die Touries, die per Jeep hergebracht werden, tagsüber bekocht. Sein Kamel ist sehr durstig, weil es auf dem Weg zu uns zuviel von den salzigen Mangrovenblättern genascht hat, und trinkt fast 20 l unseres Süßwassers. Robert schläft, während ich mich mit Aida und ihrer Mutter Nura unterhalte – sie sind in der Hütte nebenan und Verwandte von Awad. Es ist für mich wie im Märchen, Awad hat einfach an alles gedacht: Obst, Lebensmittel, dicke riesengroße Wolldecken, Flickenteppiche, Geschirr, Seife, Kerzen. Die Schatten werden länger, leichtes Abendrot, heftiger Wind. Da erst Anfang April ist, wird es kalt, so dass Awad und Faraq das Feuer entfachen und dinner kochen: Fischsuppe mit angebratenen Zwiebeln, Molokheya, Chili, Zitronensaft, Curcuma sowie frisch gebackenes Bedubrot. Immer mehr Bedu treffen bei uns ein. Robert und ich schäkern, weil wir das Essen an einem Extraplatz bekommen, die Bedu zum Essen unter sich bleiben und wir erst nach dem Essen zusammenrücken. Genauso schnell, wie die Bedu gekommen sind, sind sie wieder weg. Am Abendhimmel Mond, Sterne, schöne Wolkenmuster, die wir interpretieren. Eine Traumnacht unter Sternen, schlafe erst gegen Morgen ein, drei Wolldecken-Häufchen um mich herum: Awad, Faraq, Robert. Auch den nächsten Tag genießen wir aus vollem Herzen, werden von den Bedu verwöhnt, reden über Gott und die Welt mit ihnen, schwimmen, schauen uns das riesige Nabq-Areal und das Wrack der versunkenen Maria Schröder an bevor uns Awad durch's Wadi Qnai nach Assalah zurückbringt.

Dort wird gebaut, gebaggert, asphaltiert. Immer wenn ich die unbeleuchteten Sandgassen, die zum Meer führen, entlang laufe, sehen sie anders aus. Wo morgens noch Weg war, klaffen nachts Löcher für die Kanalisation und man muss aufpassen, dass man nicht hineinplumpst. Sandberge liegen mitten im Weg und versperren den Durchgang, so dass man sich erst einen suchen muss. Das April-Wetter macht seinem Namen Ehre: Abwechselnd Wind, Wärme, Hitze.

Lerne interessante Menschen aus aller Welt kennen, die für kurz oder länger in Dahab sind und frage mich, wie ich es je wieder in meiner „alten“ Welt aushalten kann. Mache keinerlei Pläne, weil jeden Tag etwas unverhofft Schönes geschieht, sich einfach ergibt. Ab und zu gibt es ein von Freunden organisiertes „lunch/dinner in the desert“ im Elektro-Wadi hinter Mubarak mit Blick hinunter auf Dahab und das Meer oder in einem der vielen Wadis Richtung Blue Hole. Am Ostermontag laufe ich den Assalah-Strand entlang, setze mich eine Weile vor's Bedouin-Moon-Hotel und entdecke einen Pick-up, der voll mit hochgestapelten Eierpaletten ist. Ein Ostergruß für mich?



... Nuweiba-Mzaina ...

Als mich mein im Büro vertretender Freund eine Woche in Dahab besucht, buchen wir die Tour Wadi Ghazala / White Canyon / Mushroom Rock / Ain Khudra / Coloured Canyon / Nuweiba. Zu zehnt sitzen wir im Landcruiser. Kraxle nicht noch einmal durch die beiden Canyons, sondern bleibe bei Awad, unserem Beduinen-Fahrer, im Jeep. Als ich ihm erzähle, dass ich Bedu in Saffe kenne, stoppt er dort, als die Gruppe durch den White Canyon Richtung Ain Khudra wandert, damit ich „meinen“ Bedu hallo sagen kann. Anschließend lerne ich den Weg nach Ain Khudra per Jeep statt wie zuvor per Kamel kennen - vorbei am Wadi Disco - Hügel hoch und runter. Freue mich, dass wir in einem der Palmengärten von Ain Khudra meinen Lieblingstee habaq, den ich bisher nur in getrockneter Form kenne, zu trinken bekommen und ich für je 10 LE drei frisch gepflückte Sträuße davon kaufen kann. Als die Gruppe nassgeschwitzt mit hochroten Köpfen aus dem Coloured Canyon beim meeting-point hochkommt, fahren wir weiter nach Nuweiba-Mzaina zu den Olin-Beduinen.

