Ich habe bisher vor allem mitgelesen und möchte nun einige Erfahrungen (keinen vollst. Reisebericht) meiner Iran-Reise (über Türkei) im April 2022 teilen. Vorneweg: Es war meine erste längere Reise mit eigenem Fahrzeug (Nissan X-Trail T31 mit Schlafmöglichkeit (für Wüstenübernachtungen) mit AT-Reifen und leichter Offroad-Ausstattung, obwohl kein "hartes" Geländefahrzeug).
Visum Iran: An und für sich kann man sich selbst um ein eVisum bemühen, das online ( https://evisatraveller.mfa.ir/de/request/ ) beantragt und dann persönlich in einer schon im Antrag zu bestimmenden Auslandsvertretung der Islamischen Republik Iran (in der Türkei bieten sich dafür Istanbul, Ankara und Erzurum an) abgeholt werden muss. Ich habe - da es schnell gehen musste - den Weg über die Agentur 1stquest.com gewählt, die sich damit rühmt, die sog. Referenznummer (mit der man das Visum dann bei der Auslandsvertretung abholen kann) i. d. Regel innerhalb von zwei Werktagen (Sa-Mi) zu beschaffen und dafür 39 € berechnet (dafür muss man die geplante Reiseroute inkl. Hotels an die Agentur schicken). Gedauert hat es dann im Endeffekt - aufgrund des Neujahrsfestes Nowruz - neun Tage. Das Visum habe ich dann in der Botschaft in Ankara abgeholt (50 € + 50% Expressaufschlag - ohne geht es nicht), was eine gute Stunde Wartezeit erfordert hat. Vor Ort wurde ein Impfnachweis verlangt.
Einreise Türkei über Bulgarien (Kapitan Andreewo): Eine Vorabregistrierung ( https://register.health.gov.tr/ ) ist theoretisch erforderlich, wurde bei mir aber weder bei der Einreise von Bulgarien noch bei der Rückreise aus dem Iran kontrolliert. Wartezeit auf der bulgarischen Seite ca. 1 h, auf der türkischen keine. Maut-Klebestreifen (HGS-System) ist nach der Grenze zu kaufen (40 € Aufladung war knapp zu wenig für hin und zurück), dabei werden auch gleich Euros in Lira getauscht (zu einem ungünstigen Kurs, versteht sich).
Route: Istanbul, Ankara, Ilhara, Göreme, Erzincan, Yusufeli, Kars, Dogubayazit
Verkehr/Straßenzustand in der Türkei: Überland SEHR wenig Verkehr (Ausnahme: Umland von Istanbul, aber auch da moderat) auf tlw. riesigen Straßen, angenehm zu fahren mit Ausnahme der sehr häufigen 70/50-Tempobeschränkungen entlang der D100 bei Kreuzungen und Fußgängerquerungen. Starker, aber rel. zivilisierter Verkehr in Istanbul.
PCR-Test in der Türkei für den Grenzübertritt in den Iran: Eine Liste der öffentlichen Stellen, die PCR-Tests durchführen, ist hier zu finden: https://hsgm.saglik.gov.tr/tr/haberler/ ... rlari.html
Ich habe meine Probe in einem Krankenhaus in Kars abnehmen lassen, hierfür sind Türkischkenntnisse oder die Hilfe eines Einheimischen unverzichtbar, da der Prozess extrem bürokratisch ist (Registrierung, noch eine Art Registrierung, Bezahlung (Größenordnung 100 Lira), Bestätigung der Zahlung, dann erst Abnahme der Probe). Es wurde versichert, dass es kein Problem sei, das Testergebnis am Folgetag in einer anderen Stadt (Dogubayazit) abzurufen. Naja, natürlich war das ein großes Problem (es hat aber am Ende mit der Hilfe sehr freundlicher Krankenhausmitarbeiter in Dogubayazit geklappt).
Also, wer nicht insgesamt einen ganzen Tag in Testabnahme und Abholung des Ergebnisses investieren will, sollte lieber einplanen, beides in derselben Stadt zu erledigen.
