dann möchte ich mich auch mal mit einem Bericht beteiligen. Die Reise war 2007, nicht nur Wüste, aber auch einiges davon. Sorry, ist ein bisschen lang geraten …
Klickt da, dann habt ihr die passende Musik im Hintergrund:
http://www.silkroadproject.org//tabid/168/default.aspx
Unsere Fahrtroute führt durch Polen, die Ukraine, Russland, Kasachstan (entlang dem kaspischen Meer), Usbekistan (Aralsee, dann entlang der Seidenstrasse durch die phantastischen Städte Buchara und Samarkand), Tadschikistan (über den Pamir Highway, der höchste Pass ist 4655m), Kirgistan, nochmals durch Kasachstan und Russland, letztendlich in die Mongolei.
Abfahrt Ende April, Ankunft in Ulan Bator zum Nadaam-Fest, einer Art uralter mongolischer Olympiade, Mitte Juli. Rückfahrt von Ulan Bator aus mit der Transsibirischen Eisenbahn. Freunde übernehmen in Ulan Bator das Auto und fahren es zurück nach Deutschland.
Das ist die Route, rot die Hinfahrt, gelb die Transsib-Fahrt:

Reisedauer: 3 Monate
mit dem Auto gefahrene Kilometer: 16000 (Stuttgart-Ulan Bator),7 Visa, 14 Grenzübergänge
Auto: Mitsbishi Pajero Baujahr 90. Zum Thema "Was hat ER, was ICH nicht habe?": Im Gegensatz zum Ländie kommt man mit dem Pajero zuverlässig und bequem an, im Vergleich zum Toyo ist der Mitsu finanzierbar, er hat, anders als seine serienmäßigen Artgenossen größere Reifen (33x12,5), Differenzialsperren vorn und hinten und einen 170l-Tank.
Wir: Moni und Sven
Unsere Fahrt führt uns über Dresden und Görlitz nach Polen. In den ersten Tagen ist unser vorrangiges Ziel zügig vorwärts zu kommen. Hinter Krakau wird das Fahren mühsam, die Strasse ist auf 200km bis zur Ukrainischen Grenze eine einzige Baustelle.
Auf der polnischen Seite werden wir schnell und freundlich abgefertigt. Auf der Ukrainischen Seite ist eine lange Schlange. Der Stau wird bewusst produziert, damit man einigen, die bereit sind zu zahlen, eine Überholspur bieten kann. Wir haben genug Zeit um diesen Vorgang intensiv zu beobachten. Nach drei Stunden haben auch wir die Grenze passiert.
Gleich die ersten Kilometer hinter der Grenze machen uns klar, wie erfolgreich wir den Straßenzustand in der Ukraine seit der letzten Reise verdrängt hatten. Eine unglaubliche Holperstrecke führt nach Lemberg. Die nur wenig bessere „Autobahn“ von Lemberg nach Kiew führt durch Dörfer und Städte, auf dieser Autobahn verkehren auch Pferdekarren, Zebrastreifen queren sie.
Immer wieder halten uns Polizisten mit falschen Radarpistolen an. Einmal ist eine Strafe unvermeidbar. Nach etwas Verhandeln einigen wir uns auf umgerechnet 3€. Dies bleibt auf der gesamten Reise die einzige Strafe die wir bezahlen müssen.
Das kalte, aber herrliche Wetter wechselt zu Landregen. Bei 4°C erreichen wir am Abend die Russische Grenze. Die Ukrainischen Grenzer sind der Meinung uns fehle ein Transitvisum durch die Ukraine. Die Visumpflicht für Deutsche ist ziemlich genau seit zwei Jahren abgeschafft, aber das hat sich hier im östlichsten Winkel der Ukraine wohl noch nicht herumgesprochen. Zwei Stunden lang wird diskutiert und das Auto und dessen Inhalt genau untersucht. Die Einreise nach Russland ist nicht schneller, nach weiteren zwei Stunden, kurz vor Mitternacht erreichen wir im strömenden Regen Russland.
Wir suchen uns ein Plätzchen abseits der Strasse in der schwarzen Nacht. Ein Feldweg führt in ein kleines Tal. Doch schon bei der Abfahrt dreht sich das Auto auf dem schmierigen Untergrund. Heraus kommen wir gerade so mit blockierten Differenzialsperren. So campieren wir halt auf dem freien Feld.

Die Reise geht weiter auf zuerst erstaunlich guten Straßen. Eine Abkürzung belehrt uns, dass zwar die Hauptstraßen in Russland oft gut sind, dies jedoch nur selten für Nebenstraßen gilt. Beim Schild „Wolgograd 387km“ haben wir uns schon so an die Weite gewöhnt, dass ich denke „ach nur noch“.
Wir erreichen den Don. Wir finden einen herrlichen Platz am Westufer, etwa 150m über dem Fluss. Ein weiter Blick, herrliche Blumen und einige Greifvögel umgeben uns. Allerdings mahnen die noch deutlich sichtbaren Schützengräber aus dem zweiten Weltkrieg an schlechtere Zeiten.

Wir erreichen Wolgograd, das frühere Stalingrad. Sofort fällt die gigantische Statue der Gedenkstädte am Horizont auf. Auf dem Parkplatz der Gedenkstädte zeigt der Kilometerstand genau 3500km, von Stuttgart aus, an.

Wir verlassen Wolgograd und überqueren den Wolga-Don–Kanal. Das letzte Gebäude Wolgograds ist ein völlig heruntergekommenes Kernkraftwerk. Wir haben schon mehrere dieser Wracks gesehen. Dass es bisher nur einen GAU in Tschernobyl gab, scheint mir lediglich ein glücklicher Zufall zu sein.
Gut 100km vor Astrachan steht eine sehr schöne orthodoxe Kirche. Das Kircheninnere leuchtet in hellem Blau, rundherum sind Unmengen goldener Ikonen aufgehängt.

Der erste Eindruck von Astrachan ist recht desolat, aber hat man erst einmal das Stadtzentrum gefunden, ist die Stadt recht nett, mit einer Fußgängerpassage und auf dem einzigen Hügel weit und breit ist der komplett ummauerte alte Kreml mit schönen Holzwachtürmen und zwei großen orthodoxen Kirchen im Inneren.
Nun haben wir einen Zweig der Seidenstrasse erreicht. Wir werden nun dieser Jahrtausendealten Handelsstrasse durch die Steppe folgen.
Wir queren das Wolgadelta und erreichen die Kasachische Grenze. Die Ausreise aus Russland ist erstaunlich einfach und freundlich. Die Einreiseprozedur dauert 3½ Stunden. In der Zeit werden unzählige Formulare ausgefüllt und mehrfach unsere Passdaten in dicke Bücher abgeschrieben.
Kasachstan ist eine andere Welt als Russland. Moscheen ersetzen die orthodoxen Kirchen. Die Menschen haben mandelförmige Augen und runde Gesicherter und schon wenige Meter hinter der Grenze steht die erste Kamelherde.

Die Landschaft ist malerisch, tiefblaue Wasserflächen, dazwischen grüne Wiesen, darauf Pferde, Kühe Schafe oder Kamele. Immer wieder ein kleines Dorf aus Holzhäusern mit matschigen Wegen dazwischen.
Weiter geht es entlang der Küstenstrasse, nur vom kaspischen Meer oder der Küste haben wir noch nichts gesehen. So fahren wir auf einer sandigen Piste Richtung Ufer und erreichen den Dünengürtel, wenig später tatsächlich den Strand. Hier geht das Land ganz flach in Meer über, dazwischen liegt eine Schlammzone, somit kann man gar nicht genau sagen, wo das Ufer ist.

Etwas weiter wird die Piste plötzlich und unerkennbar grundlos tief. Die Oberfläche ist trocken, darunter tiefer Matsch. Wir fahren uns so richtig schön fest und dürfen das Auto aus dem Schlamm graben.

Wir erreichen den Fluss Ural und sind somit an der Grenze zu Asien.

Während ich am Abend noch mit dem Laptop am Tisch sitze, kommt ein Auto mit zwei Uniformierten. Sie kontrollieren unsere Pässe und fragen, ob wir Gas und eine Angel dabei hätten. Mir ist schleierhaft, was die Beiden wollen. Irgendwann meine ich wahrheitsgemäß Gas ja, Angel nein. Daraufhin legen sie uns zwei große, grobschuppige, noch zappelnde Fische hin und verabschieden sich freundlich. Etwas verdutzt sitze ich vor den Fischen, aber sie haben dann gegrillt (deshalb die Frage nach dem Gas) sehr lecker geschmeckt.

