270 km haben wir also nun geschafft -
wir sind in Moba.
336 km liegen vor uns -
wenn wir weiter nach Kalemie fahren wollen.
Wir schauen von Moba hinunter zum 5 km entfernten Moba Port -
auf der anderen Seite erkennen wir im Dunst die Berge von Tansania.
Spontan beschließen wir, als erste Tat in Moba unser Glück im Hafen zu versuchen.
Vielleicht gibt es ja ein Schiff, das uns mit auf die andere Seite nach Tansania nimmt.
Der Weg zum Hafen ist anfangs noch recht breit ...
... endet aber nach wenigen Kilometern schnell in einem engen und chaotischen Gewühl vor einer Schranke.
Am Ende dieses Wegs zwischen den Bäumen befinden sich Pier und die Baracken der Hafenmeisterei.
Und da wir ja mittlerweile gelernt haben, werden wir diese strategisch sicherlich hochbrisanten
Gebäude lieber nicht fotografieren
Die nächsten Stunden werden anstrengend, verdammt anstrengend sogar.
Wir hatten uns den Ablauf im Hafen eigentlich so gedacht, dass wir herumspazieren, die Boote ansehen und mit den Schiffseignern reden bzw. verhandeln können. Weit gefehlt. Die Schranke und zwei Militärs versperrten uns den Weg.
Es hieß also Auto abstellen und einem der Herren samt unseren Dokumenten in eine der kleinen Baracken folgen, Fragen beantworten nach dem wohin, woher und wieso. Nach 30 Minuten Diskussionen haben wir es geschafft, ihnen zu erklären, dass wir deutsche Touristen sind und ein Boot nach Kigoma, Tansania suchen. Ungläubiges Staunen. Deutsche Touristen mit eigenem Fahrzeug kennt man hier nicht - und von hier fährt auch kein Boot nach Tansania. Manchmal ab Kalemie. Aber unregelmäßig. Halt so, wie Fracht vorhanden ist, und das ist nicht allzu oft.
Wir schauen uns an und schlucken
Welche Möglichkeit haben wir? Es gibt ein Boot nach Uvira, mit Zwischenstopp in Kalemie, morgen ... Uvira??? Wo zum Teufel liegt Uvira? Wir holen rasch unsere Michelin-Karte. Uvira liegt am nördlichsten Zipfel des Lake Tanganyika, im Dreiländereck DRC/Burundi/Ruanda. Wir versuchen unsere Gedanken zu sortieren was die Machbarkeit und besonders die Visa betrifft. Es könnte funktionieren! Für Ruanda brauchen Deutsche keine Visa, und über Uganda könnten wir zurück nach Kenia.
Was aber ist mit dem Landweg? Bis Kalemie sind es 336 km sagt der Wegweiser. Und dann? Was, wenn wir in Kalemie sind, und es gibt so schnell kein Boot nach Tansania? Können wir auf dem Landweg weiter nach Norden? Nein, lautet die Antwort, können wir nicht. Wie uns auch vorher schon unsere Freunde vom UNHCR erzählt haben, muss die Piste von Kalemie nach Norden ein einziges Drama sein, und außerdem sitzen in Fizi - zwischen Kalemie und Uvira - momentan die Mai-Mai Milizen. Der Landweg scheidet also aus. Die Entscheidung ist gefallen, es geht nach Uvira.
Bevor wir im Hafen mit den Bootseignern verhandeln dürfen, müssen die bürokratischen Formalien eingehalten werden. Einer der Militärs steigt zu uns ins Auto und begleitet uns durch den Bürokratie-Dschungel Kongos. Was wir in den nächsten Stunden erleben, ist ein einziger Witz. Wir fahren kreuz und quer durch die Gegend und klappern alle relevanten Stellen ab: Immigration, Customs, Chef de Territoire ... Wir sitzen in völlig zerschossenen belgischen Villen vor dramatisch autoritär dreinschauenden Obrigkeiten und müssen jedem einzelnen unsere Geschichte wieder und wieder erklären.
"Wo sind Sie her"
"Aus Deutschland."
"Sie kommen mit dem Fahrzeug aus Deutschland?"
"Nein, gerade im Moment kommen wir aus Kenia"
"Aha. Was ist Ihre Mission?"
"Wir sind Touristen"
"Touristen? Was macht ein Tourist? Erklären Sie es mir bitte"
"Wir reisen durch verschiedene Länder, weil wir uns dafür interessieren."
"Soso, Sie interessieren sich für unser Land. Was interessiert Sie denn daran?"
"Wir interessieren uns für die Menschen, die Landschaft, die Tiere ..."
"Die Menschen? Was genau interessiert Sie denn an den Menschen?" - drohender Unterton ...
"Eigentlich interessieren wir uns nur für die Landschaft und die Tiere."
"Wer hat Sie geschickt? Ihre Regierung?"
"Nein, unsere Regierung hat damit nichts zu tun."
Spätestens jetzt wissen wir, dass wir keinen Schritt weiterkommen.
Ich überlege blitzschnell und merke, dass wir wichtiger werden müssen, als einfach nur Tourist zu sein. Wir müssen einer Organisation angehören.
Für die Menschen hier gehören Weiße grundsätzlich zu einer Organisation. Sie kennen keine Touristen, woher auch. Ich könnte ihnen erzählen, wir seien von Ärzte-ohne-Grenzen