Endlich bin ich dort. Auf diesen Augenblick habe ich mich gefreut, seit ich das Buch „Das Lächeln des Delfins“ gelesen habe. Essam stellt mich Abidallah mit den Worten „Diese Frau hat dich gesucht“ vor. Das Camp Mabrouka, das dem betagten Abu Salim gehört und abwechselnd von seinen vier Söhnen geleitet wird, ist liebevoll angelegt. Es liegt an einer Bucht direkt am glasklaren Meer.

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Der stumme Bruder Mohammed kümmert sich in seiner lustigen, lieben Art um die Gäste. An der „Kiosk“wand hängen jede Menge Fotos von Olin, dem Delfin. Schnappschüsse der damals zahlreichen Touristen. Nach dem lunch gehen wir alle schwimmen. Setze mich danach zu den Beduinen und frage, ob sie eine freie Hütte für mich haben. Ich fotografiere nichts, denn ich weiß: Hierhin komme ich zurück und bleibe eine Weile, wenn mein Freund wieder nach D zurückfliegt.

6 Tage später bin ich wieder dort, die Bedu erinnern sich noch an mich und freuen sich offensichtlich, dass ich mein Versprechen gehalten habe. Mein „Bungalow“, eine Palmhütte mit abschließbarer Tür, Flickenteppich, Matratze, kleinen Borden und einem Fenster, hat die Nummer 10 und ein Hufeisen hängt über der Tür: Richtig herum, damit das Glück hineinfallen kann. Schön ist es hier und still, fast wie in der Wüste. Das Meer plätschert vor sich hin, die Berge Saudi-Arabiens am anderen Ufer des Golf von Aqaba und die Berge hinter der Camp-Bucht sind zum Greifen nah. Wie verzaubert wirken Dorf, Landschaft, Meer in den intensiven Farben des Sonnenaufgangs. In der Mittagshitze ist das Meer silbern und spiegelglatt. Gegen 16 h werden die Schatten länger und das Licht hebt jeden einzelnen Berg plastisch hervor. Nur ganz kurz ist der Augenblick, der bei Sonnenuntergang das Meer, das Mabrouka-Boot und die Berge Saudi-Arabiens in rosa Licht taucht. Nachts verleiht der fast volle Mond der Bucht Silberglanz, die Sterne funkeln. Goma, einer der taubstummen Beduinen, der sich zu mir ans Meer gesetzt hat, erzählt mir in seiner Zeichensprache in einer Viertelstunde mehr als einige der Small-Talk-Typen in den letzten Wochen Dahab. Er bringt mir Fotoalben mit Olin-Bildern und sagt mit Zeichen, dass alle sehr traurig sind, weil Olin weg ist und nur noch sehr selten zu ihnen kommt. Ich versuche ihm mit Zeichen zu erklären, dass bald Vollmond ist und Olin bestimmt hierher kommt. Goma schaut zum Himmel: „Insh'allah“. Warum ich das sage, glaube? Weil ich mir wünsche, Olin wenigstens einmal zu sehen und weil ich „so ein Gefühl“ tief in mir habe, aus dem Bauch heraus. Nur wenige Minuten später lässt Goma alles fallen und fliegt, hechtet, springt - Laute dabei ausstoßend - ins Meer, da sehe ich „es“ auch: Ein Delfin, Olin, schwimmt hinter dem Boot vorbei, zeigt sich ein paar Mal, ist wieder weg. Mir laufen die Tränen vor Rührung, weil sich mein Wunsch erfüllt hat, weil ich mit Goma erst vor ein paar Minuten darüber „geredet“ habe...