Grenzübertritt Türkei - Iran (Gürbulak/Bazargan): Wg. Wartezeit hat das Prozedere auf der türkischen Seite inkl Fahrzeug-Röntgen ca. 1,5 h lang gedauert. Danach geht das Schiebetor zum Iran auf, wo auch schon ein nicht-uniformierter Herr in Jeansjacke ganz selbstverständlich sämtliche Dokumente (PCR-Test, Carnet de Passages, Reisepass) verlangt. Der Grenzübergang ist RIESIG und es ist mir nicht klar, ob es für Gelegenheitsreisende möglich ist, das Grenzprozedere auf iranischer Seite ohne "Fixer" zu durchlaufen, da das Areal durch die Massen an stehenden LKW extrem unübersichtlich ist. Der Fixer hat das Carnet gestempelt zurückgebracht und sich auch um die Fahrzeug-Versicherung (134 € für "full coverage", was auch immer das heißen mag; es gibt auch eine günstigere Variante für ca. 100 €) gekümmert. Ein mit ihm befreundeter Zollbeamter hat meine Gitarre entdeckt, was gleich 200 Lira + fünf Euro Schmiergeld gekostet hat (Musikinstrumente dürfen in den Iran nur mit Genehmigung eingeführt werden), ansonsten wurde nur nach Alkohol gefragt und das Fahrzeug oberflächlich "durchsucht" (kein Röntgen). Der Fixer hat sich recht hartnäckig als Geldwechsler angeboten und war wenig begeistert, als ich von ihm nur wenige 100 Lira wechseln lassen wollte. Für seine sonstigen Dienste ("usually 80 €", natürlich) hat er sich mit 20 € (gerade noch) zufrieden gegeben.
Verkehr/Straßenverhältnisse Iran: Die Straßen auf meiner Route (Tabriz, Qazvin, Maranjab, Kashan, Yazd, Kerman, Dasht-e Lut, Sirjan, Shiraz, Isfahan, Tehran, Zanjan, Tabriz) sind großteils gut ausgebaut und in vernünftigem Zustand (wenn auch nicht so gut in Schuss wie in der Türkei), der Verkehr in den Städten ist hingegen ein ziemlicher Wahnsinn und kann einem graue Haare wachsen lassen (Blinker werden seltenst gesetzt, Spur halten kennen Iraner nicht, viele fahren bei Dunkelheit ohne Beleuchtung usw.). Tipp für Selbstfahrer, die in Hotels übernachten wollen: Vor der Reservierung beim Hotel anfragen, ob ein vernünftiger Parkplatz vorhanden ist und - wenn möglich - "Traditional Houses" meiden, da diese in den Altstadtkernen liegen und meist nur über extrem schmale Gassen erreichbar sind, die mit Gefährten, die größer sind als ein Peugeot 206, schwer zu passieren sind.
Geld (wechseln): Eine nervige Sache! Wechselstuben gibt es zwar in allen größeren Städten (dann meist gleich mehrere konzentriert in einer Straße), die Öffnungszeiten kennt aber nur Allah und wer 200 € oder mehr auf einmal wechseln möchte, kann sich auch gleich auf längere Wartezeiten einstellen, da erst für Bargeldnachschub gesorgt werden muss. Der Wechselkurs lag während meines Aufenthalts (April 2022) bestens bei 300 000 Rial (30 000 Toman) pro Euro, schwankte aber von einer Wechselstube zur anderen bis hinunter zu 280 000. Bei Banken, die einen wesentlich schlechteren Kurs bieten sollen, habe ich ebenso wenig gewechselt wie bei Straßenwechslern, die sich in Scharen in den Geldwechsel-Straßen sammeln und Ausländer wie Drogendealer mit "Dollar, Dollar" ansprechen.
Für Touristen gibt es Angebote wie Mahcard und Daric Pay, mit denen es Ausländern ermöglicht wird, mit (Prepaid-) Karte zu bezahlen. Das Geld wird vorab bar eingezahlt oder das Konto mit Kreditkarte/PayPal/Überweisung aufgeladen. Leider sind die beiden genannten Unternehmen wenig transparent, was den Wechselkurs betrifft, für mich daher nur eine Lösung für den finanziellen Notfall.
Hotelreservierungen: Ebenfalls rel. umständlich. Westliche Buchungsportale funktionieren bekanntlich nicht, leider schaffen es die Iraner auch nicht, ihre Hotelwebseiten so zu gestalten, dass es für Ausländer möglich ist, direkt darüber zu buchen (nur Persisch, häufige techn. Probleme...). Wer es telefonisch versuchen möchte, ist häufig mit "No English" konfrontiert (Ausnahme: 4- und 5-Stern-Hotels).
