Hallo Steffen,
ich danke Dir sehr für Deine sachkundigen Anmerkungen und kann dem nur in vollstem Umfange beitreten.
Sicherlich berührt den Bayern mit Landwirtschaft die Begegnung mit ursprünglich lebenden Völkerschaften nicht so sehr, wie uns Stadtmenschen- möchte jedoch die Software in uns nicht völlig beiseite lassen, das archaiische Muster, das in uns noch nicht ganz verloren gegangen ist: die plötzliche Verbundenheit, die wir empfinden, wenn wir die Welt des Ursprünglichen betreten. So lange ist es noch nicht her, daß wir in den gleichen Gegebenheiten gelebt haben.
Ich fühle mich spontan sehr wohl und geborgen beim Kontakt mit ursprünglichen lebenden Menschen, die fast in Symbiose mit ihren Rindern leben.
Deshalb beneide ich Dich auch, daß Du von Berufs wegen auf der Suche nach dem Ursprünglichen bist!"- und ich es nur teilweise mit dem touristischen Auge erfassen kann.
Sicherlich nicht auf dem Friedhof von Kerma, aber bei Deinen weiteren Grabungen in den letzten Jahren, wirst Du teilweise Strukturen entdeckt haben, die Du auch heute noch dort
vorfinden kannst…

Was können wir tun, damit wir nicht in ein paar hundert Jahren durch Grabungen das wieder entdecken werden, was wir heute bewahren könnten!
Mit welcher Gedankenlosigkeit nationale Regierungen in Afrika (und nicht nur dort) nicht nur ihre sondern unser aller Welt zerstören, ist erschreckend!
Mit Entwicklungshilfe ist heute jeder Unsinn zu machen!

Sie planen im Südsudan „Städte“ zu bauen, Straßen bauen sie ja schon jetzt durch die letzten entlegenen ursprünglichen Gebiete:
die Äthiopier planieren bereits in der Gegend von Dima eine Piste nach Boma und die Chinesen haben Kontrakt über die Weiterführung durch das Toposa-Gebiet nach Narus Straßen verbinden nicht nur, sie zerstören auch!
Das alles wird man nicht verhindern können- auch unsere Demokraten haben uns "Europa" oktroyiert, was keiner von uns haben wollte!
Im Südsudan hat man wenigsten 2011 die Möglichkeit , sich zu entscheiden. Daß Präsident Kiir nun die separate Lösung favorisiert, war vorauszusehen, hat er doch Dr. Riek Marchar an seiner Seite, der mit
seiner „Nasir-Fraktion“ schon immer die sozialistische Lösung für ganz Sudan von Dr. John Garang torpediert hatte. Ich habe auch keinen getroffen, der das anderes gesehen hätte –die Historie spricht einfach dafür.
Aber das nützt uns alles nichts! Wen interessiert es denn schon wenn tausende Ngok Dinka aus der Gegend um Abyei vertrieben wurden, um an das Erdoel heranzukommen, in Angesicht des Irak-Krieges? Was sind denn schon ein paar Rinderhirten, die gar nicht mehr in das System passen!
Dein Satz hat vollkommene Richtigkeit: „Nutzt also die Zeit, solange es noch möglich ist dort sein zu dürfen!“

Ich habe es verfolgt, daß in den swamps Rückzugsgebiete der Tierwelten sind und große Herden von Antilopen und Elefanten den jahrzentelangen Krieg überleben konnten.
Oben bei Shambe am Nil (dort ist ein GTZ-Mitarbeiter und macht in Fischzucht)
Von Elefanten im Busch habe ich auch bei den Mundari um Tali erfahren.
Sicherlich gibt es dort noch viel Unentdecktes –was die Gefährlichkeiten im Lande noch lange Zeit konservieren werden.