Bin nur in meiner Hütte, um mich an-, aus-, umzuziehen. Tagsüber sitze ich unter einer der arishas direkt am Meer, immer ist einer der Beduinen da, leistet mit Gesellschaft, erzählt mit mir. Ab und zu kommen Tagestouristengruppen; selten Touristen - meist junge, symphatische junge Leute - aus Israel; hin und wieder Männer, die hier rasten, bis es Zeit für die Fähre nach Aqaba ist - den Hafen sieht man vom Camp aus. Schreibe im Tagebuch meine Gedanken nieder, skizziere die Berge, den Mond. Hmed betrachtet das Ganze und fragt mich, was ich schreibe: „All the European female tourists sit down and write“... Da mir die Zeichensprache der taubstummen Bedu fremd ist, male ich mir die Zeichen für Kaffee, Tee, Italiener, Israelis, Saudis, Dahab, St. Kathrin, Mutter, Kamel, Delfin usw. in ein Heft. Will man in der Zeichensprache Dahab sagen, zieht man mit Daumen und Zeigefinger am Ohr. Die Logik: Dahab heißt Gold, goldene Ohrringe trägt man am Ohr. Will man erklären, dass man mit einem Mann nur befreundet, aber nicht verheiratet ist, so reibt man die Zeigefinger auf- und abwärts aneinander. Verheiratet sein heißt, mit Daumen und Zeigefinger da über den Ringfinger zu fahren, wo der Ehering sitzt. Verstehe ich nicht, was Darwish, Goma, Mohammed mir in ihrer Zeichensprache mitteilen wollen, so malen sie mir Bilder in den Sand.

Wird es dunkel, stellen die Bedu Kerzen in Sandflaschen vor die Hütten und auf die Tische unter den arishas. Elektrisches Licht gibt es nur bei der Küche und den beiden Toiletten/Duschen. Ich schlafe auf meiner Hüttenmatratze unterm 1.000-Sterne-Zelt, wo mich um 6 h früh die Sonne wach kitzelt. Die Söhne von Abu Selim schlafen zu Hause, Goma und ein paar Beduinenjungs übernachten immer im Camp, um mich und die belgische Yogagruppe zu „beschützen“ und um jederzeit für uns da zu sein, falls wir etwas brauchen. Sie wissen genau, wo der luftigste Nachtplatz ist und morgens am längsten Schatten, so dass sie bis ca. 7.30 h schlafen können. Man sieht nicht einmal ihre Nasenspitzen, wenn sie eingerollt in ihre Decken nebeneinander liegen und es macht Freude, ihnen am Morgen zuzuschauen, wie sie sich entrollen und verschlafen die Augen reiben.

Goma gießt immer als erstes die Camp-Pflanzen. Muss sehr lachen, als ich eines morgens sehe, dass er auch das junge Kamel, das neben einer jungen Palme steht, wässert. Frage ihn in der Zeichensprache, ob er denkt, dass es schneller wächst, wenn er es gießt? Nein, Zurechtweisung muss sein: Es bekommt eine Dusche, weil es nachts an der jungen Palme geknabbert hat *g*

Ein besonders schönes Erlebnis ist, als Goma mich eines Abends fragt, ob ich zu Fuß den nächtlichen Strand entlang - dorthin, wo am Hafen die vielen Lichter sind - mit ihm zum dinner gehen will. Unterwegs zeigt und erklärt er mir alles: Wo früher überall Palmen standen, die dem „Strandhüttenbau“ zum Opfer gefallen sind; wo er als Kind schwimmen und Fußball spielen war; wo sein Elternhaus stand... Es ist ganz schön weit, das letzte Stück fahren wir in einem Pick-up mit; halten dort, wo sich ein Restaurant ans andere reiht und nur einheimische Männer um laut plärrende TV sitzen; wo fast jeder Goma kennt, ihn grüßt, mit ihm lacht. Bin die einzige Frau unterwegs und in Gomas Lieblingsrestaurant. Es ist eine völlig andere Welt, Orient pur. Heiß ist es, wir sitzen im Freien, direkt neben dem riesigen chicken-grill. Nebenan dröhnend laute englische Popmusik. Schnell wieder weg. Goma will noch zum Frisör und nimmt mich auch dorthin mit. Der Frisör ist ein lustiger junger Mann, der Salon quietschbunt: Türkis Waschbecken, türkis-schwarze Bodenfliesen, die Fenster- und Türrahmen innen blau, außen postgelb. Zwei Kunden sind vor Goma dran, ich sehe das erste Mal, wie Gesichtshaare mit einem Faden aus einem Männergesicht entfernt werden. Auf dem Rückweg kommen wir am Strand an einem Beduinen-Paar vorbei, das direkt am Meer auf einem Teppich sitzt und isst – sogar einen kleinen TV haben sie dabei, er ist mit ihrem Pick-up verkabelt.

