ET / "Ice cold in Alex"

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Kuno
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Re: ET / "Ice cold in Alex"

Beitrag von Kuno »

Donnerstag 2013-03-14

Ich komme kaum aus den Federn am Morgen und bin recht spät dran. Aber ich habe Glück und es steht ein Taxi gleich vor dem Hotel. Fehler Nummer 1: Nimm nie ein Taxi, das direkt beim Hotel steht, denn die sind die „offiziellen Hoteltaxi“ und somit viel teurer als die anderen. Fehler Nummer 2: Frag den Taxifahrer nach dem Preis bevor du am Ziel der Fahrt bist.

Der Verkehr war grauenhaft. Vor den Tankstellen, wo’s Diesel geben sollte, stauten sich hunderte von LKW und Bussen. Der Taxifahrer meinte, dass die zur Zeit eine Schicht fahren würden und dann dieselbe Zeit vor der Tanke zu warten hätten. Sowas hätte es unter Mubarak nicht gegeben. Weder das Verkehrschaos noch die Dieselknappheit. Mursi sei einfach eine Pfeife, die nichts zustande bringe. Man merke: am Verkehrschaos sind also nicht die Autofahrer Schuld, die sich nicht an die Regeln halten sondern der Präsident, der offensichtlich nicht in der Lage ist, die Leute (auch die Taxifahrer) zu zwingen, sich an die Regeln zu halten.

Ich lasse mich zur Ramses-Station bringen. Der Bahnhof hat noch einiges vom alten Flair behalten. Mindestens am „Kopf“ und Aussen. Drinnen hat man ihn wohl irgendwann auf „altes Aegypten“ getrimmt – was ihn meinen Augen sehr kitschig wirkt. Naja. Es ist halt so. Draussen steht noch eine alte Dampflock und man lernt, dass ET direkt nach UK das zweite Land war, welches eine Eisenbahn hatte… ob das so stimmt? Von hier aus mache ich mich zu Fuss auf den Weg, ich will ein paar alte Gebäude finden, die in der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts eine gewisse Bedeutung hatten. Dass das berühmte „Sheppeard’s Hotel“ in den 1950ern abgefackelt wurde war mir bekannt – so machte ich einfach ein Foto vom Gebäude, welches jetzt dort stand. Die Idee war aber nicht so gut, denn es handelte sich um die Nationalbank, welche schwer bewacht war und vor welcher sogar Panzerfahrzeuge des Militärs standen.

Man findet noch einiges von den alten Gebäuden, wenn man etwas sucht. Aber die Stadt ist wirklich pumpenvoll und irgendwann bekommt man genug vom „orientalischen Flair“. Fast sechs Stunden bin ich heute am Laufen. Dann fallen mir die Füsse ab und ich schleppe mich erschöpft zurück ins Hotel. Dort schalte ich den Fernseher ein und lasse mich vom ZDF berieseln. Eine „SoKo“ folgt der anderen, unterbrochen nur von den Nachrichten. Erstaunlich ist, dass die „SoKo“ die Verbrecher immer in der gegebenen Sendezeit findet, in den Nachrichten aber gesagt wird, dass von den Einbrüchen nicht einmal 20% aufgeklärt werden. Vielleicht sollte man da die „Fernseh-Sokos“ mal drauf ansetzen und nicht die echte Polizei… irgendwann, es läuft zur Abwechslung „Rette die Million“ mit Jörg Pilawa, schlafe ich ein…
Kuno
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Re: ET / "Ice cold in Alex"

Beitrag von Kuno »

Freitag 2013-03-15

So. Heute geht’s bereits wieder nach Hause. Die Nacht war viel zu kurz und ich sitze bereits am Flughafen. Viel zu früh eigentlich. Naja, jetzt muss ich halt warten und werde alle paar Minuten über Lautsprecher mit einem Teil von Verdi’s „Aida“ beschallt. Immerhin, dazwischen ist bis auf ein paar Ansagen Ruhe – im Hotel lief die ganze Zeit in einer Endlosschlaufe dieselbe kurze Kaufhausmelodie. Das Scheissding geht mir immer noch durch den Kopf. Touristen sieht man fast keine am Flugplatz – und wenn, dann sind’s Italienerinnen. Die sehen allerdings recht zufrieden aus. Ich gehe davon aus, dass ihnen die Pyramiden sehr gut gefallen haben.
Kuno
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Re: ET / "Ice cold in Alex"

Beitrag von Kuno »

Fazit? Was soll ich sagen. Auch wenn uns unsere eigenen Medien weiterhin krampfhaft weismachen wollen, dass „Kairo brennt“ – in Tat und Wahrheit läuft in dieser Stadt einfach alles ziemlich normal ab. Da gibt es keine erhöhte Militärpräsenz, Polizei hat’s eigentlich weniger als vor drei Jahren und eine „revolutionäre Stimmung“, wenn es denn so etwas wirklich gegeben hatte, kann man heute nicht mehr feststellen. Der nach wie vor besetzte Tahrir-Platz wird eigentlich nur noch als Verkehrshindernis wahrgenommen. Dass mit diesem Mursi als Präsidenten etwas besser werden würde konnte mir niemand bestätigen, man sah es eher so, dass „alles schlechter“ geworden ist. Ob die Preise gestiegen sind kann ich nicht sagen. Touristen sind mir fast keine begegnet – das kann aber damit zusammenhängen, dass ich wahrscheinlich nicht unbedingt dorthin gegangen bin, wo man sonst die Touristen alle findet. Am Flugplatz läuft alles easy ab. Korrekt aber freundlich, anständig und locker (vielleicht könnten die Frankfurter ihre Leute mal zu einer Weiterbildung nach Kairo schicken?). Kairo als Stadt gefällt mir nach wie vor überhaupt nicht. Laut, verstopft, dreckig und riesengross. Aber es gibt hier viel zu „entdecken“ und wenn man nicht in dieser Stadt leben muss, dann passt es schon, sich ab und zu für ein paar Tage hier aufzuhalten. Ach so: Der Trend zum glattrasieren hat gegenüber meinem Besuch von vor drei Jahren augenscheinlich nachgelassen. Dagegen nutzen die Frauen ihre neugewonnene Freiheit und ziehen sich alle ein Kopftuch über – ein paar wenige Ausnahmen, die nicht wissen, wie man sich anständig kleidet, gibt es wohl noch. Diese fallen aber statistisch etwa so stark ins Gewicht, wie die Oldtimer-Autos aus den 1940er Jahren im Verhältnis zur Gesamtzahl der Fahrzeuge in der Stadt. Sicherheit? Ich habe mich nirgends und keinen einzigen Moment lang unsicher gefühlt. Ausser in dem Moment, wo der Fahrer seine Brille suchte.

So. Das war jetzt mein ganz persönlicher Eindruck. Der basiert nicht auf langer Erfahrung und schon gar nicht auf repräsentativen Auskünften, die ich vor Ort erhalten habe. Aber eines wird wieder einmal völlig klar, wenn man sich in Kairo bewegt: Das Land hat viel zu viele Menschen und es werden schnell immer mehr. Ob der Präsident dann Mubarak oder Mursi heisst ist absolut irrelevant – das Problem ist nicht der Präsident oder was dieser grad macht, auch nicht „Bildung“ und „Nahrung und Wohnraum für alle“ sondern ganz einfach die Ueberbevölkerung. Wie vollgestopft mit Menschen die Stadt ist, das erkennt man ganz deutlich, wenn man im Flugzeug einen Fensterplatz hat…
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