Die Schlaglochfrequenz, -größe und -tiefe nehmen zu. Neben der Strasse hat sich eine Spur in der Steppe gebildet, besser fahrbar ist diese jedoch auch nicht. Der Verkehr ist die erstaunlich dicht, viele Lastwägen, Kleinbusse und PKW zirkeln um die Schlaglöcher. Aus der ehemals geraden Strasse wurde ein Slalomkurs.
Die Landschaft ist von Weite, Steppe und viel Wasser geprägt. Die Weite und die Steppe hatten wir erwartet, aber überall gibt es Wasser, Seen, Tümpel, überflutete Fahrspuren. Wasser und Trockenheit liegen nur Zentimeter voneinander entfernt, die Fahrzeuge ziehen große Staubfahnen hinter sich her, daneben zeugen tiefe Wühlspuren von den Befreiungsversuchen etwas unglücklicherer Autos. Abseits der grauenhaften Strasse sind viele Parallelpisten, bei Trockenheit sind diese eine Alternative zur Straße, die auf einem Damm verläuft. Jetzt sind sie jedoch überflutet.
Es gibt keine Richtungsschilder mehr, wer hier fährt kennt sich aus. Wir erwischen eine sehr schlechte Straße und sind uns nicht sicher, ob es die richtige ist. Laut unserem Kompass führt sie zu sehr in östliche Richtung. Wir packen das GPS und das Laptop mit den Satellitenbildern aus. Alles deutet darauf hin, dass wir, trotz des grauenhaften Straßenzustands, richtig sind. Als endlich ein Lastwagen vorbei kommt, frage ich den Lastwagenfahrer und der nickt. Also weiter, die Strasse ist eigentlich unfahrbar, es gibt keinen Verkehr mehr. Hin und wieder sind Ansätze einer Bautätigkeit erkennbar, die aber die Straßensituation bisher nur verschlechtern.

Unsere Kasachstankarte ist eine Katastrophe. Nicht nur, dass keine Grenzübergänge eingezeichnet sind, der Aralsee eine Ausdehnung hat, wie er sie in der Mitte der 70iger Jahre hatte, die Schreibweise der Orte völlig willkürlich ist, nein, es sind auch Strassen eingezeichnet die es nicht gibt und anders herum gibt es Strassen, aber sie sind nicht eingezeichnet. Jetzt fluchen wir, da die einzige Orientierung, die Bahnlinie auf der falschen Straßenseite eingezeichnet ist und dies uns recht verwirrte.
Eine kleine Delle in der Piste unterschätze ich, wir heben sanft ab und landen unsanft. Wenig später bemerke ich, dass mit der Hinterachsfederung etwas nicht stimmt. Der Blick unters Auto zeigt eine herausgesprungene linke Hinterachsfeder. In den Serienschraubfedern haben wir zusätzliche Federn angebracht, die selbst gebastelte Halterung ist abgerissen und so hat die innere Feder wohl die äußere aus dem Sitz gedrückt.
Bei der Rüttelei träume ich immer wieder von einer sanften geteerten Straße. Einfach so durch die weite Landschaft gleiten. Plötzlich sehe ich meinen Traum vor mir, etwa 80 Kilometer vor Beyneu, mitten im Nirgendwo. Plötzlich haben wir eine nagelneue, perfekte Straße unter uns. Mit 100 Stundenkilometern gleiten wir dahin. Der Traum dauert fünf Kilometer und endet genau so abrupt, wie er begonnen hatte. Aber es war kein Traum, diese fünf Kilometer Teerstraße gibt es wirklich, irgendwo in der Weite der Steppe Kasachstans, etwa auf halbem Wege zuwischen Kulsary und Beyneu. Der Markt von Beyneu ist schön, sauber, frisch gefegt, schattig und die Obstverkäufer polieren gewissenhaft jede einzelne Frucht um den Staub zu entfernen. Wir kaufen Brot und essen ein paar frisch frittierte Teilchen.
Nun begeben wir uns auf die Suche nach einem Schweißgerät für die Federzentrierung. Nach etwas Suche und Fragerei führt man uns in eine unscheinbare Werkstatt. Das Problem wird erörtert, die Lokalität wäre optimal, eine Auffahrrampe und eine Hebebühne sind vorhanden, aber der Meister fehlt. Er sei in fünf Stunden zurück. Ich mach klar, dass der Ausbau kein Problem wäre, und dass ich das selbst schweißen könnte. Ich mache mich durchaus auf ein abenteuerliches Schweißgerät gefasst, aber was ich dann sehe übertrifft bei Weitem jegliche Erwartung. Ein Schweißgerät, das wahrscheinlich schon zu Lenins Lebzeiten beim Schweißen von Eisenbahnschienen seinen Dienst tat. Die mir vorgelegten Schweißelektroden sind fingerdick und über einen halben Meter lang, ich hatte eher an Elektroden im Bereich 2-3mm gedacht. Außerdem hatte das Schweißgerät gebrannt. Etwas später holt mich der Mechaniker herein, er hat inzwischen das Schweißgerät zerlegt und repariert die verkohlten Teile. Alles wird mit viel blauem Isolierband repariert.
Zum ersten Mal seit der Ukraine, also seit etwa 3000km sind so eine Art Berge am Horizont erkennbar. Eine etwa 200m hohe, zerfressene Abbruchkante schlängelt sich von Nord nach Süd. Während wir weiter auf den Meister, warten werfen wir einen Blick auf das atellitenbild, es zeigt eine Piste zu einem verzweigten Talsystem. Es wäre mal wieder schön in herrlicher Umgebung und windgeschützt zu campen. Wir verabreden mit dem Mechaniker, dass wir am nächsten Tag wiederkommen, ich hoffe bis dahin ist das Schweißgerät repariert und der Meister hat Zeit für uns.
Wir erreichen das zerklüftete Tal, aber kein Weg führt hinein. Der Boden hat nur spärlichen Bewuchs und ist relativ eben, also fahren wir einfach hinunter. Die idyllische Stelle fordert sogleich einen Spaziergang durch das Tal. Überall wachsen herrliche Gräser, die mit ihren buschigen Köpfen leicht den Boden bedecken. An manchen Stellen ist dieses Gras kräftig Grün, an anderen bräunlich Rot. Das wogende Gras ist wie ein erhobener Boden durch den man hindurch tritt. Flinke Eidechsen huschen vor uns zurück. Überall gibt es Löcher von Erdhörnchen. Diese selbst sind zunächst nicht zu sehen. Blickt man jedoch durch das Fernglas, so stehen sie überall herum. Nur in unmittelbarer Nähe sind sie in ihren Bau verschwunden. Als nächstes freuen wir uns über drei Schildkröten, die über die saftige Weide marschieren und fauchen als wir näher kommen. Im Hintergrund sind einige Kamele. Ein Adler kreist kurz über uns und begutachtet unser Essen.
Am nächsten Morgen fahren wir aus unserem schützenden Tal heraus und erleben einen Sand- und Staubsturm, wie ich es zuvor noch nicht gesehen habe. Es ist warm, im Auto drückend heiß, der Himmel ist grau-gelb, die Luft voller Dreck. Die Sicht beträgt manchmal nur wenige Meter: Wir fahren zurück nach Beyneu. Das Schweißgerät ist leider noch nicht betriebsbereit. Da die Schweißarbeit nicht so wichtig ist, fahren wir weiter.
In Beyneu hatten wir Tags zuvor zwei Wasserstellen gesehen, an denen Wassertransporter befüllt wurden. Mit der Aussicht hier Wasser zu bekommen hatten wir uns eine verschwenderische Dusche gegönnt. Heute wirbelt trockener Staub durch die Luft, keine Menschenseele ist zu finden, die Wasserstellen verschlossen. Offensichtlich gibt es hier nur an bestimmten Tagen Wasser. So muss halt der Rest der noch im Kanister ist reichen.
Der letzte Teil zur Grenze ist angenehm zu fahrende Waschbrettpiste. So kommen wir gut und schnell voran und erreichen um 13:00 Uhr die Grenze. Diese besteht aus einem quadratischen Hof mit zwei Schranken und einigen kleinen Baracken. Das Kasachische Häuschen ist zwar noch besetzt, aber man gibt mir zu verstehen, jetzt sei erst einmal Mittagspause, man deutet mir, dass es um 14:00 Uhr weiter geht. Wir warten in der Hitze, das Außenthermometer zeigt im Schatten 30°C, es stürmt, die Luft ist voller Dreck.