Wir Traveller müssen uns auf Informationen vor Ort verlassen können –in einem Land, daß
seine eigenen Leute noch nicht schützen und wo fast jeder jeden umbringen kann ohne Gefahr zu laufen, von staatlichen Institutionen verfolgt zu werden.
In diesem Jahr hatte der „Buschfunk“ vollkommen versagt:
plötzlich erscheinen ein paar hundert Bewaffnete und machen alles platt.
Bist Du vor Ort, kann es Dich auch treffen!
Ich bin im Februar von Bor hoch nach Panyangor gefahren, um weiter nach Malakal zu gelangen. In Panyangor packte mich die furchtbare Angst, konnte nachts nicht mehr schlafen und entschloß mich nach drei schlaflosen Nächten wieder umzukehren!
In Bor wieder zurückgekommen, lachte mich der Manager von „Liberty-Hotel" fast aus -Mr.Bol, ein Nuer, der die totale Sicherheit bis hoch nach Malakal beschwor.
Nach viel Bier beschlossen wir erneut hoch zu fahren.
Wir sind dann bis Ayod (Nuer) gefahren –ca. 80 km vor Malakal –kein Hinweis auf Gefährlichkeiten: dabei sind zur gleichen Zeit dort heftige Kämpfe ausgebrochen, wobei 50 Tote zu beklagen waren. Eine Intuition- begleitet von 45 Grad, grausiger Piste entlang des Jonglei-Kanals und teure zeitraubende Flußfähren über den Sobat-River und einem Nilarm- hinderten mich, weiterzufahren und fuhr zurück auf dem Damm vorbei an Duk-Padiet über Pokdab nach Panynagor.
Der Governeuer von Pokdap vermittelte Sicherheit –die gemeldet Schießereien seien "weitab im Busch"!
Die ständige Lebensgefahr konkretisierte sich in diesem Jahr besonders:
Janauar 2009
etwa zur gleichen Zeit attackierten Murle in der Nähe von Pokdap den LKW eines Händlers und erschossen 11 Menschen
05. bis 12. März 2009
die großen Auseinandersetzungen zwischen Murle und Lou Nuer begannen als Revanche
auf Angriffe der Murle im Januar mit Diebstahl von tausenden Stück Vieh in Akobo-county.
Zwischen dem 05.03.-12.03. attackierten tausende bewaffnete Luo Nuer 17 Murle Nieder -
lassungen in Pibor-county, töteten 453 Männer, Frauen, Kinder und entführten mehr als 120
Frauen und Kinder. Am 08.03. wurde der Ort Likwongole bedrängt, Viehbestände geraubt, Hospital, Shops, Verwaltungseinrichtungen ,NGO-Office zerstört.
6.000 Murle flüchteten nach Pibor-Town.
Bei den Angriffen wurden Speere, automatische Waffen und Granatwerfer verwendet.
240 Lou Nuer wurden getötet, viele durch Speere, Durst und Erschöpfung.
18. April 2009
attackierten im Gegenzug hunderte bewaffnete Murle 13 Niederlassungen der Lou Nuer in Akobo-county, brannten 16 Dörfer nieder, töteten mehr als 250 Menschen und entführten 30 Kinder. Insgesamt flohen im Zuge der Auseinandersetzungen 26.000 Menschen nach AKobo und Pibor.
08. Mai 2009
eine Gruppe Lou-Nuer attackierten in der Nacht das Jikanany-Lou Dorf Tor Kech und töteten über 40 Menschen, hauptsächlich Frauen und Kinder.(31 Frauen, 13 Kinder, 4 Männer –
Verwundete: 24 Frauen, 18 Kinder, 3 Männer)
18. Mai 2009
Murle attackierten 3 cattle-camps der Lou-Nuer in Uror-County, Jonglei State: 27 Menschen wurden getötet und 34 verletzt- zwischen 15.000-20.000 cattles wurden gestohlen.