Als ich Hmed am nächsten Tag sage, dass ich am späten Nachmittag mit einem Kamel den Strand entlang Richtung Mesriq will, bringt Mahmoud sein Kamel zum Camp. Fouad, ein 11-jähriger Beduinenjunge, begleitet mich zu Fuß. Das Kamel ist derart langsam, dass wir nach 45 min. entnervt umkehren und ich Mahmoud frage, ob er es mit Schlaftabletten füttert. Das ist noch heute unser joke: „Mahmoud, how is your camel? Do you still feed it with sleeping-pills?“

Nach dem lunch kommen mich regelmäßig jede Menge Bedu-Kids, junge Bedu-Mädchen und -Frauen im Camp besuchen. Ihre Väter, Onkel, Brüder, Freunde halten derweil unter ihrem Schattenplatz Siesta, schlafen, bewegen sich wegen der Hitze keinen Millimeter, so dass mir das Wort „Bedustarre“ dazu einfällt.

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Sinai: Kameltour


Sbeihel fährt Ellen und mich von Dahab-Assalah in’s Wadi Ghazala, zum Felsen mit dem umgekippten Smily-LKW. Mit Sheikh Hmed trinken wir Tee und schicken Katrin eine SMS, dass wir da sind. Lach: Sie ist nur ein kleines Stück weiter, sozusagen um die Ecke, bei ihrer Beduinenfamilie, von wo aus Ellen und ich nachher zusammen mit drei Kamelen und zwei Beduinen für acht Tage in die Wüste aufbrechen. Katrin und Sliman, ihr Bedupapa, holen uns ab, bringen uns zur Familie, besprechen die Tour mit uns, machen uns mit Sa’ud und Hamed, unseren Wüstenführern, bekannt. Khadidja kocht Hähnchen, Reis, Salat. Frauen und Kinder scherzen mit uns. Wow, welch eine traumhafte Gegend schon jetzt: Feinster Sand, schneeweiße Sandsteinfelsen mit bizarrsten Mustern. Id, ein kleiner Bedujunge, hüpft immer um mich herum. Liebe auf den ersten Blick, beiderseits. Noch weiß ich nicht, dass Khadidja ihn mir bei jedem der späteren Wiedersehen gleich nach der Begrüßung freudestrahlend in die Arme drücken wird. Geschäftiges Treiben – ganz anders als bei uns daheim: Weiche Gesten, kein einziger überflüssiger Handgriff, jeder Handgriff sitzt. Würdevolle Ruhe über allem. Den Stimmen der miteinander sprechenden Frauen könnte ich stundenlang zuhören, in meinen Ohren plätschern sie sanft wie ein Wasserfall. Alles ist mir neu und trotzdem irgendwie vertraut. Die hiesigen Beduinen sind anders als die in sich verschlossenen, sehr zurückhaltenden Beduinen in der Eastern Desert, zu denen ich seit 2001 gehe, wenn ich in Hurghada bin. Sie sind sehr offen, gehen auf Fremde zu, ihr Herz ist dabei. Sie alle, Männer, Frauen, Kinder, Junge, Alte geben einem das Gefühl, wirklich willkommen zu sein. Machen einem das Geschenk des sich gegenseitig Teilnehmen-, Verstehen- und Austauschenwollens. Des ohne-Worte-etwas-ausdrücken-Könnens.

Der große Moment. Die Kamele (Dromedare) werden bepackt und uns zugewiesen. Nie werde ich den Moment vergessen, als ich vor Daban, meinem großen Kamel stehe. „Oh Gott, was tu ich jetzt gerade? Das Kamel ist soooo groß! Wie soll ich da draufkommen und tagelang oben bleiben? Bestimmt hat es nichts anderes im Sinn, als mich bei allen möglichen Gelegenheiten abzuwerfen....“ Wie konnte ich nur so etwas Dummes denken, mich plötzlich ... fürchten ... vor dem, auf das ich mich so lange so sehr gefreut habe? So geht es mir immer, wenn ich das erste Mal etwas für mich Neues tue...

Katrin erklärt uns, dass „hurry“ und dazu schnalzen in der Kamelsprache „los, laufen!“ heißt und „gief“ „mach langsam!“ und dass gekonnte, kehlige „ch, ch’s dazu führen, dass das Kamel in die Knie geht und man absteigen kann. Lenken wie beim Pferd, mit dem Führseil nach rechts/links.