SIM-Karte: Für die Registrierung einer lokalen SIM-Karte ist die Vorlage eines (Original)-Reisepasses bei einer Registrierungsstelle (von Irancell) nötig. Praktisch, wenn der Reisepass vom Hotel einbehalten wird (extrem nervige Sonderbarkeit dieses Landes, die sich leider häufig nicht abstellen lässt). Bei mir wurde die Registrierung einer SIM-Karte mehrmals ohne Begründung ("manchmal funktioniert es, manchmal nicht, es ist 50:50") vom System abgelehnt. Ein Mitarbeiter eines Handygeschäfts hat daraufhin getrickst und mir eine SIM-Karte auf seinen Namen ausgestellt. Der so erhaltene Zugang zum Mobilfunknetz war für mich hauptsächlich für telefonische Hotelreservierungen nützlich (fast unentbehrlich), mobile Daten waren praktisch nicht zu gebrauchen außer für Whatsapp. Empfehlung zur Navigation: maps.me mit allen relevanten Karten herunterladen (Anmerkung: Aufgrund fehlender Verkehrsdaten sind die berechneten Fahrzeiten immer 20% zu niedrig).
Diesel ist bekanntermaßen extrem günstig (ca. 0.01-0.07 € / Liter, je nach Laune des Tankwarts), jedoch nie gänzlich problemlos zu beziehen, da iranische Privat-PKW ausschließlich mit Benzin oder CNG betrieben werden. Zum Tanken von Diesel ist eine Tankkarte notwendig, die der gemeine Tourist üblicherweise nicht besitzt. Berichte, denen zufolge Tankwarte gerne mit ihrer eigenen Tankkarte aushelfen, kann ich nicht bestätigen: Entweder besitzen Tankwarte keine oder sie möchten/dürfen sie nicht für Touristen verwenden. Hilfsbereite Tankwarte helfen jedoch bei der Organisation einer Tankkarte von einem LKW-Fahrer (man kann natürlich auch versuchen, dies mit Hilfe von Google Übersetzer selbst zu arrangieren), manchmal wird man auch zur nächsten Tankstelle weitergeschickt. Ich war jedenfalls froh, 2x20 L als Reserve dabeigehabt zu haben. In Kanister darf man den Diesel übrigens schon gar nicht tanken (d.h.: in den Haupttank tanken und anschließend in den Kanister pumpen), außer man trifft auf einen besonders hilfsbereiten LKW-Fahrer.
Die Wüste Maranjab ist von der Landesmitte aus rel. schnell zu erreichen (z.B. von Kashan aus über die Straße nördlich von Bid Gol; man passiert dabei eine Militärbasis, allerdings in ausreichendem Abstand, bei mir ohne Probleme). Beim "Eingang" hat man mich nach etwas Überzeugungsarbeit (weil man üblicherweise einen Guide benötigt) gegen eine Eintrittsgebühr (ca. 1,5 Mio IRR) passieren lassen. Man fährt dort auf einer erbärmlich schlechten Straße, die von den Einheimischen auch mit Peugeot 206 etc. befahren wird. Allradfahrzeuge fahren stellenweise besser neben der eigentlichen Straße. Nach der Karawanserai sind es noch einige Kilometer, bis man auf hohe Dünen trifft. Nachts treffen sich dort junge Iraner, um laut Musik zu hören und die Dünen auf und ab zu fahren. Einsamkeit habe ich hier jedenfalls nicht verspürt, möglicherweise findet man diese weiter im Osten (wo dann aber Nationalpark und irgendwo auch ein militärisches Sperrgebiert beginnen - also Achtung!)
Das landschaftliche Highlight meiner Reise war zweifellos die Wüste Lut, welche offiziell in drei Zonen (grün, gelb, rot - eine offizielle Karte existiert aber anscheinend nicht) eingeteilt ist. Das Gebiet der Kalouts in der Nähe der Straße (2-3 km Entfernung zur Asphaltstraße, je nach Quelle) kann frei befahren werden. Wer tiefer hinein fährt, sollte sehr genau wissen, was er tut, denn leider ist die Minengefahr absolut real.
