Hans Frommelt hat geschrieben:
Zudem gehört die Sonnenenergie der Sahara nicht den Europäern, sondern den Nordafrikanern, also Marokkanern, Algerier, Libyer, Ägypter, Nigriner und Malier.
Das mangelnde Wissen über die sozialen und politischen Verhältnisse der Saharaländer....
Nachdem ich den langen Beitrag las, fuerchte ich nun, dass dieser letzte Satz auch auf Hans F. zurueckfallen koennte.
Das kritisierte Vorhaben ist sicherlich nicht nur von technischen oder oekologischen Erwaegungen, sondern auch in grossem Masse von der wirksamsten aller Ideologien geleitet - der Ideologie des Profits. Nun, darauf beruht bislang die globale (industrielle und soziale) Zivilisation. Andere Modelle bestehen (im Ansatz) - zum Teil seit Jahrhunderten; durchgesetzt haben sie sich nicht - und man mag es in einzelnen Faellen beklagen.
Bei den Argumenten von Hans F. erkenne ich aber ebenfalls vor allem ideologische Vorgaben, die - da sie in einem bunten Gemisch daherkommen - vielleicht weniger offensichtlich sind:
Die Energie der Sonne "gehoert" keiner Nation; ebensowenig wie die Atmosphaere, die uns alle auf diesem kleinen Globus erhaelt. Die Laender, welche von dem Projekt betroffen waeren, sind souveraene Staaten, die selbst entscheiden koennen, ob sie den Installationen auf ihrem Territorium zustimmen wollen! Eine (vorgeblich!) schuetzende politische "Sorge" von unserer Seite haette allein deshalb einen schlechten Beigeschmack. (Es wird, im Gegenteil, in Zukunft nicht mehr ohne sehr direkte internationale Kooperation gehen, wenn Energiefragen mit neuen Techniken geloest werden sollen. Der politische Impakt koennte dabei sogar u.U. nachhaltig Konfrontationen verringern!)
In die gleiche Richtung zielt der gedankliche Hinweis auf den "erhaltenwerten Schutzraum Sahara" - in dem sich nicht nur Unwissen, sondern auch eigenartig partielle Blindheit zeigt. Ansaetze zu neokolonialem Denken sind auch da nicht akzeptabel, wo sie zeitgemaess verpackt angeboten werden! Staaten, deren Territorium zudem zum groessten Teil aus Sahara besteht, sind kein Museum zu unserer wissenschaftlichen oder touristischen Erbauung, sondern Lebensraum fuer Millionen Menschen, die den gleichen Annehmlichkeiten des Lebens entgegenstreben, wie die Bewohner der Industriestaaten. Auch die fuer mehr Autonomie und ihre Gesundheit kaempfenden Touareg - z.B. im N-Niger in der Region Air-Arlit - wollen dies. Sie kaempfen nicht unbedingt fuer den Erhalt archaischer Strukturen (wie es romantisierenden Reisenden gern gefaellt), sondern fuer nichtradioaktives Wasser, fuer nichtradioaktive Lebensmittel/Baumaterialien und fuer einen garantierten Anteil am Gewinn der Uranfoerderung, der sich dann in einer moderneren Infrastruktur niederschlagen koennte!
"Wenn heute in „In Salah“, eine grössere Oase im Süden von Algerien, ein junger Monteur von Solarzellen den Taxichauffeur fragen würde, wo wohl die nächste Disco, eine Restaurant mit kühlem Bier oder das nächste Einkaufscenter sei, bekäme er zur Antwort, dass es solches wohl in Tunesien oder Marokko gibt, aber man dorthin ca. 1’500km fahren müsste! Dieser Satz zeigt, dass man vermutlich auch Niemand finden würde, der längere Zeit in der Sahara wohnen bzw. arbeiten möchte.", schreibt Hans F.
Eine solche Feststellung ist absurd und laesst vermuten, dass Hans schon laenger nicht mehr dort unterwegs war. Weder in Adrar, In Salah, Reggane oder Ouargla und schon gar nicht in Camps internationaler Grossprojekte! Ebenso wenig realitaetsbezogen ist der Vergleich des Sahara-Solar-Projektes mit den Moeglichkeiten auf deutschen Daechern.
Ich finde kritische Gedanken zu diesem Mammut-Projekt wichtig, ja unverzichtbar. Nur sollten sie dann nicht ein Mischmasch aus (fragwuerdigen) technischen Einwaenden/Vergleichen, ideologisch gefaerbten kulturhistorischen Betrachtungen und Nichtbeachtung sozialer/politischer Gegebenheiten vor Ort bestehen. Das scheint mir nicht konservierend, sondern ausschliesslich kontraproduktiv.