Tatsächlich tauchen kurz nach 14:00Uhr Uniformierte auf und belagern uns. Sie wollen dies und das wissen, sind einfach gelangweilt. Doch nach zwei Stunden sind wir in Usbekistan. Dies ist wohl einer der abgelegensten Grenzübergänge dieser Erde. Dazu vielleicht der windigste. Was muss ein Mensch verbrochen haben, damit er hierher versetzt wird.
Erst ist die Strasse ein paar Kilometer geteert, dann eine gute Piste, die aber immer schlechter wird. Wir nehmen einen ungewissen Abzweig nach Norden, wir wollen zum Westufer des Aralsees.
Den Zuflüssen des Aralsees wird so viel Wasser entnommen, dass diese oft den See gar nicht mehr erreichen. Dadurch ist der Aralsee immer weiter eingetrocknet und kleiner geworden. Die Wasseroberfläche beträgt nur noch etwa ein Drittel des Wertes von 1960. Die zwei früheren großen Hafenstädte Aralsk im Norden und Muynac im Süden, die einst eine Fährlinie verband, liegen heute jeweils etwa 150km vom Ufer entfernt. Dazwischen ist eine Salzwüste entstanden.
Der Aralsee ist überwiegend flach, genau wie seine Ufer. Deshalb ist es an vielen Stellen, wie im Norden des Kaspischen Meer, schwer, ihn überhaupt zu Gesicht zu bekommen. Einzig das Westufer wird von einer 200m hohen Abrisskante gesäumt. Da dort das Ufer steiler ist, ist auch der See noch nicht so weit von seiner alten Uferlinie entfernt.
Anfangs ist die Piste geteert, dann in üblem Zustand, dann nur noch Rumpelpiste. Plötzlich sehen wir markant grüne Vögel mit rostbraunen Flügeln, die wir eine halbe Stunde lang beobachten. Es sind Blauwangenspinste, wunderschöne Vögel, die hin und wieder elegant auffliegen und große Insekten fangen, und danach wieder in Gruppen zufrieden beisammen hocken.

Nach etwa 60 Kilometer treffen wir auf die Abrisskante, aber wir blicken auf eine wüste Ebene, vom See keine Spur. Wir fahren weiter auf schlechten Staubpisten entlang einer einsamen Stromleitung nach Norden. Eine armdicke Schlange kreuzt unseren Weg. Bei 44,5° nördlicher Breite biegen wir nach Ost von der Piste ab und erreichen nach wenigen Kilometern die Abbruchkante. Ein atemberaubender Ausblick tut sich vor uns auf. Nach tagelanger endloser Ebene fällt vor uns das Gelände in grandiosen Stufen bis zum Ufer des Aralsees ab. Die unterschiedlichsten farbigen Gesteine, grüner Bewuchs, der blaue See, es ist überwältigend.

Wir würden gerne etwas weiter unten und windgeschützt campen. Nicht weit entfernt sehen wir eine steile Piste die Abbruchkante hinunter. Die Piste erweißt sich nach Erkundung als fahrbar und wir machen uns auf den Weg. Was uns erwartet ist ein überwältigender Weg durch die abgestufte Abbruchkante. Durch bizarre Landschaften, vorbei an bunten Hügeln, weißen Salzpfannen, kleinen Tümpeln. Am Ende wird es sehr sandig, dann ist es Zeit zu Fuß weiterzugehen. Nach ein paar hundert Meter stehen wir am Ufer des Aralsees, hinter uns eine wahnsinnige Kulisse. Die Luft steht, es hat 34°C im Schatten. Wir finden einen idealen Nachtplatz, eben, weitläufig, mit See- und Bergblick.
Als wir ein Lebenszeichen an die Daheimgebliebenen absetzen möchten, stellen wir fest, dass wir keinen Satellitenempfang auf dem Handy haben. Bei der Abfahrt in Deutschland hatte ich das Telefon getestet, da ging noch alles, nun streikt es. In diesem Streikzustand verharrte es die ganze Reise.
Am nächsten Nachmittag beschließen wir, das warme Wetter zu nutzen und laufen die etwa 3 Kilometer zum Strand. Unterwegs treffen wir auf die unterschiedlichsten Eidechsen, die vor uns weg huschen. Mal lang gestreckt und gestreift, mal kurz und dick, farblos und mit stolz erhobenem Kopf. Am Ufer angekommen gibt es ein erfrischendes Bad. Der warme Wind trocknet uns im Nu, nur gestreifte Salzränder bleiben. Der See liegt herrlich türkisfarben vor uns, im Norden scheint ein Gewitter zu toben. Das Wetter ändert sich alle paar Minuten, mal scheint die Sonne, dann ist es wieder bewölkt, im Süden ist es tief schwarz.
Bei der Rückfahrt wählen wir die Fahrspuren die entlang der Abrisskante führen. Zwar ist die Piste hier schlechter, aber man hat einen ständigen Blick auf den Aralsee und die Wüste die er hinterlassen hat. Zwei weitern Schildkröten können wir erfolgreich ausweichen. Ebenso drei flinken Schlangen, wobei Schlage Nummer zwei sichtlich genervt ist und uns mit ihrem etwa 30 Zentimetern erhobenen Kopf in Kobramanier angreift. Ich versuche rückwärts zu fahren, aber die Schlange ist schnellet und verschwindet unter uns.
Nach etwa einigen zig Kilometern finden wir eine Piste über die Kante. Der Aralsee ist an dieser Stelle schon weit hinter uns. Wenn wir auf dem ehemaligen Seegrund eine Piste, die etwa nach Osten führt, finden, so wäre dies eine Abkürzung, die uns etliche Kilometer auf dem Weg nach Muynac sparen würde. Tatsächlich schwenken die Fahrspuren, nachdem sie zunächst nicht genau wissen, wohin sie führen sollen, nach Ost. Die Fahrspuren führen durch unwirtliches Gelände, über den einstigen Seegrund, durch die heutige Wüste.

Tatsächlich kommen wir nach Muynac, dem ehemals südlichen Aralseehafen. Früher lebten hier 200000 Menschen, heute sollen es 10000 sein. Selbst das scheint uns unwahrscheinlich. Von den Schiffsfriedhöfen ist kaum etwas übrig, seit der Einführung der Privatwirtschaft und dem anhaltend hohen Stahlpreis, lohnt das entsorgen der Schiffswracks.
Wir fahren weiter auf geteerter Strasse, eine wahre Wohltat. Noch etwas fällt uns auf, Bäume stehen am Straßenrand und es gibt Felder. Wir grübeln, wo wir die letzten Bäume gesehen haben. Es war am Uralufer, und davor, irgendwo in der Ukraine oder doch noch in Russland. Es liegt auf jeden Fall eine weite Strecke zurück.
Wir erreichen Nukus. Wir brauchen Wasser, Diesel und Geld. Ein herrlicherer orientalischer Markt empfängt uns. Wir schlendern über den riesigen Markt, ohne Landeswährung. Niemand schaut uns nach, niemand spricht uns an. An einem Durchgang spricht uns doch ein Sonnenbrillenverkäufer auf Englisch an. Ich frage ihn nach einer Geldwechselmöglichkeit, er nickt und wir folgen ihm. Er zeigt uns einen Mann mit Plastiktasche, das ist der Geldwechsler. Wir möchten 100€ wechseln, auf dem Handy tippt der Wechsler die Summe die wir dafür bekommen ein, 145000 Som. Wir sind einverstanden, obwohl wir nicht wissen, ob der Wechselkurs ok ist, aber alles macht einen äußerst ehrlichen Eindruck. Wir überreichen 100€ und bekommen dafür drei dicke Bündel 500-Som-Scheine, wovon korrekt zehn Scheine Abgezogen werden. Wir haben nun etwa 5cm Geld.

Der größte Geldschein in Usbekistan ist der seltene 1000-Som Schein, dies entspricht 60 Eurocent, unser Geldwechsler hat nur 500 Som Scheine.
Wir haben schon öfter schwarz gewechselt, aber nie war uns so wohl dabei. Mit unserem neuen Reichtum schaffen wir es gerade 20 Meter bis zum nächsten Restaurant. Wir bestellen zwei Fleischspieße und zwei Bier. Nach deren Verzehr nochmals dasselbe, dazwischen zwei gefüllte Teigtaschen. Ein Fleischspieß kostet 500 Som, also etwa 30 Cent, ein frisch gezapftes Bier 800 Som, also etwa 50 Cent. Wir sitzen da, beobachten und genießen die Szene. Alles ist unglaublich entspannt. Wir sind hier in einem muslimischen Land, aber die Frauen trinken Bier und die Männer witzeln mit den sehr hübschen Frauen. Keiner nimmt uns wirklich wahr, von einer Belästigung keine Spur. Unser Geldwechsler setzt sich mal eine Weile mit anderen Männern an den Nebentische, mal läuft er winkend vorbei. Hätte der uns übers Ohr gehauen, was verdammt leicht gewesen wäre, er hätte sich nicht wieder sehen lassen. Es geht uns einfach gut.
Auf dem Weg aus Nurkus heraus, finden wir eine Tankstelle, die so ziemlich alles anbietet, Unterkunft, Restaurant, Sprit. Diesel gibt es nicht, aber dafür können wir unseren Wasservorrat auffüllen. Wir fragen uns bei den Tankstellen durch und finden eine Zapfsäule für Diesel. Unter ungläubigen Blicken wechseln 140 Liter Diesel den Besitzer, der Tankwart und sein Sohn, der die Zapfpistole hält glauben nicht, was in unseren Tank reinpasst. Der Dieselpreis liegt im Bereich 50 Eurocent. Der Preis wird nirgendwo angezeigt, weder auf Schildern, noch zeigt die altertümliche Zapfsäule etwas anderes als eine Literzahl an. Zur Bezahlung sind über 200 Geldscheine nötig. Die Zählgeschwindigkeit des Tankwarts ist unglaublich, und bald wechselt ein etwa vier Zentimeter dickes Geldbündel den Besitzer.
Auf dem Weg nach Chiwa kommen zur Brücke über den Amu-Darja, der hier etwa 800 Meter breit ist. Die Brücke besteht aus vielfach geflickten Schwimmpontons, die nicht besonders dicht zu sein scheinen, jeder Ponton hat eine andere Neigung und Höhe, irgendwo blubbert eine Lenzpumpe und ein Schweißtrupp flickt die Löcher. Die Brücke ist voller Fußgänger, die ganzen Sammeltaxis lassen ihre Passagiere aussteigen, sonst kommen sie nicht über die Stufen zwischen den einzelnen Pontons.
Wir erreichen Urganch. Eine schöne Oase. Die Häuser sind einstöckig, die Strassen von Bäumen bestanden, eine liebliche Stadt. Nur gibt’s mal wieder keine Straßenschilder. Aber irgendwann finden wir die richtige Strasse mit Hilfe eines liebenswürdigen Taxifahrers und erreichen Chiwa.

