luise hat geschrieben:Vielleicht sollten die Libyer sich bei den Bürgern der ehemaligen DDR nach der Wirksamkeit und nach der Wirkungsweise der deutschen “Treuhand-Anstalt” erkundigen, die das staatliche Vermögen der DDR privatisierte, um die “Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu sichern”. Im Ergebnis der Treuhand-Bemühungen wurde das staatliche Eigentum zerschlagen, das Gebiet der früheren DDR weitgehend von Industrie befreit und die Arbeitslosenrate kräftig in die Höhe getrieben. Noch ist die Wirtschaft Libyens weitgehend verstaatlicht. Man darf annehmen, dass die internationalen Konzerne diesen Zustand treuhänderisch ändern werden. Nach dem Sieg der Aufständischen. Allerdings: Der Bär, dessen Fell von der internationalen Kontaktgruppe bereits verteilt wird, lebt noch. Auf eine Coca Cola-Filiale in Tripolis wird man noch warten müssen."
@ Luise, ich habe nicht realisiert, dass du diesen Teil des Artikels fett markiert hattest - ich ging fälschlicherweise davon aus, dass dies im Original auch schon so war.
Da du mich nun darauf aufmerksam gemacht hast, möchte ich natürlich der Aussage des Artikels gleich widersprechen.
Erstens hat LY in den letzten Jahren nicht unerhebliche Anstrengungen zur Privatisierung der Wirtschaft unternommen. Dass dabei eine gewisse Familie jeweils bevorzugt als der neue Privateigentümer hervortrat ist nicht weiter verwunderlich. Allerdings gab es seit etwa zwei Jahren die Möglichkeit, dass ein JV mit einer Mehrheitsbeteiligung des Auslaendischen Firmenpartners registriert und betrieben werden konnte. Ich denke, dass die Bestrebungen da waren, dass es jedoch noch nicht ueberall im gewünschten Ausmass zu Privatisierungen gekommen ist (ich glaube, hier ist jetzt nicht der Platz, um sich weiter in die Details zu vertiefen).
Den Vergleich mit der DDR sehe ich so eigentlich nicht wirklich. LY hat nach wie vor erhebliche finanzielle Mittel zur Verfügung - das Geld kann vereinfacht gesagt nur aus dem Boden gepumpt werden. Da LYs Haupteinnahmequelle der Export von Rohöl bzw. Teilraffiniertem Öl ist und ansonsten keine Industrie von substantieller Bedeutung im Land aufgebaut werden konnte hat LY auch nicht das Problem, das die DDR bei der Vereinigung mit der BRD hatte - die DDR hatte eine Industrie, die am Markt nicht konkurrenzfaehig war und auf groesstenteils veralteten Produktionsstätten beruhte.
Desweiteren könnte ich mir sehr gut vorstellen, dass Internationale konzerne (natürlich vorwiegend aus dem Bereich Oil & Gas) sich in LY niederlassen wollen, sobald da eine gewisse Eigentums- und Rechtssicherheit besteht (was bisher nicht der Fall war). Dass solche Firmen dann gewinnbringend operieren wollen halte ich für logisch. Ich traue es LY dabei durchaus zu, dass über das "Werkzeug" JV ein schneller Wissenstransfer erreicht wird und dass gerade in diesem Sektor eine recht zügige Professionalisierung stattfinden kann.
Ein äusserst wichtiger Faktor wird nebst den auszuhandelnden Kooperationsverträgen auch die grundsätzliche Bereitschaft der LY Angestellten sein, Leistung im Betrieb zu erbringen und sich regulären Firmenrichtlinien zu unterwerfen - ansonsten kommt es zwangsläufig zur Situation, dass die Arbeitsstellen mit Ausländern aus Afrika und vor allem Asien besetzt werden (in geringem Masse auch noch aus Europa).
Kurz: Ich würde den ganzen obigen Artikel als Polemik bezeichnen, nicht nur einzelne Passagen
(Das kann eventuell auch daher rühren, dass der Autor halt einfach irgendwie versucht, Parallelen zu ziehen - wahrscheinlich, um irgendwie seinen vorgefassten Standpunkt zu untermauern. Eine nähere Kenntnis der Situation in LY kann ich bei ihm allerdings beim besten Willen nirgends erkennen.)