aber erstens hatte ich die Befürchtung, sie könnten mich später dazu auffordern, irgendwen zu operieren, und zweitens kommen Ärzte-ohne-Grenzen selten in einem grünen G vorgefahren

Also erkläre ich dem autoritären Herrn, der hinter einem mehrfach mit unterschiedlichsten Materialien wieder zusammengezimmerten Schreibtisch unter dem Foto seines Präsidenten sitzt, dass ich im Auftrag der Organisation Wüstenschiff unterwegs bin

Wüstenschiff interessiert sich hauptsächlich für die Infrastruktur des Landes sowie die Tierwelt Kongos und wird darüber in Fachzeitschriften berichten. Das ganze klingt plausibel, haben wir doch den Wüstenschiff-Sticker auf dem Auto. Zur Untermauerung lege ich ihm noch eine Wüstenschiff-Visitenkarte vor. Der Chef de Territoire ist beruhigt und wird uns nun ein Permit zum Aufenthalt in seiner Stadt ausstellen lassen. Diese Genehmigungen - so erklärt er uns - seien in jeder Stadt bei Ankunft einzuholen.
Ein Gebäude weiter, ebenfalls eine Ruine. Die Fenster sind zugemauert, nur ein Schießschacht ist frei. Ein Soldat zielt mit seiner AK 47 durch den Schlitz nach draußen - auf wen auch immer. Wir können kaum etwas sehen, eine kleine Lampe spendet diffuses Licht. Vor mir sitzt ein Mensch hinter einer riesigen alten Triumph Adler und nimmt meine Daten auf:
Name, Wohnort, Geburtsdatum, Schulausbildung (!), Fremdsprachen (!), Beruf ... Nachdem ich meinen Beruf genannt habe, werde ich barsch darauf hingewiesen, dass ich eben doch behauptet hätte, ich sei Tourist. Ich gebe mich endgültig geschlagen und sage ihnen, sie sollen als Beruf Tourist in ihr Formular tippen. Ein Passbild rundet das ganze ab, ich unterschreibe den Krempel und alles wird schön säuberlich in einem völlig verstaubten Aktenordner abgeheftet, der in einem schiefen Regal landet. Anschließend werden 10 US$ gefordert für diesen Service. Wichtig, wie ich als Wüstenschiff-Mitarbeiter auf meiner Mission jetzt aber bin, erkläre ich freundlich aber bestimmt, dass ich bereits 64 € für ein Visum bezahlt habe, das mich berechtigt, das komplette Land zu bereisen. Auf seinen Einspruch erwidere ich noch bestimmter, dass seine Regierung es sicherlich nicht gerne sieht, wenn die Wüstenschiff-Mission durch zu hohe Kosten behindert wird

Ich schenke ihm, weil Heiligabend ist, für seine Mühe einen meiner Kugelschreiber, denn sein Bic war nur mit mehrmaligem anhauchen zum Leben zu erwecken. Zufrieden ist er damit nicht.
Vier Stunden sind vergangen, und endlich dürfen wir in den Hafen!
Im Hafen liegen genau zwei Schiffe am Pier. MV Baraka - der Name ist Programm!

- und MV Maman Juliana.
Chef der MV Maman Juliana ist Papa Lutimba. Wir überlegen, ob es möglich ist, das Auto irgendwie auf diesen Fischkutter zu bekommen. "Pas de problème" meint Papa Lutimba. Pier und Boot sind eine Ebene, ein paar Planken gelegt, draufgefahren und fertig. Wir verhandeln den Preis der Fahrt, danach mit den Jungs vom Hafen den Preis der "Verladung" - denn Lutimba ist nur für den reinen Transport zuständig und das Schiff beladen dürfen nur die Hafenarbeiter. Maman Juliana legt am nächsten Tag um 14 Uhr ab - Papa Lutimba will uns morgen früh über Handy informieren, wann wir zum Hafen kommen sollen.
Begeisterung steht in unserem Gesicht geschrieben -
alles wird gut! In Afrika geht immer was ...
Nun fahren wir erst einmal - zum gefühlten 100sten Mal heute - den Hügel wieder hinauf nach Moba und
suchen uns einen Platz für die Nacht!