Wir erkunden die Altstadt. Es gibt einige Spanische und vor allem Französische Reisegruppen, witzig mal wieder eine halbwegs verständliche Sprache zu hören.
Das Stadtbild ist überwältigend. Die Stadtmauer und die Bauwerke aus Lehmziegeln, die Farben der bunten Kacheln an den Türmen und Koranschulen in der untergehenden Sonne, ein orientalischer Traum. Immer wieder werden wir angesprochen, jedoch nie angebettelt. Mal möchte sich eine usbekische Familie mit uns photographieren lassen, mal spricht uns ein Mädchen mit recht gutem Englisch an. Insbesondere die Mädchen und jungen Frauen schauen uns offen und freundlich entgegen, lächeln uns oft an. Unglaublich, dass auch in diesem Land bis zur Übernahme durch die Sowjetunion die Burkapflicht herrschte und dass Afghanistan mit seiner bis vor kurzem herrschenden Burkapflicht und seiner die Frauen unterdrückenden Verhältnissen nur wenige Kilometer südlich von hier ist.

Wir müssen nun auf derselben Straße etwa 50 Kilometer zurück fahren. In Urgench verfahren wir uns wieder völlig. Dabei behauptet der Reiseführer es seine eine äußerst übersichtliche Stadt, in der man auf Anhieb alles findet. Wir verlassen die Stadt, aber nach einigen Kilometern wird offensichtlich, dass es die falsche Straße ist. Wir fahren zurück und finden zufällig das Autoreparatur- und Schweißerzentrum von Urgench. Ich nehme ein abgebrochenes Dachträgerteil und laufe zu einem Schutzgasschweißgerät, dem ersten, das wir auf dieser Fahrt erblicken, und spätestens seit Kasachstan haben wir einen stets wachen Blick für Schweißgeräte. Ich halte einem stämmigen und bärtigen, etwas verwegenen Typen mit einer altertümlichen Schweißerbrille die Teile hin. Im Nu sind die Teile perfekt zusammengefügt, eine einwandfreie Schweißnaht.
Ich zeige ihm das andere Problem mit der abgerissenen Zentrierung für die Zusatzfeder. Mit Hilfe des Highlifts, der allgemein großes Aufsehen erregt, denn zwischenzeitlich steht gut ein duzend Schaulustiger um die „Germanies“, und zwei Spanngurten baue ich die linken Schraubfedern der Hinterachse aus. Mister Schweißbrille kommt und schweißt das Teil einwandfrei fest.
Die Pontonbrücke über den Amu-Darja ist wieder ein Erlebnis, und weiter geht es auf passabler Straße in Richtung Buchara.
Die zahlreichen Usbekische Polizeikontrollen laufen so ab: anhalten, Hände schütteln, auf die erste Frage mit Schulterzucken und „Germania“ antworten, dann freundliche Worte vernehmen, während die Hände wild fuchtelnd zum Weiterfahren auffordern. Von wegen korrupter Beamte, die ihr Salär aufbessern wollen. Die gibt’s in der Ukraine und noch ein paar in Russland und Kasachstan, aber hier haben wir keine getroffen.
Nach einigen Kilometern finden wir ein schönes Rastplätzchen an einer Stelle, an welcher der Fluss einige Kilometer breit ist. Wir lassen uns in einer herrlichen Bucht nieder, auf der anderen Seite liegt Turkmenistan.

Dann geht es weiter in die „Rote Wüste“. Völlig entspannt geht die Fahrt über die überwiegend gute Straße gen Buchara. Ein paar unkomplizierte Polizeikontrollen, abwechslungsreiche Landschaft, etwa jeder Stunde eine leichte Kurve. Wir haben kräftigen Rückenwind, so bleibt die Tankstandnadel fast unbeweglich und kaum ein Fahrtwindgeräusch, stört den Musikgenuss.

Die Bauwerke in Buchara sind atemberaubend, die Touristen- und Souvenirdichte ist jedoch auch nicht schlecht. Wir suchen ein preiswertes und gemütliches Hotel. Jeder kennt hier jeden, und man muss nur etwas blöd gucken, dann wird man gefragt, welches Hotel man denn suche. Auf die Antwort, man suche ein preiswertes, gutes Hotel, zeigt man uns ein solches.
Die Elektro- und Gasinstallation ist, wie überall in diesen Ländern, geeignet beim bloßen Anblick einer deutschen Sicherheitsfachkraft zum sofortigen Herzstillstand zu verhelfen, aber es funktioniert alles. Man kann sogar im Büro im Internet surfen.
Etwa fünf Minuten vom Hotel befindet sich das touristische Zentrum: der Labi-Hauz, ein Platz mit einem kleinen See in der Mitte, malerisch umrahmt von drei hochragenden, mit blauen Kacheln geschmückten Portalen und Bäumen. Auf dem Weg durchqueren wir eine der drei (von ursprünglich fünf) Handelskuppeln Bucharas. Diese Handelskuppel beinhaltet früher den Geldmarkt, heute sind es Souvenirgeschäfte. Wir fragen, ob hier jemand Euros tauscht und erhalten sofort den besten Kurs, den wir bisher in Buchara gesehen haben.
Um den See haben sich en paar touristische Lokale angesiedelt. Wir lassen uns an einem Tisch direkt am Wasser nieder und werden köstlich versorgt. Westliche Touristen speisen hier, aber auch Einheimische und usbekische Touristen. Es ist einfach paradiesisch.
Wir besichtigen in aller Ruhe die vielen Bauwerke.


In einem Park westlich der Stadt halten sich viele alte Männer mit Bärten auf. Wir bleiben vor einer offenen Moschee fasziniert stehen. Der ganze Vorplatz ist mit Teppichen ausgelegt. Hohe Holzsäulen tragen ein reich verziertes hölzernes Dach. Ich photographiere scheu die Holzdecke und werde vom Moscheewächter aufgefordert, doch einfach nach Herzenslust Bilder zu machen. Und wir sollen doch auch ins Innere der Moschee, in den Gebetsraum, gehen. Verstohlen setzen wir uns nahe des Ausgangs in eine Ecke. Wieder kommt der Moschee-Wärter, besprüht den Saal und uns mit Rosewasser und deutet auf meinen Fotorucksack, ich solle ruhig photographieren. Wir zwei offensichtlich Ungläubige, Moni die einzige Frau, und außer uns nur Weise aus dem Morgenland, sitzen gemeinsam in einer Moschee.
Der Magen meldet sich und so gehen wir zum nahen Basar. In einer Bude essen wir Teigtaschen und Fleischspieße. Beim Bezahlen unterhalten wir und kurz mit der Bedienung, einem 18-järhigen Mädchen, sie spricht passables Englisch. Die Zeche beläuft sich auf 3500 Som, die sie uns gewissenhaft auf einem Taschenrechner vorrechnet. Als wir ich ihr 4000 Som, gerade mal gute 2€, gebe und das Wechselgeld zurückweise, lehnt sie kategorisch und entrüstet ab und schiebt Moni die 500 Som Wechselgeld mit dem Kommentar „no madam, no!“ in die Tasche, Trinkgeld ist auf dem Basar absolut unüblich. Irgendwann geben wir es einfach auf Trinkgeld zu geben, da dieser Versuch stets in einer langen Diskussion endet.
Stundenlang streifen wir über den bunten Basar.

Wir kommen wieder an der Moschee vorbei, in der wir früher am Tag saßen. Jetzt sind alle Plätze, auch die vielen auf den großen Teppichen vor der Moschee belegt, es ist Freitagsgebet.