Schön ist es, oben auf dem Kamel; gemächlich vorwärts kommen; nicht wissen, wohin mit dem Blick zuerst; staunend alles auf einmal in sich hineinsaugen wollen und merken, wie das Herz dabei weit wird, die Sinne sich öffnen, der Blick sich schärft. Die erste Nacht draußen, unter dem Beduinenzelt im Wadi Disco, bin ich hellwach als alle in Schlafsäcken steckend und mit dem Kopf Richtung Sterne in einer Reihe schlafend neben mir liegen. Der junge Beduine, der vorhin mit Grar, Ellens richtigem und prächtig geschmückten Tourkamel, zu uns kam, spricht im Schlaf. Würde zu gerne verstehen, was er sagt. „Hast nichts verpasst“, meint Katrin, die über Nacht bei uns bleibt, am Morgen. „Er hat nur Befehle erteilt, wahrscheinlich seiner Frau: ‚Mach mal dies... mach mal das’...“

Sa’ud und Hamed laufen den ganzen weiten Weg, während Ellen und ich nur absteigen, wenn wir über einen Berg oder einen Pass müssen, um ins nächste Wadi zu kommen. Nichts liebe ich mehr, als noch warmes im Sand gebackenes Brot. Farbige Steine, farbige Felsen, farbiger Sand: Die Wüste ist bunt. Sie lebt: Blühende Weißginster und gelb blühende handal (Wüstenkürbisse), verschiedene in kräftigen Farben verborgen blühende Pflänzchen, Kräuter, Heilkräuter. Hin und wieder Akazien, welche die Kamele so heiß und innig lieben, dass sie sie wohl schon von Weitem riechen und nichts anderes mehr wollen, als sich genüsslich auf sie zu stürzen – trotz der blutigen Nasen, die sie dabei bekommen - und sich vermutlich darüber amüsierend, wie wir uns vor den langen spitzen Akaziendornen schützend fast flach auf ihre Rücken drücken.

Sa’ud und Hamed haben in den Packtaschen der Kamele alles dabei, was wir an Lebensmitteln brauchen: Tee, Nescafe, Zucker, Reis, gelbe Linsen, Makkaroni, Mehl, Salz, Öl, Thunfisch, Gewürze, Zwiebeln, Zucchini, Tomaten, Gurken, Honig, Feta, Kekse, viel viel Baraka und einige Kanister mayya helwa, einen Kochtopf, eine Schüssel, das große runde Tablett, von dem man gemeinsam isst, vier Teegläser, die Teekanne, Löffel.

Die Kamele: Grar, der so heißt, weil er von klein auf immer angerannt kommt, wenn er das Geräusch eines im Kochtopf etwas auskratzenden Löffels hört. „Grar“ ist dieses Kratzgeräusch. „Daban“ beschreibt die Farbe des Sandes und damit die des Fells meines Kamels. „Fadjera“, unser Begleitkamel, ist Dabans trächtige Verliebte, die immer so sehr und laut weint, wenn er nicht in ihrer Nähe ist, dass sie „Heulsuse“ genannt wird und überall mit hingehen darf. Sie wird nicht geritten, muss nur wenig und Leichtes tragen und bekommt an jedem Rastplatz zuallererst frisch gepflücktes Grünzeug. Alle drei sind so tolle Tiere, wir lieben sie sehr: Sie sind schelmisch, denn sie schauen dich treuherzig an, während sie etwas tun, was sie jetzt gerade nicht tun sollen. Keine Ahnung was Daban sich dabei dachte, als er im Wadi El Kari mitten durch jeden der großen Ginster mit mir durchgelaufen ist – er muss einen nur für ihn sichtbaren Weg straight on quer durch die Büsche gesehen haben...

So viele Geheimnisse birgt sie, die Wüste, und unsere beiden Bedu bringen uns auf verschlungenen menschenleeren Pfaden zu ihnen hin: Closed Canyon, Ain Khudra, Wadi Rum, Amatameer, Nawamis, H’dudah – die größte, höchste Düne, die ich je gesehen habe.


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Viele andere schöne Plätze unter Felsen, deren Schatten für uns wächst. Hin und wieder Felszeichnungen. Am’rer, der schwarze Glücksvogel der Karawanen mit dem weißen Kopf, der uns begleitet. Die Dab’ra, die wie eine zu lang geratene Wespe aussieht und angeflogen kommt, wenn wir essen.