zwischen 31. Mai und 10. Juni 2009
wurden 22 Tote gezählt in tribel clashes zwischen Jur tribe von Wulu county und Dinka Agar
12. Juni 2009
ein Militär-Konvoi bestehend aus 30 Lastkähnen beladen mit UN-Lebenmittel zur Versorgung von 19.000 geflüchteten Lou-Nuer um Akobo wurde auf dem Sobat-River von Jikanany-Lour überfallen, nachdem er Nasir passiert hatte kenterten 3 Boot und raubten 700 t Getreide, 16 Boote wurden nach Nasir zurückbeordert, 11 blieben verschwunden-Hunderte sollen getötet worden sein. 40 SPLA-Soldaten und Bootsbesatzungen wurden getötet.
02. August 2009
Murle attackierten nahe Akobo Fischerdörfer der Lou-Nuer und erschossen 180 Menschen -Frauen, und Kinder.
Der Untersuchungsausschuß stellte ua. fest, daß Frauen und Kinder bei lebendigem Leibe verbrannt worden sein-
28. August 2009
letzlich wurden 43 Tote und über 60 Verwundete gezählt als Lou-Nuer Dinka in Wernyol in Lith Payam/Jongleis Twic East county) überfielen.
05. September 2009
in Malakal/Upper Nile Region wurden 25 Menschen getötet nach schwerbewaffneter Shilluk-Attacke.
20. September 2009
tausende von Lou-Nuer überfielen den Dinka-Ort Duk Padiet nahe des Jonglei Kanals.
insgesamt wurden 160 getötet, darunter 22 SPLA Soldaten-260 Hütten wurden niedergebrannt.
In der Gegend wurden 24.000 Menschen vertrieben, hauptsächlich aus Panyangor und Kongor
02. – 5. Oktober 2009
trotz eines Friedens zwischen den Stämmen aus dem Januar 2008 wurden 42 getötet, 70 verletzt und 8.000 vertrieben bei Kämpfen zwischen Mundari und Dinka Bor.
Die Piste Juba-Bor wurde gesperrt. Ein Bus wurde beschossen zwischen Mugala und Gemeza und 3 Passagiere erschossen und 9 verwundet.
20 Mundari Dörfer wurden niedergebrannt.
Grund der Kämpfe soll angeblich gewesen sein, daß die Dinka Bor ihre Rinder in ein Erdnußfeld der Mundari getrieben haben sollen.
Ein Bekannter, der in Bor eine Baustelle leitete, berichtete am 30.10.2009:“ Die Straße wird ständig von Militär-Konvois befahren, aber es geschehen fast jeden Tag Angriffe auf zivile Transporter. Gestern sind offenbar zwei Leute aus Uganda erschossen worden. Überhaupt geben die Tageszeitungen oft die Situation nicht korrekt wieder. Die Zahl der Opfer zwischen Mundaris und Dinkas betrug vermutlich mehrere Hundert bzw. Tausend. Es sind mindestens 50 Dörfer zerstört worden. Es gab so viele Tote, daß die Leichen in den Nil geworfen worden sind. Selbst auf die andere, westliche Nilseite ist der Konflikt hinübergeschwappt.“
Ich bin die Strecke insgesamt vier Mal gefahren- besonders auffällig war die große Konzentration von Militär entlang der 200 km langen Psite.
Diese Auflistung (sudan.tribune und Human Right Watch entnommen) stellt nur die Höhepunkte der Stammeskonflikte zusammen, bei denen in diesem Jahr
ca. 2.000 Tote zu beklagen waren und
ca. 180.000 Vertriebene.
Insoweit gibt es jetzt und für längere Zeit keine Möglichkeit mehr, Jonglei State –den größten Staat Südsudans- gefahrlos zu bereisen- von Juba über Bor und hoch nach Panyangor und entlang des Jonglei-Kanals nach Ayod und Malakal zu fahren.
Aber auch die Piste von Kenia nach Juba, also von Lokichogio –Nadapal-Narus-Kapota-Torit- ist weiterhin nicht ungefährlich.