Wir werden von fünf Jugendlichen in Deutsch angesprochen. Sie sind Deutschstudenten und möchten sich mit uns etwas zur Übung unterhalten. Ihr Deutsch ist recht gut, und mir als gebürtigem und bekennendem Schwaben wird mal wieder vor Augen geführt, wie viele unterschiedliche Vergangenheitsformen es in der deutschen Sprache eigentlich gibt. Dabei kommt ein Schwabe mit nur einer Vergangenheitsform auch ganz gut durchs Leben.
Außer in Chiwa und Buchara bei den alten Moscheen, haben wir keine Muezzine gehört. Der Grund ist einfach, die Regierung hat den Gebetsaufruf per Lautsprecher verboten. So bleibt einem das oft in muslimischen Ländern nervige Geplärre aus einem übersteuerten Lautsprecher erspart. Dagegen ist der echte Ruf eines Muezzins eine wirklich schöne und angenehme Melodie, die, wenn man sie in einer der Altstädte vernimmt, die orientalische Atmosphäre unterstreicht.
Auf dem Weg zurück ins Hotel kommen wir an der Rückseite des Stadions vorbei. Dort haben sich viele Polizisten postiert, irgendetwas muss da los sein. So gehen wir zum Eingang, viele Leute strömen hinein. Der Eintritt kostet umgerechnet 40 Eurocent, das Fußballspiel können wir uns nicht entgehen lassen. Wie alle anderen im großen und pompösen Stadion kaufen wir für umgerechnet 7 Eurocent eine Tüte Sonnenblumenkerne und beobachten das Spiel rot gegen blau. Das Spiel ist recht gut, das ist keine Provinzliga, da wird richtig Fußball gespielt. Allerdings ist das Publikum wenig begeistern, alle sind geschlossen für die Mannschaft in Rot, aber die Blauen gewinnen. Heute ist das Endspiel in der Bundesliga, wer wohl zu Hause Meister wird? Am nächsten Abend erzählen es uns deutsche Touristen die unseren Dialekt erkannt haben. Wir trinken einen Wodka auf den VfB.
Wir hatten ein offizielles Tauschbüro gesehen, mit einem erstaunlich guten Wechselkurs, aber das hat zu. Am anderen Ende der Stadt war auch ein offizielles Wechselbüro, mit demselben fantastischen Wechselkurs, also machen wir uns dorthin auf. Es hat geöffnet, aber die Geldvorräte des Wechselbüros belaufen sich auf 7000 Som, das sind umgerechnet vier Euro. Eigentlich wollten wir doch etwas mehr tauschen. Es ist unglaublich, aber da hat tatsächlich ein staatliches Wechselbüro geöffnet, immerhin arbeiten zwei junge Damen dort, und der gesamte Geldvorrat beträgt vier Euro.
Wir verlassen Buchara in Richtung Norden. Es geht durch Oasengärten, später durch Wüstenlandschaft. Nach etwa einer Stunde Fahrt tauchen die ersten Berge am Horizont auf. Später geht die Straße entlang von bewässertem, hügligem Agrarland, das mich an die Toskana erinnert weiter. Die Berge links und rechts der Straße werden deutlich höher, laut Landkarte erreichen sie auf beiden Straßenseite über 2000 Meter. Später erkennt man am Horizont schneebedeckte Bergzüge. Es sind die ersten Berge die wir auf unserer Reise sehen. Es wurde auch langsam Zeit dafür.
Durch liebliche Landschaften fahrend erreichen wir Samarkand. In den Außenbezirken gönnen wir unserem treuen Auto einen Ölwechsel. Samarkand wirkt sehr freundlich auf uns, sehr viele große Bäume spenden Schatten, wir sehen keine grauen Betonhochhäuser, alles ist grün. Wir durchqueren die Neustadt und wundern uns über den regen Verkehr und die Lebhaftigkeit und die Geschäfte. Seit knapp vier Wochen sind wir unterwegs, meist gehörte uns allein die Straße.
Wir finden ein nettes Hotel und spazieren bei sinkendem Sonnenstand in Richtung Registan, dem zentralen Platz in Samarkand, der von drei reichlich verzierten, rechtwinklig zueinander stehenden Medressen gebildet wird. Nach nur wenigen Minuten Fußmarsch stehen wir auf dem Platz. Der Anblick ist wahnsinnig schön, wir stehen da und staunen. Ein Polizist reißt uns zurück in die Wirklichkeit, ob wir nicht das Minarett besteigen wollten, die Aussicht sei zum Sonnenuntergang am Besten. So verdienen sich also hier die Polizisten ihr Nebeneinkommen. Das Minarett ist etwa 40 Meter hoch. Wir klettern über sehr enge und hohe Stufen die Wendeltreppe des Minaretts empor. Oben ist eine offene Luke, zu der man hinausschauen kann. Wir verbringen noch viel Zeit auf dem Registan, bis die Sonne untergegangen ist und der Magen knurrt.

In Anbetracht des Hungers entscheiden wir uns für das nächst liegende Restaurant. Dieses sieht zwar recht teuer aus, aber das ist uns heute egal. Im ersten Stock liegen wir auf der umlaufenden Terrasse auf usbekischen Pritschen und genießen Bier und leckeres Schaschlik mit Salat bei einer schönen Aussicht auf den Registan. Die Rechung erstaunt uns dann aber doch, allerdings anders als erwartet, das Ganze war fürstlich und kostet umgerechnet noch nicht einmal sechs Euro.
Samarkand ist die einzige Stadt, die in der Märchenerzählung 1001 Nacht Erwähnung findet. Samarkand ist heute eine heitere Mischung aus Orient und Moderne. Die Sowjetzeit glänzt hier nicht mit Industrieruinen und Plattenbauten, sondern in der Sowjetzeit wurden die stark zerfallenen alten Gebäude aufwendig restauriert. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts war Samarkand aufgrund der relativ häufigen Erdbeben ein Ruinenfeld, heute ist es wieder ein Juwel des Orients.
Wir gehen zum Mausoleum Gur-e Amir. Es ist schon von außen grandios, eine große blaue Kuppel, flankiert von zwei Minaretten, davor ein Eingangsbogen, und alles herrlich verziert.

Der Innenraum des Mausoleums ist detailreich mit Gold, Stuck und Malerei verziert. Reisegruppen kommen und gehen, wir sitzen da und können uns kaum satt sehen. Je mehr man schaut, je mehr Details erkennt man.

Wir verlassen Samarkand. Am Stadtrand wird nochmals Diesel getankt, die Dieselversorgung im vor uns liegenden Tadschikistan soll etwas schwierig sein. Die Berge, welche die Straße links und rechts flankieren rücken immer näher. Im Süden erhebt sich hinter den nächst gelegenen Bergen eine weitere, hohe und verschneite Bergkette. Das Tal ist malerisch, flach und fruchtbar. Nach etwa 40 Kilometern ist die Grenze erreicht. Die Grenzformalitäten sind problemlos, der Tadschikische Zoll will unbedingt Bakschisch und äußert dies in tadellosem Deutsch, bekommt aber von uns nichts. Dafür bekommen wir nur eine Einfuhrgenehmigung fürs Fahrzeug die nur acht Tage gültig ist.
Aus dem breiten, lieblichen fruchtbaren Tal wird nach wenigen Kilometern ein enges Gebirgstal. Aus der schlechten Straße wird eine holprige Piste die sich den Berghang entlang zwängt. Viele Erdrutsche haben die Piste verschüttet, diese Stellen wurden nur notdürftig fahrbar gemacht.