Nächtliche Geräusche: Tiefe Stille, über die sich wie ein Seidentuch nachtblauer Himmel mit Sternen senkt. Die leisen Schritte der Kamele, die wie Kaugummi kauende Damen in Stöckelschuhen aussehen, während sie mit ihren durch ein „agal“ zusammengebundenen Vorderbeine davon trippeln. Grtsch, grtscht, grtsch verrät die diebische Seite der Kamele, wenn sie erst abwarten, bis vermeintlich alle schlafen, und dann versuchen, unsere Tomaten heimlich aufzufressen oder die Kartons von den Barakaflaschen genüsslich verspeisen. Wie Breitmaulfrösche sehen sie aus, wenn ihnen Hamed abends am Platz für die Nacht die mit Mais gefüllten Futtersäcke ums Maul hängt. Humorvoll sind sie, denn sie nehmen uns kein bisschen übel, dass wir oft herzhaft über sie lachen müssen und ihnen nachts auf die diebischen Schliche kommen.

„Die Wüste ist der Garten Allahs,
aus dem er alles überflüssige menschliche und tierische Leben verbannt hat,
damit es einen Ort gibt, wo er in Frieden wandeln kann“.


Wir genießen es, bei den Beduinen in Allahs Garten sein und mit ihnen und ihren Kamelen ein paar Tage lang in ihm herumstreifen zu können.

Mein herzlicher Dank gilt Katrin Biallas dafür, dass sie mich im April 2003 zu ihrer Beduinenfamilie gebracht hat, und ihrer großen Familie und allen Beduinenfreunden dafür, dass sie mich so herzlich an- und aufgenommen haben. Es fühlt sich immer wieder wie „heimkommen“ an, wenn ich sie von Zeit zu Zeit wiedersehe.

Sa’ud möge, wo immer er und seine Seele seit Mai 2005 nun ruhen, spüren, dass ich ihm in liebevollem Gedenken Dank für acht Tage Wüste sage ... und meine Traurigkeit darüber, dass er nur wenige Stunden bevor ich ihn und die Familie im Mai 2005 besuchen wollte, gestorben ist.

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Die Sehnsucht nach "meinen" Beduinen-Freunden u. -familien in der Gegend um Dahab / Nuweiba / El Milga sowie das Heimweh nach den traumhaft schönen Plätzen in der Wüste und in den Bergen ist seither allgegenwärtig.

30 Tage Jahresurlaub sind einfach viel zu wenig für so viel Sehnsucht / Heimweh....

Gruß
Evelyne
... die Köpfe gleichen einander, aber die Gedanken in ihnen nicht (aus Ghana) ...
schnorr
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Re: Sinai... Beduinen...

Beitrag von schnorr »

schöner bericht, danke dafür :P
Viele Grüße
Jörg

meine Reisen unter http://jschnorr.com/
Turi
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Re: Sinai... Beduinen...

Beitrag von Turi »

Was aus so einem Urlaub alles werden kann!!
Wieder eine die's "erwischt" hat.
Hallo Eveline
"30 Tage Jahresurlaub sind einfach viel zu wenig für so viel Sehnsucht / Heimweh.... "
Verzichte auf anderes und mach mehr daraus, Du wirst es sicher nicht bereuen.
Meine schönsten Tage im Jahr sind die bei den Arabern resp. in der Wüste und die Tage werden mit jedem Jahr mehr, hamdulillah.
sandige Grüsse
Turi
Birgitt
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Re: Sinai... Beduinen...

Beitrag von Birgitt »

Evelyne hat geschrieben:Zurück in Deutschland google ich nach "Olin", weil ich weder den Buchtitel noch den Namen der Autorin kenne, bestelle das Buch („Das Lächeln des Delfins" von Pascale Noa Berkovitch), lese es in einem Zug durch ...
Hallo Evelyne,

ein wunderschöner ehrlicher Reisebericht, den du uns hier schenkst, herzlichen Dank dafür.

Und danke auch für den Hinweis auf dieses Buch hier im Forum.
Einem Freund ging es ähnlich wie dir, er hat das Buch gelesen und MUSSTE dorthin.
Das Buch hat er mir damals weitervererbt - ich habe es auch förmlich verschlungen!

Wer also nicht infiziert werden möchte, sollte dieses Buch niemals anfassen ;-)

Liebe Grüße
Birgitt
Kristiane
Beiträge: 2
Registriert: Mi 1. Sep 2010, 17:43

Re: Sinai... Beduinen...

Beitrag von Kristiane »

Win grosses Dankeschön von einer Neuen Forennutzerin....
Grandose Eindrücke und schön geschrieben.
Danke.
Kristiane
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