Am 22. August 2009 stahlen Toposa den Turkana ca. 1000 Stück Vieh und erschossen 4 Turkana. Als dann am 23. August 2009 Kenia Polizei die Verfolgung aufnahmen, wurden sie von Toposa überfallen, wobei ein Poli-
zist, dessen Fahrer und ein Offizieller getötet wurden.
Am 15. und 16.10.2009 eröffneten bewaffnete Toposa das Feuer auf Armee-Baracken im Umkreis von Nadapal/Grenzstation und töteten 16 kenianische Soldaten
Weiter wurden im Oktober 2009 zwei Fahrzeuge der GTZ beschossen.
Wir Traveller können uns in der Nähe dieser Gebiete nur mit höchster Vorsicht bewegen.
Die Ereignisse zeigen eindrucksvoll ,daß der jahrzehntelange Bürgerkrieg trotz des Friedensschluß 2005 sein Ende noch nicht gefunden hat.
Wenn Du sagst, daß es von Äthiopien ginge, würde ich dringend davor ab-raten, ohne Formalitäten /d.h. ohne Einreisevisum) von dort in den Südsudan einzureisen.
Ich war ja zweimal in Boma, was zum Pibor Couty gehört. Pibor ist der Hauptort des Murle-Stammes.
Was möglich wäre, von Ratt (in der Nähe von Dima) nach Boma zu fahren und sich dort bei der SPLM/A zu melden. Das sind vielleicht 80 km, sehr
schmale Piste durch Hügelland, die bei Regen unpassierbar ist (und es regnet in Boma fast täglich –schwere Gewitter und Regen, der von den
hohen äthiopischen Bergen herüberkommt). Die Strecke ist nicht befahren
und der Akobo-River ist zu durchqueren, der bei jedem Regen unpassierbar anschwillt.
Weiter nach Pibor gibt es eine Fahrspur, die Gegend ist von mehreren Wasserläufen durchzogen.
Zwei Landcruiser, die wir im Februar in Boma trafen wollten nach Akobo und mußten dann aber nach 120 km umdrehen, da die Gegend überflutet gewesen sei -und das in der Trockenzeit!
Der Officer der SPLA (ein Murle) ist ein sehr netter Mensch, der uns sogar seine Sat.Tel.No. gegeben hat. Er würde uns auch zwei Bewaffnete mitgeben-wobei die Strecke, abgesehen von den Wasserläufen keine besonderen Gefährlichkeiten aufweisen würde. Aber 200km sind dort sehr lang, ohne jeglichen Verkehr!
.Ansonsten kommst Du nur, wie von uns im Januar/Februar geplant gewesen, von Bor aus nach Pibor. Jedoch sínd die 200 km nicht nur auf Grund des katastrophalen Pistenzustandes als auch wegen der Gefährlichkeiten nicht zu packen- ich kann es jetzt auch nicht mehr versuchen, da die Strecke auf Grund der Spannungssituation zwischen Murle und Lou-Nuer bis auf weiteres gesperrt ist!
Für Deinen Nuba-Trip alles Gute! Da musst Du wohl nichts befürchten, ist ja alles in der Einflußsphäre von Khartoum.
Wir waren vor ca. 22. Jahren, kurz vor Aufflammen des Bürgerkrieges dort, in Fugor und Kau und haben dort noch traditionell lebende Nuba vorgefunden, so, wie es Leni beschrieben und in ihren Büchern gezeigt hat. Sind dann aber verhaftet und nach Kadugli gebracht und dann in die Zentralafrikanische Republik ausgewiesen worden.
Heute sieht es dort wie fast überall in Afrika aus –die T-Shirt-Kultur hat sich breitgemacht.
Beste Grüsse
dietmar

PS. am 28.12.2009 starten wir nach Nairobi und dann wieder nach Südsudan-mit schwerem Herzen- angesichts der vielen unschuldigen Toten!