Wir durchqueren einige schöne Orte. Es ist Freitag, die Männer tragen ihre schwarzen Feiertagsroben und die Gebetsmützen.
Nach etwa 100 Kilometern treffen wir auf die Strasse zwischen dem Ferganatal und Duschanbe. Dies ist die einzige und wichtigste Verbindungsstraße zwischen den zwei Zentren Tadschikistans. Hier hatte ich eine halbwegs fahrbare Straße erwartet, was wir finden ist eine abenteuerliche Piste. Fahren auf Tadschikistans Hauptstraßen erfordert Schwindelfreiheit und Geduld. 20 Kilometer in der Stunde sind das Maximum. Die Straße windet sich entlang einer tiefen Schlucht nach Süden. In den Nebentälern sehen wir häufig Gewitter. In Anbetracht der vielen Bergrutsche und Steinschläge sollte man auf eine Regenfahrt in Tadschikistan möglichst verzichten.
Es ist später Nachmittag, wir halten Ausschau nach einem netten Plätzchen für die Nacht. Die Landschaft ist karg und steil. Jedes halbwegs ebene Plätzchen ist bewässert, bebaut und bewohnt. So kommen wir unserem ersten Gebirgspass immer näher, die Straße windet sich immer höher. Auf etwa 2800 Metern stehen wir plötzlich in einer großen Baustelle. Ungläubig starren wir durch eine Baustelle auf zwei Tunnelportale. Die Arbeiter erklären uns, dass die zweite Röhre gerade gegraben wird, die erste sei jedoch befahrbar. Aus der fahrbaren Röhre stürzt auf der gesamten Breite ein gut 30 Zentimeter tiefer, reißender Gebirgsbach. Durch diesen fahren wir, im nur spärlichst beleuchteten Tunnel lange aufwärts. Immer wieder stehen Baumaschinen, Kontainer oder Schalungen für die Betonierung der Tunneldecke im Weg herum. Hin und wieder ragen spitze Baustähle meterweit in den Tunnel hinein.
Nach etwa einer viertel Stunde vermeldet die Lichtmaschine Wassereinbruch und verweigert ihren Dienst. Beim Gedanken in diesem Tunnel und in diesem Gebirgsbach stecken zu bleiben ist eine Horrorvorstellung. Wir machen uns jendoch keine Sorgen, wir wissen ja, dass wir auch mit streikender Lichtmaschine noch problemlos stundenlang fahren können.
Aus etwa einem Meter Höhe schießt von rechts ein kräftiger Wasserstrahl quer durch den Tunnel. Dahinter wird es deutlich trockener, das war die Hauptquelle des Gebirgsbachs. Je weiter wir fahren, je schlechter wird die Luft. Die Sicht beträgt nur noch wenige Meter, so trübe und stickig ist es. Moni hält Ausschau nach Hindernissen auf der rechten Seite, ich konzentriere mich auf die Fahrerseite. Plötzlich blinken dunkel zwei orange Blinklichter auf.
Zwei Tadschiken hat es erwischt, ihr Auto streikt mitten im Tunnel. Wahrscheinlich hat die Zündung etwas zu viel Wasser abbekommen. Sie haben bereits zwei Sicherheitsgurte zusammen geknotet und als Abschleppseil an ihrem Auto festgemacht. Sofort haben sie sich an uns angebunden, und so geht die Fahrt im Schlepptau weiter. Wir überqueren den höchsten Punkt, nun kommt das Wasser von hinten, bald fahren wir wieder in einem Gebirgsbach. Durch ein tiefes Wasserbecken und eine hohe Schwelle wird am Tunnelausgang der Bach nach rechts geleitet und wir stehen inmitten von Schneefeldern im Freien.
Die Tadschiken binden sich ab und bedanken sich herzlich. Weitere Hilfe brauchen sie wohl nicht. Einerseits gibt es hier viele Arbeiter, die an der anderen Tunnelseite graben, andererseits scheinen sie das Problem zu kennen.
Es gibt einfacheres als in Tadschikistan zu reisen. Der Verwaltungsapparat stammt aus der Sowjetzeit, kaum etwas hat sich verbessert. Die eine Behörde weis nichts von den Bestimmungen der anderen Behörde. Aber alle Behörden halten sich für unglaublich wichtig. Zum Visum benötigt man im Ostteil des Landes das GBAO-Permit für die autonome Republik GBAO. Wir haben es bei der Tadschikischen Botschaft in Wien besorgt. Das Tadschikische Visum muss theoretisch innerhalb 72 Stunden nach Einreise in Duschanbe registriert werden. Diese Registrierung dauert angeblich zwei Wochen, wir haben es nicht gemacht. Genauso wenig haben wir die Einfuhrgenehmigung fürs Auto in Duschanbe verlängert. Das GBAO-Permit wiederum muss in Khorog registriert werden. Dass wir das gemacht haben, hat sich bei unseren späteren Problemchen als sehr hilfreich erwiesen, auch wenn mich die Kosten von 15€ plus einige Somoni pro Person etwas ärgerten. Zusätzlich muss man sich in jedem Provinzhauptort im OVIR-Büro und beim KGB registrieren. Beim KGB muss die genaue Fahrtroute angegeben werden, die dann genehmigt oder abgelehnt wird. So erfährt man dann, welche Strassen befahren werden dürfen und welche nicht. Es gibt keine generelle Auskunft, das entscheidet der KGB vor Ort. Für bestimmte Gebiete wie Nationalparks (die jedoch auf keiner Karte ausgewiesen sind) werden zusätzlich horrende Eintrittspreise verlangt, 100€ pro Person und Tag wurde uns genannt. Wer wandern will brauch zusätzliche Trekking-Permits, wo es diese gibt, haben wir nicht erfahren. Korrupte Grenzbeamte begrüßen einen in Taschikistan, korrupte Polizisten gibt es überall im Land. Die Polizeikontrollen (alle hundert Meter) in Duschanbe sind besonders nervig. Wir haben von Leuten gehört, deren Auto bei der Ausreise wegen irgend eines fehlenden Stempels beschlagnahmt wurde und welches nur gegen die wirklich saftige Strafe von 1500€ wieder ausgehändigt wurde.
Tadschikistan ist überwiegend gebirgig, sehr gebirgig. Die Landschaft ist grandios. Die meisten Leute, mit denen wir zu tun hatten waren sehr nett. Ausnahme die korrupten Uniformierten. Die „Strassen“ sind teilweise in sehr schlechtem Zustand. Man sollte sich sehr viel Zeit nehmen.

Die Dieselversorgung ist nicht überall problemlos. Es gibt viele Tankstellen, aber nur wenige haben Diesel. Auf dem Pamir Highway gibt es nur in Khorog Diesel. In Murgab haben wir auf dem Basar 20 Liter Diesel dubioser Qualität bekommen.
Schon bei der Einfahrt nach Duschanbe meckert ein Polizist über unser dreckiges Auto. Ich erkläre ihm, dass dies an den Tadschikischen Strassen liegt und dass wir weiter in den Pamir fahren wollen. Er meint, für die Hauptstadt sollten wir unser Auto waschen, aber er lässt uns dann doch fahren. Wir fahren quer durch die Stadt und werden noch fünf Mal von der Polizei herausgewinkt, wir sollen gefälligst unser Auto waschen. Aber letztendlich durchqueren wir ohne Autowäsche die Stadt.
Immer mal wieder sieht man Schilder von Hilfsorganisationen. Roter Halbmond und die bekannten westlichen Organisationen haben sich hier engagiert. Was sie tun, außer Schildern aufzustellen, bleibt uns verborgen. Uns scheint das Land fruchtbar, die Felder sind bestellt und die Herden reich und fett. Nur im Bereich der Hauptstadt haben wir viele nagelneue Toyotas mit der Aufschrift der diversen Hilfsorganisationen gesehen. Abseits sieht man niemanden der Hilfsorganisationen.
Immer mal wieder stehen die Gerippe und Reste von Panzern neben der Piste und erinnern daran, dass auch die Russen mal versucht haben, Afghanistan zu erobern. Die Piste schlängelt sich den Berghängen entlang nach oben. Bis 2600 Meter gibt es Dörfer. Darüber sehen wir bis fast zur Passhöhe bei 3275 Metern Viehherden. Hinter dem Pass geht es steil bergab, teilweise wurde die Trasse in die Bergwand gesprengt, rechts geht es hunderte Meter tief hinab. Ansonsten sind die Hänge mit unzähligen Blumen in gelb, rot und blau bewachsen. Wir beobachten einige Adler und mehrere farbenprächtige Steinrötel.

Auf dieser Seite des Passes gibt es weder Dörfer noch Vieherden. Die autonome Republik GBAO scheint wesentlich mehr Anstrengungen in Bezug auf den Straßenzustand zu verwenden wie der Rest der Republik Tadschikistan. In GBAO ist der Straßenzustand ganz passabel.

An einer Kontrolle fragt der Polizist nach der Automarke, ich antworte Mitsubishi. Er meint es hieße „Matsubishu“ und schreibt dies in sein Buch. Daneben liegt ein Schreiben mit dem englischen Briefkopf der „United Nations Drugs Control Agency“. Darunter im Text wird dringend ein Mitsubishi Pajero gesucht. Bevor es noch zu Missverständnisse kommt bin ich mit „Matsubishu“ völlig einverstanden.
Wir erreichen den Grenzfluss zu Afghanistan, den Panj. Häufig blicken wir hinüber zum Afghanischen Ufer. Von zwei Männern begleitet, reitet zum Beispiel eine Frau, in eine Burka gekleidet und mit einem Sonnenschirm, auf einem Esel. Wenn sie auf dem Weg auf andere Männer trifft verhüllt sie sich vollständig, ist sie allein auf dem Pfad ist ihr Gesicht zu erkennen. Dieses Afghanistan liegt nur etwa 200 Meter von uns entfernt. Später sehen wir aber auch Afghanische Frauen ohne Burka.

