09. Januar 2011- Referendum im Südsudan

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dietmar.peter
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09. Januar 2011- Referendum im Südsudan

Beitrag von dietmar.peter »

Hallo,
einen jeden Afrikafahrer muß der 09. Januar 2011 bewegen, der in die Geschichte eingehen wird.
Er öffnet uns neue Wege oder verschließt sie für immer.
Das im Friedensvertrag festgelegte Referendum im Südsudan wird zugunsten der Unabhängigkeit vom Nordsudan entschieden werden.
Die Historie spricht dafür, aus politischer Sicht wird man eher dagegen sein müssen im Sinne von Dr. John Garang, der immer für einen einheitlichen Sudan eingetreten ist. Jedoch für ein sozialistisches, wie es Haile Mariam Mengistu in Äthiopien vertreten hatte.
Wir benötigen große Staatenbündnisse und keine Nationalstaaten. Sicherlich wird Südsudan besser mit kenia, Uganda und Kongo kooperieren können als mit den Arabern.
Aber an sich gibt es nur, wie mir die sudanesische Botschaft in Berlin immer wieder bestätigte, „ein Sudan“.
Sieht man im Lande die vielen nordsudanesischen Projekte (Bautätigkeiten, Straßenbau etc.)
und die handeltreibenden Araber auf den Märkten, so ist es schwer vorstellbar, das man ohne einander auskommen kann. Es wird sicherlich trotz Unabhängigkeit nicht so weit kommen, daß man die Tür einfach zuschließt (wo denn auch bei 2.000 km Grenze).
Gegen die kapitalistischen Strippenzieher im Hintergrund wird sich im Zeitalter der Globalisierung nichts machen lassen, jedoch hoffe ich, daß alle Seiten zu einem friedlichen Miteinander finden können obwohl sich die anstehenden Probleme (80% der Erdoelquellen im Süden, Nilwasser etc.) kaum lösen lassen als in jahrelangen Verhandlungen.
Bereits bei meinen Reisen in den Nordsudan 1995-2000 hatte dort keiner mehr Lust, den Krieg weiter zu führen, hatte doch jede Familie bereits einen Sohn oder Vater verloren.
Obwohl Salva Kiir und Riek Machar von Geburt aus Rinderhirten sind, haben die fünf Jahre Frieden gezeigt, daß ihre Weisheit und Weitsicht sie auf jeden Fall befähigen, das Friedensschiff weiterhin durch die wogende See zu manöverieren -obwohl im Inneren zwischen Dinka und Nuer noch Rechnungen offen sind.
Auch wenn vieles noch nicht funktioniert und insbesondere eine Aussöhnung der verschiedenen Bevölkerungsgruppen (vor allem der Dinka und der Nuer) noch in weiter Ferne ist, so sind Ansätze zur Lösung der Probleme zu erkennen.
Es gibt Gespräche, Treffen und Vereinbarungen zwischen kleinen Gruppen (so zwischen den verschiedenen Dinka-Gruppen um Mulu oder Yirol und Rumbek).
Auch habe ich in diesem Jahr selbst in kleinen Ortschaften Polizisten vorgefunden, die zwar keine Autos oder Funkgeräte haben, aber doch gewisse Ordnungsfunktion erfüllen.
In Juba und Rumbek gibt es Verkehrspolizisten, die in schneeweißen Uniformen ihren Dienst tun auf staubigen Pisten.

Wir saßen im Januar 2005 in Turgit/Äthiopien als den Nachrichten der BBC zu entnehmen war, daß John Garang Vicepräsident in Khartoum werden sollte. Ein unglaubliches Ereignis! Es raubte mir den Schlaf in der Nacht und die Ungläubigkeit darüber ließ mich tagelang daran zweifeln.

Bereits seit Jahren hatten mich in Lodwar/Kenia Studenten aus Juba/Südsudan dorthin eingeladen, notfalls mit Konvoi der SPLA.
Wie geschildert, bin ich seit dem Friedensschluß (2005) im Jahre 2007, 2008 ,2009 und 2010, jedenfalls in den letzten drei Jahren fast durch ganz Südsudan gefahren, von Ost nach West und Süd nach Nord und bin überall- auch in den entlegendsten Buschlandschaften- sehr gut orientierten und überaus friedlichen und freundlichen Menschen begegnet, die mir ans Herz gewachsen sind.
Bei oft 45 Grad muß ich jede zwei Stunden mein Bier haben, das der kleine Handel von Kenia oder Uganda aus bis in die entlegendsten Gebiete gebracht hat.
Oft haben wir dort Stunden gesessen in den kleinen Orten oder am Straßenrand und konnten ausgiebig Kontakte zu dortigen Menschen gewinnen, die jedem anderen verschlossen bleiben.
Auf den oft kleinen feldwegbreiten Pisten verliert man schnell die Übersicht: die Folge ist oft, daß wir größere Orte nicht mehr vor Einbruch der Dunkelheit erreichen konnten. So mussten wir ein paar Mal in kleinen Orten oder Gehöften übernachten, und sind lebendig wieder aufgewacht, nach dem uns am Abend versichert wurde: „nobody touch you!“
Für jeden Reisenden stellt das immer wieder eine besondere Herausforderung dar, auf unbekanntem Terrain die Nacht zu verbringen. Kein Einziger ist uns nahe gekommen oder hat uns in irgendeiner Weise gestört.
Nur vor unserer Abfahrt zeigte ein kleiner Junge auf einen alten Mann, der an einer Hütte saß,
er wolle uns was sagen und als ich ihm die Hand gereicht hatte, übersetzte der Junge seine Worte :“Wenn Ihr hier seid -ist Frieden!" Er meinte uns Reisende aus fernen fremden Ländern. Seine Worte haben mich sehr berührt!
Ich muß sagen, daß ich mich trotz der Gefahren und Ängste nirgendwo so sicher gefühlt habe wie im Südsudan.
Ich stehe unmittelbar vor dem Abflug nach Nairobi und beabsichtige an den Feierlichkeiten zur Unabhängigkeit des Südsudans irgendwo im Lande teilnehmen zu können.

SPLA/M oyee
GOSS oyee
Salva Kiir oyee
Riek Machar oyee

“If there is one advantage of having been in the daily practice of uncertainty, it is that one does not have to take any crap from bureaucrats” (Nassim Nicholas Taleb: The Black Swan, 2007)
(“Wenn es ein Vorteil ist, täglich mit dem Unberechenbaren gelebt zu haben, dann ist es der, daß man nicht irgendeinen Unsinn von Bürokraten glauben muß”).

Allen Reisenden ein Frohes Weihnachtsfest
und ein gutes Neues Jahr
und Gottes Segen

dietmar.peter
Dietmar Peter
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