Ich habe eine Nacht in der Nähe der Asphaltstraße verbracht und für den kommenden Tag eine Tour (d.h. Begleitfahrzeug mit Fahrer und englischsprachigem Guide) in das Sandmeer Rig-e Yalan gebucht. Dorthin gibt es grundsätzlich drei Routen:
Die beliebteste führt östlich der Kalouts nach Süden zum sog. Snake Tongue (Zaban Mar) Canyon, überquert dann eine Ebene Richtung Osten, wo das Dünengebiet beginnt und führt an diesem entlang wieder nach Norden. Mein Guide hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass insbesondere diese beliebte Route stark minenverseucht ist! Gem. seiner Information wurden die Minen sowohl von staatlicher Seite (im Kampf gegen den Drogenschmuggel aus Afghanistan), als auch von Schmugglerseite (gegen verfeindete Schmuggler) ausgebracht. Besonders groß soll die Minengefahr in der Nähe Stadt Shahdad sein.
Eine weitere Route nach Rig-e Yalan führt von Bam nach Nordosten. Auf dieser Route soll vor wenigen Monaten eine iranische Reisegruppe verunglückt sein, als sie über eine Mine gefahren ist. Berichte dazu habe ich keine gefunden.
Die dritte Route ist schneller und einfacher zu fahren als die zuvor genannten: Man fährt auf der Kalout-Straße weiter Richtung Osten und biegt einige Kilometer vor Deh Salm nach rechts (Süden) auf eine Schotterstraße ab. Nach ca. 30 km auf dieser hat man das Sandmeer erreicht. Mit meinem X-Trail war das Weiterfahren in der Sandebene problemlos möglich, an die Dünen selbst habe ich mich nicht herangewagt. Die Landschaft ist absolut grandios, unberührtes Sandmeer Richtung Osten so weit das Auge reicht!
Hinweis: Rückblickend betrachtet war es klug, diese Strecke nicht alleine zu fahren, bei einem Defekt am Fahrzeug wäre man dort alleine ziemlich "aufgeschmissen".
Nach meinem Aufenthalt in der Wüste Lut führte mich meine Reise nach Shiraz. Als ich mich dort gerade von den Strapazen meiner Reise erholen wollte, erreichte mich auf meiner iranischen SIM-Karte ein Anruf eines unbek. Teilnehmers. Es war die iranische Fremdenpolizei, die mich zum Verhör bat. Ich sollte mich gleich auf den Weg zu einer bekanntgegebenen Adresse machen. Dort wurden mir alle möglichen Fragen zu meiner Person, meinen finanziellen Verhältnissen, meiner Familie, meiner Reisehistorie usw. gestellt. Nach ungefähr einer Stunde war das Verhör (inkl. Durchschnüffeln meines Handys) beendet und ich konnte zurück ins Hotel fahren. Natürlich hatte ich bereits von Verhören dieser Art gelesen, jedoch standen diese in den entspr. Berichten immer im Zusammenhang mit dem Betreten heikler Gebiete, dem Filmen/Fotografieren bestimmter Gebäude oder dem Fliegen von Drohnen. Nichts davon traf auf mich zu.
Das Spiel wiederholte sich einige Tage später in Teheran, wo mir im Wesentlichen die gleichen Fragen gestellt wurden, jedoch mehr auf zukünftige Reisepläne (ich hatte bereits eine Reise nach Israel geplant; diesbezügliche Spuren auf dem Handy/Laptop hatte ich aber vor Einreise in den Iran beseitigt - glaubte ich zumindest) eingegangen wurde. Spätestens ab diesem Tag wollte ich dieses Land so schnell wie möglich verlassen, was dann über Zanjan und Tabriz auch ohne weitere Zwischenfälle gelungen ist.
Die Ausreise über Bazargan/Gürbulak gestaltete sich wie erwartet, derselbe Fixer wie bei der Einreise wartete bereits auf mich. Keine Gepäckskontrolle bei der Ausreise aus dem Iran, oberflächliche Kontrolle bei der Einreise in die Türkei. Zum Zeitpunkt meiner Einreise Ende April war die Vorlage eines PCR-Testergebnisses offiziell vorgeschrieben (ließ sich über das Pars Hotel in Tabriz organisieren), verlangt wurde es aber nicht. Weitere Route: Erzurum, Amasya, Bolu, Edirne, Sofia, Sremska Mitrovica, Klagenfurt.
Genaue Gepäckskontrolle (ein Alleinreisender 32-Jähriger muss wohl sehr verdächtig wirken) bei der Einreise in Bulgarien (äußerst unfreundlich, kein würdiger Empfang in die EU), ebenfalls genaue Kontrolle bei Ausreise aus Serbien und Einreise nach Kroatien.
Ich hoffe, dass die eine oder andere interessante Info dabei ist!
Liebe Grüße
Sebastian