Es ist drückend heiß, das Thermometer am Außenspiegel zeigt beständig über 30°C im Schatten an. Wir sind in einem tiefen Tal auf etwa 1500 Höhenmetern, das von hohen Bergen bis zu 6000 Metern flankiert wird.
Die Dörfer auf beiden Seiten des Tales sind sehr ordentlich und schön. Die Afghanischen Dörfer sind dabei deutlich einfacher gehalten als die Tadschikischen. Einfache Lehmbauten, allerdings oft kunstvoll an den Berghang oder auf Felsvorsprüngen platziert, um den schmalen Uferstreifen möglichst effektiv landwirtschaftlich zu nutzen. Auf unserer Uferseite blühen in den Dörfern viele Granatapfelbäume in leuchtendem Rot vor einem saftig grünen Hintergrund. Die Dörfer und deren Umgebung sind kräftig grün, die Berghänge hingegen sind schroff und karg.
Entlang der Uferstrasse ist das Gelände teilweise vermint. Ich weis nicht wer, wann diese Landminen gelegt hat, aber Schilder warnen davor. Allerdings ist nicht ganz klar, was nun alles als vermint anzusehen ist, und ob wirklich alles gekennzeichnet ist. Manchmal stehen nur noch die schwarzen Rahmen der Schilder. Es ist unklar, ob hier die Schilder geklaut oder ob hier die Minen entfernt wurden.
Um der Hitze zu entkommen, fahren wir in ein Seitental. Laut Landkarte solle sich am Ende des Tals ein besonders schöner Wald befinden. Sehr weit kommen wir nicht, dann versperrt ein großer Lawinenkegel aus dreckigem Schnee die Strasse. Diesen erkennt man zuerst gar nicht als solchen, man erwartet das hier im Tal bei 30°C auch nicht. Der Winter scheint hier schlagartig in den Sommer überzugehen.
Als wir am nächsten Morgen zurück aus dem kleinen Seitental ins Haupttal des Panj kommen, sehen wir auf der Afghanischen Seite wieder die Frau im Burka auf ihrem Esel und ihre zwei Begleiter. Wir waren zwar gestern nicht mehr so weit gefahren, aber es waren schon noch etwa 30 Kilometer. Die Afghanische Reisegesellschaft scheint nur eine kurze Nachtruhe gehabt zu haben.
Durch abwechslungsreiche Landschaft fahren wir auf guter Strasse den Fluss in seinem schmalen, tiefen Tal entlang. Immer wieder patrollieren sehr junge, bewaffnete Soldaten der Straße entlang. Hin und wieder werden wir angehalten und unsere Pässe kontrolliert.
Das Tal wird weiter, ein See ziert die Landschaft. Später mäandert der Fluss zwischen Sand- und Kiesbänken im nun weiten, aufgeschwemmten Talboden. Die Orte werden häufiger und größer. Wir sind von der Lebhaftigkeit der Orte überrascht. Außerdem von den Menschen. Sie sind nun durchweg sehr hellhäutig und haben europäische Gesichtszüge. Aber nicht nur das, viele kleiden sich auch europäisch, Frauen tragen engen Jeans und Sonnenbrillen. Und das in diesem ländlichen, abgeschiedenen Gebiet. Wir fühlen uns wie nach Oberitalien versetzt. Viel Wasser und Grün, dahinter die Berge, modisch gekleidete Frauen, eine passable Straße.

Einige Kilometer vor Khorog ist eine Polizeikontrolle. Die Jungs wollen die Pässe und ich denke mir nichts Böses. Der eine blättert kurz in unseren Pässen und erzählt was von „Problem“ und „OVIR-Registrierung“. Schnell machen sie klar, dass sie einfach nur Geld oder Wodka wollen. Sie inspizieren unser Gepäck und unsere Dachbox und drohen an, dass die uns alles auspacken lassen, es sei denn wir zahlen. Ich will ihre Registrierungsnummern sehen, aber sie haben keine. Ich mache klar, dass ich keinem Uniformierten Wodka geben würde. Nach etwas Hin und Her geben sie auf.
Khogog ist sehr belebt. Wir versuchen ein paar Euros zu tauschen, was nicht ganz leicht ist und gehen über den Basar. Am Straßenrand stehen LKW mit Chinesischer Zulassung. Offenbar wird das Gebiet von China aus versorgt, es gibt einen lokalen Grenzübergang zwischen dem Pamir und dem Karakorum Highway.
Entsprechend gut ist nun die Strasse, wir kommen flott voran. Es ist sehr windig, immer wieder gehen Regenschauer nieder.
Der absolute Luftdruck in dieser Höhe beträgt deutlich weniger als 700 mbar. Der Motor läuft zwar problemlos, nur lässt er sich kaum noch starten, unverbrannter Diesel wird beim Startversuch zum Auspuff einfach wieder ausgestoßen. Wenn er dann mal läuft stößt der Motor bei niedrigen Drehzahlen schwarze Russwolken aus. Ab 3000 Höhenmetern haben wir immer ernstere Startprobleme. Das Auto lässt sich nur mit Tricks starten, zwei Mal vorglühen, dann Druckluft in die Ansaugung einblasen und hoffen.
Bei herrlichem Wetter fahren wir einem Pass entgegen. Über einigen Gipfeln hängen noch Wolkenfetzen, bis auf etwa 4000 Meter herunter hat es in der Nacht an einigen Hängen etwas geschneit.
Kurz vor dem Pass sehen wir eine wunderschöne Piste den Berg hinauf. Nach einer Flussquerung geht es steinig bergan. Bei 4000 Metern parken wir das Auto, spazieren los und beobachten Murmeltiere und Adler.

Zurück auf der eigentlichen Strasse erreichen wir bald die Passhöhe von 4250 Metern. Dahinter geht es nur ganz flach in einem weiten Tal bergab, wir haben die Pamir-Hochebene erreicht. Die Strasse ist schlecht, die Landschaft grandios, Moni ist ziemlich matt von der Höhe.

Durch weite Täler schlängelt sich die Strasse, eine traumhafte Landschaft. Laut Karte gibt es eine Piste einem Bach entlang zu einem See, an der ein Geysir liegen soll. Die Piste ist in der Karte als unterste Kategorie eingezeichnet, das trifft die Tatsache auch ganz gut. Manchmal sind die Spuren nicht mehr zu erkennen. Hier wird allerfeinstes Offroad geboten: Steilauffahrten, extrem schräge Passagen, sumpfige Bachdurchquerungen und ein nasser, schwammartiger, glitschiger Berghang.
Tatsächlich finden wir den Geysir. Es ist ein munter vor sind hinblubbernder kalter Geysir. Ein ansehnlicher Schneehaufen zeugt davon, dass der Geysir tatsächlich regelmäßig richtig ausbricht. Sonst hat es hier weit und breit keinen Schnee mehr. Wann und wie of der Geysir ausbricht bleibt sein Geheimnis. Wir fahren weiter zum See. Unweit davon suchen wir ein windgeschütztes Plätzchen, aber bald schon dreht der Wind und wir sitzen im heftigsten Sturm.
Drei Jungs kommen von einem Haus, das etwa 2 Kilometer entfernt, aber in Sichtweite ist und erkunden unser Lager. Wir grüßen freundlich, und sie ziehen wieder ihrer Wege.
Bei uns scheint die Sonne, in der Bergkette nur wenige Kilometer südlich tobt ein Schnnee- und Regensturm. Das Licht ist völlig bizarr. Eine viertel Stunde später steht der Hauptgipfel der Bergkette wieder in der Sonne, aber die nächste Front ist schon im Anzug.

Später kommen zwei Jungs zurück. Sie haben eine Schale einer sehr dicken, sahnigen Sache mitgebracht, die sie mir überreichen. Ich versuche, es ist offensichtlich, dass es sich hierbei um eine leckere Sache handelt, aber dass Zeug hat einen so penetranten, bockigen Nachgeschmack, dass mein Magen nur noch nach Wodka ruft. Ich mag herzhaften Käse, kein noch so stinkender Französischer Weichkäse hat mir bisher nicht gemundet, aber das Zeug ist richtig heftig. Ich danke lächelnd den Jungs herzlich, sie ziehen ab. Wir entsorgen die lokale Spezialität in einem Erdloch.
Am nächsten Morgen beobachtet uns der Kleinere der Jungs, er ist vielleicht zehn. Ich fülle das Sahneschälchen, das sie uns gebracht hatte, mit Rosinen und bringe es ihm.
Eine Schafherde wird an uns vorbei getrieben, die zwei Hunde nehmen ihren Job, wie bei Schäferhunden hier allgemein üblich, nicht sonderlich ernst und gesellen sich zu uns. Sie graben die lokale Spezialität aus und sind darüber hellauf begeistert.
Als wir gerade fertig mit dem Frühstück sind, kommt der kleine Junge wieder, diesmal mit einem frischen Fladenbrot und einem weiteren Schälchen lokaler Spezialität. Moni macht ihm ein Nutellabrot, ich glaube es schmeckt ihm kaum besser als mir die Butter-Ziegen-Sahne-Sauce. Selbige füllen wir um und füllen sein Schälchen mit Trockenfrüchten. Fröhlich hüpft er davon. Die Hunde bekommen ihre zweite fette Mahlzeit an diesem Morgen. Danach legen sie sich faul hin und schlafen.
Da wir an einem Hang mit Fahrtrichtung Tal geparkt hatten, können wir das Auto anrollen lassen. Das schont Anlasser und Nerven. Wir fahren zurück auf die Hauptstrasse und dann einer Piste in Richtung Süden entlang. Sie führt auf einen über 4300 Meter hohen Pass.

Als wir auf dem Pass ankommen herrscht ein Schneeschauer. Wir fahren noch etwas weiter entlang eines Sees und sehen im abziehenden Schauer die grandiosen Berge des Wakhangürtels vor uns. Der Wakhangürtel ist ein schwer zugängliches Tal zwischen Tadschikistan und Pakistan und gehört politisch zu Afghanistan, obwohl es von Afghanistan kaum zugänglich ist. In Anbetracht des Wetters verzichten wir auf die geplante Wanderung.
Vor Murgab erreichen wir eine sehr urigen Polizeikontrolle. Vier schäbige Uniformierte leben in einer kleinen Hütte, ein Ofen, ein Stockbett, zwei Betten, dazwischen ein Tisch, auf dem gerade das Essen steht und eine drei Liter Bierflasche bilden das Inventar. Einer schreibt unsere Pässe ab, und ermahnt mich, wir müssten uns in Murgab registrieren lassen.
Murgab ist mir aus den Tagebüchern Sven Hedins geläufig, damals war es eine russische Niederlassung mit dem Namen Pamirsky Post. Wir waren von Khorog und seiner Lebhaftigkeit überrascht, umso härter trifft uns die Provinzialität Murgabs. Der Basar besteht aus einer kurzen Reihe Ständen, die meisten davon sind ehemalige LKW-Aufbauten.

Wir haben auf unseren Reisen, besonders auf dieser Reise schon öfter gedacht das Ende der Welt erreicht zu haben. Dieses Gefühl drängt sich wieder intensiv auf. Wir versuchen unauffällig einige Bilder vom Basar zu machen. Als die Leute uns mit der Kamera sehen, posieren die, photographiert zu werden ist hier das Größte. Alte und Junge, Männe wie Frauen möchten photographiert werden.

Wir suchen Diesel, ein Opa versteht, steigt in unser Auto und dirigiert uns in einen Hinterhof. Kinder umringen uns. Zwischenzeitlich kommt Opa mit vier 5L-Kanistern zweifelhaftem Diesel an. Er bringt sogar einen Trichter mit einem Filtersieb. Ich schütte den Diesel in den Tank, dabei setzt sich das Filtersieb öfter mal zu, gut, dass Opas Trichter so ein Filter hat.

Wir verlassen Murgab in Richtung Chinesische Grenze. Laut Landkarte soll es auf einer Nebenpiste einen Meteoritenkrater geben. Wir finden den Abzweig von der Hauptpiste, doch kurz später stehen wir vor einer weggeschwemmten Brücke.

Wir fahren den Fluss etwas entlang und finden eine passable Furt.
Kurz später finden wir tatsächlich den Meteoritenkrater. Er hat einen Durchmesser von etwa 30 Metern und ist etwa 5 Meter tief. In dessen Nähe campieren wir. Der Ausblick ist grandios, das Licht- und Schattenspiel der untergehenden Sonne und der dunklen Wolken ist unglaublich. Bald nach dem Abendessen wird es jedoch empfindlich kalt, das Thermometer zeigt 5°C an, der Wind frischt auf. So verkriechen wir uns ins Auto und erfreuen uns unserer Heizung. S+äter gehe ich nochmals raus zum fotografieren. Es ist eiskalt, die jeweils 30 Sekunden Belichtungszeit dauern empfindlich lange.

Vor gut einhundert Jahren ist Namensvetter Sven Hedin durch dieses Tal gezogen. In seinen Tagebüchern „Im Innersten Asiens“ beschreibt er seine Erkundung des Muztag Ata, den wir mit etwas Glück morgen sehen, und seinen Marsch und seinen Aufenthalt in Pamirsky Post.
Am Morgen will die Kiste partout nicht anspringen. Die Nachttemperatur war deutlich unter dem Gefrierpunkt, der schlechte Diesel und die große Höhe machen den Start zu einem langwierigen Nervenkitzel, aber irgendwann ist Leben unter der Motorhaube. Wieder suchen wir eine Furt über einen Fluss. Beim ersten Versuch erweist sich die Stelle als viel zu tief, glücklicherweise erkennen wir es rechtzeitig, etwas weiter geht es dann problemlos.
Auf der guten Piste zum Tadschikisch-Chinesischen Grenzübergang fahren wir ostwärts. Vor der Grenze biegen wir auf eine nördliche Piste und machen erst einmal eine lange Pause. Der über 7500 Meter hohe Muztag Ata hüllt sich zuerst in Wolken, später ziehen diese weg, während von Süd schon die nächste Regenfront naht.

Wir fahren weiter auf der Piste in Richtung Nord und erreichen den angeblich elektrifizierten Grenzzaun aus Stacheldraht. Er verläuft etwa 10 Kilometer landeinwärts auf tadschikischer Seite. Wir folgen dem Zaun auf der auf unserer Landkarte eingezeichneten Piste.
Schon bald ist die Piste kaum mehr zu erkennen, es ist genau eine Fahrspur, der wir folgen. Der Untergrund wird immer sandiger, aber es geht noch, obwohl der Motor bald kocht, was in dieser Höhe schnell passiert. Einerseits ist die Motorkühlung in der dünnen Luft wenig effizient, andererseits ist die Siedetemperatur deutlich vermindert.
An einer Stelle gibt es nur ganz nahe am Zaun ein Durchkommen. Es bleiben zwischen Zaun und Düne zwei Meter um die Düne schräg zu erklimmen. Wir geben unser bestes, aber wir bleiben saublöd stecken. Rückwärts geht nicht, wir würden in den, angeblich elektrifizierten, Zaun rutschen, nach oben geht irgendwie auch nichts, sonst hätten wir uns trotz der Differentialsperren nicht fest gegraben.

Nach etwas Überlegung bleibt nur eine Möglichkeit, wir müssen irgendwie die Düne hoch. Wir reduzieren den Luftdruck in den Reifen auf 0,6 bar und unterlegen die Hinterräder mit Sandblechen. Zwischenzeitlich ist der Motor etwas abgekühlt, er startet erfreulicherweise relativ flott. Mit Vollgas komme ich die Düne hoch. Danach folgt feinste Dünenhopserei, wie wir sie aus Tunesien kennen.
Wir treffen auf eine Piste, die zu einem Tor im Zaun führt und folgen dieser. Unzählige Murmeltiere kreuzen unseren Weg und haben oft ihren Bauausgang verkehrsgünstig in die Mitte der Piste verlegt. Diese Löcher zwingen zu manch einer Notbremsung. Das Wetter bietet alles von Sonne über Sturm zu Schneeschauern alles.
Wir erreichen ein Militärcamp. Die Strasse ist von einer Schranke gesperrt. Blöd nur, dass sie Schranke die Einfahrt in ein Gebiet sperrt, wir aber genau da herkommen und raus wollen.
Die Soldaten sind nett und bitten mich in die Baracke um die Passdaten aufzuschreiben. Die Jungs leben echt urig in ihrer Baracke am Ende der Welt, keiner weis so recht was los ist, aber irgendwie sollten wir wohl nicht aus der Richtung kommen, aus der wir gekommen sind. Es wird telefoniert, so ein Telefon, bei dem man erst kurbelt, dann die Nummer wählt. Ich kannte das bisher nur von alten Filmen. Eigentlich ist es nicht schlimm, was wir gemacht haben, aber irgendwie können sie uns doch nicht einfach fahren lassen. Außerdem fehlt uns die Registrierung in Murgab.
Wir einigen uns darauf, dass ein Soldat mit uns nach Murgab mitfährt. Für uns ist das ein Umweg von vielleicht 80 Kilometer. Wenn wir dann die Registrierung nachholen und die Sache erledigt ist, dann wäre das für uns akzeptabel. Zwar wird der Sprit knapp und wir haben kein tadschikisches Geld mehr, aber es sollte reichen.

Stunden später landen wir in Murgab jedoch nicht im OVIR-Büro, wo es die Registrierung gibt, sondern beim Militär. Wir werden durch stockdustere Gänge in ein Büro geführt. Rund fünf, Mal mehr Mal weniger, Militärs befragen uns. Der mit den meisten Sternen hat drei derselben am Revert. Einer in Zivil scheint aber auch relativ wichtig zu sein. Die Stimmung ist soweit recht gut. Wir geben unser Bestes, aber als Antwort erhalten sie meist nur ein Achselzucken, wir verstehen weder Tadschikisch noch Russisch. Wenig später kommt eine junge Frau hinzu, sie spricht perfektes Englisch. Sie ist aus Murgab und arbeitet hier für eine Hilfsorganisation. Immer wenn es Ärger gibt, dann wird sie hinzugezogen, sie erhält nichts dafür und ist ziemlich ärgerlich, da sie Gäste zu Hause hat.
Sie übersetzt die ganzen Fragen, und wir klären den Sachverhalt. Wir sind ohne Berechtigung in ein gesperrtes Gebiet eingefahren. Man steht uns zu, dass wir es nicht wissen konnten und ohne Vorsatz in die Lage geraten sind. Man brauche aber noch ein Protokoll, dann könnten wir weiterfahren. Ein Protokoll wird erstellt. Hier wird alles Mögliche aufgenommen, vom genauen Tathergang, bis zu unserem Arbeitgeber und unserer Ausbildung.












































